Sieben von Zehn

Alzheimerpatient/innen werden zur Zeit in Deutschland von ihren Angehörigen gepflegt. Das Zahlenverhältnis geht mir seit Stunden nicht mehr aus dem Kopf. Sieben von Zehn. Das heißt auf der einen Seite, dass die meisten Erkrankten so lange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Auf der anderen Seite aber zeichnet sich die stille Last ab, die von Angehörigen geschultert wird. Tendenz steigend, wie es so schön heißt, denn nach den Prognosen wird sich die Zahl der Erkrankten bis 2050 verdoppeln.  Ein Grund zur Freude, weil der familiäre Zusammenhalt doch besser funktioniert als vermutet? Ein Skandal, weil sichtbar wird, wie viele Menschen mit dieser Krankheit allein gelassen werden? Ich weiß nicht, was ich denken soll. Nur, dass mich dieses Sieben von Zehn ziemlich vor den Kopf stößt.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 5

  1. mannigfaltiges 28. Juli 2015

    Mich würde interessieren warum dich das vor den Kopf stößt?
    Das die Pflege von Dementen (Alzheimerchen sind ja nur etwas mehr als die Hälfte davon) ziemlich im Argen liegt ist ja unbestritten. Es sieht auch nicht danach aus, dass sich über kurz oder lang etwas was ändert, Gröhes Flickschusterei hin oder her. Die Betreuungskräfte, welche in den Heimen extra dafür angestellt werden, sind ein Witz (meist sind sie vom Arbeitsamt/Agentur ), mit einer kurzen Ausbildung werden sie dann auf die Patienten losgelassen. Also ein Heim ist zum gegenwärtigen Standpunkt nicht unbedingt eine gute Alternative, aber oft geht es halt nicht anders.
    Auf der anderen Seite verliert jeder der einen Angehörigen zuhause pflegt enorm an Lebensqualität, eventuell auch an Lebensjahren. Man kann nicht alles einfach wegstecken, es prägt, fordert und kostet. Sicher es gibt Hilfen aber nur in einem beschränktem Umfang. Es gibt auch Modelle, ich nenn sie mal Utopia 2.0, in denen alles bestens ist (Generationengemeinschaften etc.). Sie erfordern allerdings ein gesellschaftliches Umdenken und völlig neue Wege. Ich glaube nicht das das mit dieser Gesellschaft machbar ist. Und schließlich und endlich ist alles ist eine Frage des Geldes.
    LG Erich

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  2. Stephanie Jaeckel 28. Juli 2015

    Lieber Erich, das ist es ja: ich weiß nicht, warum mich diese Zahl plötzlich so angesprungen hat. Meine Mutter ist an Alzheimer erkrankt, sie ist nach vielen Jahren zu Hause jetzt im Pflegeheim, eigentlich weiß ich, wo der Hase läuft. Vielleicht liegt es daran, dass ich so wenig Angehörige kenne (von den Leuten im Heim mal abgesehen). Oder kaum jemanden, der oder die darüber spricht. Und dann sind es offensichtlich doch schon so viele. Keine Ahnung. Noch weniger, wie ein guter Weg in die Zukunft aussehen könnte. Und was das Geld angeht, da wird es sicher noch hart kommen. Die ersten vielversprechenden Medikamente jedenfalls werden enorm teuer sein.

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    • mannigfaltiges 28. Juli 2015

      Ja, ich habe das alles auch mitgemacht, meine Mutter ist allerdings schon verstorben. Es gab zwar Angehörigengruppen, aber das war nix für mich. Von Berufswegen war mir die ganze Thematik von vornherein nicht unbekannt. Aber an der persönlichen Belastung hat das auch nix geändert. Vor allem wenn man das einzige Kind ist, sind manche Entscheidungen verdammt schwer. Erst als alles vorbei war, kam bei mir der große – sagen wir es mal so – „Burnout“.
      Erich

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