Der Eichhörnchenreflex

Ich kann es nicht lassen. Aber sobald die Blüte vorbei ist, sammele ich Samenkapseln. Ich stecke sie in Tütchen, Döschen und Briefumschläge für das nächste Jahr, um sie dann zu vergessen.

Und sonst so? Ein dösiger Sommer. Sanft. Lautlos. Draußen steigt der Feierpegel enorm an (ich wohne in Kreuzberg), im Hinterhof jedoch steht die Zeit. Seit Mai arbeite ich wieder Vollzeit. Aber auch hier ist fast alles stiller. Es fühlt sich an, als lebte ich auf einer Insel.

Verpflichtet auf Schönheit?

Es gibt die Regel, einen Ort so zu verlassen, wie man ihn vorgefunden hat. Nicht, dass sich alle daran halten. Aber die Idee ist nachvollziehbar.

Ich lese gerade das schmale Bändchen, in dem das Vermächtnis des mit 104 Jahren gestorbenen brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer zusammengefasst ist. Als Architekt hatte er die Vision, die Welt zu verändern. Und zwar unbedingt zum Besseren hin. Was für ihn hieß, zu mehr Balance zwischen armen und reichen Menschen. Er war Kommunist. Für ihn stand der Kapitalismus ganz oben auf der Agenda von Dingen, die schlecht für die Welt sind.

Geld ist kein Maßstab. Das war seine Maxime (natürlich wusste er zu gut, dass Geld auf dieser Welt für vieles dringend nötig ist – Niemeyer war nicht naiv). Und da war er ein sehr unkonventioneller Kommunist. Denn er mochte Unterschiede. Die Idee, dass alle das Gleiche haben sollten, erschütterte seinen Schönheitssinn. Abwechslung ist notwendig. Schönheit ist kein Massenartikel (wobei wir wieder beim Kapitalismus wären).

Ich bin Kunsthistorikerin. Schönheit ist eine Qualität, deren Veränderung ich durch die Jahrhunderte beobachte. Liebe und Schönheit gehen stets Hand in Hand. Auch Hoffnung und Schönheit. Kunst wird immer wieder (auch Corona macht da keine Ausnahme) als „nicht systemrelevant“ eingeschätzt. Daran mag einiges sein. Denn Schönheit ist viel mehr, die Menschen – so auch Niemeyer – brauchen sie. Wie ist es, sich dem bewusst zu werden? Und wie ein Umwelt-Bewusstsein auch ein Schönheits-Bewusstsein zu entwickeln?

Nichtstun

Manchmal habe ich Meer-Menschen im Verdacht. Ich meine, wer einen Berg vor der Nase hat, will sicher raufkrabbeln. Aber ein Meer – da ist von vornherein klar: kannste knicken. (Oder man hat wirklich was Großes vor).

Also, gar nichts tun. Nur da liegen, sitzen, stehen. Wer tagträumen kann, ist natürlich auch im Vorteil. Wie ist es bei Euch? Könnt Ihr Nichtstun auch im Alltag? Fällt es Euch schwer? Braucht Ihr es regelmäßig? Wünscht Ihr, es zu können? Oder gruselt es Euch davor?

Tagträumen

Neulich habe ich gelesen, dass eine Neigung zum Tagträumen Intelligenz anzeigt. Das hat mir gefallen. Wie oft wurde ich als Kind angemeckert, nicht Löcher in die Luft zu gucken, sondern voran zu machen. Diese merkwürdigen Zustände sind mir geblieben. Wo ich gehe und stehe. Plötzlich fange ich an zu träumen. Wobei das dann nicht so ist, dass ich mich in einer anderen Szene sehe: Mit tollen Klamotten zum Beispiel, einem neuen Auto oder dem Richtigen Mann… – Es ist eher so, dass sich die Welt um mich in etwas anderes verwandelt. Eine Art Traum. Ein kleines Detail kann schon reichen, und ich verschwinde aus meinem Alltag. Meist ganz kurz. Aber wie neulich, kann es anhalten, und mich mitten am Tag auf einen durch Regen in ein Zauberland verwandelten Friedhof spazieren lassen.

Schwups

Im Regen gehen ist verpönt. Selbst im Sommer. Dabei – … Ich hatte Glück heute, und lief über die alten Friedhöfe an der Bergmannstraße als sich so ein leichter Dauerregen einstellte. Ich habe mich wie in einem Wunderland gefühlt. Von ferne waren zwar noch Autos zu hören, aber die Bäume sind längst so hoch gewachsen, dass von der Stadt (fast) nichts mehr zu sehen war. Grün in allen Schattierungen. Regen auf den Blättern, den Grabsteinen, in den Brunnen, auf der Wiese. Aufflatternde Vögel. Kein Fuxi. Danach einen starken Kaffee. Ein glücklicher Tag.

