Vergessen ist ein aktiver Vorgang. Das habe ich in der Schule gelernt. Es bedeutet, dass fast alle Menschen dauernd was vergessen. In Prüfungen ist es quälend, unterwegs kann die vergessene Adresse ein mittelprächtiges Drama auslösen oder die eigene Improvisationskunst zu Höchstleistungen anstacheln. Wer Momente aus der Kindheit vergessen hat oder solche mit Freunden, die schon gestorben sind, wird die mangelnde Erinnerung als Manko empfinden, vielleicht sogar als Niederlage. Wer an Alzheimer erkrankt, ertrinkt irgendwann im Vergessen. Denn die Stellen, die vorher das Leben markiert haben, Terrains abgesteckt, Erinnerungen positioniert, verblassen oder reißen einfach aus. Da, wo gestern noch Orientierung war, ist heute ein schwarzer Fleck. Dieses Zerreißen des persönlichen Orientierungsnetzes ist eine quälende und zutiefst bedrohliche Erfahrung. Irgendwann vergessen die Betroffenen auch das, dass es einmal ein Netz gegeben hat. Im Kopf bewegen sie sich – real immer unbeweglicher werdend – in einem luftleeren Raum (so zumindest stelle ich mir das vor). Vielleicht fliegen gelegentlich Trümmer ihres gelebten Lebens darin herum, immer seltener können sie für Momente eine Stelle in ihrer Umgebung fest machen. Von Seiten der „Gesunden“ gibt es verschiedene Versuche, mit dieser Leere umzugehen. Die meisten setzen auf das Füllen der Leerstellen. Ich frage mich gelegentlich, ob wir nicht umgekehrt lernen sollten, uns der Leere zu stellen.
Lieblingsstelle
Die Stelle ist markiert durch Erinnerung. Lieblingsstellen im Buch können durch eine eingeknickte Seite oder eine Randnotiz gekennzeichnet sein, die Stelle, an der ich das erste Mal die Stadt betreten oder einen erstaunlichen Fund gemacht habe, wo ich mit dem Fahrrad gestürzt, fast von einem Wildschwein umgeworfen worden oder knapp einer verfrühten Heirat entkommen bin: Hier ist sie! Hier und dort und dahinten, an der Bank! Texte und Orte verwandeln sich in Stellen, sobald ich sie durchstreife. Erinnerungen nisten hier oder da, je länger ich irgendwo bin, desto engmaschiger werden die Markierungen. Ist das so? Vermessen wir unsere Umgebung in Stellen und damit in erlebte – vielleicht sogar nur erträumte – Geschichten?
Die abgebildete Stelle ist real, aber nicht mehr an ihrem alten Ort. Sie ist der eine von zwei Containern der so genannten „Schaustellen“ auf dem Tempelhofer Feld, in denen der Berliner Senat letztes Jahr für die Randbebauung des ehemaligen Flughafens warb. Jetzt wächst offensichtlich Gras darüber.
Schau mir in die Augen, Kleines…
Es gibt sie also doch noch, Autos die mit einem flirten…
Ford Thunderbird, Baujahr 1966.
Träumen, Fortsetzung
Wenn morgens die Träume anbranden und beim ersten Augenaufschlag zurück ins Nachtmeer rollen, wenn noch hier und da eine Schaumkrone übrig bleibt, Fantasiegeflitter oder Fitzelchen machmal nur… gibt es doch immer wieder Überraschungen.
Dass ich zum Beispiel immer weiß, ob es ein Traumbild ist oder eine Erinnerung. Dass ich im Traum nie meine „wirkliche“ Arbeit ausübe. Hausarbeit schon, Prüfungen noch und nöcher. Einmal habe ich zusammen mit Christoph Schlingensief was inszeniert – ein ziemlicher Stress, weil ich ja wusste, dass ich das nicht kann. Schreiben, Büro, Abgabestress, kommt nie vor (oder ich erinnere es nicht). Aber was seit einiger Zeit neu im Traumrepertoire ist: Fotografieren. Und das ist wirklich erstaunlich. Denn in den Träumen gelingen mir die spektakulärsten Fotos. Traumlandschaften meist, mit schwebenden Bäumen, polarlichternen Himmeln, riesige Landschaften, wenn ich es mir richtig überlege, und ich bin so froh, diese Aufnahmen gemacht zu haben. Was ist das? Traumfotografien, die ich niemandem je zeigen kann und die mich trotzdem glücklich machen?
