meist ist es so, dass ich den festen Boden verlassen muss, um in die freie Zeit zu gelangen. Es ist viel gefährlicher, als einfach nur „Urlaub“ zu haben. Alpträume sind die Wächter der Freiheit. Warum ich das immer wieder vergesse?
„Und“ ist nicht gleich „plus“, oder?
Heute war es endlich soweit: Mein erster freier Tag. Graues Wetter, ein Berg Wäsche, ein entzündetes Auge: Glamourös oder auch nur entspannt geht anders… – Aber egal. Ich habe gelernt, dass auch langweilige Tage erholsam sein können. Und während in mir ein kleiner Blitz flackert, der startet, sobald sich die Gelegenheit bietet, doch noch etwas Überraschendes zu zünden, schlafe ich erst noch eine Runde, weil – ist ja schließlich „frei“ heute. Um dann verblüfft zu sein, wie selbstverständlich ich sofort neue To-Do-Listen erstelle – ganz so als hätte ich noch nie davon gehört, dass Dinge auch mal warten können. Wahrscheinlich bin ich gerade der Hamster, der bei voller Umdrehung aus seinem Rad geflogen ist und weiter rast (bis er an den Käfigstäben kleben bleibt).
Die heutige Überraschung kam schließlich als Gedankenblitz, weil mir klar wurde, dass To-Do-Listen Dinge zwar akkumulieren, ich aber besser damit klarkomme, sie ausbalancieren, statt sie abzuarbeiten. Es ist schwierig zu erklären – und deshalb vielleicht noch eine eher unausgegorene Idee – aber zu erledigende Aufgaben sind nicht nur ein weiters Plus, das abgearbeitet werden muss, sondern ein Und, das mit einer anderen Aufgabe oder Gelegenheit in diesem Bereich ausbalanciert werden kann, um so nicht bloß zusätzliche Arbeit zu sein, sondern auch mehr Radius, mehr Kenntnis, mehr Horizont. Wenn ich eine Aufgabe mit einem To-Do verbinde, indem ich vielleicht etwas Grundsätzliches kläre, oder eine andere angefangene Sache gleich mit erledige, fühle ich mich besser. Es ist wie wenn ich als Kind eine gute Lego-Konstruktion hinbekommen habe. Keine Ahnung, was ich damit jetzt anfange. Aber mir gefällt die Idee. Und ich nehme sie mit als Souvenir meines ersten Ferientags. Aloa…
Hingucker
Gestern nur mit Mühe vor die Tür, und dann gleich und sofort ein unglaublicher Himmel mit Knallblau und vielen Schattierungen von Grau hin zu Weiß. Sofort war meine Stimmung wieder obenauf! Ich merke, nur eine kleine Überraschung draußen, und ich bin mit der Welt versöhnt. So einfach. Und dann ein Zitat von Dürer, dass er erst auf seine alten Tage das Einfache, „Normale“ schätzen lernte: „Als ich jung war, erstrebte ich Vielfalt und Neuheit; nun in meinem Alter habe ich begonnen, das natürliche Gesicht der Natur zu sehen, und fange an zu begreifen, dass diese Einfachheit das allerletzte Ziel der Kunst ist.“ Gilt offensichtlich auch für Nicht-Künstler/innen. Das Foto zeigt leider nur einen schwachen Schimmer der außergewöhnlichen Stimmung vom gestrigen Nachmittag.
Schnipsel
Gestern ging mein am 18. Januar hoffnungsfroh angetretener „Weihnachts-„Urlaub zu Ende, ohne dass ich auch nur einen Tag nicht gearbeitet hätte. Allerdings gibt’s ein Happy-End: Nächste Woche habe ich wirklich frei, weil sich ein Auftrag um eine Woche verschiebt (nein, nicht Corona, die Fördergelder sind noch nicht da). Und jetzt: Wow! Was ich alles tun könnte!!! Fußleisten in meinem Wohnzimmer streichen steht ganz oben an…, haha, aber doch, ich will auch was Neues ausprobieren, weiß allerdings noch nicht, was das sein könnte. Ich hoffe auch auf einen Schwung neuer Fotos…
In den USA wurde ein neues Blau entdeckt, las ich eben in der Zeitung und dass Amanda Gorman vielleicht die Lyrik wieder mehr aus dem Buch auf die Bühne bringen wird: ihre Präsenz ist jedenfalls hinreißend genug – und warum bloß haben wir vergessen, dass Gedichte wie Lieder gerne performed werden?
