Beim Blick aus dem Fenster ist es kaum zu glauben: die Berliner Bäderbetriebe haben die ersten Freibäder geöffnet: Das Prinzenbad und der Wannseestrand sind ab sofort anzusteuern, man muss ja nicht gleich ins Wasser, oder zumindest nicht mit dem ganzen Körper… Dass es nicht mehr lange dauern kann, bis auch abends laue Brisen unsere weißen Wangen streifen, habe ich gestern Abend vernommen: Eine Nachtigall nämlich probte im nächtlichen Park, ein bisschen klamm noch, und mit großen Pausen hier und da, aber deutlich zu erkennen: Ein Vogelliebeslied.
New York – Tag und Nacht
Beim Griff ins Regal habe ich es nicht gemerkt – erst beim Vorwort ist mir klar geworden, dass es sich bei diesem schmalen Reisebuch um einen Auszug handelt. Simone de Beauvoir war 1947 zu einer Vortragsreise in die USA eingeladen worden. Sie zögerte keinen Augenblick und flog am 25. Januar des Jahres über den Atlantik, nicht in eine fremdes Land, wie sie notiert, sondern in eine andere Welt. Ursprünglich veröffentlichte sie ihre Eindrücke von „drüben“ unter dem Titel L’Amerique – au jour le jour, aus dem diese Auszüge stammen. Sie ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Vorzeigeintellektuelle Frankreichs: Ihr Buch Das andere Geschlecht, mit dem sie weltberühmt wird, erscheint erst 1949.
Für mich ist Simone de Beauvoir im Romanistik-Studium Pflichtlektüre gewesen. Ihr klarer Stil, ihre noch klareren Vorstellungen und ihre Selbstverständlichkeiten haben mich beeindruckt. Sie war für mich der feste Bestandteil des intellektuellen Nachkriegs-Paris und obwohl ich wusste, dass sie viel gereist war, fand ich sie – und deshalb wohl der Griff ins Regal – als Reiseführerin spannend. Zumal ich selbst einmal kurz in New York war, 11 Tage nur, aber die habe ich nicht vergessen.
Erst im Laufe der Lektüre ist mir klar geworden, wie nah sie am Ende des Zweiten Weltkrieges reiste. Die gleichaltrigen Männer dort waren oft genug Soldaten gewesen, die Frankreich und später Deutschland befreit haben. Sie kam vor allem in eine Welt des Überflusses, von dem man im Europa des Jahres 1947 nur träumen konnte (und das waren sicher selten Alpträume). Dennoch habe ich gerade in den von ihr beschriebenen ersten Tagen viel von dem wiedergefunden, was ich selbst in den ersten Tagen (und verglichen mit Simone de Beauvoirs Reise bestand mein Trip ja quasi nur aus ersten Tagen) empfand: diese Dankbarkeit den Amerikanern gegenüber (ja, immer noch und trotz allem, was berechtigterweise die Beziehungen der letzten Jahre getrübt hat), dieser irrwitzige Überfluss in jedem einzelnen Drugstore, diese vielen winzig kleinen Überraschungen der anderen Kleider, der neuen Gesichter, der Gerüche, der Gewohnheiten und der große – wie sie es empfindet – Gebirgshimmel über der Stadt.
Statt nach der langen Reise und noch einem Essen mit ihren offiziellen amerikanischen Gastgebern direkt ins Hotelbett zu gehen, saust sie gleich wieder aus der Lobby, um die erste Entdeckerfreude ganz auszukosten. Sie schläft überhaupt wenig in der New Yorker Zeit, einmal denkt sie, ihr Herzschlag gehe hier anders, schneller, und erlaube ihr, weniger zu schlafen. Am Ende des ersten Tages, an dem sie – nein, nicht kreuz und quer, sondern mit Liste, Stadtplan und Notizheft – durch Uptown gelaufen ist, wird ihr schummrig. Sie löst sich auf, wie sie schreibt und schaut nur noch. Auch das kenne ich, das Rauslaufen aus dem Hotel trotz fast schon schmerzhafter Müdigkeit, das Staunen und nur noch Staunen können.
