Was wäre Köln ohne das Hänneschen Theater?

nun – zumindest um einen Rosenmontags-Zug ärmer. Denn weil er „in Echt“ nicht stattfinden kann, rollt der Zug dieses Jahr en miniature über die Bühne des alten Stockpuppentheaters am Eisenmarkt. Als Kind war ich dank kölscher Nachbarn dort auch zu Gast. Heute gibt es für mich nur Schnipsel aus dem Internet, aber, was soll ich sagen? Auch zwei Minuten reichen, und mir ist warm ums Herz. Wer denkt, Karneval sei nur Anlass für ein kollektives Besäufnis, schaue gerne genauer hin: Nix als Spass an der Freude, am Detail und am – doch ja, an dem Tag muss das sein – Miteinander.

Dem Festkomitee Kölner Karneval danke ich für das zauberhafte Foto.

Winter wie lange nicht

An die Zeiten, in denen es in Berlin Stock und Bein gefroren hat, kann ich mich nur noch vage erinnern. Ich habe damals noch studiert, und hatte – ja, im Nachhinein kann ich das nur bedauern – die Nase tief in den Büchern, statt im Schneegestöber. Wenn der Wannsee zugefroren war (in Teilen zumindest), sah ich das gerade mal im Fernsehen, und auf dem Weg zur Uni habe ich Unverständliches vor mich hin geschimpft, weil es kalt war und mühsam voran zu kommen. Ich Dummerchen!

Damals wusste ich noch nicht, dass nicht mal Kälte, Eis und Schnee selbstverständlich sind. Ich friere nicht gerne, und mochte entsprechend lautstark keine Winter. Heute weiß ich es besser. Sogar die Idee der „richtigen“ Kleidung fürs vermeintlich „falsche“ Wetter habe ich mittlerweile verinnerlicht. Wetter ist längst nicht selbstverständlich, und auch, wenn es mir nicht in den Kram passt, ist es so, wie es ist, vermutlich besser als so, wie ich es gerne hätte. Mir dämmert, dass meine Vorstellung (ach was, soweit ging das ja gar nicht, es war mehr so eine Attitüde), die Welt habe sich – zumindest wettertechnisch – an meine Bedürfnisse anzupassen, ganz schön naiv war. Die Folgen erkennen wir heute – und möglicherweise zu spät.

Doch, heute friere ich natürlich auch noch. Ich ziehe aber, bevor ich rausgehe, mehr warme Sachen an. Und ich tue mir nicht mehr leid, weil ich friere. Ich sehe einfach zu, dass ich zügig an mein Ziel komme. Und freue mich, endlich wieder Schnee zu sehen.

Schneegestöber

fitzelkleine Flöckchen wirbeln vom Himmel und bringen eine erstaunlich dichte Schneedecke zustande. Noch war keine/r aus dem Haus draußen: die Decke ist flauschig und völlig unberührt. Nicht mal Vögel hüpfen rum, zu viel Wind (wahrscheinlich sitzen sie gerade aufgeplustert in den Ästen).

Statt eine Freundin zum Spazierengehen zu treffen, sitze ich am Schreibtisch und mache virtuelle Spaziergänge durch die heute endende Kunstmesse „Outside Art“, die seit 29 Jahren in New York stattfindet, dieses Jahr in fünf Galerien Downtown Manhattan. Wie gerne ich jetzt trotz Sauwetter da wäre, merke ich, als ich ein wackeliges Video sehe, das jemand bei seiner Tour durch die Galerien gemacht hat. Ich folge nicht lange, weil ich fast seekrank werde und was soll das auch für ein Gewinn sein, wenn jemand weitgehend freihändig die Wände im Vorbeigehen abscannt – ich sehe nix, Namen, ja im Vorbeigehen nennt er einen oder einen anderen, kurz, ich wechsele gleich auf die Internetseiten der Veranstaltung, wo alles zwar nicht live, aber dafür unverwackelt zu sehen ist.

„Figure out: Abstraction in Self-Taught Art“ ist der witzige Titel der Schau in der Andrew Edlin Gall., in der ich gleich zu Anfang hängen bleibe. Daraus meine beiden Favoritinnen, von denen ich hier leider keine Bilder zeigen darf: Susan Te Kahurangi King (1951, Neuseeland) und Helen Matterson (1925-2011, USA). Ich koche mir jetzt einen weiteren Kaffee und werde mich in ihre Bilder vertiefen. Und wenn ich genug gesehen habe, gehe ich raus, und erfrische meine Augen im klaren Schneeweiß.

In die Freiheit fallen

meist ist es so, dass ich den festen Boden verlassen muss, um in die freie Zeit zu gelangen. Es ist viel gefährlicher, als einfach nur „Urlaub“ zu haben. Alpträume sind die Wächter der Freiheit. Warum ich das immer wieder vergesse?

„Und“ ist nicht gleich „plus“, oder?

