Lautlose Übergänge

In meinem Elternhaus gab es keine Türschwellen. Anfang der 1960er Jahre waren sie entweder nicht mehr in Mode oder man hielt mehr von Sagrotan und Ata zur Schmutzabwehr, als von einer banalen Barriere. Mittlerweile bewohne ich ein Haus, das Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurde, Schwellen inklusive. Von meinen Zehen hat wohl mittlerweile jeder einzelne die Bekanntschaft gemacht. Trotzdem fehlen sie mir (die Schwellen, nicht die Zehen), wo sie nicht eingebaut sind. Ursprünglich vermutlich als Trennung von sakralen und profanen Bereichen verwendet, galten Türschwellen stets auch als symbolische Übergänge, vom Eigenen ins Fremde, vom Alten ins Neue, vom Diesseits ins Jenseits.

Wie oft, dachte ich kürzlich, habe ich Schwellen übertreten, ganz ohne es zu bemerken. Mich von Menschen verabschiedet, ohne zu wissen, dass ich sie nie wieder sehe, von Orten, von Gewohnheiten, Stimmungen, Vorlieben. Ich denke, wenn ich eine Liste von den Dingen schreiben würde, die sang- und klanglos verschwanden, ich würde Bausteine staunen. Und umgekehrt. Wie oft bin ich in etwas mittlerweile längst vertrautes hineingestolpert, ohne das erste Mal erinnern zu können. Im japanischen Bogensport gilt es als ausgemacht, jede Vor- und Rückwärtsbewegung mit dem linken Fuß zu beginnen. Unsichtbare Schwellen werden überstiegen, wer das vergisst, bekommt einen Punktabzug (wenn auch nur im übertragenen Sinn). Bedacht loszugehen, Schwellen, auch unsichtbare, zu überschreiten, und nicht darüber weg zu huschen, das könnte ja mal einen Versuch wert sein.

Die Türschwelle auf dem Foto ist kaum zu sehen, eher zu erahnen unter der geschlossenen Tür.

Im Auge der Betrachter/innen

Was Kunst ist, sein kann, war und würde, ist eine feste Größe im Fragenkatalog der Kunsthistoriker/innen. Jede Generation beantwortet sie aufs Neue, früher noch eher mit einer Stimme, mittlerweile polyphon. Wenn ich mich recht erinnere, war es in meiner Studienzeit, dass eine Umwälzung geschah: Nicht mehr wurde Kunst nur gemacht, verkauft oder geklaut, sie entstand. Und zwar in den Augen des Publikums. Seitdem hat sich die Frage nach der Kunst für mich noch einmal um vieles aufgefächert. Mache ich etwa Kunst, wenn ich einkaufen gehe? So geschehen (und gesehen) heute. Kunst oder weg? Vielleicht auch Kitsch – und kann bleiben…

Sperrkunst

Hä? – Nee, hammwa nich. Müssen wir im Duden nachschaun: Sperrgut, Sperrholz, Sperrmüll, Sperrstunde…, wer bei den letzten beiden Stichworten Witterung aufnimmt, liegt nicht falsch. Da hat offensichtlich jemand (WOYY mit Pseudonym und eine Frau, wie das Internet verrät) den Begriff „Stadtmöbel“ sehr wörtlich genommen. Denn es sind sperrige Geräte, Möbel, Badezimmereinrichtungesteile, Matratzen (am liebsten übrigens Sofas, wie bei facebook zu lesen ist), die Berliner nachts auf den Gehsteigen abstellen, wo WOYY dann mit ihren Schablonen vorbeikommt und sprüht. In Kreuzberg und Schöneberg habe ich bislang ihre Werke gesehen, es sollen auch schon welche in Neukölln gesichtet worden sein. Was für eine tolle Idee. Und wer eine Schubkarre hat und ein halbwegs großes Zimmer, kann sich die Kunst mirnichtsdirnichts nach Hause schaffen. Kuschelnde, sich umarmende Menschen sind stets zu sehen, man wünschte sich unbedingt mehr davon. A hug every day keeps the doctor away!

