Nachtrag

Nur um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, ich fände Mülltonnen nur unter Sonnenlicht gut. Ob diese Tonne sich, um aufzufallen, eine Clownsnase aufgesetzt hat, weiß ich nicht. Auch nicht, ob sich mit einem Abguss ein guter Preis auf dem Kunstmarkt machen ließe… gefallen hat sie mir außerordentlich. Vielleicht auch, weil ich zum ersten Mal richtig hingeschaut habe.

Leuchttonne

Was so eine Sommersonne alles kann. Kurz mal die schnöden Dinge des Alltags – wer bitte schön lässt seine Blicke länger als nötig auf einer Plastikmülltonne ruhen? – mit Gold überziehen. Jaja, und plötzlich ist man doch sehr froh, dass die Tonnen hier und da stehen. Schön sieht sie aus, elegant mit ihren Kurven und Dellen, und in Wahrheit strahlte sie, als wenn sie in Brand stehen würde (aber da würde sie auch nur rußig kokeln und rauchen, kennen wir alles). Auch sonst setzt so eine untergehende Sommersonne so einiges in leuchtenden Farbenbrand. Wo immer glatte und spiegelnde Oberflächen sind, zack! goldenes Gleißen, aber nur für wenige Minuten. Sonnenuntergänge gehen auch in Berlin noch zügig. Tja. Was soll man da sagen? Ein Hoch auf den Sommer! Mindestens. Auch oder gerade weil im Rücken schon ein Gewitter im Anzug ist.

Rückwärts lesen.

Nesel sträwkcür? Nee, so war das nicht gemeint. Obwohl das ein frühes Hobby in meiner Alphabetisierungsphase war – und lustig. Aber wenn ich heute rückwärts lese, geht es eher darum, Autor/innen, die ich mit einem aktuellen Buch kennengelernt habe, zu ihren Anfängen zu folgen. Nicht unbedingt chronologisch. Schließlich nutze ich eine viel frequentierte Bibliothek (und einmal mehr: Ein Hoch auf die Berliner AGB!). Dort fiel mir Esther Kinskys Roman „Banatsko“ von 2011 in die Hände. Und das war vielleicht ein Aha und Hallo! Denn alles, was ich in ihrem Roman „Am Fluß“, sperrig fand, vielversprechend zwar, aber zu vorhersehbar, gewollt, und vieles was mir dort trotzdem rasend gut gefiel und mich immer tiefer in das Buch zog (was für wunderbare Leseabende waren das!) – ja, alles da. Also vielleicht nicht diese völlig surrealen Szenen, aber das kann ich noch nicht mit Bestimmtheit sagen, ich bin  erst auf Seite 38. Aber da ist mir schon der Akkordeonspieler begegnet, wie er an seinem Fenster sitzt, in die Stille der Ebene lauscht und seine freigesetzten Traumfetzen, die er nachts mit seinem Instrument quetsch und beutelt, in seinem Herz und seinem Kopf treiben lässt. Esther Kinski lässt ihn denken „das ist das wahre Leben.“ Und ich denke an meine Zukunft in fünf Jahren. Das Foto ist natürlich nicht die Ebene, in die der Akkordeonspieler schaut, sondern einmal mehr eine Fahrbahn auf dem Tempelhofer Exflughafen. Wer das Cover von Banatsko kennt, erkennt vielleicht den Zusammenhang…

Wo ich in fünf Jahren bin?

