Malin Lindroth: Ungebunden

Schon als Kind war ich eine notorische Tagträumerin. Dennoch habe ich mich gelegentlich bemüht, meiner Lebenswirklichkeit scharf ins Auge zu blicken. Und weil Silvester und mein Geburtstag nur etwas mehr als zwei Wochen auseinanderliegen, ist es meist der Januar, in dem ich meinen Blick auf „Klarsicht“ stelle. 

Ungebunden, ledig, Single, das ist mein Familienstand. Mit acht Jahren habe ich mir geschworen, nie zu heiraten. Meine Eltern und alle verwandten Paare waren in derart desolaten Beziehungen, dass ich den Sinn einer Partnerschaft nicht erkennen konnte. Dass ich mir treu geblieben bin, rechne ich mir hoch an. Allerdings hätte ich im Laufe meines Lebens gegenläufige Beobachtungen ernster nehmen können. Das heißt: irgendwann hätte ich eine Kurskorrektur vornehmen können. Aber vielleicht eben auch nicht, Fahrradkette!

Als Single, und damit als gesellschaftliche Randfigur – bin ich mit mir im Reinen. Trotzdem hat mich Die „alte Jungfer“ im Untertitel von Malin Lindroths Buch interessiert: Könnte es sein, dass ich doch etwas übersehe? Aktuell hat die Amtseinführung Bidens und die sensationelle Amanda Gorman eine meiner Überzeugungen bestätigt: Wer am Rand steht, sieht – nun vielleicht nicht mehr, aber auf jeden Fall etwas anderes. Kaum jemand steht anfangs dort gerne: Alle Stotterer oder Singles dieser Welt können davon Lieder singen. Doch hat die Position der Randständigen auch Vorteile, denn am Rand gibt es nicht nur viel zu sehen, sondern auch eine Freiheit, die ich sehr schätze. Aber endlich zum Buch:

Wer als erwachsene Frau keine Familie hat, muss in der Öffentlichkeit meist trotzdem so tun. Denn in fast jeder Kommunikation wird erst mal angenommen – und das beschreibt Malin Lindroth sehr plastisch – dass sie (eine Frau um die 50) Ehefrau, Partnerin oder Mutter ist. Das ist auch meine Erfahrung. Ich werde selbstverständlich als verpartnert (und wenn nicht, dann getrennt oder verwitwet) wahrgenommen. Und ich spüre, wie oft ich etwas nicht sage, nur um nicht in die stets unangenehme Situation zu kommen, mich als alleinlebend zu offenbaren. Wie übergriffig (und natürlich überflüssig) dieses Vorurteil ist, macht Lindroth klipp und klar. Und das ist für mich auch schon der entscheidende Plus-Punkt ihres Buches.

Beim Rest, nämlich der Übriggebliebenen, der Ungewollten und Sitzengelassenen bin ich mir nicht so sicher, denn hier spielt mir die Idee von romantischer Zweisamkeit zu sehr mit. Nicht, dass ich Partnerschaften als bloßes Chichi abtun möchte. Zwei sehen mehr als eine/r und ein kluges, zugewandtes Gegenüber zu haben, ist ein Vorteil, den ich oft vermisse. Aber in meiner Generation wurde der Ehe-Mann (an Ehe-Frauen war lange noch kein Denken) fast automatisch zum Bremsklotz des weiblichen Lebens. Das ändert sich. Aber für mich war die Gefahr, mit einer Heirat in der Sackgasse des eigenen Daseins zu landen, enorm groß. Und das hat fürs Erste weder etwas mit Ablehnung noch mit Übrigbleiben zu tun.

Lindroth jedoch blickt unverstellt auf die vielen Ablehnungen, die sie in ihrem Leben hinnehmen musste. Ich finde ihre Offenheit befreiend, gleichzeitig befremdet mich ihre Haltung. Aus eigenen Erfahrungen würde ich sagen, dass Beziehungen, die trotz des tiefen Wunsches einer oder eines Beteiligten nicht zustande kommen, sehr wahrscheinlich scheitern würden. Weil eben nicht nur eine Seite „schuld“ ist, sondern weil es nicht passt. 

Das würde ich ihr wirklich gerne zurufen. Aber damit würde vielleicht etwas von der Sprengkraft des Begriffs der „Alten Jungfer“ verloren gehen, der ihr wichtig ist, um endlich mit dieser weitverbreiteten Selbstoptimierung aufzuhören, bei der es darum geht, die richtigen Knöpfe zu drücken, um endlich den oder die langersehnte/n Partner/in zu finden. 

Ein Leben kann in vielerlei Hinsicht unvollständig bleiben. Auch hier gab es bei der Vereidigung vorgestern zwei Beispiele: Bernie Sanders und Hillary Clinton. Aber „alte Jungfern“ im politischen Sinn sind beide nicht. Sie haben ihr Wunsch-Amt nicht bekommen, doch haben sie ihre Würde behalten und sind – obgleich von den Wählerinnen und Wählern abgewiesen – sicher nicht für ihren weiteren Lebensweg unglücklich geworden. Was übrigens für Trump noch zu beweisen wäre.

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 11

  1. juru77 23. Januar 2021

    Ob das nun typisch weiblich ist, mit der Ungebundenheit? Ich habe es bis ca. fast 60 geschafft und liess mich dann doch noch einfangen😊Andererseits bin ich der Einzige aus meiner früheren Clique, der nicht geschieden ist. Egal wie: Sag niemals nie..

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    • Stephanie Jaeckel 23. Januar 2021

      Der Unterschied zwischen Männern und Frauen besteht darin, dass Frauen das Alleinsein generell (da gibt es mittlerweile auch schon andere Sichtweisen) als Versagen angekreidet wird, während Männer als „einsame Wölfe“ gelten, die eben noch eingefangen werden, weil ihr Alleinsein nicht als abstoßend oder asozial wahrgenommen wird, sondern als stark und attraktiv. Ein alleinstehender Mann kann der Partymagnet sein, eine alleinstehende Frau wird eher gemieden (wobei: Auch hier ändern sich die Zeiten zum Positiven hin, aber ich bin nun mal Kind meiner Generation, und schreibe von meinen Beobachtungen).

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      • juru77 23. Januar 2021

        Gott sei Dank haben sich die Zeiten geändert. Single Frauen sind heute attraktiver als je zuvor. Die können nämlich auch Ohne😊“Meine“ (schon der erste Blödsinn) war schon eine ganze Zeit geschieden, vielleicht deshalb total erfolgreich im Job und lernte mich in einer Phase kennen, in der mir ganz schön viele „Freunde“ den Rücken gekehrt hatten. Und beileibe nicht aus Mitleid.. Ich hätte auch alleine wieder Erfolg gehabt – zusammen war’s aber deutlich angenehmer. Und letztendlich sind ja viele nicht Alleinstehende einsamer, als so manche toughe Singles.. Live ist a gamble! Sorry, geht mir ja gar nichts an.😟

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        • Stephanie Jaeckel 24. Januar 2021

          Ja, ich denke auch, dass das Leben offen bleibt, da kann Mann oder Frau sich noch so perfektionieren. Oder umgekehrt: Nicht alles zusammen macht die Perfektion. Super-Leute haben oft so einiges nicht. Mir scheint es mittlerweile eher umgekehrt: Der Mangel bringt die besten Ergebnisse, aber das ist vielleicht doch ein bisschen zu schöngefärbt…

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