Gewitternacht

Gut ausgerüstet saß ich gestern Abend am Fenster, das Mikrofon in der einen, die Kamera in der anderen Hand, und mit einem kribbeligen Jagdfieber in den Knochen. Gibt es schon Gewittersafaries? Wahrscheinlich. Wahrscheinlich sind die auch schon ein ziemlich kalter Kaffee angesichts der Tornado-Touren, die gerade für Naturactionfilmer der Hammer sein müssen. Gewitter reichen mir da schon. Also, auf Blitz und Donner war ich aus, dazu gab es schon mal prasselnden Starkregen, wie das in der Fachsprache heißt, mein Mikrofon lief an. Wetterleuchten war in allen Farben zu sehen und hier und da schon gab es diese richtigen Wahnsinnsblitze, von denen einer schon mehr als ein paar hundert Frankensteins zum Leben erwecken könnte. Es wummerte. Und wo der Blitz sehr scharf den Himmel zerteilte, krachte es auch schon. Das Mikro lief, aber die Kamera wollte nicht. Immer wenn ich ein Himmelslicht erwischen wollte, blieb sie taub. Ich konnte drücken so viel ich wollte, die Kamera regte sich – lange – nicht, um dann den nachtschwarzen Himmel aufzunehmen. Na toll! Und je verbissener ich die Sache anging, desto weniger gelang. Schließlich wurden auch die Sounds leiser, der Regen flaute ab. kaum dass 10 Minuten Bambule gewesen war. Enttäuscht ging ich zu Bett. Um Mitternacht krachte es noch einmal, aber da war ich schon mit Morpheus zu Tisch. Immerhin hat ein Foto so eine ulkige Farbe, die dem „schmutzigen“ Nachtlicht bei einem Gewittersturm doch sehr nah kommt. Und immerhin ist der Sommer noch nicht zu Ende und ich kann mein Jagdglück noch einmal suchen.

Befreiung aus dem Schmerzgefängnis (Migräne II)

Diese Geschichte hat einen Haupteingang (über die beiden Nebentüren will ich ein anderes Mal schreiben): Er führt von der Literatur direkt ins Leben. Wer es pathetischer mag: Er zeigt, wie Bücher uns befreien können.

Oliver Sacks Migräne-Buch war eigentlich mein erster Schritt (von Arztbesuchen abgesehen) in die Richtung meiner Krankheit. Bis dahin war ich lediglich vor ihr weggelaufen. Anfangs, weil ich nicht einmal wusste, dass diese Höllenform von Kopfschmerz einen eigenen Namen trägt und bestimmte – wenn auch sehr individuelle – Verläufe hat. Später, weil ich Angst vor diesen Torturen hatte. Siri Hustvedts Bücher, vor allem die Essays, brachten mich auf eine bis dahin unerwartete Spur. Ich hatte mittlerweile gelernt, dem Schmerz nicht auszuweichen. Ich wusste, wie ich Attacken vorbeugen kann, was zu tun ist, wenn eine unaufhaltsam im Anmarsch ist und dass es eben mit der Migräne so ist, wenn man sie hat. Ich hatte sie, ich wollte sie nicht mehr loswerden, aber das Gerede über den Sinn von Schmerzen ging mir ziemlich auf den Wecker.

Hustvedt zeigte mir die mannigfachen Facetten der Migräne. Von überwältigenden Müdigkeiten über Licht- und Tonvisionen zu den ganz eigenen Traumformen. Ich begriff den Zugewinn, vor allem in einem sinnlichen und damit der Kreativität sehr zugänglichen Bereich.

