Als Kind war es ein gewagter Gedanke, mir mich als erwachsene Frau vorzustellen. Heute geht mir manchmal die noch schneidendere Frage durch den Kopf: Wie wäre ich als Mann? Das fängt ja bei Kleinigkeiten an: Welche Klamotten würde ich tragen? Würde ich rauchen? Würde ich mich für meine kleine Wohnung schämen – oder hätte ich gar alles daran gesetzt, eine größere zu bekommen? Hätte ich Kunstgeschichte studiert? Könnte ich kochen? – Welche Frauen würden mir gefallen? Wäre ich sogar verheiratet? Geschieden? Hätte ich dieselben Freundinnen und Freunde? Oder ähnliche? Wie wäre mein Verhältnis zu meinen Eltern? – Welche Bücher würde ich lesen? Hätte ich Winnetou genauso geliebt als Kind? Hätte ich schon eine Glatze? Einen Bauch? Wo wäre ich vielleicht mutiger gewesen? Was hätte ich nie gelernt? Wer wären meine Vorbilder? Ist es so, dass das Ich und das Geschlecht untrennbar ineinander verwoben sind oder eher so, dass das Ich irgendwo aufhört und der Mann oder die Frau beginnt? Besonders gerne wüsste ich, wie ich als Mann aussähe. Vielleicht werde ich nächstes Jahr Karneval endlich mal Pirat.
Der menschliche Geist erwache zur Wahrheit,
heißt es im Japan der Samurai-Zeit. Als Wahrheiten gelten zum Beispiel: Behalte deine brennende Liebe für dich. Erkenne die verschiedenen Momente für ein und dasselbe (hier geht es darum, einen Notfall oder einen großen Moment nicht von „den gewöhnlichen Stunden“ zu unterscheiden). Stürme kopfüber in deinen Feind. Fürchte keine Fehler. Denke scharf nach und entscheide in sieben Atemzügen. – Dieses Erwachen, egal wie man zu diesen Wahrheiten steht, ist ein hinreißendes Bild für ein plötzliches Erkennen, wie wenn man aus einem tiefen Schlaf auffährt und sich die Augen reibt. Eine Wahrheit, in die ich erst spät – und oft – erwacht bin, ist die eigene Präsenz zu zähmen. Früher habe ich sie wildern lassen. Oft genug dachte ich, sie überlisten zu können: Vorab zu arbeiten (ich neigte als Schülerin zur Streberin), mich in anderen Fällen zu langweilen oder ganz abzuschalten. Mittlerweile kenne ich die Kraft des wachen Augenblicks ohne wenn und aber. Und auch dafür hatten die Samurai eine eigene Sentenz: „Es gibt nichts Wichtigeres als die leidenschaftliche Hingabe in einem gegebenen Augenblick. Das Leben besteht aus dieser Glut, die immer wiederholt wird.“
Zitiert habe ich aus: Tsunetomo Yamamoto, Hagakure, der Weg des Samurai, München 2000.
Wie aus der Müdigkeit etwas Neues wächst.
Nein. Das ist keine Anleitung. Gerade nicht mehr als eine Beobachtung. Irgendwie auch kalter Kaffee. Aber ich muss mir dauernd kalten Kaffee aufwärmen, um etwas zu kapieren. Vielleicht auch ein gewisser Verdruss gegen die gerade wieder häufig artikulierte „Urlaubsreife“. Nichts gegen Urlaube und die Sehnsucht zu reisen. Aber eine ordentliche Müdigkeit kennt den Ortswechsel nicht. Sie will bleiben. Und die Augen schließen. Wie lange ich so liegen kann? Als Kind war mir langes Müdesein undenkbar. Mittlerweile ist es fast umgekehrt. „Vertane Zeit“ denke ich zuweilen. Denn es ist das pure Garnichts: Keine Musik, kein Buch, kein Sonnenbad. Keine nennenswerten Gedanken. Nicht mal ein euphorisches Aufwachen. Dennoch scheint etwas zu geschehen. Vielleicht lagert sich etwas ab. Vielleicht taut etwas auf oder es verdunstet etwas anderes. So wie in einer Landschaft, die lange ungestört unter Wind und Sonne liegt. Die große Müdigkeit, die ich seit ein paar Jahren erlebe, ängstigt mich. Aber mit der Dürre kommt auch etwas anderes. Den Frühling vor Augen – auch Hoffnung.
