Lesereise

Bislang war die Sache ausgemacht: Wer ein Buch von Wolfgang Büscher aufschlug, musste gut zu Fuß sein. Zumindest mental. Und durfte nicht klagen, wenn es im Menschentempo (was uns heute gerne weniger als ein Schneckentempo vorkommt) durch die leeren, lausigen, mit Geschichte aufgeladenen oder von allen guten Geistern verlassenen Gegenden ging, Wochen, manchmal Monate lang. Nach dem letzten großen Trip durch die USA hörte ich, dass Wanderungen ab jetzt wohl passé seien. Wie froh war ich, ein neues Reisebuch in den Buchhandlungen zu finden.

Aber dann war es erst mal eine Umstellung: Büscher steigt aus dem Bus und ist da. Und da, wo er ist, im Jerusalem unserer Zeit, bietet sich wenig Auslauf. Die Altstadt ist eng und verwinkelt, die Zeit türmt sich in immer neuen Anbauten, Aufbauten übereinander, ein Weg über die Stadtmauer bleibt für viele Seiten eine der wenigen längeren Fußwege, die wir mit dem Autor unternehmen. Immerhin mit gewohnt spannendem Ausgang, denn die Zugänge sind am späten Abend längst geschlossen und wir müssen einen beherzten Sprung auf die Terrasse eines jungen Arabers wagen. Natürlich bleibt Büscher in Bewegung. Kein Morgen kommt weit über die Dämmerung, bis er sein eiskaltes Hostelzimmer, später ein kleines Haus im griechisch-orthodoxen Konvent „Agios Michail“, verlässt und loszieht. Wie ein

Tagträumender, so ging ich durch das alte Jerusalem, meine Klause für die nächsten Monate.(…) Nur das richtige Türchen mußte ich öffnen und stand im Parlando eines italienischen Klosters, im Weihrauchnebel einer kleinen griechischen Kirche, im Goldglanz eines russischen Nonnenkonvents, im kaiser-und königlichen Hospiz an der Via Solorosa oder in einem wahrhaftigen Wiener Kaffeehaus, wo junge Araber warmen Apfelstrudel zur Melange servierten oder eine Tiroler Brotzeit zum Gösser-Bier.“

So fängt es an und so bleibt es: Pro Episode öffnet Büscher ein Türchen und tritt ein. Hier und da steigt er auf ein Dach und zeigt uns mit einem Blick über die Dächer die Weiten des Morgenlandes. Einen Himmel, von dem man in Berlin (das mit Himmeln gar nicht mal besonders knausrig ist) nur träumen kann. Es gibt, und auch das ist neu, Orte, die Büscher immer wieder aufsucht. Als Beobachter, der seinen Posten einnimmt, um Eindrücke zu sammeln, aber auch als Fremder, der für ein paar Monate heimisch wird in der uralten Metropole. Grabeskirche, Klagemauer, Tempelberg werden die festen Koordinaten seiner täglichen Wanderungen. Auch wenn er sich gewisse Ausreißer erlaubt, in die Shopping-Mall vor dem Jaffator und immer wieder ins Wiener Kaffeehaus, wenn die Heiligkeit des Ortes und seine politische Brisanz ihn zu sehr bestürmen.

Am Ende des zweiten Kapitels, ziemlich genau in der Mitte des Buches erreiche ich die wichtigste Station meiner Lektüre. Büscher verbringt eine Nacht in der Grabeskirche. Ein Abenteuer, wie für ihn gemacht, nicht wegen der drohenden Gefahren – außer eisige Kälte ist kaum gefährliches zu erwarten – sondern weil er sich auf eine Klippe vorwagt, die tief in die Geschichte des Glaubens reicht und von der man in die Tiefen des Nichts stürzen kann oder vom Rausch einer falschen Gewissheit in die Höhe gerissen wird. Wie kommt man hier wieder heraus? Und kaum so, wie er oder sie vorher hinein gegangen ist. Büscher ist nicht der Einzige, der die Nacht am Grab wachen darf. Zwei Frauen, eine Spanierin und eine Amerikanerin, wie er aus einem ihrer kurzen Gespräche schließt, haben dasselbe Privileg eingeräumt bekommen.

„Eine Stille trat ein, die Frauen gehörten ihr an. Sie blieben, nachdem die anderen fort waren, sie taten nichts als das. Und dieses Stehen, noch nicht gehen wollen, nicht fortgehen können, ich kannte es, eine unauslöschliche Szene im inneren Reservoir. Geschichten von Kindheit an, später in Musik gegossen, die ich in der Passionszeit hörte. Stabat mater dolorosa, das Stehen und Verharren der Frauen am Freitag beim Kreuz, am Ostermontag beim leeren Grab. Wahrheit der Bilder, in zig Leben und Kriegen beglaubigt.“

Das dritte Kapitel mit dem Titel „Stille Kriege“ war für mich das schwierigste, weil es den heutigen, für Außenstehende oft bis ins Absurde ufernde Kampf der neuen und alten Bewohner um die Stadt beschreibt. Es ist ein bitteres Kapitel, ein beängstigendes Bild, das sich zwischen den Zeilen zeigt, beängstigend mal in diese, mal in die andere Richtung. Ich werde es noch einmal oder zweimal lesen müssen, um nur annähernd die aus tausenden Lebensfäden verknüpfte Geschichte zu begreifen. Dass die Situation heikel ist, habe ich verstanden. Ob das Buch eine Art Abgesang ist, oder ob Jerusalem auch diese Wirrnisse überstehen wird, kann sich nur zeigen.

Das vierte Kapitel ist dem Abschied gewidmet, der auch mir schwer fällt. Büscher, so scheint es mir zumindest, ist noch zurückhaltender geworden. Er zeigt, was er sieht und erlebt, aber als „Reiseführer“ macht er sich noch rarer. Nicht, dass es an klaren Worten fehlt, aber er selbst wirkt manchmal kleiner, ratloser. Wortgeplänkel bleiben unentschieden, Fremde fremd. Er zeigt sich eitel (mit neuem Janker, extra für Jerusalem gekauft, und handgenähten Schuhen), er löst den Widerspruch nicht auf, dass ihm jemand sympathisch ist, den er nicht versteht. Er leidet mit den Alten, die Jerusalem untergehen sehen und er hofft mit den Jungen, die einer neuen Zeit entgegen leben. Seine früheren Bücher waren Abenteuergeschichten im alten Stil. Dieses Abenteuer ist anders, innerlicher. Und damit heikler. Büscher kehrt mit Weihrauch in den Kleidern zurück nach Deutschland. Ein großes Bild, aber nicht leicht nachzuvollziehen: Ich habe ein Buch gelesen, er hat eine Reise gemacht.

Wolfgang Büscher, Ein Frühling in Jerusalem, Berlin 2014.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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