In meinen Hinterhof dagegen ist heute noch nicht viel passiert: In der Nacht hat es geschneit, wobei die große Schmelze schon wieder eingesetzt hat. Schade, vom Fenster aus sieht es wirklich schön aus. Und ich kann sogar sehen, wo unser Haus-Eichhörnchen heute Morgen schon unterwegs war. Der Himmel ist von einem eher freundlichen Grau, in der Küche warten Tiefkühlbeeren samt frischer Zitrusfrüchte auf die Verwandlung in einen Nachtisch, Wäsche wartet immer. Staub auch. „Freiheit bedeutet für jeden etwas anderes.“ Eine Zeile von Anne Carson, mit der ich heute in den Tag gestartet bin. Was bedeutet für mich Freiheit? Ich habe den Eindruck, dass ich diese Frage – bis jetzt jedenfalls – jeden Tag neu beantworte.
Werfen wie ein Mädchen
Dass es eine deprimierende Lektüre (für alte Mädchen) wird, ist mir schon beim Titel des kleinen Reclam-Heftes klar. Ich konnte als Kind nicht werfen. Was nicht weiter wundert, weil es mir niemand beigebracht hat und ich nicht mal einen Ball besaß. Oder wenn ich leihweise einen hatte, gab es nirgends eine Hauswand (ohne Fenster) gegen die ich den Ball hätte werfen können (ich bin ein Einzelkind). Als es dann mit „echten“ Ballspielen in der Schule losging, waren die anderen schon so viel besser, dass ich nicht mitspielen durfte und ich habe es offenbar verpasst, mir das Werfen doch noch irgendwie selbst beizubringen. Mittlerweile habe ich zwei Bälle (einen Handball für draußen, aus weichem knallgelben Leder und einen leichten Gummiball in Rot mit weißen Punkten für drinnen – hahahaha, jetzt sind hier ja keine Eltern mehr, die meckern – allerdings sind auch schon zwei Bilderrahmen zerbrochen…) Ich kann nach wie vor nicht wirklich werfen, aber der Ball kriegt mittlerweile eine ordentliche Geschwindigkeit und landet immerhin ungefähr da, wo ich ihn gerne hätte. Nein, ich werde sicher keine Sportskanone mehr, aber ich habe festgestellt, wie viel Spass es macht, einen Ball ordentlich und also mit Karacho von sich weg zu werfen. Ich werde damit vielleicht kein Junge, aber doch (so viel Pathos muss sein) ein Mensch.
Ein ziemlich ungeheuerlicher Satz, tatsächlich scheint es mir rückblickend so, als sei ich als Mädchen nicht zum Menschsein erzogen worden, sondern zum Gehorchen und zum Sich-Kleinmachen. Ich gebe zu, es ist schon spät und meine Gedanken eindeutig düster, aber doch, es gab etwas in meiner Kindheit und Jugend, was sie wie unsichtbare Gefängniswände anfühlte, keine Freiheit, kein armschwenkendes Drauflosrennen, sondern beklemmende Unpässlichkeit. Mich dort noch einmal umzuschauen, habe ich mir mit der Lektüre von Iris Marion Youngs Essay „Werfen wie ein Mädchen“ (1980) vorgenommen. Aber erst morgen wieder + ausgeschlafen, sonst wird das vielleicht doch ein etwas zu finsterer Trip…
Grünkohl
oder auch: Kreuzberger Palmen (müssen allerdings noch an ihrer Größe arbeiten). – Und was bekomme ich nach dem letzten Eintrag prompt per E-Mail geschickt? Parship meldet sich: 150 Euro sparen – jetzt anmelden & verlieben! Hm. Sparen finde ich eigentlich immer gut. Aber auf Anmeldung hin verlieben? Ich mag’s immer noch nicht glauben, obwohl ich neulich einen Artikel gelesen habe, dass Menschen (damit entlastet sich unser Gehirn) weitgehend das hören, was sie erwarten. Vielleicht klappt das natürlich beim Verlieben auch: was ich erwarte, ereignet sich auch. Es gibt indigene Gemeinschaften, die Verliebtheit für eine Krankheit halten. Ich habe auch erst gelacht, finde die Idee mittlerweile jedoch sehr, nun zumindest bodenständig…
P.S. Und gerade lese ich, es gibt eine App, mit der ich meine Umgebung noch einmal mit neuen Augen sehen kann. Weil ja gerade coronabedingt nicht so viel Auslauf möglich ist wie sonst. Also auf Knopfdruck verlieben und Die Welt mit neuen Augen sehen, jetzt wackele ich erst recht mit den Ohren.
