Wenn etwas nicht klappt,

ist es ja auch immer eine Art Korrektur. Anstoß zu einem zweiten Anlauf oder Wahl eines neuen Ziels. Und auch wenn ich das weder gerne sage noch gerne höre. Der zweite Versuch ist meist der bessere…

Tausendmal gehört

Ich glaube, ich habe mich an dieser Stelle schon einmal darüber gewundert, dass Wahrheiten manchmal lange brauchen, bis sie einen erreichen: Tausendmal gehört, tausendmal ist nix passiert… So jedenfalls ging es mir mit dem durchaus bekannten und hin und wieder vor allem von Freundinnen vorgebrachten Satz „Es ist wichtig, Dich selbst zu lieben.“ Jaja. Ja klar. Klar doch. Ja, was denn sonst!? Letzten Sonntag bekam ich den Satz (so oder vielleicht ein kleines bisschen anders) wieder serviert, bei schönstem Prenzlauer Berg Sonnenschein. Und dieses Mal ist er eingeschlagen. Warum? Weil er aus einer etwas anderen Richtung kam als sonst. Und plötzlich passte er in meine Wahrnehmung, in mein Verstehen, meine Erfahrungen. Er klang nicht mehr so abstrakt wie sonst. Er war greifbar und plausibel. Und jetzt? Versuche ich ihn zu halten. Bis er sich da eingenistet hat, wo er hingehört. Mal schauen, wohin das führt.

Herr und Frau Rübchen

sitzen in der Erde und erzählen sich was. Ein schönes Bild, umso schöner, wenn man weiß, dass die beiden dort an einem öffentlichen Ort hocken, in einem Hochbeet auf dem Tempelhofer Feld, wo alle Nase lang jemand vorbei kommen, und die Rübchen ausreißen und mitnehmen könnte. Gibt es eigentlich Gemüsegeschichten? Ich kenne ein Kinderbuch, in dem ein Baum auf Reisen geht. Der ist jetzt nicht wirklich Gemüse, aber eben auch kein Tier. „Trauriger Tiger toastet Tomaten“ – hier sind eindeutig die Gemüse die Statisten. Vielleicht sollte ich einen Preis ausloben für die beste Gemüsegeschichte? Oder ich verschicke einige Tütchen mit bunt durcheinander gemischten Blumensamen (Gemüse???), die dann ausgesät und so die Grundlage einer Geschichte bilden. Ich gehe nächste Woche in einen befreundeten Schrebergarten. Mal sehen, ob mir was einfällt. Die Idee einer Gemüse-kurz-geschichte hat mich zumindest gepackt…

Wohin mit leuchtenden Leseblitzen und Funken?

Gibt es vielleicht einen Zettelkasten (hu, Brandgefahr…), ein Sammelalbum, eine App gar? Oder so eine schöne Ausstellungsvitrine – ich meine, einen Ort, wo man auch kleine Leseeindrücke, Ideen hinterlassen kann zum Weiterdenken, zum Dagegensein, zum Nachlesen? Oder für Gedankenblitze, die sich nicht so schnell „dingfest“ machen lassen. Von einer Buchbesprechung erwarte ich Stringenz und damit Vollständigkeit. Wer Kritik übt, ist zur Gesamtlektüre verpflichtet und eben auch dazu, die eigenen Eindrücke nicht nur zu schildern, sondern auch zu belegen. Wer nur etwas „findet“, verfehlt den Anspruch einer klassischen Rezession. Aber was ist mit solchen Funden? So leuchteten in dem Moment, in dem ich „Das große Heft“ von Agota Kristóf zugeklappt habe, zwei Fragen vor meinem inneren Auge auf: 1. Sind es wirklich Zwillinge, von denen wir da lesen, oder ist es die Geschichte eines Einzelkindes, das sich den Zwilling als Panzer zulegt? 2. Gibt es Parallelen zu Grimmelshausens „Simplicissimus“? Das „große Heft“ musste ich leider schon wieder zurückgeben. Und ich habe gerade auch keine Zeit, in anderen Büchern weiterzulesen. Das heißt, um eine eigene Rezension zu schreiben, fehlt es mir an Gelegenheit. Ein eigenes großes Heft anlegen und solche Fragen notieren – zur späteren Bearbeitung? Oder gelegentliche Fragerunden zu gelesenen Büchern eröffnen, in der Hoffnung, dass andere Leser/innen mit ähnlichen Fragen herumgehen? Die weiße Vitrine gehört mir leider nicht. Sie würde ich sofort aufstellen und ab und zu nachschauen, ob jemand Antworten abgelegt hat.

