Sekunde zu verplanen!

Das Jahr wird eine Sekunde länger.

Nanu. Ja, aber – warum denn nicht? Wo alle doch ständig…. Also, wer dringend noch eine Sekunde braucht: In der Nacht zum 1. Juli fügt die Physikalisch-Technische Bundesanstalt eine Schaltsekunde in ihre Zeitsignale ein. Wertvolle Zeit. Wer will, kann also schon mal vorplanen.

Ausgang

Leider ist er selten markiert, im „wirklichen“ Leben, der Ausgang, hinaus ins Freie, in die Stille, heraus aus dem Konflikt oder aus einem Tumult. Der Griff zu einem Buch ist gelegentlich so ein Ausgang, aber er endet nicht selten in einem neuen Labyrinth aus Gefühlen, Taten und Gedanken. Ebenso der Schlaf, der einen in Sicherheit wiegt und dann in Alpträume schickt. Es ist Sonntagabend, ein guter Wochenausgang wäre jetzt, was mir gefiele. Aber wo bloß ist das Schild, das mir die richtige Richtung weist?

Gehorsam

Nee. Da braucht man dieser süßen Zottellady bloß in die Augen zu sehen (grüne Gewitterblitze kündigen es an) – Gehorsam ist nicht so ihr Ding. Aufstehen und ins Körbchen gehen? Wozu das denn? Wo es auf dem Wohnzimmerkissen so gemütlich ist, selbst wenn der kantige Knochen unter einem liegt. Was? Wie? Immer noch ins Körbchen? Ich hab doch nun wirklich das bessere Argument. Guckt mich an, so eine schöne Kissenbekrönung kriegt Ihr nirgends. Nicht mal auf dem Kunstmarkt. Mal ehrlich. Da kann ich doch…? Und was für ein Körbchen überhaupt?

Dumm stellen hilft natürlich gar nichts. Taub werden schon eher. Denn Gehorsam hat was mit „hören“ zu tun Auch wenn dieses Hören eher befolgen meint, ist hören an sich schon mal eine wichtige Grundlage. Und dann? Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Als ich klein war, klang „Gehorsam“ für mich äußerst verdächtig. Trotzdem habe ich Dinge getan, die meine Eltern oder Lehrer mir aufgegeben haben, manchmal weil ich keinen anderen Ausweg sah, manchmal, weil ich einsah, dass die Angelegenheit, in der ich Gehorsam zeigen sollte, unangenehm aber irgendwie korrekt war. Keine Ahnung, ob heute noch gehorsame Kinder erzogen werden. Die Sache hat mich nicht weiter beschäftigt. Ich wurde erwachsen und Gehorsam wurde mir kaum noch abverlangt. Oder vielleicht doch, versteckt? Ich bin stutzig geworden, seitdem das Jüdische Museum für eine Ausstellung/Installation plakatiert mit eben jenem Titel: „Gehorsam“. Tatsächlich, Gott fordert ihn immerzu, egal ob von Kindern oder Erwachsenen, von Jüdinnen und Juden, Christ/innen, Muslimen. Was aber soll das sein? Der Gehorsam. Und wer bin ich bei dieser Geschichte? Jemand, die Verantwortung übernimmt, die das Denken anderen überlässt und kein Rückgrat mehr hat oder die sich im größeren Kontext engagiert? Und bin ich mir selbst gehorsam, wenn ich gleich noch den Spül mache – oder bin ich dann nur eine eiserne Lady?

Gibt es das?

Das Eine oder Andere, das sich jeden, aber auch wirklich jeden Abend wiederholt? Der Nachthimmel, die Müdigkeit, das Zähneputzen? Die Erleichterung, dass soweit alles oder vieles gut gegangen ist? Lust, noch etwas zu hören oder zu sehen, Freunde zu treffen oder ein Abenteuer zu wagen? Die Kür des Tages hinzulegen oder die Wäsche zu bügeln? Ein Wohlgefühl dabei, endlich das Licht zu löschen und die Augen zu schließen? Die Zeit rennen zu hören, weil noch diese DVD und jene CD gehört werden will. Oder weil endlich Zeit für einen Brief ist und doch wieder nicht? Eine krakeelende Nachbarin, die partout erst ab 22:00 aktiv wird? Ein Hund, der vor Sehnsucht weint? Ein Moment des Innehaltens, vielleicht des Tagebuchschreibens, des Gebets? Ein Hochgefühl, eben doch noch gespült zu haben? Oder Ängste, die sich einmal mehr in den dunklen Ecken aufstellen? Gibt es das Eine oder Andere jeden Abend? Und wenn nur das Gefühl der Dankbarkeit, im eigenen (oder einem befreundeten, gebuchten, endlich erreichten) Bett zu liegen.