Malin Lindroth: Ungebunden
Schon als Kind war ich eine notorische Tagträumerin. Dennoch habe ich mich gelegentlich bemüht, meiner Lebenswirklichkeit scharf ins Auge zu blicken. Und weil Silvester und mein Geburtstag nur etwas mehr als zwei Wochen auseinanderliegen, ist es meist der Januar, in dem ich meinen Blick auf „Klarsicht“ stelle.
Ungebunden, ledig, Single, das ist mein Familienstand. Mit acht Jahren habe ich mir geschworen, nie zu heiraten. Meine Eltern und alle verwandten Paare waren in derart desolaten Beziehungen, dass ich den Sinn einer Partnerschaft nicht erkennen konnte. Dass ich mir treu geblieben bin, rechne ich mir hoch an. Allerdings hätte ich im Laufe meines Lebens gegenläufige Beobachtungen ernster nehmen können. Das heißt: irgendwann hätte ich eine Kurskorrektur vornehmen können. Aber vielleicht eben auch nicht, Fahrradkette!
Als Single, und damit als gesellschaftliche Randfigur – bin ich mit mir im Reinen. Trotzdem hat mich Die „alte Jungfer“ im Untertitel von Malin Lindroths Buch interessiert: Könnte es sein, dass ich doch etwas übersehe? Aktuell hat die Amtseinführung Bidens und die sensationelle Amanda Gorman eine meiner Überzeugungen bestätigt: Wer am Rand steht, sieht – nun vielleicht nicht mehr, aber auf jeden Fall etwas anderes. Kaum jemand steht anfangs dort gerne: Alle Stotterer oder Singles dieser Welt können davon Lieder singen. Doch hat die Position der Randständigen auch Vorteile, denn am Rand gibt es nicht nur viel zu sehen, sondern auch eine Freiheit, die ich sehr schätze. Aber endlich zum Buch:
Wer als erwachsene Frau keine Familie hat, muss in der Öffentlichkeit meist trotzdem so tun. Denn in fast jeder Kommunikation wird erst mal angenommen – und das beschreibt Malin Lindroth sehr plastisch – dass sie (eine Frau um die 50) Ehefrau, Partnerin oder Mutter ist. Das ist auch meine Erfahrung. Ich werde selbstverständlich als verpartnert (und wenn nicht, dann getrennt oder verwitwet) wahrgenommen. Und ich spüre, wie oft ich etwas nicht sage, nur um nicht in die stets unangenehme Situation zu kommen, mich als alleinlebend zu offenbaren. Wie übergriffig (und natürlich überflüssig) dieses Vorurteil ist, macht Lindroth klipp und klar. Und das ist für mich auch schon der entscheidende Plus-Punkt ihres Buches.
Beim Rest, nämlich der Übriggebliebenen, der Ungewollten und Sitzengelassenen bin ich mir nicht so sicher, denn hier spielt mir die Idee von romantischer Zweisamkeit zu sehr mit. Nicht, dass ich Partnerschaften als bloßes Chichi abtun möchte. Zwei sehen mehr als eine/r und ein kluges, zugewandtes Gegenüber zu haben, ist ein Vorteil, den ich oft vermisse. Aber in meiner Generation wurde der Ehe-Mann (an Ehe-Frauen war lange noch kein Denken) fast automatisch zum Bremsklotz des weiblichen Lebens. Das ändert sich. Aber für mich war die Gefahr, mit einer Heirat in der Sackgasse des eigenen Daseins zu landen, enorm groß. Und das hat fürs Erste weder etwas mit Ablehnung noch mit Übrigbleiben zu tun.
Lindroth jedoch blickt unverstellt auf die vielen Ablehnungen, die sie in ihrem Leben hinnehmen musste. Ich finde ihre Offenheit befreiend, gleichzeitig befremdet mich ihre Haltung. Aus eigenen Erfahrungen würde ich sagen, dass Beziehungen, die trotz des tiefen Wunsches einer oder eines Beteiligten nicht zustande kommen, sehr wahrscheinlich scheitern würden. Weil eben nicht nur eine Seite „schuld“ ist, sondern weil es nicht passt.
