Hoffnungsvorrat

las ich gestern auf den ersten Seiten von Terézia Moras Poetikvorlesung „Nicht sterben“. Hoffnungsvorrat sei nötig, sagt sie darin, um überhaupt mit dem Schreiben zu beginnen. Denn am Anfang ist so gut wie nichts klar, eher vage und schwer auszuhalten. Hoffnungsvorrat, schreibt sie weiter, habe sie möglicherweise bei Alexander Kluge gelesen, und ich denke, das ist es ja auch, was wir zum Weiterleben brauchen, einen Hoffnungsvorrat, um nicht auf der Stelle zu sterben.

Parze sein

Nö. Das ist mal kein Ausbildungsberuf. Das ist eine Aufgabe. Für die man zumindest schreiben können, studiert haben und Geduld aufbringen muss. Die drei Parzen waren in griechischer Zeit die „Sekretärinnen“ Jupiters – natürlich ohne knappen Rock und Schreibmaschine. Sie schrieben das Schicksal fort und archivierten es auch. Mittlerweile gibt es hunderte mehr als drei und unsere Arbeit für ein großes Lexikon wird zu Hause erledigt, nicht im großzügigen Büro Jupiters. Oft gibt es nur knappe Hinweise auf das Leben der uns anvertrauten Schützlinge, allesamt Künstlerinnen oder Künstler in den vorgegebenen Sparten. Wir rekonstruieren deren Lebenswege, suchen nach Spuren, realen und solchen in Büchern, wir schätzen ein und schlagen Bögen zu anderen Künstlerkolleg/innen zu Zeiten, Themen, Orten. Den Lebensfaden schneiden wir nicht ab. Das ist meist schon geschehen. Aber wir drehen den Faden neu, dick oder dünn, farbig, fransig oder fest, damit andere damit ihre Überlegungen verfolgen oder Aufsätze schreiben können. Parze sein ist ein diskreter Beruf. Und eine ungeheure Bereicherung. Denn in der Kunst gilt, was auch sonst: Die Berühmtesten sind nicht unbedingt die Besten…

Teenager-Sehnsucht

Als ich neulich dieses verwackelte Foto sah, fiel mir wieder ein, wie glücklich ich mit 17/18 war, einfach nur Beifahrerin zu sein in einem befreundeten Auto, das möglichst von meinem Kaff (hier kleb‘ ich, hier geh‘ ich ein) weg in eine andere Richtung fuhr. Meist war das Wegfahren auf die Hälfte der Zeit beschränkt. Die andere Hälfte brauchten wir dann ja für den Rückweg. Es waren kleine Fluchten, die mir ungeheuer abenteuerlich vorkamen, weil es mit etwas Fantasie ja doch schon fast so aussah, als wäre man weg von zu Hause. Meist fuhr ich mit meiner Cousine los, die älter ist als ich und nach dem Führerschein einen alten, aber durchaus imposanten Mercedes von ihren Eltern geschenkt bekommen hatten. Wir hatten Knabberzeug dabei, Süßigkeiten, hielten irgendwann auf einem Parkplatz oder einem Seitenweg und malten uns unsere Zukunft aus. Ob ich gelegentlich noch mal mit einem Freund oder einer Freundin nirgendwohin Auto fahren soll?

Von hier aus geht’s aufs Land,

in Anna Quindlens diesjährigem New York Times Bestseller. Wenn ich als Leserin einen Tipp geben darf, dann diesen: ein sonniges Plätzchen suchen, am besten für einen langen Wochenendtag, mit einem heißen Kaffee beginnen und dann über Rhabarberschorle, geeisten Joghurtdrink am frühen Abend zum Landwein übergehen, und – wer danach noch schlafen kann – mit einem Espresso enden.

Der Roman ist eine Ferienlektüre, eine, die in einem Rutsch gelesen werden will. Das steht so natürlich nicht im Klappentext, aber gäbe es Gebrauchsanweisungen für Bücher, und wäre ich Gebrauchsanweisungsschreiberin, nun, ich würde das Buch unter eben diese Rubrik einordnen. Oder unter Wohlfühlbuch, wo nichts, weder Scheidungen, ekelhafte Ehemänner, verrückte Geschwister, demente Eltern noch Geldsorgen wirklich weh tun. Das sind alles Schicksalsschläge, die den Gang der Dinge am Laufen halten, nie wirklich existentielle Sorgen. Auch wenn schon mal der Strom ausgeht und nur noch trockene Toastbrotscheiben im Kühlschrank gammeln. Es gibt allerdings keine Gebrauchsanweisungen für Bücher, also schreibe ich, was ich gelesen habe.