Ein Häuschen ganz für mich,

auf einer Insel, mit Meerblick und vielleicht mit dieser Feigenbaumkrone. Das wünsche ich mir manchmal. Wenn es in der Stadt zu laut ist, zu voll und meine Gedanken um Dinge kreisen wie Fliegen um stinkige Reste. Mein Dach würde rauschen bei jedem Wind, der aufkäme und ich säße morgens, in der Dämmerung mit einem heißen Kaffee vor der Tür. Ich würde endlich die Vögel unterscheiden können, die den Himmel kreuzen und manchmal wäre ich mutig genug, im Meer zu schwimmen. Ich könnte so viel Blau sehen, bis sich mein Herz beruhigt. Ich könnte die Augen schließen, wenn nachmittags die Wolken kommen und es angenehm schattig wird, überall wo es mir gefällt. Heute muss eine Wohnung ganz für mich reichen. Die Amseln singen und die Schwalben kreuzen den Himmel. In den Abend treiben Wolken, die einen Regen versprechen, so dass vielleicht meine Träume rauschen heute Nacht.

Für immer

Liebe, Freundschaft, Tod. Hier geht es für Menschen um immer und ewig, und so groß das Pathos ist, so banal ist (gelegentlich) die Wirklichkeit. Wer ewige Liebe geschworen hat, mag Zweifel kennen. Auch beste Freund/innen sind schon auseinander gegangen. Einzig der Tod hält sich an sein Versprechen. Tot bedeutet für immer tot. Und dieses „für immer“ ist eines der schwierigsten, das ich kenne. Mein Freund Emanuel ist heute vor sechs Jahren gestorben. Und in der schönen Mittagssonne hat mich diese Ewigkeit fast erschlagen. Seit sechs Jahren gehe ich gelegentlich an sein Grab. Emanuel besuchen heißt seitdem Blumen gießen. Und einen leeren Kopf bekommen. Ich kann Sterben begreifen, ich kann den Tod an sich respektieren, aber bei meinem Freund komme ich damit nicht rum. Sich einmal mehr „einfach“ einen Abschied denken, wo der eine woanders ist und ich hier. Vielleicht begreife ich die Sache später besser. Die Leere im Kopf zumindest kann ich aushalten. Sie reißt mich aus dem Alltag. Vielleicht der Vorgeschmack aufs eigene Sterben.

Der richtige Moment

Lange wollte ich mich mit Momenten, seien sie richtig oder falsch, nicht beschäftigen. War es doch eh schwierig, alles mögliche in einen Tag zu packen. Erledigungszettel standen gegen Stunden- und Minutenzeiger, da war für Momente kein Platz. Aber sie waren hartnäckig. Denn sie tauchten immer wieder auf, die richtigen und die falschen. Und irgendwann hatte ich ihr Auf- und Ab zumindest theoretisch kapiert. Vor der To-Do-Liste oder dem Terminplan verloren sie zwar immer noch an Kontur, aber mir war klar, dass es sie gab. Ich legte mir hier Geduld zu, wie ich dort schnelles Zuschlagen übte.

Soweit, so gut. Aber dass es richtige Momente für das Anfangen neuer Arbeiten gibt, das wollte ich nun doch nicht glauben  – Zu groß war meine Angst, in Aufschieberietis zu verfallen. Denn wo etwas noch nicht so weit ist, gell, da muss noch gewartet werden. Aber wer zu lange wartet, dem schwimmen die Felle davon. Mittlerweile versuche ich eine Balance zu halten. Immer mal mit Aufträgen anfangen, aber auch schnell aufhören, wenn nichts vorwärts geht. Dann lieber eine andere Aufgabe auf den Tisch. Diesmal hatte ich zum Beispiel zwei Wochen schon vor, ein bestimmtes Hörstück zu machen. Zwei Wochen, in denen nichts geschah. Heute hat es vier Stunden gedauert, um fertig zu werden. Für mich heißt das Fazit, mutiger zu werden, was das Verschieben angeht. Es gibt immer einen besseren Moment, wenn man sich mordsmäßig überwinden muss. Den Kalender dabei im Auge zu behalten ist kein Widerspruch. Schließlich brauchen Momente auch ihre Zeit.

Vernachlässigte Kunst

Das mögen sich Entscheider und Beauftragte meist anders vorgestellt haben. Ein Kunstwerk an eine Stadt oder eine Firmensammlung zu verkaufen, ist – wie man meinen möchte – eine Win-Win-Situation. Die Künstler/innen hoffen auf Aufmerksamkeit, die Ankäufer auf Prestige. In westdeutschen Groß- und Kleinstädten, in Provinznestern, gelegentlich auch in Dörfern war der Bedarf groß nach dem Krieg. Das neu Aufgebaute sollte schön sein, modern und vor allem kultiviert. Keine Kaisereichen, keine Heldenstelen, keine Kriegerdenkmäler, chic, sauber, international war meist die Devise, die Einkäufe wie überall: Glücksgriffe, Must-Haves, Schnäppchen.