Aber schon bald trennen sich unsere Erfahrungen, denn sie war ja unter anderem auch dort, um Vorträge zu halten, ich blieb die knapp zwei Wochen Touristin. Als erstes nimmt sie einen zum Schuhputzer mit, dann in einen Schreibsalon, in den ich ihr mit großen Augen folge (komme mir noch mal jemand damit, die Idee der tageweise mietbaren Schreibtische in Großraumbüros sei neu…), zum Friseur. Dort spürt sie, Teil der Stadt zu werden, die sie in den ersten Tagen wie ein Gespenst nur durchwandert zu haben glaubt. Ein treffender Vergleich wie mir scheint, denn wer nur herumgeht, fühlt sich schnell als Gespenst, heute ist Tourist sagen dafür ebenso erlaubt, denn fast schon ein Schimpfwort. Aber einen gemeinsamen Termin haben wir – trotz der 54 Jahre, die zwischen unseren Reisen liegen – dann doch noch: Das Frühstück im Deli. Auch ich hatte nach zwei Tagen das Hotel hungrig verlassen, um an der nächsten Ecke bei Zabar’s zu frühstücken. Und auch ich hatte sofort das Gefühl, Teil eines amerikanischen Morgens zu sein, denn ich wurde angesprochen in das Gespräch über den Tisch hinweg mit einbezogen. Und auch ich wurde rot ob meiner kläglichen Englischkenntnisse. Ohne Grund, denn New Yorker gehen immer noch gelassen und freundlich mit den Sprachproblemen der Zugereisten um.
Während ich also schon bald wieder die Koffer packe, nimmt das Leben Simone de Beauvoirs in der neuen Umgebung erst richtig Fahrt auf. Sie trifft sich erst mit französischen Freunden von Freunden. Nach und nach lernt sie Amerikaner kennen, besucht deren Partys und natürlich auch die Redaktionsbüros der Stadt. Denn sie will (und muss) Dollars verdienen. Sie geht alleine durch Harlem, und am nächsten Tag kauft sie zum ersten Mal die Tageszeitungen, um auch in New York mit ihrem französischen Alltag fortzufahren, morgens Zeitung zu lesen (amerikanische, sie ist schließlich da, in diese Stadt, in das Land völlig einzutauchen). Ihr Englisch wird besser, sie diskutiert an den Abenden mit den neuen Freunden, die Themen stehen ihr vor Augen: Rassenprobleme, die Situation der New Yorker Juden, die Gefahren des Kalten Krieges, die Ungleichheit der amerikanischen Gesellschaft, die ihr trotz des Wohlstandes sofort in die Augen sticht. Mitte Februar beginnt ihre Vortragsreise, die sie bis an den Pazifik bringt, sie kehrt Ende April nach New York zurück, diesmal ins West-Village, wo sie ein Quartier-Leben führt mit Nachbarn, Freunden und kleinen Bummeleien, wie sie es aus Paris kennt. Sie fühlt sich angekommen, vielleicht auch nicht zuletzt, weil sie einen amerikanischen Liebhaber gefunden hat, einen Schriftsteller aus Chicago, dem sie ihr New York zeigen kann und mit dem sie doch ganz neue Eindrücke erlebt.
Die Zeit rennt ihr davon. Sie schläft kaum noch, beherrscht die englische Sprache leidlich, jedoch noch nicht gut genug, um – wie sie schreibt – völlig frei in ihr denken zu können. Jetzt dringt sie noch einmal tiefer ein in den amerikanischen Lifestyle, sie sieht, wie hier alles auf Geld fixiert ist und nur der ein gemachter Mann ist, der welches hat (Talent zu haben reicht dagegen nicht). Sie sieht ihre eigenen Landsleute plötzlich in einem neuen, eher unvorteilhaften Licht und sie findet ihr großes Thema, auf das sie vielleicht im eigenen Land nicht so schnell gestoßen wäre: Die Rolle der Frauen. Denn erst im Kontrast zur Französin wird ihr klar, wie umemanzipiert die von ihr vorab als unabhängig gedachte Amerikanerin ist. Es ist die Amerikareise, die den Keim legt zu ihrer großes Studie über „das andere“ Geschlecht. Sie macht noch en passant eine Marijuana-Erfahrung, die keine wird, weil der Stoff bei ihr nicht anschlägt, sie isst am Ende der Reise am liebsten Hamburger mit Whisky und sie ist sich sicher, dass sie Amerika zumindest zu 50% liebt, was für eine französische Intellektuelle ihrer Zeit ein riesiges Kompliment ist. Als sie fährt, ist sie traurig. „New York hat mich akzeptiert“ schreibt sie an einem ihrer letzten Nachmittage, an denen sie an einer Ballett-Probe mit John Cage und Merce Cunningham teilnehmen darf. Den letzten Abend verbringt sie mit Freunden in Harlem. Und dann fliegt sie ins triste Nachkriegs-Paris zurück. „Ich riskierte nie etwas, ich war Zuschauer.“ So klingt ihr Resümee und auch der Grund, warum sie trotz aller Begeisterung zurück muss. Sie kann trotz aller Beschäftigung keinen Alltag in New York finden, denn ihr fehlt ihre Arbeit.