Heute habe ich angefangen die Autobiografie von Hilary Mantel zu lesen. „Von Geist und Geistern“ heißt sie und beginnt gleich auf der ersten Seite mit einem Flimmern, das an diesem Vormittag mit dem sie in ihre Lebensbeschreibung einsteigt, ein Migränevorbote sein könnte. Hilary Mantel charakterisiert das typische Migräne-Symptom als Boten mit zwei Meldungen: dem Signal schnellstmöglich ein Medikament zu nehmen und dem übersinnlichen Wink von Mantels verstorbenem Schwiegervater. Mantel hat keinen Knall. Migränikern brennen keine Nervenstränge durch, auch wenn sich das manchmal so anfühlt. Sie beschreibt diese merkwürdige Sicht von Dingen, die anderen Menschen nicht – zumindest nicht auf Anhieb – zugänglich sind als „Kunstform“, als ein „geheimes Talent“ (einem von vielen, mit dem sie – oder auch ich – kein Geld machen kann) und, was mir fast am besten gefällt, als „übersinnlichen Schmuck“. Denn was man in diesen Zuständen „sieht“ ist da. Ich sehe leider keine Menschen, die ich geliebt habe, sondern gelegentlich Fremde, die nachts an meinem Bett hocken und mir einen Schreck einjagen. Die Schulmedizin beschreibt dieses Phänomen als krankheitsbedingt und betont, dass die „Alpträume“ so real seien, dass die von ihnen Befallenen sie im ersten Moment als Realität einschätzen. Man sollte die Sache wohl besser andersherum verstehen (ohne dass ich für das Vorhandensein von bösen Typen an meinem Bett eine Erklärung hätte). Die ersten drei Seiten, um endlich auf den Punkt der Befreiung zu kommen, haben mir wirklich die Gittertür geöffnet. Ich fühle mich völlig aus dem Schmerzkäfig entlassen, vielleicht, weil ich jetzt einen „Sinn“ für mich erkenne. Oder, weil ich ja eigentlich jedem Sinn gegenüber Verdacht hege: Weil ich einen Ausgleich erkenne für die im Schmerzkerker verbrachten Stunden.

geschmolzene Stunde

Wenn es heiß ist, höre ich Musik anders. So als schmelze die normale Distanz weg, die ich zu Tönen und Geräuschen halte. Heute zum Beispiel habe ich bei satten 38°C Papierrascheln gehört wie noch nie. Sicher auch, weil mehrere Personen in einer schönen Choreographie gleichzeitig raschelten. Und weil ich bei Hitze so lethargisch werde, war es gleich auch noch so, als schwebte ich in einer Papierwolke.

Bei der Aufführung meiner eigenen ersten Komposition änderte sich auch Gewohntes in Neues. Denn wo ich normalerweise nach zwei Minuten schon Angst bekomme, die Zuhörer/innen könnten sich langweilen und das Ende des Stücks herbeisehnen, legte sich wohlige Zeitlosigkeit über mich. Sogar angesichts zweier pöbelnder Gäste, die sich laut lachend auf die Schenkel klopften, wohl um zu demonstrieren, für wie bescheuert sie das Ganze hielten. Ich habe trotzdem alles gehört und anders als sonst (ein Hoch auf die Affenhitze!) jeden Ton am richtigen Platz gefunden. Wenn die Wetterfrösche nicht irren, soll es morgen noch einmal so heiß werden!

Mein neuer Bürokollege

kommt aus Spanien. Rapido/Pido, auch liebevoll „Dickerchen“ genannt, ist für die Arena ausgebildet und lernt gerade die Büroarbeit lieben. Wahrscheinlich war er einfach zu verspielt, um Runde um Runde einem falschen Hasen hinterher zu laufen. Er wurde aussortiert und hatte Glück, dabei nicht gleich an den nächsten Baum gehängt zu werden oder sämtliche Knochen gebrochen bekommen zu haben. Er ist unglaublich zurückhaltend, geradezu höflich, was darauf schließen lässt, dass er mit gutem Benehmen eine Weile auf der Straße überlebt hat. Ob er von dort seine Vorliebe für Möhren (Veggi-Knochen) und Äpfel hat? Auf jeden Fall hatte er Glück, kam in ein Hundeheim und von dort zu seinem neuen Rudel, meiner Kollegin und ihrem Freund. Wenn er sich auf den Boden legt sieht er aus wie ein gefällter Baumstamm, so lang ist er (im Körbchen rollt er sich natürlich nach Hundemanier zusammen). Und er passt mit seiner Nase genau auf meine Schreibtischplatte. Wo er gelegentlich die Lage peilt. Dann schnuppert er ausdrücklich an der Möhre oder dem Apfel. Mehr nicht. Selbst wenn ich in die Küche gehe, liegen Obst und Gemüse noch da. Aber Pido hat sie meist immer noch aufmerksam im Blick. Ich freu‘ mich, dass ich mich auf ihn verlassen kann. Nur weiß ich beim besten Willen nicht, wie man so einen großen, dünnen Hund fotografiert!

Selbstbestimmung

Was mich in der Debatte um die Sterbehilfe zunehmend irritiert – oder nein: meine Irritation nimmt langsam Konturen an. Wo vorher nur ein Unbehagen war, entstand die Frage, warum die Selbstbestimmung beim Sterben so hoch angesetzt und v.a. so selbstverständlich gesetzt wird. Natürlich geht es mir nicht darum, Sterbende allein zu lassen. Wer nicht mehr leben will, soll die Möglichkeit haben, zu gehen. Egal ob „gesund“ oder „krank“. Aber warum gilt es uns als so selbstverständlich, dass ein Mensch über seinen Tod entscheidet?