Die Maus drücken
Und wer täte das nicht gerne bei so einer schattentätowierten Frühlingsmaus? Aber schon macht sich Melancholie breit. Denn die Jugend wischt. Wie lang uns die Maus noch erhalten bleibt?
Lesereise
Bislang war die Sache ausgemacht: Wer ein Buch von Wolfgang Büscher aufschlug, musste gut zu Fuß sein. Zumindest mental. Und durfte nicht klagen, wenn es im Menschentempo (was uns heute gerne weniger als ein Schneckentempo vorkommt) durch die leeren, lausigen, mit Geschichte aufgeladenen oder von allen guten Geistern verlassenen Gegenden ging, Wochen, manchmal Monate lang. Nach dem letzten großen Trip durch die USA hörte ich, dass Wanderungen ab jetzt wohl passé seien. Wie froh war ich, ein neues Reisebuch in den Buchhandlungen zu finden.
Aber dann war es erst mal eine Umstellung: Büscher steigt aus dem Bus und ist da. Und da, wo er ist, im Jerusalem unserer Zeit, bietet sich wenig Auslauf. Die Altstadt ist eng und verwinkelt, die Zeit türmt sich in immer neuen Anbauten, Aufbauten übereinander, ein Weg über die Stadtmauer bleibt für viele Seiten eine der wenigen längeren Fußwege, die wir mit dem Autor unternehmen. Immerhin mit gewohnt spannendem Ausgang, denn die Zugänge sind am späten Abend längst geschlossen und wir müssen einen beherzten Sprung auf die Terrasse eines jungen Arabers wagen. Natürlich bleibt Büscher in Bewegung. Kein Morgen kommt weit über die Dämmerung, bis er sein eiskaltes Hostelzimmer, später ein kleines Haus im griechisch-orthodoxen Konvent „Agios Michail“, verlässt und loszieht. Wie ein
„Tagträumender, so ging ich durch das alte Jerusalem, meine Klause für die nächsten Monate.(…) Nur das richtige Türchen mußte ich öffnen und stand im Parlando eines italienischen Klosters, im Weihrauchnebel einer kleinen griechischen Kirche, im Goldglanz eines russischen Nonnenkonvents, im kaiser-und königlichen Hospiz an der Via Solorosa oder in einem wahrhaftigen Wiener Kaffeehaus, wo junge Araber warmen Apfelstrudel zur Melange servierten oder eine Tiroler Brotzeit zum Gösser-Bier.“
So fängt es an und so bleibt es: Pro Episode öffnet Büscher ein Türchen und tritt ein. Hier und da steigt er auf ein Dach und zeigt uns mit einem Blick über die Dächer die Weiten des Morgenlandes. Einen Himmel, von dem man in Berlin (das mit Himmeln gar nicht mal besonders knausrig ist) nur träumen kann. Es gibt, und auch das ist neu, Orte, die Büscher immer wieder aufsucht. Als Beobachter, der seinen Posten einnimmt, um Eindrücke zu sammeln, aber auch als Fremder, der für ein paar Monate heimisch wird in der uralten Metropole. Grabeskirche, Klagemauer, Tempelberg werden die festen Koordinaten seiner täglichen Wanderungen. Auch wenn er sich gewisse Ausreißer erlaubt, in die Shopping-Mall vor dem Jaffator und immer wieder ins Wiener Kaffeehaus, wenn die Heiligkeit des Ortes und seine politische Brisanz ihn zu sehr bestürmen.
Am Ende des zweiten Kapitels, ziemlich genau in der Mitte des Buches erreiche ich die wichtigste Station meiner Lektüre. Büscher verbringt eine Nacht in der Grabeskirche. Ein Abenteuer, wie für ihn gemacht, nicht wegen der drohenden Gefahren – außer eisige Kälte ist kaum gefährliches zu erwarten – sondern weil er sich auf eine Klippe vorwagt, die tief in die Geschichte des Glaubens reicht und von der man in die Tiefen des Nichts stürzen kann oder vom Rausch einer falschen Gewissheit in die Höhe gerissen wird. Wie kommt man hier wieder heraus? Und kaum so, wie er oder sie vorher hinein gegangen ist. Büscher ist nicht der Einzige, der die Nacht am Grab wachen darf. Zwei Frauen, eine Spanierin und eine Amerikanerin, wie er aus einem ihrer kurzen Gespräche schließt, haben dasselbe Privileg eingeräumt bekommen.