Freundinnen
Wann ist es soweit, fragte ich mich heute, dass eine Frau, früher ein Mädchen, die/das ich gerne treffe oder traf, zur Freundin wird? Gibt es das, die „Freundschaft auf den ersten Blick“, oder entwickeln sich solche Bindungen eher langsam? Was zeichnet diese eine (und die anderen) aus, zu Freundinnen zu werden? Wie weit werde ich gehen, eine solche Freundschaft über Klippen zu bringen, durch Flauten oder Wüsten? Wann wurden einst Frauen Freundinnen? War das überhaupt vorgesehen? Männer – ja schon, die gemeinsame Abenteuer bestanden. Aber Frauen? Komplizinnen, Schwestern, Leidensgenossinnen – ? Ich erinnere mich, wie sehr ich die Frage (von Erwachsenen gestellt) hasste: „Ist das deine Freundin?“ Die Direktheit der Frage schien mir unverschämt, und überhaupt, was das denn jemanden angehe!? Freundin zu sein, das weiß ich aus dieser Zeit noch gut, ist eine große Ehre. Aber auch eine Bürde. Wenn Freundschaften brüchig werden. Oder Freundinnen auf (vermeintlichen) Abwegen wandern. Wie viel von meinen Freundinnen ist in mir – wie viel von mir in ihnen? Fragen, die beim Blick aus dem Fenster in einer düsteren Regennacht verschwimmen.
Das Großraumbüro
hat Nachteile, geschenkt! Aber es hat auch Vorteile: wie dieser super-coole Clubsessel, der in Berlin so manche Nacht durchgemacht und seinen Altersruhesitz in unserer Etage genommen hat. Was der erzählen könnte! Und was ich erzählen könnte! Seit Beginn meiner freiberuflichen Arbeit sitze ich gemeinsam mit anderen an großen Tischen in noch größeren Räumen – und finde es (meist) prima. Ich habe seitdem immer eine Spülmaschine und eine Putzkraft gehabt, Kopierer, als sie noch unbezahlbar waren, einige Hunde und Katzen, leider auch einen Sommer voller Küchenmotten. An Konferenztischen kann ich mich mit meinen Kunden besprechen ohne vorher groß aufräumen oder sonstwie für Sauberkeit und Komfort sorgen zu müssen. Backende und kochende Kolleg/innen haben mir v.a. zu Beginn meines Arbeitslebens so manche Mittage zum Fest gemacht. Ein Balkon und ein flaches Dach gaben im Sommer tolle Orte ab. Besonders geholfen hat mir stets die konzentrierte Arbeitsatmosphäre in den Büros, vielen älteren Kolleg/innen verdanke ich alles mögliche: den höflichen Umgang am Telefon, eine bessere Zeiteinteilung, Recherchetipps, Rezepte, was sonst noch alles. Eine Freundin aus der Schweiz, die mich vor Jahren besuchte, staunte nicht schlecht: Denn was in Berlin – auch – aus der Not geboren wurde (welche Jobanfänger können sich eigene Büros leisten?), wäre in Genf oder Zürich eine unbezahlbare Edelunterkunft. Das war vielleicht das größte Aha-Erlebnis (gleich nach dem, dass ich mich vom Reden oder Telefonieren an anderen Tischen selten stören lasse): Dass auch vermeintlich Kompromisse ein echter Luxus sein können.
Kurioser Gesangsunterricht
Es gibt in Berlin zahlreiche Läden, deren Auslagen mich zum Grübeln bringen. Fachgeschäfte, wenn ich es genauer überlege, auch wenn hier und da Trödler gut mithalten können. Diese Platte hing gestern noch im Schaufenster eines kleinen Ladens in Neukölln: Canary Training Record. Nanu!? Gibt es eine Sportart, bei der man mit dem Gezwitscher von Meister-Kanarienvögel (wenn ich das jetzt richtig übersetze) zu Höchstleistungen kommt. Ich habe keinen Plattenspieler mehr. Wäre wenn aber ziemlich in Versuchung geraten, das Ding zu kaufen. Aber was, wenn es eine Übungsplatte für Sänger/innen ist? Für lahme Kanarienvögel, die in der Küche dösen und auch in Balkonien nicht mehr recht wach werden. Oder für abgeschlagene Operndiven, die keine Konkurrenz mehr hören wollen, sondern sich von den possierlichen Zwitscherern auf Trab halten lassen. Oder vielleicht ist die Schallplatte ja zum Einschlafen. Oder – ja, eigentlich schade, dass ich keinen Plattenspieler mehr habe.