Erst mal eine Geschichte, die mir nah geht. Ich bin zwar noch nicht ganz so alt, ich habe weder einen Ex-Mann, noch Kind, ich bin nie berühmt gewesen, und sei es nur für eine einzige Fotoserie, ich lebe auch nicht in New York. Dafür kenne ich das Problem des Allein-seine-Frau-Stehens, das Gefühl, älter zu werden, die Lust am Fotografieren und die saumselige Art liebloser Mütter. Außerdem mag ich Geschichten, die in alte, verkommene Häuser führen, wo improvisiert werden muss, um aus dem Umheimeligen wieder ein zu Hause zu machen, übrigens ein Aspekt in Esther Kinskys „Am Fluss“, der mir ausnehmend gut gefallen hat. Rebecca Winter lernen wir in ihrer dritten Nacht in einem „maroden kleinen Haus“ an einer namenlosen Straße irgendwo in der amerikanischen Provinz kennen, wie sie aus dem Schlaf fährt, weil sie einen Schuss, oder das, was sie für einen Schuss hält, hört. Ihr ist, wie zu erwarten, unheimlich, aber sie bleibt stocksteif vor Schreck und vor Ratlosigkeit liegen, denn weder Uhr noch Handy können ihr in dieser fremden Dunkelheit im Funkloch Orientierung geben. Wir ahnen es schon, sie ist wirklich am Ende der Welt angelangt, wäre da nicht so ein feines kleines Café, in dem es garantiert immer beste Muffins und Scones gibt, eine Wirtin mit dem Herzen am rechten Fleck und gleich am Morgen nach dem vermeintlichen Schuss einen Mann wie ein Schrank, der – ich ahne es bereits auf Seite 14 – der zukünftige Mr. Right sein wird:

„Er hatte ein verbeultes Metalletui aus der Gesäßtasche gezogen und ihr eine Visitenkarte gegeben. Seine Hände, fand Rebecca, schrien förmlich danach, fotografiert zu werden. Auf den Handrücken wuchsen helle Härchen, und die Hände waren übersät von Narben: winzigen Linien, größere Kreise, am Rand der einen Handfläche schlängelte sich eine lange, hellrosa Zickzacklinie entlang. Am linken Zeigefinger fehlte das letzte Fingerglied. In Schwarz-Weiß, das wusste Rebecca, würden die Narben stärker hervortreten, die Härchen wie fein schraffiert wirken.“

Von da an mache ich mir keine rechten Sorgen mehr. Hier und da tropfen kleine Geldsummen auf ihr geschrumpftes Konto, ulkige Vergütungen wie ein Preis, von einem reichen Hobbymaler ins Leben gerufen, der nur an ältere Kunstschaffende ausgegeben wird und kaum einen Heller (bzw. Dollar) wert ist. Mit zu großem Ego wäre für Rebecca vielleicht schon hier Schluss, denn es ist klar, dass die Auszeichnung fast so etwas wie ihr Gegenteil ist, als PreisträgerIn ist man zumindest schon lange Zeit weg vom Fenster (und aus den Galerien).

Gut gefällt mir, dass Rebecca ausgerechnet mit einem Foto von ungespültem Geschirr und Resten eines Abendessens mit Freunden ihre Karriere beginnt, einem Foto das ihre verkorkste Ehe zeigt und den hochtrabenden Titel „Stillleben mit Brotkrümel“ trägt. Verkorkste Ehe deshalb, weil ihr Mann Peter eine diebische Freude daran hat, seine Frau abends mit umangekündigten Gästen zu überraschen, die dann nicht nur standesgemäß (der Mann ist Professor) bewirtet werden, sondern hinter denen, bis der Mann am nächsten Morgen wieder in der Küche erscheint, auch noch penibel hergeräumt werden muss (dass alles noch schlimmer kommt, ist auch hier schon vorauszusehen). Auch später, wenn sie ihren Sohn oder dessen Spielzeug fotografiert, wird das unter feministischen Vorzeichen markttauglich gemacht, während sie eigentlich nur ihren goldenen Käfig von innen ablichtet.