Zwillinge

Als Kind wollte ich unbedingt eins, ein doppeltes Lottchen oder eben einen Zwilling. Als Einzelkind kam mir das fantastisch vor: nicht noch eins sondern ich gleich zweimal. Vier Ohren, vier Augen, vier Hände. Da hätte ich mir besser zu helfen gewusst. Zumindest in meiner Fantasie. Während die eine spielt, kann die andere schon mal Hausaufgaben machen. Oder man ist einfach zusammen schneller. Gegen die Eltern erst recht. Die Vorstellung änderte sich jedoch drastisch, als ich in die Pubertät kam: Zwei von mir? Huch, nee. Da würde ich mir ja dauernd die Schau stehlen. Oder ich hätte das Gefühl, auf der falschen Party zu sein, wenn zum Beispiel mein Zwilling irgendwo anders unterwegs wäre. Als ich schon zum Studium in Berlin war, sprach mich eine Frau an, deren Freundin so aussah wie ich. Natürlich habe ich gelacht. Aber nur solange ich das Foto von dieser Freundin nicht gesehen hatte. Das war zwar kein Zwilling. Allerdings – und das war noch schlimmer – eine Art Doppelgängerin. Ich habe so einen Schreck bekommen, dass ich der Frau, eine Nachbarin, nur noch aus dem Weg gegangen bin. Und wie wäre es jetzt? Würde ich in meiner Schwester die Falten sehen, die ich bei mir nicht erkenne? Oder – noch schlimmer – auf Falten hoffen, die ich noch nicht habe? Wären wir überhaupt Freundinnen auf dem gleichen Kontinent? „Das große Heft“ von Agota Kristóf hat mich auf die Idee gebracht. Dass sich ein Einzelkind zum Durchhalten oft einen Zwilling wünscht. Aus Sicht der Astrologen habe ich als Steinbock mit Zwillingen so meine Probleme. Aber ich wüsste schon gerne, wie es wäre, mit einem Zwilling. Zumal, wenn er ein Junge wäre.

Neulich

erst schnappte ich eine Frage auf, die mich seitdem umtreibt. Nein, sie schlägt keine große Wellen. Sie erschüttert nicht mein Weltbild. Manchmal taucht sie sogar für eine Weile unter. Um dann plötzlich wieder vor mir zu stehen: „Welcher Tag deines Lebens war bislang der beste?“ – Hm. Ich habe noch nicht geheiratet, habe keine Kinder und auch keinen Nobelpreis bekommen. Aber das soll es ja vielleicht auch gar nicht sein. Ich schaue mich in meiner Vergangenheit um: Beste Tage? Ich meine, ich erinnere sofort beste Momente. Aber einen verdammt ganzen Tag? Nö, grummele ich dann, gibt’s bei mir nicht. Ein anderes Mal überlege ich, ob ein bester Tag wirklich ein angenehmer gewesen sein soll. Vielleicht war es ausgerechnet der, an dem ich an einer abgefallenen Krone eben nicht erstickt bin? Oder aber meist längst vergessene Tage, an denen ich meine besten Freund/innen kennen gelernt habe. Vielleicht sind sogar viele unspektakuläre Tage beste Tage, weil sie mir Raum geben, Ideen zu haben, oder Gefühle oder Erkenntnisse? Beste Tage? Seit mich diese Frage begleitet, denke ich tatsächlich oft, warum nicht heute ein bester Tag werden könnte. Oder war der beste gleich der erste, nämlich der Tag, an dem ich geboren wurde? Unanswered Questions ist eines der besten Stücke von Charles Ives. In diesem Sinne ist es vermutlich gut, dass ich noch keine Antwort gefunden habe.

Wie schnell das geht!