Nein, es droht kein Bewerbungsgespräch. Die Frage kam mir beim Radfahren in der Abenddämmerung. Und ich konnte einmal mehr feststellen, dass ich keine Begabung für die Zukunft habe. Oder zumindest nicht für mich selbst. Ist das eine Scheu, darüber nachzudenken, was noch nicht ist. Als wenn man vor der Zeit schon mal nach seinen Geschenken linst? Ist es Desinteresse? Müdigkeit? Angst vor Veränderung? Was genau zeigt eine Antwort über den- oder diejenige, der oder die sie gibt? Strebsamkeit? Visionäre Fähigkeiten? Mut? Durchsetzungspotential? Oder doch nur sturen Willen? Nein. Ohne Antwort ist man sicher kein verpeilter Looser und mit wohl kaum bloß eine zielorientierte Fleißbiene. Die Frage geht mir nicht aus dem Kopf. Aber eine Antwort will und will sich nicht einstellen. Ich werde dranbleiben. Und mir die Sache mit den eigenen Zukunftsbildern mal genauer anschauen. Vielleicht erzählen ja die Träume etwas davon. In diesem Sinne also erst mal gute Nacht!

Chinaborsten

Da war ich doch einen Moment platt: „reine Chinaborsten“ – ? Klar, irgendwas muss vorne ja am Pinsel dran sein, aber was sind Chinaborsten? Chinaböller kenne ich. Aber Borsten wachsen nur am Vieh. Also Chinaviehborsten? Und warum rein? Weil noch keine Farbe dran klebt. Ja, was denn? Der freundliche Fachverkäufer? Dann doch lieber Google. Und klar: Schweine. Je älter das Tier, desto länger die Borsten. Und rar werden sie. Weil die Schweinchen jung besser schmecken. Meine reinen Chinaborsten sind eher kurz. Und mittlerweile rot. Nö. Kein Blut. Rote Kringel in der Küche. Weil bald schon wieder Herbst kommt. Und dann der Winter. Da brauche ich Farbe.

Die letzte britanische Inseltour: Sarah Kirschs Reisebuch „AEnglisch“

Nobel geht es nicht immer zu, auf Sarah Kirschs zweiwöchiger Reise durch Cornwall und Devon, zu der sie im August 2000 mit ihrem Sohn Moritz aufbricht. Viel mehr hin und her, denn die Buchungen erweisen sich als so wechselhaft wie das englische Sommerwetter: Auf die „sehr gemütliche“ Kabine im Schiff folgt ein großes Doppelzimmer „mit Schiebefenster“ zum Meer. Von dem kurz darauf bezogenen Einzelzimmer „im gehobenen Quartier“ von Torquay geht es in ein etwas „desolates“ Hotelchen, in dem es keinen Stuhl und kein Zahnputzglas gibt, dafür die „berühmte nackte Glühbirne als einziger Lichtquelle“. Die beiden Reisenden ziehen noch einmal um, in ein Bed & Breakfast-Haus gleich neben der Kirche von Harwich, das sie bei der Rückreise auf dem Fährschiff noch lange sehen.

Das Wetter spielt ja auf jeder Reise seine ganz eigene Rolle. Bei Sarah Kirsch sowieso: morgens ist sie so früh schon wach, dass sie den Tag in der sich trollenden Dunkelheit heraufkommen sieht und mit ihm Wolken, Regen, Sonne, Wind. Die Möwen ersetzen den (Reise)Wecker und die englischen Frühstücke sind meist köstlich, so dass jeder Tag wahrhaft vorzüglich beginnt. Natürlich ist das britische Wetter „launisch“ und „ne kleene Regenhaut muss man schon haben. Für alle Felle.“ Und einen Rucksack, wo dann der Lachsack verstaut wird, den Sarah Kirsch im „special sale“ der britischen Post erwirbt, und der fortan für einige Lacher sorgt, weil er unter dem Gewippe des Wanderns zu pfeifen und schreien beginnt, dass es die Passanten verwirrt und für die Leser eine Freude ist.

„In meinem Rucksack das Geschrei des Lachsacks, sehr ähnlich dem Möwengelächter. Wir mußten lachen lachen lachen! Es war sehr entzückend! Völlig durchweicht wieder im Hotel!“

Eine Freude, ja! Wer das knapp 60seitige Reisetagebuch liest, bekommt was zu sehen. Licht, Bäume, Meer, Museen mit Bilder-Bildern oder Agatha Christi Devotionalien, ein altes Schloss mit grandioser Bibliothek, den Himmel, die Tiere und immer wieder das in allen Tages- und Nachtfarben schillernde Meer. Es sind schöne Ferientage, nichts ist übereilt, die Landschaften bleiben beim Lesen vor den Augen stehen, sie werden sorgsam ausgeschrieben, ansonsten passiert wenig (wenn man von einigen dreist zu früh abgefahrenen Zügen absieht oder vor deutschen Touristen, die vorsichtig umgangen werden).