„Meine hiesigen Freunde gehen ihren Berufen nach, haben ihre Alltagssorgen, stehen vor den Problemen, von denen ich sprach. Ich bin eine Außenstehende. (…) Je vertrauter mir diese Welt ist, um so stärker fühle ich das Bedürfnis, einen wirklichen Platz in ihr einzunehmen – vielleicht fände ich ihn auch, wenn ich länger bleiben könnte. Aber in zehn Tagen wird nicht mehr die Rede davon sein, ihn zu suchen. New York ist keine Fata Morgana mehr, die ich erst in eine Stadt in Fleisch und Blut verwandeln muss, es ist eine betäubende Wirklichkeit, es hat die Dichte und den Widerstand der Wirklichkeit. Nichts werde ich von dieser Stadt erhalten, es sei denn, ich gäbe mich ihr ganz; um aber ein solches Geschenk möglich zu machen, müsste ich meine Existenz von Grund auf ändern. Es ist mir bestimmt, hier nur Besucherin, Durchreisende zu sein. Morgen früh werde ich mir ein Flugbillett für Chicago reservieren lassen.“ Simone de Beauvoir, New York mon amour, hrsg. von Susanne Nadolny, édition ebersbach, Berlin 2012.
Denkmal
Ob man Grabsteine als kleinste oder persönlichste Denkmalform benennen darf, möchte ich nicht behaupten. Doch sind sie Steine von Denkanstößen für die, die über einen Friedhof gehen, um Freunde oder Verwandte zu besuchen, Berühmtheiten oder bloß das frische Grün der Bäume. Was denn auf den eigenen Stein kommen, ob es überhaupt einen solchen geben soll, sind vielleicht einige der Gedanken, wer diese Menschen wohl waren, die ihre Geburtsdaten, Namen, einen letzten Gruß oder ein Versprechen für die Lebenden hinterlassen, andere. Und dann plötzlich das: weitermachen! Selten habe ich mich von einem Toten so angesprochen gefühlt. Einem, dem es offensichtlich weniger ums Jenseits ging, denn um die Zukunft.
Grabstein von Herbert Markuse auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin
Dringend! Eilt!
Vor allem Anliegen anderer scheinen in meinem Leben immer noch Vorfahrt zu haben. Zwar habe ich mir einen „Ich zuerst“-Zettel auf den Rechner geklebt, der fällt aber ob der Wärmeentwicklung regelmäßig runter und verpuzzelt sich unter mehr oder weniger dringenden Anfragen. Allenthalben hat sich schon ein schwacher Reflex ausgebildet, der mich davor bewahrt, sofort zu neuen Aufgaben zu springen, zumindest solange die „akute“ noch vor mir liegt. Heute kam eine neue Erkenntnis dazu: Ich muss nicht mal jede Gelegenheit beim Schopf packen. Selbst wenn der Kontostand deutlich Einspruch erhebt. Wenn ich Haltung bewahren will, bin ich die, die entscheidet. Puh. Gar nicht so einfach, mutig zu sein.
Der blaue Blick
Sie ist die ungekrönte Königin unseres Hauses, mit tadellosen Manieren, die sie einzig der Queen abgeschaut haben kann – kein unbedachter Kläffer kommt über ihre Lefzen, keine Regung. In einwandfreier Selbstbeherrschung hält sie Hof, ihre „offiziellen“ Tage sind nicht festgelegt und so kommt es, dass Passanten extra die Straßenseite wechseln, um nach ihr Ausschau zu halten, Hunde die vorbeikommen, verlangsamen zwei Häuser vorher schon ihre Schritte, um möglichst beiläufig Witterung aufzunehmen. Wer Glück hat, bekommt „unsere“ Hundelady zu sehen, es ist eine Auszeichnung, wenn sie einen mit ihrem träumerischen Blick beschenkt.
