Würden Sie sich von einem Tierarzt behandeln lassen?

Für unsere Ur-ur-ur-Großeltern, die auf dem Land lebten, war das sicher keine Frage. Tierärzte halfen hier selbstverständlich bei Kindsgeburten und schienten Arme oder Beine oder schauten sich an, was sonst am Bauernkörper entzündet oder verletzt war. Noch Rudolf Virchow machte zwischen der Tier- und Menschenheilkunde keinen Unterschied: „Das Objekt ist verschieden, aber die Erfahrungen, die aus dem Objekt zu schöpfen sind, sind Lehrsätze, welche die Grundlagen der Doktrinen bilden.“ 

Der Spezialisierung von Berufen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist auch die scharfe Trennung von Veterinär- und Humanmedizinern geschuldet. Noch nicht in der Forschung, wo das „Tiermodell“ als „Versuchskaninchen“ für die ärztlichen Therapien von Menschen bis heute herhält. Aber in der Praxis haben sich die Humanmediziner weit weg von den Tierärzten positioniert. Würde jemand, der seinen Hund sterilisieren lässt, den Arzt nebenbei fragen, ob er was gegen seine Kurzatmigkeit wüsste, würde er sicher mit einem gezeigten Vogel abgewiesen.

Darwin hat den Finger schon einmal auf den wunden Punkt im menschlichen Selbstverständnis gelegt, als er die Evolution beschrieb. Mensch und Tier stammen von denselben Vorfahren. Alle Organismen auf der Erde sind miteinander verwandt. Aber das vergessen wir die meiste Zeit. Meist zu unseren Gunsten, aber auch, wenn es um Leben und Tod geht. Wir sind im Laufe unserer Zivilisation arrogant geworden. Dabei unterscheidet sich unser Genom, eine Tatsache, die Darwin sicher geahnt hat, um nur 1,4% von dem der Schimpansen. Was bedeutet, es gibt 98,6 % Gemeinsamkeiten und keinen Grund mehr, Humanmediziner, Veterinäre und Evolutionsbiologen nicht endlich zu einem neuen Dialog zu ermuntern.

Das ist das Plädoyer des 2014 in deutscher Sprache erschienen Buches „Wir sind Tier“ von Barbara Nattern-Horowitz und Kathryn Bowers („Zoobiquity“, New York 2012), eines der lesenswertesten Sachbücher der letzten Zeit. Zum einen, weil die Kardiologin und Psychologin Barbara Nattern-Horrowitz so unvermutet auf diesen blinden Fleck der Medizin gestoßen ist, dass sie mit dem Karacho einer Entdeckerin spricht. Einmal auf die Mensch-Tier-Verwandschaft aufmerksam geworden, ploppen überall, wohin sie schaut, Beispiele auf. Und wir staunen mit ihr über die Parallelen, die – größte Überraschung – sogar bei psychologischen Auffälligkeiten zu finden sind. Zum anderen, weil sie sich mit Kathryn Bowers eine versierte Wissenschaftsjournalistin angeheuert hat, ihre Erkenntnisse zu publizieren. Auf diese Weise bekommt die Entdeckung einen wissenschaftsgeschichtlichen Hintergrund. Wir verstehen, wann und warum wir bereits Bekanntes wieder über Bord geworfen haben und wir können selbst komplizierten Zusammenhängen gut folgen, weil sie – sicher auch durch den dauernden Dialog der beiden Autorinnen – verständlich vermittelt werden.