Wer noch nichts von Sarah Kirsch gelesen hat, wird sich vielleicht wundern, wie frisch und mit welchem Karacho die damals 65jährige ihre Tage unter fremden Himmeln wahrnimmt. Freche Göre, will man meinen, respektlos, aber gleichzeitig höchst präzis, gut gelaunt, verschmitzt und gar nichts von poetischer Grande Dame (die sie zu diesem Zeitpunk ja längst ist) auf Kulturtripp. Wer Sarah Kirsch schon gelesen hat, wird sie sofort und gleich auf der ersten Seite wieder erkennen. Ihre Sprache, die so turbulent ist wie eine Überfahrt über den Kanal, lautmalerisch, altertümlich, mit dem Berlinerischen ebenso zu so etwas wie einer Collage vermischt wie mit englischen Vokabeln, die ist ihr eigen, und vielleicht sogar, wie ein Kritiker in der taz einmal vermutete, eine Art Maske, hinter der sie sich vor uns Leser/innen verbirgt, denn zu viele Menschen sind ihr – das wird während der Reise mehr als deutlich – suspekt.

Als Dichterin macht sie hier das, was sie als Biologin während des Studiums gelernt hat: Die Welt ansehen und genau beschreiben. Kein Widerspruch, dass es sich um – wie sie ausdrücklich auf den Buchdeckel drucken lässt – „Prosa“ handelt, statt um Wissenschafts-Speech. Alexander von Humboldt hätte seine Freude, und auch wir sehen alles genau und können den Rest – denn so präzis bleibt sie mit dem Mesembrianthemum, den Fregatvögeln, den Kormoranen, den Crassulas und Brombeeren, dann doch – nachschauen. „Man ist ein Stückchen Natur in dem Ganzen“, sagt sie einmal in einem Zeit-Interview, und: (Es) ist eigentlich nur ein Vorhandensein in der Welt.“ Und keineswegs in einer heilen Welt, sondern einer äußerst wettrigen, also wechselhaften, wie man selbst im Urlaub feststellen muss.

„Ja, so isses alles gewesen. Und mir fällt immer was uffzuschreiben ein.“ So lesen wir im letzten Viertel des Buches. Keine Action, keine neue Erkenntnis, ein Urlaubsalltag mit Haare waschen, Galeriebesuchen, langen Spaziergängen, mit gutem Essen und nicht zu vergessen, dem „cream tea“ zur richtigen Nachmittagszeit. Zwei kleine glückliche Wochen, die ich beim Lesen miterleben kann, weil sie nichts außergewöhnliches haben, sondern so viel vertrautes. Es waren heute viele schaukelnde Wolken über Berlin. Sollte ich das Buch mit etwas vergleichen, dann vielleicht mit so einer Sommerwolke.

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Herzlichen Dank an Random-House für das Rezensionsexemplar.

Wann hast du das letzte Mal getanzt?

Eine Frage, die mir heute beim Tanzen kam – und sich nicht etwa um abendliche Ausgehmanöver dreht, sondern um spontanes Tanzen zu spontan aufgelegter Musik, oder einer, die gerade von irgendwo daher kommt. Ich konnte sie nicht beantworten, meine Frage. Das heißt, es muss schon sehr lange her sein. Eigentlich tanze ich gerne. Aber das scheint ja so ein Gesetz zu sein: Was du am liebsten tust, lässt du voraussichtlich auch zuerst wieder. Zumindest wenn du älter geworden bist als 20 und einen Alltag mit eingebauten Hürden zu durchleben hast. Und jetzt schnell schalten und dem Gehirn eine neue Programmierung eindrücken: Tanzen ist genauso wichtig wie den Müll raustragen. Also mach da jetzt was mit – und vergiss es nicht gleich wieder! – Ansonsten kein Grund zum Tanzen: gegen Netzpolitik.org ist Strafanzeige gestellt worden. Wir sollten jetzt sehr weit die Ohren aufstellen. Pressefreiheit ist auch Blogfreiheit.

