Damit wir beim Lesen auch wieder mal was zu Lachen kriegen…

Wolfram Schütte hat im „Perlentaucher“ mit seinem Plädoyer für eine digitale Literaturzeitschrift eine Debatte eröffnet, die Sieglinde Geisel auf ihrem Blog weiterführt: http://www.sieglindegeisel.ch/2015/06/25/eine-digitale-literaturzeitschrift-unbedingt/. Denn vielleicht ist der König längst tot, lebt aber auch schon wieder. Und wenn Kritik in einem anderen Medium mit anderen Autor/innen wieder frisch wird, engagiert und selbst zum Lesestoff, bekommen wir sogar bei Kontroversen hier und da was zu Lachen und vor allem wieder Lust zu lesen. Morgen (Samstag auch im Perlentaucher verlinkt).

Mit-Teilen

Texte sind Botschaften. Manchmal über die Zeiten hinweg unlesbar geworden, manchmal schon den Zeitgenossen unverständlich. Texte wollen aber stets eins: Etwas Mitteilen. Und wenn es Autor/innentexte sind, kann sich dieses Mitteilen aus dem Wunsch speisen, mit den Leser/innen etwas zu teilen. Denn wer Erfahrungen aufschreibt, macht sie für andere nacherlebbar. Oder zumindest zu Zeichen, eigenes Erleben zu deuten. In diesem Sinn sind Erfahrungen oft heilsamer als Wissenschaft oder Medizin. Paul Auster schreibt:

„Heute weißt du, wie unglücklich deine Mutter war, und du weißt auch, dass dein Vater sie auf seine ungeschickte Art geliebt hat, soweit er überhaupt fähig war, jemanden zu lieben; aber die beiden haben es verpfuscht, und dass du diese Katastrophe als Kind miterleben musstest, hat dich zweifellos nach innen getrieben und einen Mann aus dir werden lassen, der den größten Teil seines Lebens allein in einem Zimmer verbracht hat.“

Heavenly Blue…

Jetzt zwitschern es schon die Putten von den Dächern: Es wird Sommer! Spätestens ab morgen. Mit Wolken zwar, aber auch mit deutlich höheren Temperaturen. Ehrlich gesagt, ich freu‘ mich drauf!

Freiheit oder Liebe

Das Foto ist mehr oder weniger noch von gestern, als ich von Paul Austers Kindheitserinnerungen schrieb, darunter seine Freude an Eichhörnchen, die immerzu Eicheln vergruben, ohne dass er je beobachten konnte, dass sie sie wieder (erst recht nicht im Winter) hervorholten. Freunde von mir haben ähnliches erzählt, ihre Schlussfolgerung lautete: „Eichhörnchen sind wahrscheinlich ziemlich dumm.“ Austers Vermutung (im Alter von sechs Jahren aufgestellt) ging in eine andere Richtung: „Wahrscheinlich buddeln sie für ihr Leben gern.“

Wer genau schaut, sieht das in die Tischplatte eingeritzte M+U (ob das heute noch gilt?), womit wir bei der Liebe sind, und ein Eichhörnchen ist, zumindest aus menschlicher Perspektive ein wildes und damit ein weitgehend freies Tier.

Freiheit oder Liebe, ging mir heute durch den Sinn, und ob das in etwa so gegensätzlich ist wie Geld oder Leben (und wie hintersinnig das nun wieder sein kann)? Halb Freiheit, halb Liebe? Geht wahrscheinlich gar nicht. Entweder oder? Oder mal so, mal so? Das uralte Knobelspiel. Und ich frage mich mal wieder: Was ist mir wichtiger?

Proust für alle,

dachte ich kurz, lachte und freute mich, dass jemand das Unternehmen gewagt hat, der Erinnerung in die eigene Kindheit zu folgen. Paul Austern neues Buch „Bericht aus dem Inneren“ ist das Ergebnis dieses Versuchs, und es hat mich bereits in seinen Bann gezogen, obwohl ich mit meiner Lektüre erst auf Seite 36 bin.