Die Jungvögel hüpfen aus den Nestern und die Neue Nationalgalerie, gerade mal drei Monate geschlossen, wird auch schon lebhaft von der Natur bewuchert. Aus allen Ritzen wachsen Gräser und anderes Grün, Spinnen experimentieren mit neuen Netz-Formen (Platz – und vor allem Ruhe – genug ist ja), der Specht hackt, ganz gegen seine Gewohnheit auf Eisen und zusammengerollte Schlafsäcke zeugen von noch ganz anderen nächtlichen Besuchern. Nicht fünf Meter entfernt rauscht der nicht enden wollende Straßenverkehr. Und hier ist schon fast so was wie Dschungel. Wenn das keine Großstadt ist!

„Emsiges Ringen führt zum Gelingen“

das ist der Spruch, der sich eingerahmt von roten Rosen über diesem merkwürdigen Arrangement befand, nein! Eindeutig keine Kunst. Es war die Auslage auf einem Trödelmarktstand. Die Katze in der Tasse (Milch vielleicht?) scheint es mit dem Angeln zu versuchen, vielleicht mit dem Angeln von Vögeln. Und schon tun sich Fragen auf. Handelt es sich beim Tun der Katze (überhaupt beim Tun von Anglern) um „emsiges Ringen“? Habe ich heute, gestern, das ganze Jahr über schon emsig gerungen, um dem Gelingen meiner Vorhaben nachzuhelfen? Stimmt es überhaupt, dass ringen und gelingen was miteinander zu tun haben? Und ist die Katze/der Angler nicht das dringende Gegenargument? Oder verstehe ich was falsch? Ist es dann recht, sich über unabgerungenes Gelingen zu freuen? Oder sollte ich mich was schämen? Dürfen Frauen überhaupt ringen oder müssen sie bei der Fifa erst einen Geschlechtertest durchlaufen? Oder… – Nein! Halt! Schluss! Ich habe weder die Katze gekauft noch den Spruch darüber, eingerahmt von roten Rosen aufgebrannt auf einen Porzellanteller. Ich bin mit leeren Händen nach Hause gegangen. Also keine Fragen mehr. Und ein Plädoyer für das Gelingen im Schlaf.

Hamsterrad

So mag das Diagramm eines systematischen Grüblers aussehen, der sein Problem erst darstellt, bevor er es angeht. Oder ein Pictogramm von Außerirdischen (wozu darf sich jetzt jede/r selbst aussuchen). Am Ende ist es bestimmt wieder Kunst. Aber es hat mich auf der Straße angelacht und mir womöglich mehr Vergnügen gemacht als im Museum. Alltagskunst? Oder besteht die Kunst darin, im Alltag überhaupt etwas zu sehen?

Joker

Manchmal wünschte ich mir schon einen super coolen Begleiter, vor allem dann, wenn es plötzlich Fragen hagelt. Klar, es gibt Fragen und Fragen. Aber mein verschrecktes Gemüt hat offenbar keine einzige Prüfung vergessen und sieht sich gleich auf dem Schleudersitz, sobald ein Fragezeichen am Satzende hörbar wird. Selbst wenn mich Reisende im Kiez nach dem Weg fragen, wird’s im Kopf knallschwarz. Als wenn ich – sogar Uhrzeiten habe ich schon gestammelt oder aus lauter Verpeilung Arm samt Uhr den Fragenden entgegen verdreht. Dabei sind Fragen meist besser als Antworten. Eindeutig besser als Meinungen. Wer überraschende Fragen stellt ist mindestens genauso interessant wie jemand mit verblüffenden Antworten. Eine Frage kann einen mit Antworten nur so überrollen. Sie kann einen nebelweißen Horizont übers Meer legen und endlose Lösungsschleifen herausfordern. Sie kann einen verfolgen, peinigen, beschämen. Manchmal bringen sie einen zum Lachen oder eben auf die richtige Spur. Gemeine Fragen gibt es natürlich immer. Und die vermiesen ihren Verwandten ganz schön das Image. Aber eins weiß ich sicher: Wenn mir jemand Fragen stellt, ist das eigentlich ein schönes Gefühl. Vor allem, wenn wir sie dann gemeinsam beantworten.