Montagmorgen

Wer jetzt denkt, ich hätte den Vormittag bei meinen Prinzenfreunden verbracht oder in der Nacht nicht mehr den Ausgang aus dem Ballsaal gefunden – Fehlanzeige. Ich war heute Morgen beim Frisör. Leider sind meine Ohren nur größer, nicht jünger geworden. Außerdem haben sie vor Scherenklappern großen Respekt (sie stehen ab und werden schnell gezwickt) – die so richtig bunten Geschichten jedenfalls bekam ich diesmal nicht zu hören. Gerade mal die am Tresen mit schiefem Mund erzählte Begebenheit vom morgendlichen Bewerber. Der den Termin um 10:00 einfach nicht,… na, ich meine, 20 Minuten sind doch … und tschüssikowski. Kreuzberg ist mittlerweile auch eine ganz normale deutsche Stadt. Oder von dem ersten Kunden, der sich alle 10 Minuten einen weiteren Espresso bringen ließ, bis er den Kopf nicht mehr ruhig halten konnte. Espresso gibt es umsonst, aber die Rechnung ging nicht auf. In der Zwischenzeit waren meine Haare ab: Das Ende des Versuchs an eine eigene Langhaarfrisur zu kommen. Eigentlich ein guter Start in die Woche. Auch wenn ich der Prinzessinnenfrisur sicher noch ein paar Tage hinterher trauern werde.

Verrat und Liebe

Es gibt Autoren und Autorinnen, die Bücher für Erwachsene und für Kinder schreiben. Joyce Carol Oates ist dafür bekannt, Henning Mankell, Paula Fox ist mir die liebste, Amos Oz möchte ich heute vorstellen. 1978 ist von ihm das Buch „Sumchi“ erschienen, zunächst in Israel, Anfang der 1990er Jahre in deutscher Übersetzung, mein Taschenbuchexemplar aus dem Rowohlt-Verlag stammt von 1997 – in der Übersetzung von Mirjam Pressler.

Empfohlen ab 10 ist die „wahre Geschichte“ die Amos Oz aus der Ich-Perspektive erzählt, für Kinder von der ersten Seite an eine ziemliche Überforderung, was mir von der ersten Seite an gleich am besten gefällt. „Über Veränderung“ heißt es da, von der angekündigten Abenteuer- und Liebesgeschichte keine Spur, – doch eine: im allerletzten Satz. Und was dann kommt? Überschriften, die man in bittersüßen Liebesschmonzetten oder mittelmäßigen Erbauungsromanen erwartet, keinesfalls in einem Kinderbuch. „So erblüht die Liebe“ steht über dem ersten Kapitel, es folgen „Eine große, edle Seele“, „Wer wird zum Berg Gottes hinaufsteigen“, „Geld oder Leben“ und es wird zum Ende hin keineswegs besser, d.h. weniger pathetisch. Sie führen beim ersten Blättern in die Irre, doch erweisen sie sich als präzise gesetzt, sobald das Buch gelesen ist.

Die eigentliche Überforderung aber besteht in der „Kulisse“ der Geschichte, dem Jerusalem aus dem Jahr 1947. Wer von uns Erwachsenen weiß auf Anhieb, dass es die Zeit der englischen Besatzung ist? Um wieviel verwirrender mögen die Unterhaltungen von Sumchis Eltern in Kinderohren klingen, die sich über Onkel Zemach (schon die Namen!) lustig machen und als „meschugge“ titulieren, die politische Diskussion, die Sumchi mit dem Vater seiner Angebeteten führt, in der sich der Junge als Untergrundkämpfer offenbart (ist das nicht was für Erwachsene?!), während der Vater offensichtlich eine andere Auffassung vertritt (aber welche?) – und die vielen Details, zum Beispiel wenn der Lehrer die außer Rand und Band geratene Klasse mit dem Ausruf „Das Fleisch möge schweigen“ zur Disziplin zurückruft, oder wenn Sumchi gerne Rachat Lokum isst (was ist das schon wieder?) und auch noch Gewissensbisse hat, weil die Köstlichkeit aus Beirut kommt.