Was mich besonders interessiert, sind die Kapitel übers ab- oder zunehmen (aus aktuellem Anlass) und die psychologischen Themen Sucht und Selbstverletzendes Verhalten. Dass wildlebende Tiere kein festes Gewicht haben, ist bekannt. Hält aber nicht bis zum eigenen Spiegelbild durch. Denn da erwarten wir ein Ideal- oder zumindest Normalgewicht. Wer aus den Fugen gerät, hat ein Problem. Und zwar, wie wir meinen, ein sehr persönliches. Dabei hauen auch Tiere rein, wenn sie Gelegenheit dazu erhalten. Im Schlaraffenland werden alle dick. Die Diagnose dazu lautet: Mehr zu essen als nötig ist eine biologische Grundeinstellung. Entsprechend ist das Gewicht keine, wie die beiden Autorinnen so schön schreiben „in Stein gemeißelte Größe“ und Fettleibigkeit, wer hätte das gedacht, eine Umweltkrankheit. Das Fazit? Muss ich nicht am Ende doch eine enorme Disziplin an den Tag legen, wenn ich Diät mache. Ja. Ist die Antwort. Aber die Strategie ändert sich und vielleicht auch das Selbstverständnis. Denn wenn ich weiß, dass Pizza, Pommes und Cola keineswegs nur „schlechtes Essen“ sind, sondern genau das, mit dem wir uns aus Tiertagen noch belohnen, sieht die Sache doch anders aus. Ich mache zumindest nichts falsch. Allerhöchstens zu oft. Und um hier einzugreifen, gibt es einen simplen, aber effektiven Trick: „Wenn Sie auf >natürliche Weise< Gewicht verlieren wollen, dann verringern Sie das Nahrungsmittelangebot in Ihrer Umgebung und sorgen dafür, dass Sie nicht drankommen. Außerdem sollten Sie sehr viel Energie für die Beschaffung von Nahrung anwenden. (…) Verändern Sie Ihre Umgebung. Viele Zoos haben diesen Vorschlag schon in die Tat umgesetzt.“

 Das mag irritierend naiv klingen. Aber es funktioniert. Habe ich selbst so erlebt, denn meine Diät bestand in nichts anderem, als die „schlechten Lebensmittel“ nicht mehr zu kaufen. Natürlich ist das noch nicht alles: Der Tag-Nacht-Rhythmus zum Beispiel bestimmt ebenfalls unseren Appetit. Ist er gestört, kann auch unser Essverhalten aus dem Ruder laufen. Ein weiterer Aspekt scheint die Darmlänge zu sein und die wundersame Fähigkeit einiger Tiere, ihren Darm je nach Nahrungsangebot zu verlängern oder zu verkürzen. Diese Fähigkeit ist für Menschen nicht nachgewiesen, aber mehr als eine Nachfrage wert. Zum Schluss kommen Natterson-Horowitz und Bowers auf die bislang zwar bekannte, jedoch noch nicht ausgiebig erforschte Darmbakterienmischung, die jedes Lebewesen mit Darm herumträgt. Oder auf die beunruhigende Tatsache, dass soziale Gewohnheiten „ansteckend“ sein können: So nimmt das Risiko für Übergewicht zu, wenn man korpulente Freunde hat… Hätten Sie das gedacht?

Mit dieser Vielzahl von Hinweisen geht es durch alle Kapitel. Und es zeigt sich, dass der Blick aufs Tier nicht sofort die Antwort gibt, aber Blickrichtungen, die wir uns lange nicht erlaubt haben. Wer versteht, dass Ritzen, Nägelkauen oder andere autoaggressive Verhaltensweisen aus ihrem Gegenteil erwachsen: Der sozialen Fellpflege also sozialem Kontakt oder Körperpflege, verlässt die moralische Dimension des Themas. Frühkindliche Traumata hin oder her, wer von der Tierseite kommt, sieht drei wesentliche Auslöser für Autoaggression in Stress, Langeweile, Einsamkeit. Und hat plötzlich neue Möglichkeiten, gegen dieses scheinbar „unsinnige“ Verhalten vorzugehen. Von unglaublicher Relevanz sind Mensch-Tier-Vergleiche in der Präventionsmedizin. Sie können so genannte Zoonosen, Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden und sich in Windeseile verbreiten, schnell diagnostizieren und – wenn man Glück hat – mit passgenauen Medikamenten stoppen. Dass solche Zoonose auch gezielt als Waffen eingesetzt werden können, macht die Fortschritte auf diesem Gebiet umso wünschenswerter. Und überhaupt. Wer gelegentlich über seinen Tellerrand schaut, dem muss klar sein, dass das Leben auf dieser Welt nicht allein davon abhängt, wie es uns Menschen geht.

