Anleitung zum Gehen

Ich gehe gerne. Wäre Berlin nicht so groß, würde ich öfters irgendwo hingehen. So gehe ich höchstens nirgendwo hin, das heißt, vor allem nicht zu Terminen, außer sie liegen wirklich nur um die Ecke. Edo Popovics „Anleitung zum Gehen“ wäre da, so meine Hoffnung, ein Hinweis auf vielleicht neue Arten des Gehens oder auf alte, vergessene Techniken. Dass es dabei ums Überleben gehen soll und auch noch mit poetischem Anstrich (beides steht auf der Rückseite des gerade 175 Seiten starken Buches) schreckte mich nicht. Ich hätte über die „Anleitung“ stolpern können, verpasste aber genau das.

Und schon geht es los, mit dem ersten Schritt gleich im ersten Kapitel, der vor dreieinhalb oder vier Millionen Jahren auf diesem Planeten von einem ersten menschenähnlichen Bewohner getan wurde und der, so scheint es beim weiteren Lesen, dem Verhängnis freien Lauf ließ. Natürlich brauchte es noch andere Veränderungen, so musste vor allem das Gehirn größer werden, und ab da war endgültig Schluss mit der natürlichen Geruhsamkeit. Eile bestimmt seither die menschliche Herde, den Blick fest auf den Horizont gerichtet, die Verbindung zu den vierbeinigen Erdmitbewohnern gekappt (zu den anderen erst recht).

Klar was jetzt kommt? Leider ja. „Wir“ sind deformiert, wir sind dekadent, weil wir uns anziehen, in Wohnungen leben, Geld verdienen, Autos fahren und Computer spielen. Alle diese zivilisatorischen Errungenschaften nämlich rauben uns Zeit und vor allem den Zugang zu uns selbst. „Wir“ sind wie Hamster im Laufrad, wir bauen Häuser und Mauern und ziehen Grenzen und kennen unsere eigenen Bedürfnisse längst nicht mehr, weil wir nur noch Verpflichtungen gegenüber anderen unterliegen. Die ganze Leier der Kritik an der heutigen Zeit. Wären da nicht auffällig häufig Zitate aus der weiteren Vergangenheit, z.B. von Seneca, der anmerkt, und zwar ausdrücklich, weil es offenbar schon in der Antike in Vergessenheit geraten war, dass dem Menschen nichts wertvoller ist als die eigene Lebenszeit.

Was mir an diesem „Wir“ aufstößt, ist seine Schnoddrigkeit. Ich kenne zum Beispiel niemanden, der für ein Auto einen Kredit aufgenommen hat. Ich bin froh, in den eigenen vier Wänden zu leben, die aus Mauern sind, mit einem Dach drauf, nicht nur, weil ich darin nicht mehr nass werde oder gnadenlos friere, sondern auch, weil ich einen Rückzugsort brauche, ein Drinnen, um wieder nach draußen zu gehen. Computer und Telefon erleichtern mein Leben und ich weiß sehr genau, wovon ich spreche, denn ich bin in einer Umbruchzeit großgeworden, d.h. mein Studium habe ich noch an Zettelkästen und mit endlosen Fernleihen absolviert und das hat eine Menge Zeit gekostet. Auch auf eine Wäsche mit der Hand lege ich keinen gesteigerten Wert, und so weiter. „Wir“, das ist das einzige Phänomen, das ich unumwunden bejahen würde – aber es wird mit keiner Silbe erwähnt – „Wir“ sind im Lauf der Jahrtausende immer mehr geworden. Das stellt allerdings ein großes, wenn nicht das größte aktuelle Problem auf unserer Erde dar.

Außerdem – aber das ist eine eigene und sicher längere Überlegung Wert – ist es nicht leicht, sich der heutigen Eile zu entziehen. Wer genug Geld hat, kann es sich leisten. Wer wenig Geld hat, auch. Wer Kinder hat, kommt schon ins Schleudern. Und wer die Eile erst mal in ihrem gesamten Umfang akzeptiert hat, wird lange brauchen, sie sich wieder aus allen Fasern des Körpers zu kratzen. Es ist nicht unbedingt Dummheit, die die Menschen ins Hamsterrad zwingt. Und oft haben sie sich im Laufe des Erwachsenwerdens selbst aus den Augen verloren. Das sollten „wir“ ernst nehmen und nicht „einfach“ therapieren wollen.