Meine Mutter – das hatte ich an dieser Stelle gelegentlich erwähnt – ist an Alzheimer erkrankt. Als sie die Diagnose bekam, hat sie oft davon gesprochen, lieber sterben zu wollen, als die Krankheit bis zum Ende durchzustehen. Doch jedes Mal, wenn ich mit ihr darüber geredet habe, blieb sie vage. Irgendwann konnte sie kein Gespräch mehr führen. Sie hat in der Zeit oft über Stunden wiederholt: „Ich wollte, ich wäre tot, ich wollte, ich wäre tot.“ Ausgelöst von der Alzheimer oft begleitenden (und nur allzu verständlichen) Depression? Oder fester Wille? Ich hatte das Gefühl, der Zug sei abgefahren. Da konnte sie durchaus Dinge noch einschätzen. So hat sie ihr Gebiss derart unauffindbar verloren, dass ich sicher bin, dass sie absichtlich diese blöden Zähne entsorgt hat. Es kam mir vor, als hätte sie sich auch noch selbst verschwinden lassen können. Auch dieser Zug ist jetzt abgefahren. Jetzt kann sie über fast nichts mehr bestimmen. Sie ist auf meinen Vater und auf mich angewiesen. Ich stelle mir vor, wie ich mich beim Sterben auf geliebte Menschen verlassen kann. Dass ich keine Entscheidung treffe, sondern mich auf Abschied und Ende konzentriere. Ich stelle mir auch die realistischere Variante vor, dass ich mich auf Ärzte und Pflegepersonal verlasse und mich auf meinen Tod konzentriere. Gut möglich, dass das nicht die glücklichste Zeit meines Lebens wird. Aber – und dafür sehe ich immer wieder Hinweise – vielleicht eine intensive.

Oh, Mond!

Wie das wohl war als der erste Mensch/Neanderthaler, Mann oder Frau, auf den Himmel wies, um einem Gegenüber den vollen Mond zu zeigen? Und was die beiden dann mutmaßten? Der Mond seinerseits hat schon viel gesehen. Und wie beruhigend, dachte ich.

Brett vor dem Kopf

Manchmal bräuchte ich eins. So ein ordentliches dickes Brett auf Augenhöhe, keineswegs – wie wohl ursprünglich verwendet, auf der Stirn, ich bin schließlich kein Ochse und ein Joch wünsche ich mir auch gar nicht. Aber einen Sichtschutz. Denn von meinen Sinnen sind die Augen die schnellsten. Kaum haben sie was gesehen, drehen sie den restlichen Körperfunktionen den Saft ab. Vor allem dem Denken (sollte das überhaupt zu den Körperfunktionen gehören). Ich gucke und gucke und gucke. Danach sind die Gedanken meist futsch. Und ich sitze oder stehe ziemlich verdattert da.

Am Schreibtisch spielt mir zum Glück der Bildschirm die letzten Aktivitäten zurück – auf eine Art ist er ja auch ein Brett vor dem Kopf. Aber so ein hartes Holz, gegen das ich meine zu oft gedachten Gedanken, neue Ideen oder unerhörte Einfälle auf Tauglichkeit klopfen könnte, wäre mir doch manchmal lieber. Statt dessen gucke ich scharfgeschnittene Löcher in die Luft. Am besten wäre natürlich ein/e geduldige/r Gesprächspartner/in, die mir dann gegenüber säße. Aber inserieren Sie mal nach einem Holzkopf!

P.S. Das Foto zeigt keineswegs ein Brett, sondern Bremsspuren auf der alten Start- und Landebahn des Tempelhofer Feldes.

Koffer packen

Wenn es ernst wird, das heißt, im „wirklichen Leben“ bin ich keine begeisterte Kofferpackerin. Im Gegenteil: ich misstraue jedem Koffer (auch den eigenen), denn fast immer sind sie innen zu klein und außen zu sperrig, und dazu noch weitestgehend unauffällig, so dass sie gerne ein paar Runden auf dem Gepäckband drehen, ohne von mir bemerkt zu werden.