Was soll ich sagen? Tolles, volles Buch. Und wenn Kritik, dann allerhöchstens am „Making of“, nicht am Inhalt. So gut nämlich die Wahl einer Wissenschaftsjournalistin als Co-Autorin einerseits ist, so eindeutig liegen die Mängel des Textes auf ihrer Seite. Denn was für einem Artikel gut ist: ein verständliches Level zu finden, auf dem sowohl medizinische wie auch historische oder institutionelle Fakten erklären sind, so monoton wird dieser Stil nach 30, 40 Seiten. Es ist alles einleuchtend, gut erzählt, spannend, aber immer im gleichen Duktus vorgetragen und irgendwann rauschend langweilig. Dazu kommt die Redundanz. Auch hier gilt: Fürs Laienpublikum eine wesentliche Hilfe, aber auf knapp 450 Buchseiten doch ermüdend. Dennoch bereue ich keine einzige gelesene Seite. Was noch? Nichts? Wuff, ich habe gesprochen!

Herzlichen Dank an Random-House für das Rezensionsexemplar.

Die Welt knipsen

Oder: Knipsen versus fotografieren: Wo ist da der Unterschied? Früher war die Sache einfach: Otto Normaline knipste und die Profis fotografierten. Bis die Technik sich so dem Menschen anverwandelte, dass eine Kamera mittlerweile das schnellere Auge ist und ritsch-ratsch ein ordentliches Bild liefert, das nachbearbeitet gute bis perfekte Aufnahmen ermöglicht. Aber es gibt immer noch Fotograf/innen. Und jetzt?

Nüscht, würde ich mal sagen. Weil es diese Unterscheidung fast nicht mehr gibt. Wir sind spätestens im 21. Jahrhundert aus der klassischen Professionalisierung rausgefallen. Wer sich Zeit nimmt, kann alles Mögliche lernen. Als ich jünger war, ging das noch nicht so einfach. Ich weiß, wie ich am Fotokurs unserer Schule scheiterte, weil ich zu Hause keine Dunkelkammer hatte und weil ich zu geizig mit den Filmen umging, einfach weil das Taschengeld kniff. Ich habe damals gedacht, gut, du bist nicht mutig genug, lass es! War wahrscheinlich auch richtig so. Viele Jahrzehnte später mit einer Digitalkamera ist das keine Frage mehr. Ich kann alle Fotos, die mir in den Sinn kommen, machen und dann auch wieder löschen. Was für eine Freiheit! Und was für ein weites Feld zum Lernen!

Früher ging es viel ums Gestalten oder um das Reden über das selbst Gestaltete. Wer den größeren Sprachradius hatte, hatte Vorsprung. Allerdings sieht man zum Glück die Fotos. Und die stellten sich dem Gesagten auch quer. Meine eigene Erfahrung beim Betrachten von Fotos ist die: Entweder kenne ich das Bild schon, das heißt, ich sehe die Welt ähnlich und hätte das Foto auch machen können. Oder ich habe so ein Foto nicht einmal denken können. Weil meine Welt anders aussieht, das Foto aber noch genug Stellen hat (oder zumindest eine), die eine Verbindung zu meiner Welt oder zu meiner Fantasie herstellt, und mittels deren ich folgen kann. Eine weitere Erfahrung: Fotos erschließen sich oft aus weiteren Fotos. Das heißt, wenn ich ein Bild sehe, dass ich – sagen wir – nicht besonders spektakulär finde, kann mir ein weiteres Bild des Fotografen oder der Fotografin weiterhelfen. Denn Fotografieren ist nicht nur das eine Bild, sondern der Blick.