Wieso Proust (und wieso auch wieder nicht) und wieso „für alle“ – ist schnell erklärt und macht für mich einen wichtigen Teil der Faszination für diesen Text aus. Proust zum einen, weil Auster sich wie damals Proust bei seiner Recherche in die Vergangenheit auf die wichtigsten – dabei schnell übersehenen – Verbindungskanäle verlässt: Die fünf Sinne, die längst vergessene Momente in Gerüchen, im Regen auf der Haut oder einem Geräusch im Ohr, usf. wiederaufleben lassen. Proust auch, weil Auster ausdrücklich von damals als verlorener Zeit spricht. Anders als der Pariser Romancier jedoch ist Auster sich der kindlichen Denkmuster bewusst, die er als Erwachsener beibehalten hat. Und die ihn ihrerseits auf die Fährte frühster Erlebnisse führen.

Proust – und damit komme ich auch schon zu dem „für alle“ – war sich seinerseits bewusst, ein mondänes Leben zu beschreiben, einen nach dem Ersten Weltkrieg endgültig untergegangenen Lifestyle. Auster will auf das Gegenteil hinaus, auch wenn es sich für ihn vor der Hand auch um etwas unwiederbringlich vergangenes handelt. In seinem Focus steht nicht die vergangene Zeit eines Amerika in den 1950er Jahren, es ist die verlorene kindliche Welt, die er erkundet und die, das zeigt sich sehr schnell, viel Gemeinsamkeiten anzubieten hat. Kindliches Denken, das ist sein Feld, und darin erkenne ich mich schnell wieder, auch wenn ich später und auf einem anderen Kontinent geboren und aufgewachsen bin:

Die hungernden Kinder in Indien, diese Regel für alles Bitte und Danke zu sagen, Vogelgesang, Zeichentrickfilme, das Spielen im Garten, die niedlichen Eichhörnchen, das Licht ausmachen, wenn man aus dem Zimmer geht, nicht lügen, vor dem Schlafengehen die Zähne putzen, das Fernsehen für bare Münze nehmen, die Sterne nicht denken können, sich schon groß fühlen, wenn man die Schuhe selber zubinden kann, Gott als einen fürchten, der wirklich alles sieht, phantastische „Verhörer“ (wer noch nicht schreiben kann). Auster erinnert sich an die „human bean“, die er statt „human being“ verstand und sich äußerst clever zu erklären verstand, ich an die „Leber-Partei“, statt „labor-party“, wobei ich dafür nun wirklich keine Erklärung hatte. Aber genug Großzügigkeit, Erwachsenen so einen Unfug durchgehen zu lassen.

Auster beschränkt sich, und auch das ist anders als in Prousts „Recherche“, auf die ersten zwölf Lebensjahre. Bevor das Denken in erwachsene Bahnen verläuft. Ich bin gespannt, was er noch erzählen wird, denn mir scheint, ich selbst könnte mit meinen Kindheitserinnerungen höchstens 30 Seiten füllen, eher weniger. „In diesen Sätzen kann man sich zu Hause fühlen“ – so wird die begeisterte FAZ auf dem Buchdeckel zitiert. So banal das klingt, mir scheint diese Beobachtung goldrichtig. Und sogar mehr als das: Auster leuchtet auch mir die Kindheit aus. Ich bin sicher, mit der Lektüre eigene Erinnerungen zu bergen und bin damit doppelt neugierig darauf, wie es mit dem Buch und mir weitergeht.

Ein Wort scheucht Gedanken auf.

Soll es gelegentlich ja auch. Dann heißt es Stichwort, hockt mit ein paar Kollegen auf einem Zettel und wartet auf seinen Einsatz. Wer gedankenverloren durch den Sonntagnachmittag spaziert, mag mit dem Blick an unfreiwilligen Stichworten hängen bleiben. „Detachment“ kam mir heute unter, und ich gebe es wacker zu: Hätte meine Kamera keine Zoom-Funktion, ich wäre dran vorbei gelaufen. Aber so hatte ich ein Wort und schon flatterten Gedanken auf. Schwer zu beschreiben, so ein Gedankenstoß, denn da geht fast alles gleichzeitig, in halben Sätzen, viertel Fragen, vermischt mit Ähs und Ohs, aber dass ich zuerst dachte, „im Französischen hieße es ja détachement, also ist es Englisch“, erinnere ich mich. Dass das Wort auf dem Tempelhofer Flughafengebäude steht, gab die eine Richtung, die Erinnerung ans Vokabellernen aus der Schulzeit eine andere. Schließlich dass „trennen“ eben nicht nur „entzweien“, sondern, wenn man es sich auf Englisch vorsagt auch „freisetzen“ bedeutet, wurde ein besonders fröhlicher Gedanke, der noch viele Kapriolen schlug.

