Verpflichtet auf Schönheit?

Es gibt die Regel, einen Ort so zu verlassen, wie man ihn vorgefunden hat. Nicht, dass sich alle daran halten. Aber die Idee ist nachvollziehbar.

Ich lese gerade das schmale Bändchen, in dem das Vermächtnis des mit 104 Jahren gestorbenen brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer zusammengefasst ist. Als Architekt hatte er die Vision, die Welt zu verändern. Und zwar unbedingt zum Besseren hin. Was für ihn hieß, zu mehr Balance zwischen armen und reichen Menschen. Er war Kommunist. Für ihn stand der Kapitalismus ganz oben auf der Agenda von Dingen, die schlecht für die Welt sind.

Geld ist kein Maßstab. Das war seine Maxime (natürlich wusste er zu gut, dass Geld auf dieser Welt für vieles dringend nötig ist – Niemeyer war nicht naiv). Und da war er ein sehr unkonventioneller Kommunist. Denn er mochte Unterschiede. Die Idee, dass alle das Gleiche haben sollten, erschütterte seinen Schönheitssinn. Abwechslung ist notwendig. Schönheit ist kein Massenartikel (wobei wir wieder beim Kapitalismus wären).

Ich bin Kunsthistorikerin. Schönheit ist eine Qualität, deren Veränderung ich durch die Jahrhunderte beobachte. Liebe und Schönheit gehen stets Hand in Hand. Auch Hoffnung und Schönheit. Kunst wird immer wieder (auch Corona macht da keine Ausnahme) als „nicht systemrelevant“ eingeschätzt. Daran mag einiges sein. Denn Schönheit ist viel mehr, die Menschen – so auch Niemeyer – brauchen sie. Wie ist es, sich dem bewusst zu werden? Und wie ein Umwelt-Bewusstsein auch ein Schönheits-Bewusstsein zu entwickeln?

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 6

  1. Myriade 21. Juli 2020

    Niemeyer muss ein sehr interessanter Mensch gewesen sein, wenn ich auch sein Weltbild nicht so ganz kohärent finde.
    Schönheit ist ja auch eine extrem variable Größe. Was in einem Jahrhundert als schön gilt, kann 200 Jahre später als hässlich gelten. Und auch zwischen verschiedenen Kulturkreisen sind die Unterschiede groß. Wobei auch die Frage ist, ob Kunst schön sein muss. Da gibt es ja viele Gegenbeispiele. Genauso wie für die These, dass Schönheit und Liebe und Schönheit und Hoffnung Hand in Hand gehen.

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    • Stephanie Jaeckel 21. Juli 2020

      Keine Frage: Schönheit ist immer subjektiv. Und auch nicht jedes Kunstwerk muss oder soll schön sein. Aber Schönheit öffnet das Herz. Und wir erkennen sie, auch wenn es nicht unser Geschmack ist. Die Wandelbarkeit von Schönheit ist ja ihr größtes Geschenk. Sonst gäbe es heute keine Künstler/innen mehr. Alles wäre gesagt. Schönheit, Liebe und Hoffnung gehören zusammen. Es gibt vermutlich keine Liebe ohne eine Schönheit im Anderen zu sehen und keine Hoffnung, wenn nur das Hässliche übrig bleibt. Ich kenne bislang zumindest keine Gegenbeispiele. Und das wiederum gibt mir Hoffnung.

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    • Stephanie Jaeckel 21. Juli 2020

      Jain – wo bliebe denn da die Künstlerin oder der Künstler? Eventuell die Auftraggeber, der Zeitgeist und was noch alles… – Kunst ist offen für jeden Blick – und jede und jeder soll sich seinen Reim auf ein Werk machen. Aber es gibt natürlich, sagen wir, Gegebenheiten. – Aber eigentlich geht es mir gerade gar nicht so sehr um Kunst, sondern um Schönheit. Eine appetitlich hergerichtete Obstschale ist schön, aber vor allem keine Kunst…

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