Künstlerisch kommen wir der Sache auch näher, weil es längst Usus geworden ist, dass Künstler/innen uns ihre Weltsicht zeigen und nicht mehr versuchen, einen gemeinsamen Nenner mit dem Publikum zu finden. Wir können einverstanden sein, mit dem, was wir sehen, wir können aber auch, und das haben wir mit allen Avantgarden des letzten Jahrhunderts gelernt, ganz anderer Meinung sein, die Werke aber trotzdem schätzen. Die eigene Sicht ist relevant geworden, vielleicht sogar in dem Maß, in dem das Individuum zur kulturellen Leitfigur aufgestiegen ist.

Die Welt zu knipsen ist salonfähig geworden. Was mir gut gefällt. Schließlich ist knipsen auch eine Haltung. Natürlich gibt es weiterhin Unterschiede zwischen Hobbyfotograf/innen und Profis. Es ist meiner Ansicht nach auch weiterhin sinnvoll, Schulen anzubieten, denn wo hat man mehr Gelegenheit von älteren Kolleg/innen und von Gleichaltrigen zu lernen? Zeit bleibt am Ende ein wesentlicher Faktor, die berühmten 10.000 Stunden, die ausgebildete Menschen den Laien meist voraus haben. Und die Begabung, die man eben hat oder nicht, und die einem in keiner Ausbildung der Welt beigebogen werden kann.

Sommerhalluzinationen

Juli = Wenn es heiß wird und die Kanten schmelzen. Rechts verläuft der Tempelhofer Ex-Flughafen, oder besser: er verpuzzelt sich in Hundertwassermanier verpuzzelt und hängt – architekturuntypisch – auch noch in der Luft. Daneben ein pulsierender Baum, Lichtstrudel, ein Aliengesicht ohne Körper, viele unbekannte Objekte. Und das alles morgens um zehn, ohne irgendwas im Tee (oder im Kaffee) zu haben. Kurz denke ich, ob es so ist, wenn Alzheimer die Sicht verunklärt – ? Wo man noch Dinge erkennt, aber nicht mehr ihren Bezug zueinander, auch nicht der Ort, den sie bezeichnen. Ich denke auch daran, dass die Bilder, die entstehen, sobald ich die Augen schließe, ähnlich sind. Wie Lichtschlieren. Allerdings stets abstrakt. Um sich dann schnell in nicht geträumte Bilder oder Träume im Wachsein (keine Tagträume) zu verwandeln. Realität = Ein Leben ohne festen Boden, bei dem man auf solche Bilder gefasst sein sollte. Und wenn die Kunst es schafft, uns daran zu erinnern?

Sommer in Berlin

Luft, Luft, Luft wird Berlintouristen immer noch als Berliner Spezialität verkauft, Weiße, die wahlweise rot oder grün ist und natürlich: die Ampelmännchen. Prompt vergessen die Gäste ihren Koffer in der Stadt wo sie jahrzehntelang in den Ecken herumgeschubst werden, um dann sehnsuchtsvoll – ach ja. Aber wer kennt eigentlich die fantastischen Berliner Sonnenuntergänge? Riesige Panoramen zeichnet der Himmel in die Abende – wozu brauchen wir da noch ein Meer. Bloß einen stillgelegten Flughafen. Und von dort eine gute Reise in die Nacht.

Dreh dich um!

Hätte ich am liebsten dem alten Herrn mit dem sehnsuchtsvoll blauen Blick zugerufen. Dreh dich um, und du wirst sehen, wie Du da raus kommst! Klar, so ganz ohne Körper wäre das immer noch schwierig – und wie man aus einer Glasvitrine ausbricht, weiß ich auch nicht. Aber der Rettungsplan an der Wand hat vielleicht auch dafür eine Lösung. Nach vorne schauen, dachte ich dann auf dem Weg nach Hause, ist meist die beste Lösung. Vor allem, wenn man auf einem Fahrrad unterwegs ist. Aber ein Blick über die Schultern kann helfen, wenn man im Glashaus festsitzt. Das ist manchmal ein unerfreuliches Unterfangen, vor allem, wenn der Nacken steif geworden ist. Dreh dich um! Kein Weg geht nur geradeaus.