Die „wahre“ Geschichte, die vor diesem Hintergrund erzählt wird, verstehen Kinder sehr wohl  – meines Erachtens auch mehr von den „Kulissen“ als Erwachsene ahnen, womit ich nicht historische Fakten meine, sondern das Unübersichtliche der Welt, die Fremdheit des Selbstverständlichen darin  – egal, wo und wann man sich gerade aufhält. Die „wahre“ Geschichte ist eigentlich ein Märchen, das vom Hans im Glück, das Sumchi auf unerwartete Weise und mit anderen Pointen und Wendungen durchlebt. Dazu ist sie eine Fernwehgeschichte und eine Liebesgeschichte, von denen schon im Untertitel die Rede ist. Ein Happy End gibt es und doch wieder nicht – wer die Einleitung über die „Veränderung“ aufmerksam gelesen hat, wird sich nicht wundern.

Veränderung zum Thema einer Kindergeschichte zu machen, dieses „nichts bleibt, wie es war“, ist eine starke Entscheidung. Es wird nie alles gut, so die Botschaft, aber es geht weiter, auch wenn wir hier oder da Blessuren abbekommen. Es gibt unvermutete – und verrückter noch: unverdiente – Glücksmomente (unverdient, weil sie mit Lügen erkauft sind oder durch puren Zufall daher kommen), es gibt die Bösen, die Guten und es gibt Verräter, nicht nur der beste Freund, der sich als solcher entpuppt, sondern sogar Sumchi selbst, der seine Liebe lange genug hinter einem pöbelhaften Verhalten und aus purem Opportunismus versteckt. Verzwickt und komplex ist das alles, wie im richtigen Leben. Das für Kinder zu beschreiben, von Sprache, Witz, Lebendigkeit mal abgesehen, ist das große Verdienst von Amos Oz. Wer allerdings wissen will, wie „wahr“ die Geschichte nun ist, d.h. ob Sumchi wirklich der kleine Amos ist, wird enttäuscht, denn seinen Namen – Sumchi ist nur ein Spitzname – verrät der Erzähler bis zum Ende der Geschichte nicht.

abstrakt oder konkret?

Seit November schneide ich Töne. Der Kurs läuft bei mir um die Ecke, die Atmosphäre ist entspannt und enorm motivierend. Ich bin wohl noch kein Mal nach Hause gekommen mit dem mauligen Gefühl, was nicht zu können (und genau dazu hätte ich allen Grund). Stattdessen kribbelt es mir immer schon in den Händen und im Kopf vor lauter Ideen, die ich als nächstes probieren könnte. Für mich steht an erster Stelle der Sprachschnitt. Doch läuft der Kurs unter dem Vorzeichen „musique concrète“, so dass wir an Geräuschen üben, die wir zueinander in Beziehung setzten, verändern oder sonst irgendwie choreographieren. Für mich ein tolles Übungsmaterial, bei dem ich mich nirgendwo in Inhalte verbeißen kann. Ich höre. Und suche den besten Weg. Die aktuelle Aufgabe lautet, einen Wassertropfen und einen asiatischen Handgong zu einer Geschichte? einem Stück? einer Übung? einem Hörspiel? zusammenzufügen. Erlaubt ist alles, was das Material hergibt. Sechs Minuten habe ich gebraucht (oder geschafft) – und sie gefallen mir gut genug, um mit einem Titel zu liebäugeln. Gar nicht so einfach, wenn ich keine Lesart vorgeben will. Weise ich auf die „Grundgeräusche“ hin, ohne die ja nix zu hören wäre, oder geht es mehr in Richtung der abstrakten Veränderung? Sollte ich mir technoide Phantasietitel zulegen (die im besten Fall wie gute Science-Fiction-Romantitel klingen) oder eher Wortspiele auf der konkreten Ebene suchen (die dann allerdings ins Behäbige abstürzen könnten) – ? Fragen sind das! Dabei sollte ich dringend die Wäsche waschen…