Dabei,… in Gedanken habe ich immer schon gerne Koffer gepackt. Einfach so zum Zeitvertreib oder um mich an einen tollen Ort zu tagträumen. Ich glaube, angefangen hat es mit einer Art Dialogspiel, das ich mit meinem Vater stets auf Neue gespielt habe und das so ging, dass er mir aufzählte, was er alles für das Überleben im Urwald, in der Wüste, auf dem Mond, etc. einpacken würde. Später habe ich mir tolle Kleider ausgedacht, aber auch immer wieder coole Gadgets (oder wirklich brauchbare Utensilien), um unterwegs den überraschendsten Eventualitäten zu trotzen. Vielleicht ein bisschen so wie ein James Bond-Köfferchen, aber eben auch mit Forschungsgeräten à la Humboldt, Seidenschlafsack und Handtasche. Ebenso oft habe ich den Einsame-Insel-Koffer mit Schallplatten oder Büchern gepackt. Jetzt ist wieder Fernwehzeit. Ich sollte mal wieder Koffer packen. Für einen Traumurlaub am Meer. Und einen zusammenfaltbaren Koffer nicht vergessen, um alle Souvenirs auch wirklich mitbringen zu können.

Hello and good bye!

Jetzt ist es also soweit, der letzte Band von Armistead Maupins „Stadtgeschichten“ steht zur Ausleihe im Regal meiner Lieblingsbibliothek bereit. Zeit zur Melancholie bleibt kaum, denn wie jedes von Maupins Büchern zieht auch „The Days of Anna Madrigal“ an und los. Kaum habe ich die erste Seite aufgeschlagen, bin ich wieder in San Francisco, diesmal im San Francisco der Jetztzeit, von wo es zurück ins Nevada der 1930er Jahre geht in die schlimme Zeit der amerikanischen Depression, und wieder vor und zurück, wie in einem Kaleidoskop, das von Anna selbst geschüttelt wird, und in dem ihr Leben in einzelnen Momenten aufleuchtet.

Anna, wer die „Stadtgeschichten“ kennt, weiß es schon, hieß als Kind Andy und ist, als sie auf der ersten Seite versucht, eine Kerze gegen die aufkommende Herbstdämmerung anzuzünden, d.h. vergeblich versucht, diese Kerze anzuzünden, 92 Jahre alt. Das Thema ist damit gegeben: Abschied. Abschied einer echten Lady, einer unkonventionellen, Canabis züchtenden, ihr Haus an junge Leute vermietenden und großherzigen Person, die mir, als ich die Geschichten in den 1990er Jahren entdeckte, sofort zur tröstenden Wahlmama wurde, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt noch nie (zumindest nicht bewusst) eine/n Transsexuelle/n gesehen, gesprochen oder ins Herz geschlossen hatte.

Maupins Bücher waren da schon Zeitgeschichtsbücher, denn in den 1970er Jahren begonnen, schilderten sie quasi Woche für Woche (die Kapitel erschienen als Serie im San Francisco Cronicle – tatsächlich ist die Entstehungsgeschichte etwas komplizierter. Genau nachzulesen bei Wikipedia) aus der damaligen kalifornischen Hippiehochburg. Die Zeit war politisch, aber auch was den modernen Lebensstil angeht, enorm vital, die Emanzipation von Schwulen und Lesben startete unter anderem an der Pazifikküste, die Emanzipation junger karrierewilliger Frauen (einmal mehr) und die Emanzipation junger gefühlsbegabter Männer. Die Welt war bunt, gefährlich, laut, gemein und manchmal einfach nur schön. Erfolge, Euphorien und Abstürze lagen so nah beieinander und wurden oft genug von Anna Madrigal begleitet, dass sie den Figuren in den Büchern aber vor allem den Leser/innen eine gute Bekannte wurde.

Ich kann die letzten Tage, die offenbar Thema des letzten Bandes sind, nicht nacherzählen, denn ich habe ihn noch nicht bis zum Ende gelesen. Wenn ich ehrlich bin, klaffen auch jetzt schon riesige Verständnislücken, denn mein Englisch ist auf dem Stand einer mittelmäßigen Schülerin – allerdings hatte ich auch mit den Übersetzungen Schwierigkeiten: Das schwul-lesbische Leben in Kalifornien hat gelegentlich seinen eigene Sprache. Aber das macht nichts, denn vom ersten Satz an umfängt mich wieder diese Gelassenheit, die Maupins Geschichten ausstrahlen und einen wenigstens während der Lektüre in einen Mantel der Unbesiegbarkeit (keineswegs der Unverwundbarkeit) hüllen.

„How do you know they were deeply in love? – They had better have been.“ Ein Fazit nach einem langen, erfüllten Leben. Also zacki zacki, schließlich sind alle Tage gezählt.

Armistead Maupin, The Days of Anna Madrigal, New York 2014.