Nun gut. Gehen hilft natürlich. Und dass jede und jeder die Welt für sich selbst entdeckt, ist ein schöner Ansporn. Auch der Gedanke, dass mir nichts auf dieser Welt gehört, weder die Dinge, die ich gekauft habe, noch mein eigener Körper, hilft, mich auf ein wesentliches, von Zivilisationstand entschlacktes Leben zu konzentrieren. Aber ich kann der harschen Luxus-Kritik nicht folgen. Es gibt tatsächlich gekaufte Dinge, die mich glücklich machen, mein Fahrrad zum Beispiel, mein Füller, die Skates, mein Rechner, schöne Kleider und ja, sogar die Espressomaschine. Ich könnte auch ohne leben, aber für mich ist ihr Besitz ein Glück, das nicht weniger authentisch ist als der Blick aufs weite Meer. Für mich ist auch das von Meisterköchen zubereitete Essen kein „Fraß“ angesichts einer frischen Paprika mit Roggenbrot und Rindfleisch.

Natur, so viel ist klar, wird dem Autor zur letzten Instanz für ein gelungenes Leben. Was angesichts eines Berges seinen Wert behält, hat einen. Mir ist diese Sicht zu altväterlich. Den Wert der Dinge in meinem Leben bestimme ich, auch wenn ich mich gerne dem Berg stelle und in seinem Windschatten Demut übe. Ich mag auch Kunst oder Architektur nicht als „Firlefanz“ abtun. Wir haben nun mal unser großes Gehirn. Das lässt sich – zumindest nicht so schnell – wieder abschütteln.

Genug Uneinigkeit auf den ersten 90 Seiten. Zum Glück wird der zweite Teil besser. Hier wandern wir durch das kroatische Küstengebirge Velebit, lernen dessen Bewohner (Mensch und Tier und Vorfahr) kennen. Wir staunen, lassen die Gedanken schweifen, nicht ohne gelegentlich an die uns Städtern ungewohnte Gegenwart von Bären zu denken, hier entkommen wir der eigenen Hektik, nicht nur beim Lesen, sondern auch beim Betrachten der wirklich hinreißenden Landschaftsfotos.

„Das allererste Empfinden, das man am Berg verspürt, ist die Entschleunigung der Zeit. Nichts erinnert einen mehr an das Vergehen der Zeit, weder Straßenbahn, noch Busse und ihre Fahrpläne, weder die Uhren auf den großen Plätzen der Städte oder die Kirchenglocken, und auch keine Radio- und Fernsehprogramme, nichts außer Sonne und Mond, die sich in ihrem urtümlichen Rhythmus am Firmament ablösen. Man nimmt diesen Rhythmus an, beginnt darin zu leben.“ (87)

Den Autor Edo Popovic kannte ich vor der Lektüre von „Anleitung zum Gehen“ noch nicht. Er gehört zu den zeitgenössischen kroatischen Schriftstellern, die hierzulande in Übersetzung zu lesen sind, seinen Erstling „Mitternachtsboogie“ von 1987 allerdings erst verspätet seit 2010, die erste Erzählung erschien 2004. Wäre er ohne „Anleitung“ mit uns losmarschiert, hätte mir das besser gefallen. Dennoch bin ich neugierig geworden und werde sicher noch einen Roman von ihm versuchen.

Für das Rezensionsexemplar einen herzlichen Dank an Random-House.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 4

  1. aquasdemarco 20. Juli 2015

    Schmunzel, ein wenig klingt dein Text wie eine Rechtfertigung, in jedem Fall reflektierst du.
    Womöglich war dieses ein erklärtes Ziel des Autors.
    Meine Feststellung vom Glücklichsein in dieser gegenwärtigen Gesellschaft, wer es ist, der redet, schreibt nicht drüber, der ist es. Wer es nicht ist redet und schreibt drüber, auch und gerade drum, dass er doch irgendwie glücklich ist:-).

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  2. Stephanie Jaeckel 20. Juli 2015

    Vielleicht rechtfertige ich mich. Als Blog-Rezensentin nehme ich mir raus, subjektiver zu sein als vollprofessionelle Kritiker/innen und meine Erwartungen an ein Buch zu nennen. Daraus entstehen ja oft Zustimmung oder Ablehnung, in dem Maß, in dem das Buch den Erwartungen entspricht – oder eben gerade nicht (und sie dadurch vielleicht sogar übertrifft). Was das Glück angeht, puh, ein so weites Feld 😉

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  3. Pingback: Ruhe finden mit Edo Popovic - Kapri-ziösKapri-ziös

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