Dass die Autorin ausgerechnet Rebeccas Profession, die Fotografie, zu einem Angelpunkt ihrer Veränderung macht, überzeugt mich allerdings nicht. Auch wenn ich über die anderen Klischees großmütig hinwegsehe, weil die Geschichte, trotz aller Vorhersehbarkeit süffig zu lesen ist und gute Laune macht, weil zumindest hier mal alles ziemlich schnell funktioniert und die Probleme, die einen im Leben Wochen, Monate, auch mal Jahre im Weg stehen, ratzfatz erledigt werden. Und weil wir dauernd in den Wald gehen, einen süßen Zottelhund als Mitbewohner bekommen und Muffins satt essen, ohne zuzunehmen. Nicht, dass ich ihr nicht abnehme, dass das Landleben eben doch einen Zauber haben kann und Großstadtneurotikerinnen, wie Rebecca eine ist, auf einige elementare Dinge des Lebens zu stoßen in der Lage ist. Was ich ihr nicht abnehme, dass sie früher nur Formen, Linien, Schattierungen und Kontraste gesehen hat, um ihre Fotos zu machen und erst in der Einsamkeit des Waldes angesichts merkwürdiger Kreuze, die dort scheinbar wie Pilze aus dem Boden wachsen, das Leben hinter der Kamera wahr nimmt. Doch nicht, wenn man vorher so sehr die Enge des eigenen Lebens zeigt – !? Vielleicht ist die Geschichte nicht die eines „Neubeginns“, wie der Klappentext verspricht, sondern die eines langsamen Ankommens. Und zwar auf den noch nicht so ausgetretenen Spuren vom Luxusappartement am Central Park in ein namenloses Kaff am Rand eines wilden Waldes. Ende gut, alles gut. Allerdings hätte es mir besser gefallen, Rebecca wäre in dem alten klapprigen Häuschen geblieben, statt sich auf dem Grundstück ein nagelneues Haus aus Glas und Zedernhaus mit einem Zinkdach zu bauen, von dem Geld, was natürlich auch wieder fließt.

Herzlichen Dank an Random House für die Zusendung eines Rezensionsexemplars.

Steine klopfen

Geduld ist nicht gerade das, was mir gegeben ist. Nein, halt! Es gibt zwei Arten der Geduld, in der einen bin ich gut, die andere wird wohl noch ein weiter Weg. Gut kann ich mit Menschen geduldig sein oder mit Hunden. Sicher nicht mit allen Menschen, sicher nicht in allen Situationen, aber grundsätzlich werde ich nicht nervös, wenn es nicht in meinem Tempo geht. Auch Stillstand ertrage ich relativ gut. Aber wenn es um Arbeit oder Leistung geht, verwandele ich mich in ein Ungeduldsmonster. Eine Idee lässt sich nicht mir nichts, dir nichts umsetzten!? Grrrrrhhh! Schon werde ich unerträglich. Dazu passen für mich übrigens auch Ergebnisse der Forschung aus den letzten 40 Jahren, die besagen, dass möglicherweise Geduld bzw. Ausdauer wichtiger für den beruflichen Erfolg ist als Intelligenz.

Gerade gestern konnte ich wieder beobachten, wie schnell ich entmutigt bin. Da klappt was nicht so, wie ich mir das gedacht hatte, und schon säge ich an dem Ast, auf dem ich gerade sitze: Ich finde mich erst naiv, dann dumm (so eine blöde Idee), dann völlig unfähig, d.h. ich fahre gleich alle großen Geschütze auf, um mich schnell wieder auf Rückzug zu stellen. Bis mir heute, als ich mir die Sache noch mal ansah, eins klar wurde: Das kann ich nicht mit drei, vier Zügen fertig machen. Das ist kompliziert. Hier ist dranbleiben angesagt. „Steine klopfen“ nennt mein Nachbar das, und ich weiß, dass er weiß, wovon er redet. Was soll ich sagen. Heute ist ein guter Tag. Ich werde endlich mit dem Steine klopfen beginnen.

Wer im Leuchtturm sitzt,

sollte keine Orientierung erwarten. Dennoch ist der Leuchtturm ein Sehnsuchtsort. Weil er Abgeschiedenheit verspricht und einen endlosen Blick aufs Meer. Seeleuten aller Zeiten mag ein Stein vom Herzen gefallen sein, wenn sie nach langen Überfahrten endlich wieder künstliches Licht und damit Land in Sicht bekamen.

Eine meiner ersten Erinnerungen überhaupt ist die an einen Leuchtturm an der Nordseeküste. Als Kind hatte ich Angst im Dunkeln. Nachts allein in einem fremden Zimmer zu sein, war eine echte Herausforderung. Wie erleichtert war ich, als ich sah, wie Lichtstreifen regelmäßig über die Wände zogen. Den Weg haben sie mir nicht gewiesen, aber beim nächtlichen Aufwachen schnelle Orientierung gegeben. Schade eigentlich, denke ich oft, dass wir in Berlin keinen Leuchtturm haben – keinen Leuchtturm mehr haben, muss es eigentlich heißen, denn als das Tempelhofer Feld noch in Betrieb war, gab es einen, für Flugzeuge, versteht sich. Er hatte nur ein Licht, aber wie sehr ich das mochte, wenn ich nachts auf dem Rad nach Hause fuhr. Am Rand der bekannten Welt sitzen und schauen, was kommt. Das geht sogar nachts auf der eigenen Fensterbank. Also dann, ahoi gents and Ladies! Die Nacht bricht an.