„Eine Stille trat ein, die Frauen gehörten ihr an. Sie blieben, nachdem die anderen fort waren, sie taten nichts als das. Und dieses Stehen, noch nicht gehen wollen, nicht fortgehen können, ich kannte es, eine unauslöschliche Szene im inneren Reservoir. Geschichten von Kindheit an, später in Musik gegossen, die ich in der Passionszeit hörte. Stabat mater dolorosa, das Stehen und Verharren der Frauen am Freitag beim Kreuz, am Ostermontag beim leeren Grab. Wahrheit der Bilder, in zig Leben und Kriegen beglaubigt.“
Das dritte Kapitel mit dem Titel „Stille Kriege“ war für mich das schwierigste, weil es den heutigen, für Außenstehende oft bis ins Absurde ufernde Kampf der neuen und alten Bewohner um die Stadt beschreibt. Es ist ein bitteres Kapitel, ein beängstigendes Bild, das sich zwischen den Zeilen zeigt, beängstigend mal in diese, mal in die andere Richtung. Ich werde es noch einmal oder zweimal lesen müssen, um nur annähernd die aus tausenden Lebensfäden verknüpfte Geschichte zu begreifen. Dass die Situation heikel ist, habe ich verstanden. Ob das Buch eine Art Abgesang ist, oder ob Jerusalem auch diese Wirrnisse überstehen wird, kann sich nur zeigen.
Das vierte Kapitel ist dem Abschied gewidmet, der auch mir schwer fällt. Büscher, so scheint es mir zumindest, ist noch zurückhaltender geworden. Er zeigt, was er sieht und erlebt, aber als „Reiseführer“ macht er sich noch rarer. Nicht, dass es an klaren Worten fehlt, aber er selbst wirkt manchmal kleiner, ratloser. Wortgeplänkel bleiben unentschieden, Fremde fremd. Er zeigt sich eitel (mit neuem Janker, extra für Jerusalem gekauft, und handgenähten Schuhen), er löst den Widerspruch nicht auf, dass ihm jemand sympathisch ist, den er nicht versteht. Er leidet mit den Alten, die Jerusalem untergehen sehen und er hofft mit den Jungen, die einer neuen Zeit entgegen leben. Seine früheren Bücher waren Abenteuergeschichten im alten Stil. Dieses Abenteuer ist anders, innerlicher. Und damit heikler. Büscher kehrt mit Weihrauch in den Kleidern zurück nach Deutschland. Ein großes Bild, aber nicht leicht nachzuvollziehen: Ich habe ein Buch gelesen, er hat eine Reise gemacht.
Wolfgang Büscher, Ein Frühling in Jerusalem, Berlin 2014.
Migräne
Als ich zum ersten Mal den heiligen Eliphius von Rampillon in seiner Apsis in Groß St. Martin sah, war ich sicher, er müsse der Heilige für Migräniker sein. Ist er nicht. Dass er seinen Kopf so vorsichtig hält, hat damit zu tun, dass er als christlicher Märtyrer enthauptet wurde und nachher noch einen Weg zu seinem Grab machte, den abgeschlagenen Kopf in den Händen. Dennoch habe ich ihm mein Leid erzählt. Wie sehr ich von Kindheit an unter Migräne leide. Wie lange es gedauert hat, bis ich die Diagnose bekam, um wie vieles länger, bis ich mit den Schmerzen Frieden geschlossen habe.
