Werfen wie ein Mädchen

Dass es eine deprimierende Lektüre (für alte Mädchen) wird, ist mir schon beim Titel des kleinen Reclam-Heftes klar. Ich konnte als Kind nicht werfen. Was nicht weiter wundert, weil es mir niemand beigebracht hat und ich nicht mal einen Ball besaß. Oder wenn ich leihweise einen hatte, gab es nirgends eine Hauswand (ohne Fenster) gegen die ich den Ball hätte werfen können (ich bin ein Einzelkind). Als es dann mit „echten“ Ballspielen in der Schule losging, waren die anderen schon so viel besser, dass ich nicht mitspielen durfte und ich habe es offenbar verpasst, mir das Werfen doch noch irgendwie selbst beizubringen. Mittlerweile habe ich zwei Bälle (einen Handball für draußen, aus weichem knallgelben Leder und einen leichten Gummiball in Rot mit weißen Punkten für drinnen – hahahaha, jetzt sind hier ja keine Eltern mehr, die meckern – allerdings sind auch schon zwei Bilderrahmen zerbrochen…) Ich kann nach wie vor nicht wirklich werfen, aber der Ball kriegt mittlerweile eine ordentliche Geschwindigkeit und landet immerhin ungefähr da, wo ich ihn gerne hätte. Nein, ich werde sicher keine Sportskanone mehr, aber ich habe festgestellt, wie viel Spass es macht, einen Ball ordentlich und also mit Karacho von sich weg zu werfen. Ich werde damit vielleicht kein Junge, aber doch (so viel Pathos muss sein) ein Mensch.

Ein ziemlich ungeheuerlicher Satz, tatsächlich scheint es mir rückblickend so, als sei ich als Mädchen nicht zum Menschsein erzogen worden, sondern zum Gehorchen und zum Sich-Kleinmachen. Ich gebe zu, es ist schon spät und meine Gedanken eindeutig düster, aber doch, es gab etwas in meiner Kindheit und Jugend, was sie wie unsichtbare Gefängniswände anfühlte, keine Freiheit, kein armschwenkendes Drauflosrennen, sondern beklemmende Unpässlichkeit. Mich dort noch einmal umzuschauen, habe ich mir mit der Lektüre von Iris Marion Youngs Essay „Werfen wie ein Mädchen“ (1980) vorgenommen. Aber erst morgen wieder + ausgeschlafen, sonst wird das vielleicht doch ein etwas zu finsterer Trip…

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 8

  1. kormoranflug 29. Januar 2021

    Hier in der Strasse fahren die Kinder manchmal 5 bis 20 verschiedene mit Rollerskater und werfen/schiessen sich mit Tennisbällen ab. Ein Mädchen aus getrennten Haushalten spielt hier lieber mit den Kindern – in Potsdam hat sie keine Freunde. Mit Bällen und Rollen können die umgehen, Einzelkinder werden integriert.

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  2. muetzenfalterin 29. Januar 2021

    Was ist denn das für ein Satz? Wenn eine sich für Jungs vorbehaltende Fähigkeiten aneignet wird sie erst Mensch? Ich glaube zu verstehen, was du meinst, aber diese Formulierung macht mich traurig, ratlos, vielleicht auch ein bisschen wütend. Weil das die Gegenseite fehlt; sind Jungs denn erst Menschen, wenn sie auch mit Puppen spielen nur so als Beispiel. Ich konnte und kann noch immer nicht werfen, zu weniger Mensch hat mich das nie gemacht. Blöd fand ich, dass ich so gerne mit Autos gespielt habe, und dafür immer die Jungs aus der Nachbarschaft bitten musste, mich mitspielen zu lassen. Die strukturellen Benachteiligung und eingefahren Rollenbilder immer wieder zu thematisieren und zu problematisieren ist absolut wichtig, aber dieser Schluss, der stößt mir sehr unangenehm auf. Wir sollen (und wollen) ja nicht gleich werden, sondern lediglich endlich die Möglichkeit erhalten uns mit all unseren Fähigkeiten und Interessen entfalten zu können, also Frauen die selbstverständlich boxen und Männer, die stricken, nähen und Gymnastik machen.

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    • muetzenfalterin 29. Januar 2021

      Ich würde den Kommentar gerne löschen, denn ich habe offenbar in meiner Erregung den Schluss nicht wirklich gelesen, also erübrigt sich das ja, was mich da so aufgeregt hat, denn es stimmt ja, wir sind häufig zur Unterordnung erzogen worden, die weibliche Seite, die ja jeder von uns hat, jeder Mensch, wurde überbetont, die männliche unerdrückt. Interessant ist daszu ein Essay, den ich kürzlich von Siri Hustvedt gelesen habe, sie hat drei Schwestern, die sich aufgrund der Altersstruktur zu je zwei Paaren zusammenfangen, und ganz automatisch übernahm eine die eher männliche Rolle, während die andere weiblicher agierte. Darum geht es vermutlich in allererster Linie, einander zu ergänzen, zu unterstützen, statt Rollenbilder zu zementieren, ohne zu berücksichtigen, wie sehr sie einschränken und verletzen können. Spannendes Thema, könnte ich noch ewig drüber nachdenken.

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      • Stephanie Jaeckel 29. Januar 2021

        Ja, das leuchtet mir ein, dass wir Menschen je nach Gruppenzugehörigkeit bestimmte Fähigkeiten nutzen oder entwickeln. Wie die zugeordnet werden, ob das männlich oder weiblich ist, ja, das ist eine andere Frage. Ich denke, aus der Sicht der 60er/70er Jahre würde ich dem Bild einer (Achtung! Hier kommt ein billiges Stereotyp) „Kampflesbe“ perfekt entsprechen. Aus Sicht heutiger Kids bin ich vermutlich eher eine in ihren Emanzipationsversuchen steckengebliebene schrullige Alte. Wie gut, dass die Wahrheit meist irgendwo dazwischen liegt… – Vermutlich kann ich Deinen Beitrag löschen, falls Du das willst. Ich finde ihn nicht so schlimm.

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