Wonnemonat

Wahrscheinlich ist der Maibaum einer der „Gerüche“ meiner Heimat. Nicht dass er groß riecht, aber er war nicht weg zu denken aus meiner Jugend im Rheinland und eben etwas ganz besonderes. Denn in der Mainacht sprießen in der Stadt plötzlich Bäume. Birken mit zart grünem Blätterpflaum und bunten Bändern, die im Wind flattern. Jungs „setzen“ sie ihren Maimädchen, mehr oder weniger heimlich, ab der Dunkelheit jedenfalls sind auffällig viele Traktoren auf den Straßen unterwegs. In Berlin habe ich noch nie einen gesehen. Dabei müsste es doch auch hier einige Rheinländer geben -? (Birken zumindest stehen in und um Berlin mehr als genug). Einen Ersatz habe ich für dieses Mal wohl gefunden, als Familiennamen.

Walpurgisnacht?

Oder doch lieber was anderes – Pizza essen, ins Kino gehen, Riesendiamanten angeln? Für letzteres gibt es eine Anleitung auf einer Hauswand in Berlin Mitte, Chausee- Ecke Torstraße. Genau ist gezeigt, wie man zu dritt im schmalen Boot Platz nimmt, dass man am besten kleine Käscher verwendet (vermutlich um sich nicht heillos damit einzuwuseln) und dass es einen Sonnenaufgang braucht. Leider ist nicht vermerkt, welches Gewässer anzusteuern ist. Aber vielleicht ist das ja egal. Die versprochene Ausbeute ist riesig, denn jeder kriegt einen Arm voller Diamanten, jeder fast so groß wie ein Fußballpokal. Aloha – und viel Glück!

Dino-Boogie-Woogie

Die Spuren sind rar, aber es gibt sie: Hinweise auf ein wildes Tanzvergnügen der Dinosaurier… – nun, sagen wir eher, Rekonstruktionen, die an eine solche Leidenschaft glauben lassen, wie dieses hinreißende Gerippe aus dem American Museum of Natural History. Wer jetzt an den bevorstehenden Tanz in den Mai denkt, liegt nicht ganz falsch. Denn ich suche gerade mein Tanzbein, bzw. meine irgendwo verloren gegangene Lust zu tanzen. Dabei war ich als junges Mädchen eine kleine Provinz-Dancing-Queen, die alle zweiten Preise der Tanzschule abgeräumt hat. Sogar im Sport hatte ich plötzlich mal eine Eins (vorher war ich immer knapp an der Fünf vorbeigeschrabbt), als ich endlich das Wahlfach Tanz für mich entdeckte. Mit dem Studium war dann plötzlich Schluss mit dem lustigen Gehüpfe. Verlor sich irgendwo am Rand des Sichtfeldes. Und jetzt stehe ich vor der Frage: Entstauben und neu beleben oder endgültig zu den Akten legen? Wenn ich den Saurier so sehe, neige ich bei aller offensichtlichen Freude doch zu letzterem. Wer möchte diesem Tanzpartner schon vertrauensvoll den Kopf auf die Schulter legen!?

Klein beigeben oder Willenskraft zeigen?

So sehen zur Zeit meine Traumbilder aus, wenn ich mich nicht scharf auf meine jeweilige Arbeit konzentriere oder sonst irgendwie die Gedanken schweifen lasse: Kuchen in allen Farben und Formen. Denn ich mache eine Diät. Bis Herbst soll eine zweihändige Zahl von Kilos purzeln. Ausgerechnet Ostern habe ich damit angefangen. Und mich Monate vorher mit der Entscheidung schwer getan. Weil ich mir einerseits geschworen habe, mein Altern nicht zu manipulieren. Und in meiner Familie werden Frauen ab 40 dicker. Andererseits, und das habe ich überhaupt nicht bedacht, passten mir mit einem Mal sämtliche Kleidungsstücke nicht mehr. Wie dusselig kann man sein? Aber das hatte ich wirklich nicht erwartet… Nun war guter Rat gefragt. Denn Geld, den Kleiderschrank mal schnell um ein oder zwei Größen aufzustocken, fehlt. Also gebe ich klein bei und füge mich dem Schlankheitsdiktat? Kämpfe ich am Ende unfreiwillig den Heldinnenkampf gegen das Altern? Oder was um alles in der Welt mache ich da?