Ich weiß was das steht, aber ich sehe es nicht

Oder: trotz besseren Wissens lese ich ein übers andere Mal Mitte-Linsel. Obwohl mein Hirn dem fehlgeleiteten Blick jedes Mal geduldig aufs Neue erklärt, dass kein Ding auf der Welt so heißt. Er besteht drauf. Liegt ja vielleicht auch daran, dass ich nur Verkehrsinseln kenne. Mittelmeerinsel? Geschenkt! Aber sowas!? Um meinen Blick nicht auf ewig zu beschämen will ich die Tage mal nach Mitte radeln und schauen, ob ich etwas Namenloses finde, das ich Linsel taufen kann. Da muss bloß noch mal schön die Sonne scheinen.

Anleitung zum Gehen

Ich gehe gerne. Wäre Berlin nicht so groß, würde ich öfters irgendwo hingehen. So gehe ich höchstens nirgendwo hin, das heißt, vor allem nicht zu Terminen, außer sie liegen wirklich nur um die Ecke. Edo Popovics „Anleitung zum Gehen“ wäre da, so meine Hoffnung, ein Hinweis auf vielleicht neue Arten des Gehens oder auf alte, vergessene Techniken. Dass es dabei ums Überleben gehen soll und auch noch mit poetischem Anstrich (beides steht auf der Rückseite des gerade 175 Seiten starken Buches) schreckte mich nicht. Ich hätte über die „Anleitung“ stolpern können, verpasste aber genau das.

Und schon geht es los, mit dem ersten Schritt gleich im ersten Kapitel, der vor dreieinhalb oder vier Millionen Jahren auf diesem Planeten von einem ersten menschenähnlichen Bewohner getan wurde und der, so scheint es beim weiteren Lesen, dem Verhängnis freien Lauf ließ. Natürlich brauchte es noch andere Veränderungen, so musste vor allem das Gehirn größer werden, und ab da war endgültig Schluss mit der natürlichen Geruhsamkeit. Eile bestimmt seither die menschliche Herde, den Blick fest auf den Horizont gerichtet, die Verbindung zu den vierbeinigen Erdmitbewohnern gekappt (zu den anderen erst recht).

Klar was jetzt kommt? Leider ja. „Wir“ sind deformiert, wir sind dekadent, weil wir uns anziehen, in Wohnungen leben, Geld verdienen, Autos fahren und Computer spielen. Alle diese zivilisatorischen Errungenschaften nämlich rauben uns Zeit und vor allem den Zugang zu uns selbst. „Wir“ sind wie Hamster im Laufrad, wir bauen Häuser und Mauern und ziehen Grenzen und kennen unsere eigenen Bedürfnisse längst nicht mehr, weil wir nur noch Verpflichtungen gegenüber anderen unterliegen. Die ganze Leier der Kritik an der heutigen Zeit. Wären da nicht auffällig häufig Zitate aus der weiteren Vergangenheit, z.B. von Seneca, der anmerkt, und zwar ausdrücklich, weil es offenbar schon in der Antike in Vergessenheit geraten war, dass dem Menschen nichts wertvoller ist als die eigene Lebenszeit.

Was mir an diesem „Wir“ aufstößt, ist seine Schnoddrigkeit. Ich kenne zum Beispiel niemanden, der für ein Auto einen Kredit aufgenommen hat. Ich bin froh, in den eigenen vier Wänden zu leben, die aus Mauern sind, mit einem Dach drauf, nicht nur, weil ich darin nicht mehr nass werde oder gnadenlos friere, sondern auch, weil ich einen Rückzugsort brauche, ein Drinnen, um wieder nach draußen zu gehen. Computer und Telefon erleichtern mein Leben und ich weiß sehr genau, wovon ich spreche, denn ich bin in einer Umbruchzeit großgeworden, d.h. mein Studium habe ich noch an Zettelkästen und mit endlosen Fernleihen absolviert und das hat eine Menge Zeit gekostet. Auch auf eine Wäsche mit der Hand lege ich keinen gesteigerten Wert, und so weiter. „Wir“, das ist das einzige Phänomen, das ich unumwunden bejahen würde – aber es wird mit keiner Silbe erwähnt – „Wir“ sind im Lauf der Jahrtausende immer mehr geworden. Das stellt allerdings ein großes, wenn nicht das größte aktuelle Problem auf unserer Erde dar.

