Wer schon mal nicht mitgefeiert hat und erst am Ende der Party dazu kam, kennt die Situation in der ich mich gestern fand, als ich am Mehringdamm aus der U-Bahn-Station kam. Eben noch in grüner Stille, tauchte ich in ein ausgelassenes Straßenchaos, in ein Geschiebe und Gequatsche, laute Musik, etliche Schnapsleichen am Wegesrand und Müllberge, die einen tollen neuen Trümmerberg so was wie mit nix hinbekommen hätten, hätte nicht die BSR wie immer die Nase vorn gehabt. Ich kann und will einfach nicht schreiben, dass früher alles besser war. Aber mit dem Müll tue ich mich schwer. Die ausrangierten Möbel, die am Abend zu improvisierten Wohnzimmern auf die Straße gestellt wurden, waren am Morgen alle kaputt geschlagen. Karneval der Kulturen? Vielleicht feiere ich das nächste Mal mit. So hatte ich bloß einen Kater ganz ohne Party.
Grün, soweit das Auge schaut
Ich war heute spazieren. Und habe dem Gras, den Vögeln, den Fröschen und den Mücken beim Wachsen zugehört. Und den Seen beim Funkeln zugeschaut. Soviel grünes Wasser gibt es wahrscheinlich nur noch auf expressionistischen Gemälden. Was soll ich sagen? Ich bin hundemüde. Mit sonnenroter Nase.
Pfingsten: Eines meiner Lieblingswunder
Ich habe keineswegs das, was man eine Sprachbegabung nennt. Schon deshalb war das Gymnasium mit drei Fremdsprachen ein echtes Hindernisrennen für mich. Wie sehr habe ich meine Mitschülerinnen beneidet, die munter in den Grammatikbüchern blätterten, während ich meist nicht mal einen Schimmer hatte, welches Kapitel zu meinem aktuellen Sprachproblem passte. Die Schwierigkeiten sind geblieben, auch wenn ich heute viel kecker mit meinen knappen Sprachkenntnissen hantiere. Keine Frage, warum mich als Schülerin das Pfingstwunder so beeindruckte – wenn ich ehrlich bin, tut es das übrigens auch noch heute:
„Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“
Das Brausen, der Sturm, und am besten die Zungen. Ich meine, wer auch nur Englisch gelernt hat, weiß, dass es dafür eine andere Zunge braucht. Bei Französisch ist es nicht anders – und versuchen Sie erst mal Chinesisch. Da bedarf es wahrscheinlich gleich eines neuen Mundraums. Der Babelfisch ist wohl die säkulare Variante des Pfingstgeschehens. Den muss man sich – wenn ich mich richtig erinnere – auch nur sehr prosaisch ins Ohr stecken. Aber dafür gibt es auch keine Babelfisch-, sondern nur Pfingstrosen. Mit Blütenzungen in rot, und wie hier zu sehen, in Brandgelb. Ein Wunder? Wohl kaum. Aber ein ungeheuer beglückender Anblick. Allen ein schönes Fest!
Elefanten im Porzellanladen
kennt wohl so ziemlich jede/r, persönlich oder als Redewendung, aber Porzellanlöwen auf dem Kaffeetisch? Vielleicht bei Damen, die gerade Diät halten (da steht er dann vor der Sahnetorte) oder beim Kindergeburtstag (obwohl ein Darth Vader aus Plastik wahrscheinlich die in jeder Hinsicht attraktivere Variante wäre). Möglicherweise ist er bei einem Frühstücksbuffet besser aufgehoben, zumindest hätte er da mehr Auslauf. Aber Tiere sind in Hotels ja grundsätzlich verboten. Ich habe ihn jedenfalls nicht gekauft. Löwen putzen sich nie die Zähne und haben unweigerlich argen Mundgeruch. Aber auf dem Rückweg schon, als ich wieder an der als Kaffeetisch dekorierten Auslage des Trödlers vorbeikam, war der Löwe weg. Hoffentlich, dachte ich, hat er sich von alleine davon gemacht. Irgendwo hin ins nächste Unterholz.
Hinter dem Spiegel
Das war wieder so ein Nachmittag, der sich endlos dehnte. Und mir Hasenbeine machte. Ein paar Haken um den Block schlagen und unversehens in einem ausgestorbenen Hof landen. Der Hof grenzt an die Schöneberger Hauptstraße. Ein Schritt nur durch die Einfahrt und ich fühlte mich wie hinter Spiegeln. Nein, kein Kaninchen kam daher. Auch blieb ich auf Normalgröße. Aber plötzlich schien vieles anders. Eine tanzende Zigarettenformation im Niemandsland? – Die Auflösung war eher enttäuschend: Kunst. Aber trotzdem ein schöner Moment. Und der Nachmittag vor dem Spiegel war gnädig in den Abend geglitten.
Wie war das noch, Herr Darwin?