„Metaphern spielen eine Rolle“ – so beschreibt Siri Hustvedt ihre Kapitulation vor den Attacken, und meint damit, dass es ihr besser ging, als sie die Migräne nicht mehr als „Feind“ begriff. Was sie als „typisch amerikanisch“ bezeichnet, gilt längst auch in Europa und ich habe meine Erfahrungen damit gemacht: Wer angesichts dieser rätselhaften Krankheit resigniert und sie als Teil des eigenen Lebens hinnimmt, wird für verrückt gehalten, als Versager oder – im heutigen Jargon – als Opfer. Auch hier wird niemand ermutigt, „Ungemach hinzunehmen“, wie Hustvedt weiter schreibt.
Die Krankheit lässt sich bislang nicht beschreiben. Dass sie zyklisch auftritt, welche Symptome häufig sind, das schon. Aber die Ausprägungen sind so verschieden, wie die Menschen, die unter Migräne leiden. Es scheint, und das ist auch meine Erfahrung, dass eine Attacke eine Ruhepause erzwingt. Hustvedt vergleicht diese Zyklen zwischen intensiven kopfschmerzfreien Zeiten und den Migränen mit dem Rhythmus bipolarer Störungen. Natürlich soll die Migräne damit nicht als psychisches Leiden kategorisiert werden. Mir ist der Vergleich plausibel, zumal ich nie größere Euphorien erlebt habe, als in den Momenten, in denen ein schlimmer Anfall abebbte.
Ob Schmerzen dabei helfen, tiefere Einsichten zu gewinnen, wage ich zu bezweifeln. Als ich noch gegen die Attacken ankämpfte, hielt mich das ins Innere geschrieene Warum? Warum? davon ab, Ruhe zu finden. Migräne geht oft mit Halluzinationen einher. Sie können „klein“ sein, und sich als Beschwerden verkleiden, wie Licht- oder Geräuschempfindlichkeit, Appetitlosigkeit, ein nicht enden wollendes Gähnen. Sie können die Sicht einschränken, merkwürdige Licht- oder Farbspuren ins Blickfeld streuen, das Körperempfinden extrem verändern, so dass man sich viel größer oder kleiner fühlt als gemeinhin, und einen so fremd in die Welt stellen, dass es wunderlich wird. In der Migräne bin ich allein. Niemand kann mich erreichen, niemand kann mir helfen. Diese Einsamkeit auszuhalten, ist eine Übung, die ich von Kind an praktiziere. Wenn das eine tiefere Einsicht ist – ? Nach der Lektüre von Siri Hustvedt’s Essay über ihren „seltsamen Kopf“ bin ich nur noch neugieriger geworden: Denn sie beschreibt so viele Nuancen ihrer Migräne, dass auch mir klar wird, wie viele merkwürdige Anwandlungen, nächtliche Farbexplosionen, Müdigkeiten, Träume ich dieser Disposition verdanke. Vor allem diese wilden Bilder, mit denen ich in den Schlaf sinke und die eben keine Träume sind, weil ich sie nur sehe, während man ja, wie Hustvedt hellsichtig bemerkt, in den eigenen Träumen als Handelnde/r im Zentrum steht, nun, vielleicht sind die Schmerzen der Preis für diese Bilder, Empfindungen, Icherweiterungen. „Andere nehmen Drogen“, so habe ich meine Migräne gelegentlich Nicht-Migränikern erklärt. Es wird davon nicht besser. Aber leichter zu ertragen.
St. Eliphius von Rampillon kann man in Groß St. Martin in Köln besuchen. Mein seltsamer Kopf: Anmerkungen zur Migräne, ist in dem Band Leben, Denken, Schauen, Reinbek 2014 von Siri Hustvedt zu lesen.