Alptraum
Seit ich denken kann, ist Fliegen meine Sehnsucht. Um zwei Zentimeter habe ich meinen Traum, Pilotin zu werden, verfehlt. Wann immer es sich ergibt und Sinn macht, wähle ich einen Flug vor anderen Möglichkeiten. Natürlich habe ich Angst. Aber das Staunen über das, was Menschen möglich ist, bleibt größer. Der Absturz heute in Frankreich hat mich entsetzt. Und bei meiner falschen Überzeugung gepackt, in Europa könnten solche Unfälle im Grunde nicht passieren. Menschenmögliches und menschliches Versagen liegen nah beieinander, auch wenn, wie betont wird, ein technischer Defekt die Ursache für den Absturz war. Freunde und Angehörige auf diese Weise zu verlieren, ist ein Alptraum. Terror, Epidemien und Krieg sind bedrohlich, Unfälle, so erstaunlich es klingen mag, an der Tagesordnung. Demnächst schon werde ich wieder fliegen. Ohne Angst, aber mit großer Dankbarkeit, wenn ich gut angekommen bin.
Was macht der-die-das denn da?
Als ich das kleine Holzköpfchen sah, dachte ich gleich ans Meer. Entweder würde da jemand glücklich im warmen Sand liegen oder sich durch schäumende Wellen treiben lassen. Treiben. Getrieben werden. Sich treiben lassen. Welche Welten liegen dazwischen! Andere anzutreiben, puh. Getrieben werden, am schlimmsten noch, durch sich selbst, ein unerträglicher und geradezu unwürdiger Zustand. Sich treiben lassen hingegen… Was macht es den meisten von uns so schwer, von hier nach da zu kommen? Ist es wirklich schlimm, die Kontrolle aufzugeben – und über was eigentlich? Ein unglaublicher Zufall übrigens, dass ich das wirklich sehr kleine Mädchen/Männchen gesehen habe. Es ist in einer Höhe von mindestens drei Metern an einer Hausfassade in der Kreuzberger Urbanstraße befestigt. Wie eine Art Hausnummer. Nur eben ohne Zahl. Was es da macht?
Herzlichen Glückwunsch Herr Choris, Gott hab‘ Sie selig!
Am eigenen Geburtstag zu sterben, ist schon schlimm genug – ausgerechnet an diesem Tag umgebracht zu werden – dieses Los ist selten und erscheint als böser Einfall des Schicksals: Ludwig Choris, am 22. März im ukrainischen Dnipropetrowsk geboren, wurde an seinem 33. Geburtstag in Mexiko auf dem Weg nach Xalapa von – wie es in den Biografien heißt – Banditen überfallen und ermordet. Choris war als Forschungsreisender, Maler, Zeichner, Lithograph viele Jahre an der Seite Adelbert von Chamissos unterwegs, dessen Reisebeschreibungen später mit seinen Illustrationen erschienen. Er war ein wacher Geist und hatte nichts gegen die beengten Verhältnisse auf dem Forschungsschiff. Er nahm mit Chamissos Pflanzensammlung als Kopfkissen Vorlieb (damit der Platz sparende Kapitän sie nicht über Bord warf) und porträtierte nicht nur Kadu, den schönen hawaiianischen Freund Chamissos, mit Vergnügen.
Wie viel Phantasie braucht der Mensch?
Das wüsste ich gerne mal. Oder auch: Was von dem, was in meinem Kopf kreist (auch nachts, in den Träumen) wäre (noch) Phantasie? Schaut man sich um, scheinen Menschen mit sehr wenig auszukommen. Andererseits – um eine Lösung für ein bis dahin noch nicht aufgetretenes Problem zu finden, braucht es welche. Oder gibt es wirklich zu allem und jedem schon eine App? Können Phantasie und Ratio Hand in Hand gehen? Schließen sich Phantasie und Disziplin aus? Wieso das denn? Wer macht dann der Phantasie in Erwachsenen den Garaus? Oder versteckt sie sich irgendwo und überdauert bis hin zum Tod. Wird auch die Phantasie vom Vergessen zerstört? Oder öffnet sie ihr Tür und Tor? Hat die Phantasie überhaupt eine Stimme? Nein. Ich will einfach nicht glauben, dass sie sich stets als gute Idee verkleiden muss! Könnte man Phantasie messen, ich würde sie in Gold aufwiegen.