Evolution bis zur letzten Krone der Schöpfung? Oder war diese Krone (in Gestalt des aufrecht gehenden und stehenden Menschen) nur eine Angleichung an die kirchliche Blaupause vom paradiesischen Schöpfungshergang? Und wer steht noch mal auf den Schultern von Riesen? Ulrike Draesners Vision von Altenheime für Affen und Menschen (d.h. für Menschenaffen und – Menschenmenschen) jedenfalls ist mir wieder plausibel, nachdem ich die letzte Woche viel Zeit in einem Pflegeheim verbracht habe.
Mit oder ohne?
Wahrscheinlich ist es piepegal, aller Medienschelte zum Trotz, ob man mit einem Fernseher lebt (respektive mehreren) oder ohne. Dennoch habe ich ein ganz anderes Lebensgefühl, sobald ich in Wohnungen komme, in denen die Flimmerkiste (auch schon ein aussterbendes Wort?) läuft. Ich selbst habe mich vor 20 Jahren vom Fernseher getrennt. Eher umspektakulär, ich habe ihn verschenkt. Heute sind mir die Dinger meist zu laut. Das heißt, mich stört weniger das Bild als das Geräusch – oder wie sagt man zu schlechtem Deutsch untermalt mit noch schlechterer Musik? Die Sendeformate haben mich dabei längst überholt. Was mir wie Werbung für eine Show vorkommt, ist die Show selbst! Dabei, ein gemütlicher Abend mit Fernsehteller (ausgestorbenes Abendessen?) – das hatte doch was. Und gemeinsam gucken erst recht. Aber das geht ja auch in der Kneipe nebenan. Zumindest wenn Fußball dran ist. Und den gibt es zum Glück noch weitgehend ohne musikalische Untermalung.,,
Freiheiten, die ich mir nehme
– der Gedankenstrich kann gar nicht lang genug sein. Freiheiten? Ja schon, aber… Termine, Sachzwänge, erst die Arbeit, dann das Vergnügen. So ungefähr sah das (Berufs-)Leben meiner Eltern aus. Für mich als Kind zumindest. Ich glaube, sie hatten so ihre Durchschlüpfe, die sie mir nicht verrieten, damit ich nicht auf „dumme“ Gedanken kam. Freiheit habe ich mir eine Kindheit lang gewünscht, aber mehr nebulös und als es soweit war, war mir die Sicht durch neue Pflichten verstellt. Mittlerweile? Ich habe mir die Freiheit genommen, den Beruf zu wählen, der mir richtig erschien. Ich bin, wie ich immer wollte, in eine Großstadt gezogen, usf. Aber ich stelle auch fest, dass ich mich in meinen Gewohnheiten ganz schön eingerichtet habe. Wenn etwas könnte, gehe ich erst mal hinter meinen Terminen in Deckung. Ganz schön bescheuert. Auf jeden Fall ein neues Feld, auf dem ich mich austoben kann.
Der Pausenhund
Nö. Der schläft nicht. Der tut nur so. Übrigens ein Kollege von Queenie. Er ist Assistent in einem Kiosk, sie in einer Kanzlei. Ob sie sich kennen? Die Klunker brauchen neue Bilder und gehen ein paar Tage auf die Pirsch. Allen einen guten Start in die neue Woche!
Ich oder das Kind in mir?
Ich kann mich gut erinnern an den Moment, in dem ich in der Grundschule überlegen sollte, wie alt ich im Jahr 2000 sein würde. Paff! Erwachsen. Und wie! Gar nicht vorzustellen damals. Vielleicht auch, weil ich dachte, es gäbe so etwas wie einen Schalter, mit dem man von der Kindheit ins Erwachsensein geknipst wird. Oder dass man auswächst und am Ende weiß, dass man ab jetzt erwachsen ist.
Was vor mir lag – rückblickend sind wir ja alle schlauer – war eine Strecke lautloser Übergänge. Und keine Wegmarke, bei der ich sagen könnte, ab da. Im Gegenteil. Heute bin ich oft platt, wie sehr ich Kind geblieben bin. Aber ist das jetzt das Kind in mir oder bin ich das, mein Ego, das nicht so richtig mit wächst, weil ich mit Pipi Langstrumpf damals diese komischen Pillen genommen habe? Sind Erwachsene innen drin so oder habe ich Wachstumsstörungen?
Erwachsen zu denken oder handeln, heißt Verantwortung zu übernehmen. Größere Horizonte zu überblicken. Mögliche Kollateralschäden vorauszusehen. Es heißt hier Geduld zu haben und dort die eigenen Interessen durchzusetzen. Disziplin zu entwickeln, Dinge (immer wieder) zu tun, die man nicht so mag (aber weiß Gott auch nicht zu oft). Zu wissen, wann der richtige Zeitpunkt ist oder ob der Zug abgefahren ist (und was dann tun). Andererseits ist Kind-Sein ja auch nicht nur das, was alles noch nicht klappt. Rette ich also was, wenn ich als Erwachsene Kind bleibe? Oder bin ich nur halb geschlüpft? Sind Kind- und Erwachsensein überhaupt solche Gegensätze, wie ich einmal dachte, als ich kleiner war?