Frühstück

Ich gebe es sofort zu: Mein Tisch war heute morgen etwas merkwürdig gedeckt. Aber keine Sorge, ich bin keine heimliche Rosa-Schnüfflerin. Ich wollte bloß so schnell wie möglich entscheiden, welche Farbe auf meine Fußnägel kommt. Und was habe ich gelacht, als ich die aufgestellten Lackdöschen sah: ein besonders breites Farbspektrum ist das ja nicht! Aber gerade in den Nuancen ein ziemlich sprechendes Stimmungsbarometer. Ich habe übrigens, da ich schon bei Rosa bin, erst ein einziges Mal eine rosa gestrichene Wand in der Wohnung eines Mannes gesehen. Und nicht wesentlich öfters bei Frauen. Das Baby- oder Kleine-Mädchen-Image klebt wohl noch immer an dieser an sich ja sehr frischen Farbe. Angeblich macht sie gute Laune. In diesem Sinne ist das heute mal ein Plädoyer für Rosa – und zwar nicht nur auf Fuß- oder Fingernägeln. Und ein besonderer Gruß an die Herren: Trauen Sie sich!

Trost

Kommunikation macht uns als soziale Wesen aus. Wir lernen sprechen, lesen, schreiben, für das Berufsleben gilt das miteinander Reden unter den so genannten Soft Skills als Schlüsselqualifikation. Da wird kundenorientiert gedacht, verhandelt, woanders wird schön geredet, hier und da übers Ohr gehauen. Für das alles gibt es Kurse, mittlerweile auch für die Schüchternen, Rhetorik wird wieder groß geschrieben.

Was niemand lernt, was aber früher oder später auf dem Tablett landet, ist es, Trost zu spenden. Hier verstummen viele der sozialen Wesen und machen die Fliege. Wenn’s sein muss, auch für immer. Warum das so ist, liegt nah: wer Trost braucht, ist auf ein Terrain geraten, das Angst macht: Trennung, Krankheit, Tod sind wohl die härtesten Kaliber, aber auch Neid oder die eigene Dusseligkeit können Trost einfordern. Und dann? Wer selbst noch keine Lebenskatastrophe durchgemacht hat, kann vermutlich nicht so gut trösten. Denn dazu gehört Erfahrung. Aber natürlich gibt es auch schon Kinder, die einen Schmerz spüren. Trösten heißt, von der Wortherkunft her auch „treu sein“, jemandem beistehen. Geduld ist ein guter Berater, wenn eine Zeit des Tröstend kommt: Denn viele Male werden die schrecklichen Momente, das eigene Versagen, glücklichere Tage und mögliche Entscheidungen wieder- und wiederholt, vielleicht um an einer Stelle in der Kette der Ereignisse endlich den Grund oder den Sinn zu finden, Schuld oder die eigene Unschuld.

Es sind oft fremde Menschen, die einen im Ernstfall den größten Trost geben. Vielleicht, weil sie im Moment unseres Kummers ganz unbefangen auf uns zugehen, weil sie keine Angst haben, in irgendeinen Abgrund gerissen zu werden, weil sie gerade auf unserer Wellenlänge sind. Den größten Trost bekam ich von einer Blumenverkäuferin, die mir kurz vor der Beerdigung meines Freundes sagte, wie hinreißend ich in meiner Trauer aussehe. Und sie hatte Recht. Das tagelange Weinen hatte mein Gesicht regelrecht blank gewaschen. Anspannungen, Arbeitsstress, Unmut, alles war weg angesichts dieses unfassbaren Ereignisses, dass sich, gerade an diesem Beerdigungstag übrigens, mehr als einmal zwischen Verzweiflung und Euphorie drehte.

Trost ist ein anstrengendes Geschäft. Aber, so zumindest ist meine Erfahrung, es lohnt sich. Weil – egal auf welcher Seite man sich befindet, d.h. als Tröstende oder als Getröstete – man stets erlebt: Du bist nicht allein.

Wenn’s mir grün wird,

fällt als erstes die Zeit um. Es kribbelt in den Beinen und Ameisen üben Kopfstand auf den Spitzen meines Haars. Im Grün fliegen Flögel, kein Mensch hat sie je gesehen, wo sie landen weiß ich nicht, sie schneiden Muster in die Luft und zwitschern phrygisch nur. Bei grün ist die Luft beschwingt, der Blick wandert und verbandelt sich hier und dort mit dem gleißenden Gegenblick, nur Blitze zucken, vom Donnerwetter keine Spur. Wenn es mir grün wird, flattert mein Herz, schlägt Purzelbäume, um sich am Abend, wenn es blau wird, ins Schlafnest zu kuscheln.