Ich muss erst mal aufräumen

So zumindest fühlt es sich für mich gerade an, wenn ich den Impuls spüre, Freund/innen einzuladen. Seit ich eine Woche im Haus meiner Eltern gewirkt und gewerkelt habe, hole ich meine eigene Unordnung nicht mehr richtig ein. Oder eher: Nicht die Unordnung ists, sondern die Fülle. Meine Wohnung ist klein und offensichtlich habe ich mehr Neuzugänge als reinpassen. Allein die Gitarre unterzubringen, brauchte einige logistische Veränderungen. Sie hat zum Beispiel drei Kisten mit CDs verdrängt, die jetzt rumstehen. Ordnung geht anders.

Was mich daran gerade überfordert: das wird ja so bleiben. Wohnungen wachsen nicht. Jedenfalls nicht wenn sie, wie meine, über 140 Jahre alt sind. Bislang fand ich das mehr als o.k., diese Idee, dass eben was rausfliegt, wenn was neues reinkommt. Aber gerade hadere ich. Ich merke nämlich, dass ich nicht nur gerne wenig habe, sondern auch viel. Patt. Gleichzeitig macht mich die Fülle nervös. Überall liegt was rum. Wahrscheinlich muss ich das jetzt so lange aushalten bis – entweder ein Wunder geschieht, oder ich eine Lösung finde. Zum Glück wird das Wetter wieder besser. Draußen stört mich das alles nämlich gar nicht.

Jetzt weiß ich auch, warum…

Eigentlich bin ich ein Meer-Mensch. Wo ein Berg steht, versinke ich in Ehrfurcht. Kehre aber lieber um. Berge sind nicht meins. Zu viel Schatten. Das Meer, die unendlich plane blaue Fläche dagegen zieht mich an. Und das Geräusch von Wasser. Auch, wenn das Getöse am Pazifik manchmal doch den Wunsch nach einem Lautstärkenregler aufkommen läßt.

Und dann dachte ich, na Hügel halt. Das ist für den Meer-Menschen eben da Höchste der Gefühle. Bis ich verstand, diese Hügel (im Weser-Bergland) sind uralter Meeresgrund. Das was heute Deutschland ist, lag ja vor Urzeiten unter der Meeresoberfläche. Musste ich lachen: Wie konsequent ist das denn? Und dann habe ich noch einen Unterschied verstanden: denn alles Gebirgige, das aus Vulkantätigkeit entstanden ist, liebe ich auch. Nicht, dass ich damit groß was anfangen könnte, aber so ist es. Auch eine Erkenntnis.

Da steht ein Einhorn am Strand

Oder: Wie sich Erleben mit Erinnern mischt. Oder: Wie ich mir bei Erfolgen immer wieder ein Bein stelle. Denn es könnte so schön sein: Ein beruflicher Traum wird wahr, aber statt mich zu freuen, und den Erfolg mit leichter Hand durchs Ziel zu bringen, springt mein Un- oder Unterbewusstes auf, wütet in meinem Kopf und macht den Erfolg – zumindest gefühlt – zu einem gerade noch über die Linie geretteten Unternehmen.

Statt den Moment auszukosten. Zu spüren, dass ich nach Jahren des Zögerns endlich… – heule ich und fühle mich elend. Mein persönliches, täglich grüßendes Murmeltier. Da möchte ich aus der Haut fahren. Aber vielleicht sollte ich das Murmeltier mal mit dem Einhorn zum Schwimmen (seufz) schicken. Es muss doch einen Ausweg geben!

Schön ist anders, aber…

Kreuzberger Hinterhöfe sind auch nicht dafür gemacht, Springbrunnen zu beherbergen. Dieser solarbetriebene Eimer-Brunnen hat immerhin den Vorteil, irre komisch zu sein, die Pumpe schwimmt im Wasser und wackelt durch den Druck hin und her, so dass die Fontäne rumeiert und wie ein Wassergeist über die Oberfläche hüpft. Hat auch nicht jede/r.

Ansonsten: Mein Hölderlin-Buch in Einfacher Sprache hat einen Verlag gefunden. Ein guter Grund, das Wochenende zum Fest zu machen. Die Sonne lacht schon.

P.S. Meine Mutter war auch so: Nicht schön, aber dafür lustig improvisiert. Denke gerade an sie – die Eimer-Fontäne hätte ihr sicher gefallen.