Das geht noch weiter

Denn mir scheint, mit dem Nicht-Denken-Können hat es mehr auf sich, als müdes Lamento. Ich würde sagen, ich habe bislang Verstehen gelernt. Nicht denken. Vielleicht sind mir die Gelegenheiten nicht aufgefallen, die Türen, durch die es zum Denken ging. Aber ich vermute, Verstehen hat die meiste Zeit gereicht. Um irgendwie durch- bzw. ein Stück weiter zu kommen.

Wie aber weiter? Was wäre so ein erster Trainings-Knochen für eigenes Denken?

Habt Ihr Antworten? Oder: Woran denkt Ihr so gerade?

Dämonenfänger

Heute ist Goethes Geburtstag. Der Sommer neigt sich dem Ende zu. Mein Herz ist leer.

Ich weiß es nicht.

Ich kann einfach nicht komplex denken.

Ich kann eigentlich gar nicht denken.

Wo wäre das noch zu lernen?

Überhaupt?

Einsamkeit und Liebe

Wann begreife und akzeptiere ich, dass diese beiden Begriffe zusammengehören wie die beiden Seiten einer Medaille? Partnerschaften sind das Eine. Und eine höchste Kunst. Liebe gehört in Partnerschaften. Liebe teilen auch. Aber.

Am Ende bleibe ich damit alleine.

Partnerschaft braucht Kommunikation, Offenheit in guten wie in schlechten Zeiten.

Meine Liebe jedoch steht außerhalb der Zeit. Sie hat andere Regeln. Sie läßt sich nicht verhandeln.

Sie verlangt, dass ich nicht klüger bin als mein Gegenüber. Dass ich Enttäuschungen ebenso akzeptiere wie große Begeisterung. Eine Form von Demut wahrscheinlich. Und das hat nichts mit sich kleinmachen zu tun. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Wenn ich auch die fiesen Seiten eines Gegenübers akzeptiere, bin ich nicht schwach, sondern kann mich im Fall leichter trennen, weil ich mich nicht verstrickt habe. Das bedeutet nicht, dass mich mich nicht einlasse. Das bedeutet, dass ich Abstand halte.

Bei großer Begeisterung und großer Enttäuschung ist es besonders schwierig, Abstand zu halten. Ich möchte Begeisterung halten und Enttäuschung überwinden. Aber das wäre wohl so, wie sich gegen einen aufziehenden Sturm zu stellen. Große Gefühle kommen und gehen.

Ich liebe und ich bin einsam. Gleich muss ich putzen, waschen und die Hofparty für heute Abend vorbereiten. Ich möchte zwei Texte schreiben und unbedingt noch etwas lesen. Und über meinen Traum von letzter Nacht noch einmal nachdenken. Darin kam ein Freund, der vor 12 Jahren gestorben ist, plötzlich lebendig wieder zum Vorschein. Ich war zum Bersten glücklich. Auch nach dem Aufwachen. Weil auch diese Freundschafts-Liebe außerhalb der Zeit steht. Und mir in meiner Einsamkeit größte Momente beschert.

„Im August fallen die Sterne“

Diese Gedichtzeile von Sarah Kirsch bringt meine August-Stimmung auf den Punkt. Denn jetzt ist der Sommer da in seiner ganzen Pracht, er neigt sich aber auch schon wieder, die Nächte werden länger. Die Sterne fallen und damit wird ein Ende eingeleitet: der melancholische Teil des Jahres beginnt für mich immer schon jetzt, nicht erst im milder werdenden Licht von September und Oktober. Gleichzeitig ist es eine Hochzeit. Sterntaler, Sterntaler! Wer klug ist, breitet jetzt seine Schürze aus. Und geht abends noch einmal aus: die milden Sommernächte sind bald schon wieder vorbei.

Löcher der Erinnerung

Ich war letztes Wochenende in meiner Heimatstadt. Wie schon das Mal davor, ist ein Faden gerissen. Klar, ich kenne die Stadt nach wie vor, fühle mich sogar auf eine Art und Weise dort immer noch zu Hause. Aber die Selbstverständlichkeit, dort zu sein, die sich über Jahrzehnte noch erhalten hatte, ist futsch. Dieses Mal gab es plötzliche Momente des Erinnerns, die sich tatsächlich wie Löcher anfühlten, in die ich hinein fiel. So wie Wurmlöcher, mit denen man in der Zeit reist. In dem Fall in die Vergangenheit, oder besser – in einen Ort der nichtlinearen Zeit, denn ich hatte das Gefühl, nicht wieder Kind zu sein, sondern gleichzeitig (sorry, kann ich nicht besser beschreiben). Es war ein merkwürdiger Zustand (jajajaja, es war auch heiß,…), von dem ich dachte, ich altere nicht mehr, sondern bin jetzt erst auf der Erde angekommen. O.K. klingt arg nach Wunschdenken (denn natürlich altere ich). Aber es hatte so etwas enorm erleichterndes, an dem ich erst noch einmal festhalten möchte. Der Eindruck, der linearen Zeit – wenn auch nur kurz – entkommen zu sein.

