Die letzte britanische Inseltour: Sarah Kirschs Reisebuch „AEnglisch“

Nobel geht es nicht immer zu, auf Sarah Kirschs zweiwöchiger Reise durch Cornwall und Devon, zu der sie im August 2000 mit ihrem Sohn Moritz aufbricht. Viel mehr hin und her, denn die Buchungen erweisen sich als so wechselhaft wie das englische Sommerwetter: Auf die „sehr gemütliche“ Kabine im Schiff folgt ein großes Doppelzimmer „mit Schiebefenster“ zum Meer. Von dem kurz darauf bezogenen Einzelzimmer „im gehobenen Quartier“ von Torquay geht es in ein etwas „desolates“ Hotelchen, in dem es keinen Stuhl und kein Zahnputzglas gibt, dafür die „berühmte nackte Glühbirne als einziger Lichtquelle“. Die beiden Reisenden ziehen noch einmal um, in ein Bed & Breakfast-Haus gleich neben der Kirche von Harwich, das sie bei der Rückreise auf dem Fährschiff noch lange sehen.

Das Wetter spielt ja auf jeder Reise seine ganz eigene Rolle. Bei Sarah Kirsch sowieso: morgens ist sie so früh schon wach, dass sie den Tag in der sich trollenden Dunkelheit heraufkommen sieht und mit ihm Wolken, Regen, Sonne, Wind. Die Möwen ersetzen den (Reise)Wecker und die englischen Frühstücke sind meist köstlich, so dass jeder Tag wahrhaft vorzüglich beginnt. Natürlich ist das britische Wetter „launisch“ und „ne kleene Regenhaut muss man schon haben. Für alle Felle.“ Und einen Rucksack, wo dann der Lachsack verstaut wird, den Sarah Kirsch im „special sale“ der britischen Post erwirbt, und der fortan für einige Lacher sorgt, weil er unter dem Gewippe des Wanderns zu pfeifen und schreien beginnt, dass es die Passanten verwirrt und für die Leser eine Freude ist.

„In meinem Rucksack das Geschrei des Lachsacks, sehr ähnlich dem Möwengelächter. Wir mußten lachen lachen lachen! Es war sehr entzückend! Völlig durchweicht wieder im Hotel!“

Eine Freude, ja! Wer das knapp 60seitige Reisetagebuch liest, bekommt was zu sehen. Licht, Bäume, Meer, Museen mit Bilder-Bildern oder Agatha Christi Devotionalien, ein altes Schloss mit grandioser Bibliothek, den Himmel, die Tiere und immer wieder das in allen Tages- und Nachtfarben schillernde Meer. Es sind schöne Ferientage, nichts ist übereilt, die Landschaften bleiben beim Lesen vor den Augen stehen, sie werden sorgsam ausgeschrieben, ansonsten passiert wenig (wenn man von einigen dreist zu früh abgefahrenen Zügen absieht oder vor deutschen Touristen, die vorsichtig umgangen werden).

Wer noch nichts von Sarah Kirsch gelesen hat, wird sich vielleicht wundern, wie frisch und mit welchem Karacho die damals 65jährige ihre Tage unter fremden Himmeln wahrnimmt. Freche Göre, will man meinen, respektlos, aber gleichzeitig höchst präzis, gut gelaunt, verschmitzt und gar nichts von poetischer Grande Dame (die sie zu diesem Zeitpunk ja längst ist) auf Kulturtripp. Wer Sarah Kirsch schon gelesen hat, wird sie sofort und gleich auf der ersten Seite wieder erkennen. Ihre Sprache, die so turbulent ist wie eine Überfahrt über den Kanal, lautmalerisch, altertümlich, mit dem Berlinerischen ebenso zu so etwas wie einer Collage vermischt wie mit englischen Vokabeln, die ist ihr eigen, und vielleicht sogar, wie ein Kritiker in der taz einmal vermutete, eine Art Maske, hinter der sie sich vor uns Leser/innen verbirgt, denn zu viele Menschen sind ihr – das wird während der Reise mehr als deutlich – suspekt.

Als Dichterin macht sie hier das, was sie als Biologin während des Studiums gelernt hat: Die Welt ansehen und genau beschreiben. Kein Widerspruch, dass es sich um – wie sie ausdrücklich auf den Buchdeckel drucken lässt – „Prosa“ handelt, statt um Wissenschafts-Speech. Alexander von Humboldt hätte seine Freude, und auch wir sehen alles genau und können den Rest – denn so präzis bleibt sie mit dem Mesembrianthemum, den Fregatvögeln, den Kormoranen, den Crassulas und Brombeeren, dann doch – nachschauen. „Man ist ein Stückchen Natur in dem Ganzen“, sagt sie einmal in einem Zeit-Interview, und: (Es) ist eigentlich nur ein Vorhandensein in der Welt.“ Und keineswegs in einer heilen Welt, sondern einer äußerst wettrigen, also wechselhaften, wie man selbst im Urlaub feststellen muss.

„Ja, so isses alles gewesen. Und mir fällt immer was uffzuschreiben ein.“ So lesen wir im letzten Viertel des Buches. Keine Action, keine neue Erkenntnis, ein Urlaubsalltag mit Haare waschen, Galeriebesuchen, langen Spaziergängen, mit gutem Essen und nicht zu vergessen, dem „cream tea“ zur richtigen Nachmittagszeit. Zwei kleine glückliche Wochen, die ich beim Lesen miterleben kann, weil sie nichts außergewöhnliches haben, sondern so viel vertrautes. Es waren heute viele schaukelnde Wolken über Berlin. Sollte ich das Buch mit etwas vergleichen, dann vielleicht mit so einer Sommerwolke.

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Herzlichen Dank an Random-House für das Rezensionsexemplar.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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