Und wie geht es weiter?

Wer Diät hält, kennt zwei Finale (meist aus eigener Erfahrung): Den Abbruch noch vor dem Ziel oder das allmähliche „Purzeln der Pfunde“ (als wenn da je was purzeln würde, die schleichen eher aus). Was dem Michelin-Männchen Sorgen bereiten würde, habe ich mittlerweile erreicht. Die Röllchen sind weg. Aber wie geht es weiter? Und hat es sich gelohnt?

Unerwartet war, wie sehr sich mein Geschmack veränderte. Ich habe Obst und Gemüse häufig roh gegessen, mit ein paar Tropfen Öl oder gedünstet, so dass der Eigengeschmack ganz für sich blieb – umso mehr, als ich selten gemischt habe, d.h. entweder gab es Tomaten oder Möhren, Gurken oder Mais, Zucchini oder Auberginen und dazu dann Reis oder Kartoffeln – gelegentlich sogar ein paar Nudeln. Übrigens war ich auch verblüfft – und damit komme ich zu einem erfreulichen Nebeneffekt – um wie viel preiswerter der Lebensmitteleinkauf wurde.

Unerwartet war auch, wie hartnäckig meine Lust auf Süßes bleibt. Die ersten Wochen gab es gar kein Vertun. Ich wollte nichts Süßes und bin kaltblütig an allen Versuchungen vorbei marschiert. Mittlerweile habe ich Halluzinationen. Vor allem wenn ich (lange) unterwegs und schon müde bin.

Erwartet, dann aber doch anders, als gedacht, war das Zurückschmelzen auf meine alte Figur. Darum ging es mir ja zuallererst, wieder in meine Kleider zu passen. Aber es wurde viel emotionaler. Weil ich das Gefühl hatte, mich wieder zu finden. Nachdem ich mich schon damit arrangiert hatte, mit dem Alter zuzunehmen. Altern fordert tatsächlich Veränderung. Vielleicht aber gibt es bestimmte Äußerlichkeiten, mit dem sich jeder Mensch besonders gut oder bei sich fühlt. Aber wie man die nun wieder findet und nicht bloß den Idealbildern aus der Konsumwelt nacheifert – !?

Wirklich unerwartet war, wie wenig Leute merken, dass ich abgenommen habe. „Was, wirklich?“ Höre ich meist, aber auch, dass ich gut aussehe. Wie es weitergeht? Ich möchte nicht in alte Schlecker- und Knabbergewohnheiten zurückfallen. Aber ich möchte auch nicht im Diätmodus hängen bleiben (dass das eine Gefahr ist, spüre ich gerade deutlich). Ich möchte eigentlich eine Weile gar nicht mehr über mein Gewicht nachdenken. Deshalb ist hier auch Schluss. – Aber eins noch: Diät geht! Um denen Mut zu machen, die sich gerade nicht so recht trauen.

Wo geht’s denn hier …?

Ich gebe es zu: Eisbären fordern meinen ganzen Respekt. Sowohl Knut als auch die kuscheligen Cola-Eisbären lassen bei mir rote Lämpchen im Kopf aufleuchten. Achtung! Bissig! Aber diesem freundlichen Bären mit Krawatte und guten Manieren wollte ich dann doch – mit gehörigem Abstand, versteht sich – Antwort geben. Ich traf ihn vorgestern Abend in Kreuzberg, wo er mich nach dem Weg fragte. Ich habe ihn weg geschickt. Obwohl er fand, es sei doch schon deutlich kühler geworden, bestand ich darauf, dass wir in Berlin jetzt erst mal Sommer haben. Sommer, wiederholte ich mit deutlichster Aussprache, das ist, wenn die Sonne hoch am Himmel steht und Eis nur in Waffeln zu haben ist. Er guckte ein wenig verwirrt, verstand aber, dass er sich wohl im Termin geirrt haben muss. Er trollte sich, Richtung Norden, wohin ich mit den Finger gewiesen hatte. Noch einmal Glück gehabt. Jetzt muss nur noch die Sonne kommen.