Kein Happy End

Die Idee hat mich sofort begeistert, die Sache lag wohl auch nah, denn zuerst gab es eine Fernsehsendung in dem sympathischen Format eines Dialogs. Die Sendung und später auch das Buch heißen „Die großen Denker“, und die beiden Gesprächspartner sind Harald Lesch, Professor für Theoretische Astrophysik, und Wilhelm Vossenkuhl, emeritierter Ordinarius für Philosophie.

Ein Buch über die europäische Philosophiegeschichte als Unterhaltung bei einem Glas Wein war mir außerdem gleich plausibel, wie denn, wenn nicht im Gespräch, kann man sich am besten philosophischen Fragen nähern? Und was wiederum liegt näher, als einen Natur- und einen Geisteswissenschaftler ins Rennen zu schicken (höchstens eine Natur- und eine Geisteswissenschaftlerin, die dasselbe tun), denn Philosophie, und darauf weisen die beiden auch am Anfang des Buches hin, war ursprünglich eine Art Generalwissenschaft, die sich mit Natur, Kultur, Politik und Technik gleichermaßen beschäftigte.

Meine Begeisterung wurde allerdings gebremst, als ich das 702 Seiten starke Taschenbuch in den Händen hielt. Ebenfalls verwirrte mich die strikte Chronologie der Gesprächsrunden, bzw. -kapitel: Beginn ist am 28. Mai 585 vor Christus in Milet. Schluss ist bei den „philosophischen Hauptströmungen im 20. Jahrhundert“, d.h. in diesem Fall ungefähr im Jahr 1980. Beide Irritationen haben meinen Verdacht auf einen gewissen Etikettenschwindel bestätigt, und die Vorfreude getrübt.

Der enorme Umfang (o.k., o.k., Kultromane schaffen heutzutage mindestens das doppelte Volumen…) ergibt sich aus der – wie mir scheint – mehr oder weniger unveränderten Übernahme aus den Sendungsgesprächen in einen Lesetext. Und das geht leider gar nicht. Hey, oh je, richtig?, genau! Ja? jaja! Natürlich, ach, nix da, wem sagst du das? etc. ergeben gelesen keine sprachliche Fluffigkeit, sondern liegen bleiern unter dem, was man von einem geschriebenen Dialog erwartet. Die Redundanz, die ein Fernseh- oder Radiotext dringend braucht, um verständlich zu bleiben (Ohren sind, was das Aufnehmen von Inhalten angeht, langsamer als Augen), geht eben bei einem Sachbuchtext sofort ins Auge: Denn er wird – ohne dass der Inhalt etwas dafür kann – steif und langweilig. Zugegeben, das ist jetzt ziemlich aus der Hüfte geschossen, aber nach meiner Einschätzung hätten 200 Seiten weniger nicht eine einzige wichtige Zeile gekostet. Der Etikettenschwindel besteht für mich genau darin: Als Buch hätte das Gespräch eine komplette Überarbeitung gebraucht. So bleibt es bloß das Buch zum Film.

Die strenge Chronologie der Kapitel wiederum langweilte mich schon beim Lesen des Inhaltsverzeichnisses. Gut, es geht Lesch und Vossenkuhl auch um eine Art „Evolution“ der europäischen Philosophie: Wann kam ein Gedanke unter welchen Voraussetzungen zum ersten Mal einem Menschen in den Kopf und von dort ins Gespräch? Diese Frage stellen sie von Kapitel zu Kapitel, um sie immer wieder neu zu beantworten. Gefallen hat mir, dass die beiden ohne zu zögern Goethe und Schiller, Darwin und Freud zu den Philosophen zählen. Dass nicht eine einzige Philosophin ein Kapitel bekommt, ist dagegen nicht nur schade, sondern unhistorisch. Der Etikettenschwindel besteht hier für mich darin (und das ist eher eine persönliche und keine grundsätzliche Kritik), dass Gespräche nicht so „ordentlich“ verlaufen. Gerade bei einem Glas Wein rechne ich mit Abschweifungen, Umwegen, hier und da auch mit einem Geistesblitz und eben nicht mit dem Abhaken der berühmtesten Denker von 585 vor bis 1980 nach Christus.

Ich lese Bücher, die ich bespreche, stets bis zur letzten Seite. In diesem Fall werde ich diesem Anspruch sicher nicht gerecht werden. Aber ich will die Flinte noch nicht ins Korn werfen. Denn ich habe das Gefühl, dass ich in dem Buch noch etwas bergen kann, auch, wenn es vielleicht kein ausdrückliches Happy End gibt.

An Random House einen herzlichen Dank für das Rezensionsexemplar.