Was viele nicht bedacht haben: Ein Kunsteinkauf muss finanziert sein. Eine Skulptur ist zwar kein Hund, d.h. sie frisst nix, muss nicht zum Arzt und braucht kein Halsband. Aber sie kostet eben doch nach dem Erwerb weiter. Sie bröckelt oder wird mutwillig beschädigt, sie braucht ein Umfeld, auf dem sie sichtbar bleibt (also irgendeiner sollte schon den Rasen mähen), sie muss dokumentiert und regelmäßig begutachtet werden. Ähnliches gilt für Indoor-Kunst. Grafiken zum Beispiel gammeln in Höchstgeschwindigkeit, sobald sie Licht oder Feuchtigkeit ausgesetzt sind. Vernachlässigung tut auch der Kunst nicht gut. Gekauft wird natürlich weiter: was vorne fotogen glänzt, zerbröselt zwischen Hecken und in Hinterzimmern ohne Publikum. Nicht dass ich etwas gegen Ruinen hätte. Dieser Brunnen zum Beispiel wurde in den 1980er Jahren errichtet. Wasser läuft heute nur noch, wenn es regnet. Dabei geht es nicht mal um den Wert des Kunstwerks. Es sieht – wie viele seiner Kollegen – aus wie ein Denkmal für den Spruch „bestellt und nicht abgeholt“, wobei die Abholer das Publikum wäre, das beim Kauf wahrscheinlich nur als Statisten für die Einweihungsparty mitgedacht wurde. Wie Kunst für die Öffentlichkeit sein könnte – und was falsch läuft? Oder läuft es gar nicht mal so schlecht? Am Ende stehe ich wieder da mit Fragen. Mal sehen, ob sich Antworten melden.

Laute(r) Fragen

Selbst schuld. Erst hole ich mir Padgett Powells Buch – nein, es ist eindeutig kein Roman – ins Haus „The Interrogative Mood. A Novel? – dann besorge ich mir Sarah Bakewells Montaigne-Biografie, die in zwanzig Antworten auf die Frage „Wie soll ich leben?“ das Leben Montaignes beschreibt. Seitdem wimmelt es in meiner Wohnung von Fragen. Meist unbeantworteten, wie ich lieber gleich gestehe.

Mein erstes Fragenbuch war das von Max Frisch. Gar nicht als Buch konzipiert, sondern Teil seiner Tagebücher aus den Jahren 1966-1971, kam es in den 1970er Jahren eben doch als Buch heraus (dass Frisch die Tagebücher zum Veröffentlichen schrieb, ist unübersehbar, dass Suhrkamp die Idee für eine eigene Publikation hatte – oder wer auch immer – war eindeutig eine beste Idee.) Als Fragebögen konzipiert, nehmen Frischs Fragen einen in die Mangel. Ich möchte wetten, dass ich über die Hälfte nicht beantworten konnte, und bei den meisten, Tage, Wochen und noch mehr Lebenszeit bräuchte, um sie zumindest in Stichworten abzuhandeln. Was mich von der ersten Seite an begeistert hat, welche Sogwirkung die Fragen haben. Frisch mischt sie so geschickt, wobei er sich vorbehält, verschiedene Themen in den verschiedenen Fragebögen abzuhandeln, dass ich zumindest nicht anders konnte, als immer weiter zu lesen. Ich habe gelacht, den Kopf geschüttelt, mich über mich selbst gewundert, die Menschheit im Ganzen und auch über die 60er Jahre, in denen Frisch die Fragen durch den Kopf gingen, denn das zumindest macht eine Lektüre gut 40 Jahre später sichtbar: wie viel Lifestyle sie in sich tragen.

Dass Fragen an sich schon einen ungeheuren Sog auf die Lesenden ausüben, zeigt Rolf Dobellis „Neuauflage“ von Frischs Fragebögen: „Wer bin ich?“ heißt sein Buch, das 2007 erschien und 777 indiskrete (!?) Fragen an die Leser/innen stellt. Denn so ist die Frage nun mal, dass sie sich ans Gegenüber wendet und so geht es in einem solchen Fragenbuch nur um mich, mich, mich. Auch Dobelli ordnete seine Fragen nach Themen, Leben und Freizeit, wenn man grobe Einteilungen schätzt, und auch hier blitzt Lifestyle (und also die gesellschaftliche Dimension) durch.