Und jetzt?

Ich habe kürzlich bei einer Bloggerin einen Lektüretipp gelesen. Es ging um ein Sachbuch, in dem die Entwicklung der Kunst der Klassischen Moderne chronologisch dargestellt wird. Ein Buch, so las ich, für Menschen, die Angst, Beklemmungen oder Befremden in Museen mit moderner/zeitgenössischer Kunst empfinden. Und ich wurde stutzig. Reicht es tatsächlich, so fragte ich mich, die Entwicklung/Aufeinanderfolge verschiedener Stile, Richtungen, nationaler/internationaler Strömungen zu verstehen, um sagen wir, keine Angst mehr im Museum zu haben? Und ist es überhaupt so schlecht, mal eine ordentliche Angst auszuhalten? Es gibt schließlich nicht alle Tage Kirmes mit Geisterbahnen und Konsorten.

Natürlich habe ich gut reden. Ich bin Kunsthistorikerin. Aber ich kenne dieses mulmige Gefühl, nicht so recht zu wissen, was gerade abgeht. Aus dem Konzertsaal. Die dort meist aufgeführte Klassische oder Neue Musik hat mich oft verunsichert. Bis mir klar wurde, das es – zumindest mir – nichts hilft, zu wissen, ob ein/e Komponistin im 18., 19. oder 20. Jahrhundert seinen oder ihren ersten Geburtstag gefeiert hat oder wann auch immer. Später vielleicht, wenn man sich ein eigenes Koordinatensystem baut, um Vergleiche zu ziehen oder Gegensätze besser fassen zu können. Aber zuerst sind einzig und allein die Ohren dran.

Bei Bildender Kunst ist es ähnlich. Dass im Museum (wie im Konzertsaal) die Uhren anders ticken als im Alltag, weiß eigentlich auch jedes Kind. Muss mich Unkenntnis dort also wirklich befremden, oder könnte sie mich befreien, dahin, die Ausstellungsstücke mit Neugier zu betrachten und den eigenen Neigungen zu folgen? Das ist kein Plädoyer dafür, die Besucher dort abzuholen, wo sie sind. Als wenn man das je wissen könnte. Aber es ist ein Plädoyer für mehr Selbstvertrauen der Gäste. Nicht, um lautstark mal schnell eine Meinung loszulassen. Sondern um sich selbst zu vertrauen, Kunstwerke spannend zu finden oder zu verwerfen. Wer will, kann es gleich am Objekt auf dem Foto versuchen. Es ist Kunst. Das kann ich beschwören. Es steht seit Jahren schon im Garten der Neuen Nationalgalerie. Wer genau schaut, sieht die rechts im Boden eingelassene Plakette, auf der der Name des Künstlers und der Titel des Werks notiert ist. Und? Angst, Spaß, Befremden, Kichern, Schulterzucken…?

Rollenspiel

Mal davon abgesehen, dass sie mittlerweile sehr selten geworden sind – gab es diese Autoaccessoires eigentlich auch noch in anderen Ländern? Ich bin als Kind nicht so weit rumgekommen und deshalb sind mir diese Klorollenbepüschelprinzessinnen nur von deutschen Autobahnen her bekannt. Ätsch, scheinen sie durch das Heckfenster zu rufen, wir sind organisiert für den Fall der Fälle! Und ich habe immer gehofft, dass irgendein Kind die Klorolle unter dem Püschel weggenommen und – sagen wir – Gummibärchen dort gebunkert haben könnte. Später habe ich nicht einmal mehr geglaubt, dass die Rollen überhaupt je zu etwas anderem genutzt wurden, als den Prinzessinnenrock zu stützen. Andererseits war die Hochzeit der Püschelprinzessinnen ja auch die Zeit, in der Klodeckel mit Stoffbezügen – tja, getarnt, verschönert, heimelig – gemacht wurden. Die wurden ja durchaus benutzt. Und was bedeutet das jetzt? Wenn eine Klorolle als Prinzessin verkleidet wird. Welches Spiel wird hier gespielt?