Sinnsuche
Ob das Leben in Räumen (oder im Unterschlupf) erst das Nachdenken über Sinn – hm – ob intelligente Lebewesen erst im Schutz vor Wind und Wetter über den Sinn und Unsinn ihres Daseins nachzudenken beginnen? Dieser merkwürdige Gedanken kreuzt seit der Dämmerung meinen Kopf. Fängt man wirklich erst in einer Pause an, über das Erlebte oder das Bevorstehende nachzudenken? Ist das Leben in der Wildnis deshalb für die meisten von uns so weit abgerückt, weil im Wetter kaum Bedeutung herzustellen ist? Die Natur fordert unsere Aufmerksamkeit. Sie zersplittert die Zeit in flüchtige Momente, für die Präsenz und Gelassenheit gefragt sind. Erst abends in der Hütte mag weiter am Sinnfaden gesponnen werden. Umgekehrt lässt sich daraus was machen: Wenn der Sinn abhanden kommt, ist rausgehen eine große Möglichkeit. Suchen Tiere deshalb nicht nach Sinn? – Und tun sie es wirklich nicht? – Ist Ausgesetztsein deshalb niedriger zu achten, sind Obdachlose per se arm dran? Oder wechseln sie das Feld? – von sozialen Katastrophen, von persönlichen Krisen selbstredend abgesehen (Flüchtlingen ist mit diesen spielerischen Gedanken ebenfalls nicht zu kommen). Manchmal stelle ich mir vor, dass kurz vor dem Tod der Sinn Kopf steht: Dass alles, was ich mir gedacht habe plötzlich andersherum gilt. Oder gelten könnte. Seitdem versuche ich den Sinn offener zu halten. Aufmerksamer zu sein. Ob es nützt?
Dinge zusammenbringen.
Das wäre wohl was für Sammler, dachte ich. Archivarinnen. Wobei sich die Dinge dort meist ähneln. Dinge unvorhergesehen zusammenbringen, das wäre dann schon eher was für Erfinder/innen und Künstler/innen, die auf „zufällige Begegnungen“ launern wie die „einer Nähmaschine mit einem Regenschirm auf einem Seziertisch“. Wenn ich meine unaufgeräumte Wohnung betrachte: dito. Oder wenn zwei Menschen ein Paar werden. Würde ich mein Leben anders begreifen, wenn ich die Sache einmal so sähe? Welche Dinge bringe ich zusammen, welche Menschen? Erwächst daraus etwas? Zündet sogar was? Dinge zusammenbringen.
Das Zitat war zu Lebzeiten oft aus dem Mund von Max Ernst zu hören (er erklärte damit das surrealistische Denken und Tun). Es stammt aus den „Gesängen von Maldoror“ (1874) des Franzosen Lautréamont.
Wildnis
Ich war noch nie in einer echten Wildnis. Diese Erkenntnis durchschoss mich neulich, als ich Robert Macfarlanes „Karte der Wildnis“ aufschlug. Die Sache war mir deshalb so unerhört, weil ich mich von klein an für die wilden Orte der Erde interessiere. Nichts gemütlicheres konnte ich mir als Kind vorstellen, als mir von meinem Vater erzählen zu lassen, wie er in Wäldern übernachten würde, wie er sich seinen Schlafplatz suchen und wie er Wasser finden würde. Dass er – selbst noch fast ein Kind – durch halb Europa geirrt ist, um nach dem Krieg nicht in russische Gefangenschaft zu kommen, wusste ich da noch nicht. Und wie wild dieses Europa gewesen sein muss, ahne ich heute auch erst unvollständig.
„Wild“ ist vermutlich mit „Wald“ verwandt, was im Deutschen Sinn macht, weil das Land ursprünglich von Urwäldern überzogen war. Es würde mich interessieren, ob es hier noch vom Menschen unberührte Gegenden gibt. „Natürliche Natur“, Naturschutzgebiete, Brachen, trostlose Landschaften habe ich schon gesehen, durchwandert, bereist. Ich bin einmal über die Sahara geflogen und über Neufundland. Wild kamen mir die Alpen vor, die Brandung des Atlantik, die unfreiwilligen, weil vom Weg abgekommenen Nachtwanderungen durch den Brandenburgischen Wald, eine einsame Nacht in einer nicht verriegelbaren portugiesischen Hütte. Die westschwedische Schärenküste ist auf den ersten Blick noch sehr ursprünglich, aber ich war heilfroh, auf den Inseln weder Bären noch überdimensionierte Insekten befürchten zu müssen. Werde ich je in einer Wildnis sein? Und werde ich den ersten Tag überleben? Es ist ja nichts dabei. Das Los der Städterin teile ich mit einem großen Teil der Weltbevölkerung. Dennoch kommt es mir – einmal aus der Nähe betrachtet – sehr merkwürdig vor, wie weit ich mich von meinen Vorfahren entfernt habe.
Robert Macfarlane, Karte der Wildnis (Naturkunden 18), Berlin 2015.