Urlaub in Berlin

Was mit einer geschenkten Woche tun, wenn man während der Schulferien weder ins Ausland noch ins Umland will? Dableiben und querleben. So nennt zumindest meine schweizerische Freundin Gertrud die Tage, die man frei hat und während der man den Alltag kreuzt, indem man andere Wege geht oder Wege zu anderen Zeiten. Wo man vielleicht Stille sucht, oder mitten am Tag eine CD hört. Oder die Küche neu streicht, ins Schwimmbad geht und das Gespräch mit Fremden nicht sofort wieder beendet, weil man weiter muss. Oder in den Baumarkt geht, um mit Fischen auf Augenhöhe zu sein. Und das alles, ohne etwas vorzuhaben oder erledigen zu müssen!

Sieben von Zehn

Alzheimerpatient/innen werden zur Zeit in Deutschland von ihren Angehörigen gepflegt. Das Zahlenverhältnis geht mir seit Stunden nicht mehr aus dem Kopf. Sieben von Zehn. Das heißt auf der einen Seite, dass die meisten Erkrankten so lange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Auf der anderen Seite aber zeichnet sich die stille Last ab, die von Angehörigen geschultert wird. Tendenz steigend, wie es so schön heißt, denn nach den Prognosen wird sich die Zahl der Erkrankten bis 2050 verdoppeln.  Ein Grund zur Freude, weil der familiäre Zusammenhalt doch besser funktioniert als vermutet? Ein Skandal, weil sichtbar wird, wie viele Menschen mit dieser Krankheit allein gelassen werden? Ich weiß nicht, was ich denken soll. Nur, dass mich dieses Sieben von Zehn ziemlich vor den Kopf stößt.

Der Schnörkel

Der könnte meinetwegen auch als „Wort des Tages“ fungieren. Aber ich bin mir nicht so sicher, ob ich diese Rubrik noch öffnen und damit dieses Fass noch aufmachen soll (aber schön, was bei Wildgans da alles so rausschwappt). Der Schnörkel war eine Art Hauptbeschäftigung in meiner Schulzeit. Kaum wurde es langweilig im Unterricht (und das wurde es fast immer), holte ich Papier und Stift hervor, um unzählige Schnörkelfelder zu zeichnen.

Dem einen ist der Schnörkel Verzierung, dem anderen Verbrechen (so Adolf Loos, 1909). Dem schweizerischen Arzt Hans Martin Sutermeister schien es sogar, als könne das Betrachten von Ornamenten den Menschen erholen, ganz so wie rhythmische Musik. Dass hinter meinen geschlossenen Augen oft riesige Panoramen von Schnörkeln und abstraktem „Dekor“ wie in Kaleidoskopen schweben, spricht ja vielleicht dafür.

Wahrscheinlich gehört der Schnörkel zum Menschen wie das Haustier. Kaum wird sich eingerichtet, ist auch schon ein Schnörkel da. Oder wird wieder wegmontiert. Weil es Schnörkelbefürworter/innen und Schnörkelhasser/innen gibt. Bei mir gibt es so eine Art Schnörkel-Ebbe-und-Flut. Mal überwuchern Schnörkel in Form von kleinen netten Mitbringseln, Postkarten, getrockneten Blumen, Zeichnungen, Fotokopien meine Wohnung. Mal kriege ich einen regelrechten Schnörkelkoller und verbanne alles in die Schränke, Schubladen, und wen es hart trifft, in den Müll. Und den bringe ich jetzt raus. Sonst habe ich neben zu vielen Schnörkeln auch noch Fruchtfliegen im Haus.