„gebrauchte Zukunft“
Han Solo und Luke Skywalker hätten sicher keine Probleme, in dieses vergammelte Flugzeug einzusteigen und los zu fliegen. Ihr „Erfinder“ Georges Lucas hatte sich für seine Star Wars Filme ein neues Image der Zukunft ausgedacht, eben die „gebrauchte“, schon etwas runtergekommene Zukunft. Mir scheint das bis heute plausibel, sehen doch so mache Maschinenrelikte größer und kräftiger aus als blitzneue Objekte, ganz so als würden sie nur schlafen und sich nur ein paar Mal schütteln müssen, um wieder startklar zu sein. Außerdem verspricht die Reise mit einem Schrottvehikel fantastischer zu werden: Auf dem regulären Flughafen München wird man mit so etwas sicher nicht mehr aufschlagen können, aber vielleicht in der Wüste, im ewigen Eis oder gleich auf dem Mond. Und es müssen verwegene Gestalten sein, solche wie Han Solo, die einen zum Flug einladen. Würde ich mich trauen?
Komischerweise musste ich bei dieser Flugzeugruine auch an meine Kindheit denken. Vielleicht weil wir oft mit verbeulten und zerschlissenen Dingen spielten. Vielleicht weil Kindern alles Mögliche plausibel ist, selbst ein fliegender Schrotthaufen. Sich zwischen Kindheit und der erwachsenen Gegenwart hin und her zu bewegen, gilt Entwicklunspsychologen als „gesundes“ Tun. Die Kinderzeit nicht als vergangen hinter sich zu lassen, sondern auf den dort gemachten Erfahrungen aufzubauen, ist nach Freud ein dynamisches Verfahren und notwendig für klare Gedanken. „Gebrauchte Zukunft“ hätte damit für mich auch eine ganz aktuelle Bedeutung: als schon etwas mitgenommene Gestalt meine Zukunft denken zu können. Eine Zukunft, in der ich als nicht mehr ganz blitzblanke Neuproduktion keineswegs fehl am Platz wäre.
Sich entfalten
(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordung oder das Sittengesetz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.
Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland Art. 2
Silberstreif am Horizont
Der echte und wahre Silberstreif ist ein natürlicher, d.h. von der Sonne beleuchteter Horizont kurz vor der Dämmerung. Aber mehr Karacho haben Kondensstreifen an einem strahlenden Frühlingshimmel. Was soll’s also!? Und wer gerade einen braucht, bediene sich: es sind genug da!
Mit Schachfiguren Sinfonien schreiben
Wie viele mir wichtige Bücher sind auch die der japanischen Autorin Yoko Ogawa fast unmerklich in mein Leben gekommen. Via Überlauf. So heißen die Regale in der Amerika-Gedenk-Bibliothek, in denen zurückgegebene, aber noch nicht wieder an ihren Platz gestellte Bücher im Lesesaal landen. Ogawas Roman „Der Ringfinger“ kam auf diese Weise auf meinem Büchertisch. „Schwimmen mit Elefanten“ zog ich dann schon mit großer Vorfreude aus dem Regal. Nachdem ich wochenlang darauf gewartet hatte, den Roman endlich in den bibliothekarischen Leseumlauf gebracht zu sehen.
Die Geschichten von Ogawa sind für europäische Ohren zunächst merkwürdig abseitig. Man fühlt sich in Kuriositätensammlungen versetzt, wo Menschen fast ebenso hölzern, verwittert oder angeschlagen ihre Existenz führen wie andere Fundstücke, seien es überlieferte Geschichten oder sorgsam aufbewahrte Reliquien. Fast alle Figuren – und kaum kann man sich sicher sein, es stets mit Lebenden zu tun zu haben – weisen Verletzungen oder Verstümmelungen auf, so auch „der Junge“, dessen Kindheit wir in dem Buch vom schwimmenden Elefanten erzählt bekommen. Genauer: eine Kindheit und einen Tod als berühmten, aber in einem Schachautomaten verborgenen Menschen, der seine Genialität mit heftigsten körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen bezahlt oder vielleicht doch umgekehrt, dessen Genialität ihn dem bloßen Menschsein entkommen lässt.