Außerdem – aber das ist eine eigene und sicher längere Überlegung Wert – ist es nicht leicht, sich der heutigen Eile zu entziehen. Wer genug Geld hat, kann es sich leisten. Wer wenig Geld hat, auch. Wer Kinder hat, kommt schon ins Schleudern. Und wer die Eile erst mal in ihrem gesamten Umfang akzeptiert hat, wird lange brauchen, sie sich wieder aus allen Fasern des Körpers zu kratzen. Es ist nicht unbedingt Dummheit, die die Menschen ins Hamsterrad zwingt. Und oft haben sie sich im Laufe des Erwachsenwerdens selbst aus den Augen verloren. Das sollten „wir“ ernst nehmen und nicht „einfach“ therapieren wollen.

Nun gut. Gehen hilft natürlich. Und dass jede und jeder die Welt für sich selbst entdeckt, ist ein schöner Ansporn. Auch der Gedanke, dass mir nichts auf dieser Welt gehört, weder die Dinge, die ich gekauft habe, noch mein eigener Körper, hilft, mich auf ein wesentliches, von Zivilisationstand entschlacktes Leben zu konzentrieren. Aber ich kann der harschen Luxus-Kritik nicht folgen. Es gibt tatsächlich gekaufte Dinge, die mich glücklich machen, mein Fahrrad zum Beispiel, mein Füller, die Skates, mein Rechner, schöne Kleider und ja, sogar die Espressomaschine. Ich könnte auch ohne leben, aber für mich ist ihr Besitz ein Glück, das nicht weniger authentisch ist als der Blick aufs weite Meer. Für mich ist auch das von Meisterköchen zubereitete Essen kein „Fraß“ angesichts einer frischen Paprika mit Roggenbrot und Rindfleisch.

Natur, so viel ist klar, wird dem Autor zur letzten Instanz für ein gelungenes Leben. Was angesichts eines Berges seinen Wert behält, hat einen. Mir ist diese Sicht zu altväterlich. Den Wert der Dinge in meinem Leben bestimme ich, auch wenn ich mich gerne dem Berg stelle und in seinem Windschatten Demut übe. Ich mag auch Kunst oder Architektur nicht als „Firlefanz“ abtun. Wir haben nun mal unser großes Gehirn. Das lässt sich – zumindest nicht so schnell – wieder abschütteln.

Genug Uneinigkeit auf den ersten 90 Seiten. Zum Glück wird der zweite Teil besser. Hier wandern wir durch das kroatische Küstengebirge Velebit, lernen dessen Bewohner (Mensch und Tier und Vorfahr) kennen. Wir staunen, lassen die Gedanken schweifen, nicht ohne gelegentlich an die uns Städtern ungewohnte Gegenwart von Bären zu denken, hier entkommen wir der eigenen Hektik, nicht nur beim Lesen, sondern auch beim Betrachten der wirklich hinreißenden Landschaftsfotos.