Heute war es endlich soweit: Mein erster freier Tag. Graues Wetter, ein Berg Wäsche, ein entzündetes Auge: Glamourös oder auch nur entspannt geht anders… – Aber egal. Ich habe gelernt, dass auch langweilige Tage erholsam sein können. Und während in mir ein kleiner Blitz flackert, der startet, sobald sich die Gelegenheit bietet, doch noch etwas Überraschendes zu zünden, schlafe ich erst noch eine Runde, weil – ist ja schließlich „frei“ heute. Um dann verblüfft zu sein, wie selbstverständlich ich sofort neue To-Do-Listen erstelle – ganz so als hätte ich noch nie davon gehört, dass Dinge auch mal warten können. Wahrscheinlich bin ich gerade der Hamster, der bei voller Umdrehung aus seinem Rad geflogen ist und weiter rast (bis er an den Käfigstäben kleben bleibt).

Die heutige Überraschung kam schließlich als Gedankenblitz, weil mir klar wurde, dass To-Do-Listen Dinge zwar akkumulieren, ich aber besser damit klarkomme, sie ausbalancieren, statt sie abzuarbeiten. Es ist schwierig zu erklären – und deshalb vielleicht noch eine eher unausgegorene Idee – aber zu erledigende Aufgaben sind nicht nur ein weiters Plus, das abgearbeitet werden muss, sondern ein Und, das mit einer anderen Aufgabe oder Gelegenheit in diesem Bereich ausbalanciert werden kann, um so nicht bloß zusätzliche Arbeit zu sein, sondern auch mehr Radius, mehr Kenntnis, mehr Horizont. Wenn ich eine Aufgabe mit einem To-Do verbinde, indem ich vielleicht etwas Grundsätzliches kläre, oder eine andere angefangene Sache gleich mit erledige, fühle ich mich besser. Es ist wie wenn ich als Kind eine gute Lego-Konstruktion hinbekommen habe. Keine Ahnung, was ich damit jetzt anfange. Aber mir gefällt die Idee. Und ich nehme sie mit als Souvenir meines ersten Ferientags. Aloa…

Hingucker

Gestern nur mit Mühe vor die Tür, und dann gleich und sofort ein unglaublicher Himmel mit Knallblau und vielen Schattierungen von Grau hin zu Weiß. Sofort war meine Stimmung wieder obenauf! Ich merke, nur eine kleine Überraschung draußen, und ich bin mit der Welt versöhnt. So einfach. Und dann ein Zitat von Dürer, dass er erst auf seine alten Tage das Einfache, „Normale“ schätzen lernte: „Als ich jung war, erstrebte ich Vielfalt und Neuheit; nun in meinem Alter habe ich begonnen, das natürliche Gesicht der Natur zu sehen, und fange an zu begreifen, dass diese Einfachheit das allerletzte Ziel der Kunst ist.“ Gilt offensichtlich auch für Nicht-Künstler/innen. Das Foto zeigt leider nur einen schwachen Schimmer der außergewöhnlichen Stimmung vom gestrigen Nachmittag.

Schnipsel

Gestern ging mein am 18. Januar hoffnungsfroh angetretener „Weihnachts-„Urlaub zu Ende, ohne dass ich auch nur einen Tag nicht gearbeitet hätte. Allerdings gibt’s ein Happy-End: Nächste Woche habe ich wirklich frei, weil sich ein Auftrag um eine Woche verschiebt (nein, nicht Corona, die Fördergelder sind noch nicht da). Und jetzt: Wow! Was ich alles tun könnte!!! Fußleisten in meinem Wohnzimmer streichen steht ganz oben an…, haha, aber doch, ich will auch was Neues ausprobieren, weiß allerdings noch nicht, was das sein könnte. Ich hoffe auch auf einen Schwung neuer Fotos…

In den USA wurde ein neues Blau entdeckt, las ich eben in der Zeitung und dass Amanda Gorman vielleicht die Lyrik wieder mehr aus dem Buch auf die Bühne bringen wird: ihre Präsenz ist jedenfalls hinreißend genug – und warum bloß haben wir vergessen, dass Gedichte wie Lieder gerne performed werden?

In meinen Hinterhof dagegen ist heute noch nicht viel passiert: In der Nacht hat es geschneit, wobei die große Schmelze schon wieder eingesetzt hat. Schade, vom Fenster aus sieht es wirklich schön aus. Und ich kann sogar sehen, wo unser Haus-Eichhörnchen heute Morgen schon unterwegs war. Der Himmel ist von einem eher freundlichen Grau, in der Küche warten Tiefkühlbeeren samt frischer Zitrusfrüchte auf die Verwandlung in einen Nachtisch, Wäsche wartet immer. Staub auch. „Freiheit bedeutet für jeden etwas anderes.“ Eine Zeile von Anne Carson, mit der ich heute in den Tag gestartet bin. Was bedeutet für mich Freiheit? Ich habe den Eindruck, dass ich diese Frage – bis jetzt jedenfalls – jeden Tag neu beantworte.