Das würde ich ihr wirklich gerne zurufen. Aber damit würde vielleicht etwas von der Sprengkraft des Begriffs der „Alten Jungfer“ verloren gehen, der ihr wichtig ist, um endlich mit dieser weitverbreiteten Selbstoptimierung aufzuhören, bei der es darum geht, die richtigen Knöpfe zu drücken, um endlich den oder die langersehnte/n Partner/in zu finden.
Ein Leben kann in vielerlei Hinsicht unvollständig bleiben. Auch hier gab es bei der Vereidigung vorgestern zwei Beispiele: Bernie Sanders und Hillary Clinton. Aber „alte Jungfern“ im politischen Sinn sind beide nicht. Sie haben ihr Wunsch-Amt nicht bekommen, doch haben sie ihre Würde behalten und sind – obgleich von den Wählerinnen und Wählern abgewiesen – sicher nicht für ihren weiteren Lebensweg unglücklich geworden. Was übrigens für Trump noch zu beweisen wäre.
Sensationell!
Diese junge Frau war für mich heute eine Offenbarung. Biden sprach von „Hope“. Sie ist ihre Inkarnation! Und für mich ein Vorbild (schon allein wegen des Mantels!)…
Das eherne Freiberufler-Gesetz:
Wenn du Urlaub hast, bist du krank. Da hilft dann auch kein Fuxi mehr, nicht mal dieser süße Kerl von Jette von Bodecker.
Wenn schon ein Geburtstag
ohne Party, dachte ich gestern, dann doch wenigstens Geschenke! Also bin ich ins Dunkle gefahren, um mir selbst welche zu kaufen. Eigene Geschenke sind schließlich auch die, über die ich mich richtig freue, doch – überrascht war ich sogar auch, denn die Idee kam plötzlich.
Also, eine Leselampe kommt sowieso schon, aber per Post den langen Weg aus München: das dauert. Passend gab es erst mal vier schmale Bändchen aus dem Buchladen, ja, doch, obwohl wegen Regalüberfüllung seit Jahren ein Kaufstopp für Bücher gilt.
Und dann zu Hause aufs Sofa, und die Neuzugänge alle mal anlesen. Was soll ich sagen? Großer Spass, und wenn ich die Tage Zeit und Nerven habe, berichte ich gerne hier und da noch ausführlich.
Dietmar Dath, 100 Seiten Hegel, Ditzingen 2020. Eigentlich mehr eine flankierende Lektüre für mein kleines Hölderlin-Buch, das gerade zum 3 Korrekturlesen auf meinem Schreibtisch liegt. Aber dann: gleich vollstes Vergnügen.
Louise Glück, Faithfull and Virtuos Night, New York 2014, um endlich auch was von der letztjährigen Literatur-Nobelpreisträgerin zu lesen. Fürs Erste kann ich berichten, dass ich ihre Sprache verstehe, im ersten Text kommt gleich der Heilige Franziskus vor, gefällt mir, aber das Buch habe ich eigentlich wegen des Covers gekauft: weite Industriebrache an einem Fluss mit Sternenhimmel (erinnerte mich an Esther Kinskys sehr schönes Buch „Am Fluss“)
Iris Marion Young, Werfen wie ein Mädchen, Ditzingen 2020 (der Originaltext stammt aus dem Jahr 1980). Ein Essay, von dem ich mir Einsicht über meinen unüberwindbaren Sport-Verdruss erhoffe, denn er fängt eben mit jenen Ermahnungen an, die ich als Kind ständig zu hören bekam: „Mach dich nicht schmutzig!“ oder: „Komm da weg, das ist zu gefährlich!“
Malin Lindroth, Ungebunden, München 2020. Das Bekenntnis einer „alten Jungfer“, aber anders, als vielleicht vermutet. Sehr mutig, sehr offensiv, aber auch traurig und mit viel Spielraum, den eigenen Lebensstil noch einmal zu überdenken.
Das Foto zeigt einen Hasen. Womit ich – hoffentlich hinreichend beweisen kann – dass ich diesen von einem Kaninchen zu unterscheiden weiß. Schließlich bin ich ja selbst einer. Im chinesischen Kalender zumindest.