Powells Buch erschien 2009 und bietet insofern stärkeren Tobak, als es länger ist als die deutschsprachigen Verwandten und sich einen Teufel schert um Reihenfolge bzw. Ordnung. Die Fragen purzeln gerade so, wie sie dem Autor durch den Kopf gehen (haha, macht aber trotzdem den Eindruck) und er kümmert sich nicht um den Grad ihrer Tiefsinnigkeit, will sagen, manche sind mehr als bescheuert. Powell entschuldigt sich deshalb gelegentlich oder fragt vorsichtig, ob man noch weiter lese oder endgültig die Faxen dicke habe. Sein Ansporn war, ein nicht-fiktionales, nicht-wissenschaftliches, etc. Buch zu schreiben, was man trotzdem liest. Das heißt, keine Geschichten, keine Fakten, keine Spekulationen, sondern Bewegung der Gedanken durch Fragen, Selbstprüfung inbegriffen.

Ich hatte mich diebisch auf die Lektüre gefreut, um erst mal enttäuscht zu werden. Für mich bewegte sich auf den ersten Seiten wenig. Mag sein, dass es zu viele Fragen gab, die ich als Europäerin nicht verstand. Dass ich das Gefühl hatte, Powell frage eh nur Männer (macht er die meiste Zeit auch, erschien mir aber ab dem Moment o.k., wo er es selbst kritisch bemerkt) und folge ausdrücklich keinem Plan, so dass ich durch Fragen watete, statt von ihnen irgendwohin gebracht zu werden. Das Erstaunliche: Ich las trotzdem weiter. Mürrisch mit gelegentlichen Lachern, denn die Fragen zeigen ja erst mal auch, wozu Leute so alles eine Meinung haben… Ab der Mitte war ich dann drin und las auch schon mal über die Schlafenszeit. Nicht, dass ich nur annähernd die Hälfte der Fragen beantworten könnte. Bei Wissensfragen waren mir oft schon die Fragen unverständlich. Bei ästhetischen Urteilen musste ich auch passen – nicht nur, weil ich mich nicht entscheiden konnte, sondern weil es mal wieder um ein Feld handelte, auf dem ich auch noch nie unterwegs gewesen bin. Aber es gefiel mir, wie weit die Welt sich auffaltete, und dass es Gott sei Dank so viel mehr gibt, als ich in meinem Kopf bewege. Lustig fand ich auch, wenn er eine Frage ein zweites Mal stellte, in der Hoffnung, man habe die erste Frage schon vergessen. Oder wenn er fragt, wie er die Frage formulieren soll, weil sie ihm nicht einfällt. Oder wenn er eigene Zweifel und Ängste gesteht, eine bevorstehende Krebsuntersuchung ist so ein Thema und die Mega-Frage, wie man denn nun sein Leben leben sollte. Am Anfang wirkt Powells Buch gewollt und manchmal ziemlich albern. Am Ende ist es ein gutes Buch. Und damit durchaus eins, das ich empfehlen möchte.

Die Vergesslichen

Das Gehirn muss kein Sieb sein, um Gedanken schnell zu verlieren. Ob Vergesslichkeit ein Defekt ist, weiß ich nicht mal. Dass ich vergesslich bin – es ist wohl so, dass sich die eigene Vergesslichkeit einbrennt. Vergessen kann ich sie leider fast nie. Andy Warhol erwähnt seine Vergesslichkeit gelegentlich in den Tagebüchern. Als Amerikaner aus einer durchaus pragmatischen Perspektive: Er könne Filme jede Woche aufs Neue sehen. Weil er ihren Ausgang sofort wieder vergesse, blieben sie auch beim dritten oder vierten Mal spannend. Außerdem vermutete er, dass ihn seine Vergesslichkeit kreativ mache, weil sie eben immer wieder einen leeren Raum schaffe, in dem Ideen entstehen können. Wie erleichtert ich war, als ich das gelesen habe! Wer 13 Jahre durchs deutsche Schulsystem gewachsen ist, kann Vergesslichkeit eigentlich nur als persönliches Manko verstehen. Michel de Montaigne war auch vergesslich. Behauptet er jedenfalls selbst von sich. Dugald Steward, ein Psychologen aus dem 19. Jahrhundert deutete die Gedächtnisschwäche Montaignes als eine Art Vorraussetzung des „unfreiwilligen Erinnerns“, dessen sich später ausdrücklich Marcel Proust in seiner Recherche bediente. In seinen Essais rät Montaigne seinen Leser/innen sogar, das meiste von dem, was man gelernt habe, wieder zu vergessen und schwer von Begriff zu sein. Wie die Frage hieß? Wie soll ich leben?