Fummel und Fähnchen

Bei uns zu Hause (ich spreche von meiner Kindheit und Jugend) galt eine strenge Kleiderregel: Kein Firlefanz! Alles hatte gediegen zu sein, d.h. sollte so lange wie möglich halten und bequem und gleichzeitig zurückhaltend chic sein (wurde wahrscheinlich in den Köpfen meiner Eltern schick geschrieben).

Natürlich fand ich das erst normal und später kreischend spießig. Interessanterweise habe ich aber genau diese Sicht auf Klamotten übernommen. Ich galt dennoch als gut angezogen. Keine Ahnung. Ich kann mich nur an brav und langweilig erinnern. Natürlich hatte das auch was mit meinem Selbstverständnis zu tun. Ich fand mich nicht besonders attraktiv. Ich wollte vor allem mal nicht auffallen.

Bewundert habe ich aber immer Menschen, die sich um nichts scherten. Und tolle Klamotten trugen. Egal, ob sie Gesicht und Figur dazu hatten oder – soll vor allem mal jemand sagen, was oder wie denn bitte wirklich.

Fähnchen waren das Schlimmste in den Augen meiner Mutter. Zu dünne, oft schlecht genähte Kleidchen. Just for fun entworfen, ganz offensichtlich. Und um welchen fun es da ging, ebenfalls schnell zu erraten.

Wie lange ich mich nicht getraut habe, wenigstens mal eins zu probieren. Nur so für mich. In der Umkleidekabine.

Was ich da letzte Woche gefunden habe (lag auf einer Fensterbank zum mitnehmen!!!) ist zwar. kein Fähnchen im Sinn meiner Mutter (dazu ist es zu komplex genäht), aber liefe natürlich ebenfalls unter ihrem strengen no go!

Wie hinreißend ich es finde.

(Sorry, nein, es geht nicht darum, meine Mutter anzuschwärzen. Eher darum, wie lange in mir Werte kleben, die gar nicht meine sind).

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 9

  1. Edith 12. Oktober 2022

    Sicher brauchten wir als Kinder eine Orientierung, das war gar nicht so verkehrt. Eltern wollten uns vielleicht auch damit schützen, die lüsternen Blicke nicht auf uns fallen lassen…. Nun zeigt uns der eigene Verstand , dass wir in Fähnchen selbst auf uns aufpassen können..
    Liebe Grüße, Edith

    Gefällt 1 Person

    • Stephanie Jaeckel 15. Oktober 2022

      Ja, klar, das hatte was mit festen Vorstellungen und natürlich auch mit einer Art von Verantwortung zu tun. Billig auszusehen konnte eben auch nicht „camp“ sein, sondern war einfach schlechter Geschmack. Und moralisch zweifelhaft. Aber diese Selbstermächtigung von Mode, eben auch schräg auszusehen, und sich selbst nicht ganz so ernst zu nehmen, die ist mir heute wichtiger. Es geht eben nicht um lüsterne Blicke, sondern um Freiheit.

      Gefällt 1 Person

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