Im Grunde ist die Geschichte schnell erzählt, ein Waisenjunge, der mit seinem Bruder in den beengten Verhältnissen seiner Großeltern aufwächst, und der mit dem ungewöhnlichen Kainsmal zusammengewachsener Lippen zur Welt kam, lernt bei einem dicken ausrangierten Busfahrer, der in einem alten ausrangierten Bus lebt, Schach. Der sich an süßen Kuchen zu Tode essende Busfahrer ist ein Meister des Schachspiels, er erkennt sofort die Begabung des Kindes und fördert ihn auf umspektakuläre Weise. Das Kind wächst in das Schachuniversum hinein. Nicht der kurzfristige Sieg ist Ziel, sondern die Schönheit und Eleganz der Züge. Doch nichts bleibt wie es ist. Die Idylle kippt in ungeahnte Alpträume, die leise daherkommen, einem beim Lesen aber eiskalt vor Augen stehen.
Die Realität könnte auch ganz anders sein. Auch wenn die Lektion, die mir beim Lesen von Ogawas Texten bleibt, banal erscheint, hat sie doch für meine Wahrnehmung und für mein Gefühlsleben eine ungeheure Wirkung. Vor allem die Verschränkung von Gegenwärtigem und Traum erlaubt eine Erweiterung der eigenen Existenz, die atemraubend ist. Und: Grausamkeiten beleben hier das Leben. Psychologisierungen haben keinen Platz. Heilung erst recht nicht. Es gibt nichts zu klagen. Das versteht der Junge, schon lange bevor er selbst Schachmeister ist:
„Indiras Fall (es handelt sich bei Indira um einen Elefanten, der als Jungtier auf einem Kaufhausdach als Attraktion ausgestellt wird und der, weil man den richtigen Moment verpasst, ihn in den Zoo zu bringen, sein Leben lang allein auf dem Dach steht, denn er ist zu groß geworden, um noch in den Aufzug zu passen) hatte ihn (den Jungen) gelehrt, dass es kein besonderes Vergnügen war, unabänderliche Dinge zu hinterfragen. Was wäre wenn? Wieso hat man dich nicht eher in den Zoo gebracht? (…) In dem Moment, in dem man weiß, dass die Situation nicht zu ändern ist, sind solche Fragen überflüssig, denn sie führen dem Betroffenen bloß seine traurige Situation vor Augen. Deshalb zügelte der Junge seine Neugier und verkniff sich die Frage. Seine Lippen blieben versiegelt wie damals bei seiner Geburt.“
Kein Leben, auch das eines ausgefuchsten Meisters, beschränkt sich aufs Schachspiel. Wir sehen dem Jungen beim Erwachsenwerden zu, das (wie zu erwarten) nicht besonders herkömmlich verläuft. Das Kind wächst ab seinem 11 Lebensjahr nicht mehr (eine wichtige Voraussetzung dafür, später überhaupt in den Automaten zu passen), er verpatzt eine Meisterschaft und muss seinen Lebensunterhalt in windigen Etablissements verdienen.
Was das mit Musik zu tun hat? In seiner Lehrzeit schenkt der Meister dem Jungen ein Notizheft. Doch statt Linien oder Karos sind leere, durchnummerierte Tabellen auf die Seiten gedruckt. Es ist, wie der Meister erklärt, ein Notationsheft.
„Die Aufzeichnung einer Partie nennt man (…) Notation. Dadurch lässt sich jedes Spiel jederzeit wiederholen, denn es wird nicht nur das Resultat, sondern jeder Zug protokolliert. So bekommt man durch die Bewegungsmuster ein leibhaftiges Bild der Partie und weiß um die Eleganz, die Raffinesse oder die Souveränität der beiden Kontrahenten. Selbst wenn diese bereits gestorben sind. Eine Notation überlebt jeden Schachspieler, und für jeden Schachspieler ist die Notation ein notwendiger Beweis seiner Existenz.“
Yoko Ogawa, Schwimmen mit Elefanten, Berlin 2014 (Tokio 2009).
Sonneninseln
Eigentlich wollte ich heute über den brockenschweren Neid schreiben. Aber dann habe ich Marens wundervolle Sonneninseln gesehen und mich erinnert, dass ich ihr vor Monaten eigene Baumbilder versprochen habe. Außerdem ist Wochenende. Soll sich der Neid trollen und mir ein anderes Mal unbequem werden! Hier sind Mini-Inseln aus dem Schlaubetal. Aus dem vorletzten Frühjahr das ja spät, aber dann mit voller Wucht explodierte. Ein Tal wie in einem Märchenwald, zumindest in der Woche, wenn man als Spaziergängerin mit Kuckuck, Ente, Reiher, Eisvogel und, und, und die Landschaft für sich alleine hat.
Ach so, Marens Blog ist unter orteundmenschen.wordpress.com zu erreichen.