Sightseeing in Kassel

Es war anders als die letzten Male. Nicht mal schlecht. Das Sommerwetter spielte mit: schauen, essen abhängen. Selbst die Häßlichkeit Kassels hatte ihre Momente. Vielleicht spielte es auch eine Rolle, dass ich nicht alleine dorthin gereist war. Ich hatte zumindest nicht diese plötzlichen Momente der Verwirrung mit der immer gleichen Frage: „Was mache ich eigentlich hier?“ Ich fühlte mich einfach wie auf Reisen. Sightseeing.

Dass es die documenta 15 war, fifteen, (wir sind schließlich globalisiert), machte sich vorrangig dadurch bemerkbar, dass wir an manchen Orten unsere Eintritts-Codes hochhalten mussten. Ob ich Kunst gesehen habe? Wohl eher nicht. Kreativität sicher. Den Rest habe ich noch nicht für mich durchbuchstabiert, obwohl die Rückreise in der Bahn eine Extra-Stunde Verspätung für mich bereitgehalten hat. Habe ich etwas verstanden? Zumindest dies: Es ist komplexer als ein generelle Antisemitismus-Verdacht. Es ist eine große Veränderung, deren Umfang ich nur ahne, wie wenn man kleine Zipfel einer riesigen Decke zu fassen bekommt, deren Ausmaß über den eigenen Blickhorizont hinausgeht. Der Boden hat gewackelt in Kassel. Und das war echt: kein bloßer Touri-Erlebnis-Effekt. Insofern war es vielleicht doch etwas mehr als Sightseeing.

Und wenn er kommt, dann laufen wir

Das Thema Flucht geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Es ist, als wenn ich einen Schlüssel in der Hand halte. Ich kenne ihn, weiß aber beim besten Willen nicht, wo das passende Schloss ist. Es ist komisch zu denken, dass ich ein Mensch auf der Flucht bin. Fast schon lächerlich angesichts aller Menschen, die Todesangst erleben, weil sie aus ihrer Heimat in Länder fliehen, in denen sie nicht erwünscht sind. Warum bergen wir uns nicht, geben uns Heimat. Angesichts der viel größeren Gefahren, die wir – einerseits selbst verursachen, andererseits – nun ja, leben ist nun mal – wie es so launisch heißt – lebensgefährlich. Und unser Planet quasi nur eine Nussschale im Universum. Vielleicht ist Flucht allerdings auch ein Teil jeglichen Lebens. Wenn wir uns anschauen, wie gefährlich Tiere leben, dann haben wir vielleicht auch eine falsche Idee von Sicherheit, die uns zusteht.

Und wenn er kommt, dann laufen wir. Manchmal ist die Angst übermächtig. Fast alle Nächte verbringe ich im Niemandsland einer endlosen Odyssee. „Normale“ Träume von Menschen, die ich kenne, oder von Erlebnissen des Tages kommen nicht vor. Die brennenden Städte aus den Albträumen meiner Kindheit erinnere ich wie reale Erlebnisse. Ich weiß, wie privilegiert mein Leben ist. Dennoch denke ich, Dass diese ständige Flucht echt ist. Dass sie zu „knacken“ ist. Nicht nur für mich, sondern für meine und die nachfolgenden Generationen. Ob man etwas aus der Geschichte lernen kann, bezweifele ich mittlerweile. Aber vielleicht kann man Erfahrungen weitergeben. Ich werde weiter nach dem Schloss suchen.

Gesund werden

kann auch schon mal ziemlich lange dauern. Das passt so gar nicht in unsere schnelllebige Zeit. Und verlangt einem eine dicke Portion Geduld ab. Mir geht es langsam besser. Heute gehe ich zur Ärztin und hoffe, dass sie mir sagen kann, dass ich ganz bald (vielleicht schon Ende der Woche) wieder gesund bin. Bis dahin schaue ich dem Leben noch etwas beim Weiterrennen zu und schlafe, was das Zeug hält.