„Das allererste Empfinden, das man am Berg verspürt, ist die Entschleunigung der Zeit. Nichts erinnert einen mehr an das Vergehen der Zeit, weder Straßenbahn, noch Busse und ihre Fahrpläne, weder die Uhren auf den großen Plätzen der Städte oder die Kirchenglocken, und auch keine Radio- und Fernsehprogramme, nichts außer Sonne und Mond, die sich in ihrem urtümlichen Rhythmus am Firmament ablösen. Man nimmt diesen Rhythmus an, beginnt darin zu leben.“ (87)

Den Autor Edo Popovic kannte ich vor der Lektüre von „Anleitung zum Gehen“ noch nicht. Er gehört zu den zeitgenössischen kroatischen Schriftstellern, die hierzulande in Übersetzung zu lesen sind, seinen Erstling „Mitternachtsboogie“ von 1987 allerdings erst verspätet seit 2010, die erste Erzählung erschien 2004. Wäre er ohne „Anleitung“ mit uns losmarschiert, hätte mir das besser gefallen. Dennoch bin ich neugierig geworden und werde sicher noch einen Roman von ihm versuchen.

Für das Rezensionsexemplar einen herzlichen Dank an Random-House.

Schau mich an

Karl Ove Knausgard hat in seinem aktuellen Artikel über Anders Breivik einen – wie mir scheint – lebenswichtigen Aspekt für Menschen in den Fokus gerückt: Das Wahrgenommenwerden. Man kann Kinder zur Verzweiflung bringen, wenn man sie zur Strafe wie Luft behandelt. Mobbing ist nicht umsonst so gefürchtet. Denn wenn ich nicht gesehen werde, verkümmere ich wie eine Blume, die niemand giesst. Das hat nichts mit Narzissmus zu tun oder mit einem zu großen Ego. Wer nicht gesehen wird, löst sich auf. Oder spiegelt sich – wie Knausgard ausführt – in „falschen“, das heißt nicht der Realität angehörigen Oberflächen, die dann zu unvorstellbaren Deformationen führen. Was das konkret heißen kann? Menschen anschauen, die man vielleicht nicht so mag. Vielleicht auch mal lächeln? Kolleg/innen nicht schneiden, auch wenn sie sich blöd verhalten haben. Ich muss mich ja deshalb nicht gleich in eine Grinsekatze verwandeln. Wir sind, das vermute ich zumindest, für unsere Nächsten mehr verantwortlich, als uns lieb ist. Solche Massaker scheinen jedenfalls dafür zu sprechen. Höchste Zeit, sich auch darum zu kümmern.

Erwachsen werden

Meine Vorstellung vom Kindsein und vom Erwachsenwerden ist nach wie vor mehr die einer Entfaltung als die einer Verpuppung. Diese etwas herablassende Art, Generationen aus früheren Zeitaltern vorzuwerfen, sie hätten Kinder bloß als „kleine Erwachsene“ gesehen, ist mir deshalb wenig plausibel. Natürlich wachsen Kinder noch und verändern sich und reifen und was noch alles. Bei uns wechseln sie mit 18 die Seite, aber wenn sie sich nicht mitnehmen, werden sie wohl erwachsen, aber eben so sicher nur ein halber Mensch.

Wie ich darauf komme? Ich habe eben in dem Interview-Buch „Alles fragen, nichts fürchten“ gelesen, in dem Martin Hatzius Dietmar Dath zu seinem bisherigen Leben befragt. Dietmar Dath gibt dort eine Antwort zum Erwachsen werden, die mir so gut gefällt, dass ich sie zitiere:

„Aber ich finde, dass Leute, die irgendeinen Teil wegschmeißen müssen, (…) die zum Beispiel sagen, ja, ich habe auch mal Gedichte geschrieben, aber das lasse ich jetzt mal, jetzt kommt der Ernst des Lebens, dass die eigentlich noch nicht erwachsen geworden sind. Sie haben Nabelschnüre abgeschnitten, aber das macht noch keinen Erwachsenen im Sinne eines allseitig ausgebildeten Individuums aus ihnen. Das bürgerliche Bildungsideal (…) ist erst erreicht, wenn diese (kindliche) Faszination (…) ihren Platz findet in meinem Persönlichkeitsprofil, nicht aber, wenn sie unterdrückt oder auf ein Hobbygleis geschoben wird. Die Herausforderung besteht darin, etwas zu finden, das diese Faszination integriert und mich gleichzeitig mit anderen sozialisiert. (…).“ S. 32/33.