Der Fisch ist die Sphinx der Katze

Toller Satz! Leider nicht von mir. Er stammt von dem amerikanischen Lyriker Charles Simic, der nicht nur beim Dichten, sondern auch in Essays immer wieder die Frage umkreist, woraus Gedichte entstehen, was sie sind und vor allem: was sie nicht sind. Besagter Satz leitet folgenden – äußerst klärenden – Absatz ein:

„Es gibt in der Literaturtheorie ein großes Missverständnis darüber, wie die Gedanken in die Gedichte kommen. Man vermutet, dass die Dichter auf eine der beiden Weisen vorgehen: Entweder verlautbaren sie ihre Gedanken direkt, oder sie finden Äquivalente dafür. (…) (Es) wird (…) angenommen, dass der Dichter oder die Dichterin im voraus weiss, was er oder sie sagen will, und dass das Schreiben des Gedichtes die Suche nach den effektivsten Mitteln besteht, diese Gedanken herauszuputzen.

Wäre das richtig, würde Dichtung bloß wiederholen, was zuvor schon gedacht oder gesagt worden ist. Es gäbe kein poetisches Denken, wie Heidegger es begreift. Es gäbe keine Hoffnung, dass Dichtung je etwas mit Wahrheit zu tun haben könnte.“ 

zit. nach Charles Simic, Die Wahrnehmung des Dichters. Über Poesie und Wirklichkeit, München 2007, S. 55.

 

Ein Tod von Tausenden

Über das E-Book-Projekt „1000 Tode schreiben“ des Berliner Frohmann-Verlags habe ich bei einer Bloggerin gelesen. Erst hat mich die Sache nicht interessiert, aber dann rumorte der Text immer lauter in mir. Jetzt bin ich froh, eine Gelegenheit gefunden zu haben, über das Sterben meiner Mutter zu schreiben.

Lange dachte ich vom Tod als einem, der kommt und dich holt. Dass er kommen und bleiben könnte, hatte ich nicht erwartet. Reißt er seine Beute nicht aus dem Leben? Sogar die, die „sanft entschliefen“ blieben meist bis zum Schluss ohne Ahnung, so wie mein Freund Emanuel, der an einem späten Feierabend ins Hotelbett stieg und nie wieder erwachte. Auch dachte ich den Tod als Feind. Wahrscheinlich, weil ich Tod, töten, morden in Eins verwechselte. Der Tod als Mörder, das war mein Bild. Nun aber sitzt er schon seit Jahren auf den Schultern meiner Mutter. Nicht, dass ich ihn sofort gesehen hätte. Zu sehr konzentrierte ich mich auf meine Mutter und ihre neuen Seltsamkeiten. Zunächst verwandelte sie sich binnen kürzester Zeit in ihre eigene Mutter. Es schien, als übernehme sie deren Platz, kaum dass meine Großmutter gestorben war. Mit Platz meine ich: Frisur, Gesten, gebückte Haltung, leises Summen, dazu ein gewaltiger Gewichtsverlust. Mir tat mein Vater leid, der plötzlich seine Schwiegermutter im Haus hatte. Ich fand die Verwandlung obszön, hielt Abstand. Dann wurde meine Mutter blasser. Fast nicht mehr zu unterscheiden in manchen Momenten von dem Sofa, auf dem sie vor dem Fernseher lag. Sie rief selten an, gelegentlich legte sie auf mitten im Gespräch. Auf eine Art war sie mir lästig. Als sie die Alzheimer-Diagnose hatte, wurde sie wieder sie selbst. Sie schüttelte sich, als wolle sie den Tod, der sich um ihren Nacken schlang, wieder loswerden. Sie rannte, rannte weg, verirrte sich, sprang vom Dach, ohne sich auch nur einen Knochen zu brechen. Sie lief gegen Autos, durch den Wald, nachts einmal auf und davon. Vor Fragen hatte sie immer größere Angst. Wir übrigens auch. Dennoch versuchte sie nichts festzuhalten. Weder Antworten noch Erinnerungen. Sie wehrte sich hier, um dort loszulassen. In hellen Momenten war sie fast wieder ganz die alte. Bis heute träume ich, dass alles nur ein Traum war. Kein umgekehrter Alptraum, der einem beim Erwachen die Last seines Grauens auf die Brust drückt. Eher ein schöner Traum, die Gelegenheit, noch einmal mit meiner Mutter zu sprechen – ihre Stimme zu hören. Als sie Gespenster und Menschen nicht mehr auseinander halten konnte und alle mit derselben Wucht attackierte, kam sie ins Heim. Sie lächelte, lief weiterhin weg, schlug aber kaum mehr. Eine Weile noch klagte sie, dann beschränkte sie sich aufs pure Dasein im Hier und Jetzt. Sie nahm ab und wieder zu, stürzte sich Löcher in den Kopf. Der Tod auf ihren Schultern verwob sich in ihr Gesicht. Neulich erst brach er ihr die letzten Zähne aus dem Mund. Wenn sie schläft, könnte sie schon gestorben sein. Ein altes Dornröschen, meine Mutter. Ohne Gesten, ohne Sprache, aber keineswegs ohne eigenen Willen. Mit einem starken Herz. Wer es sehen kann: Sie tanzt mit ihrem Tod. Und es ist keineswegs ausgemacht, wie dieser Tanz endet. Mit einem Sturz, um Luft ringend oder still im Bett. Der Tod kommt und holt dich. Wenn du Glück hast. Wenn es arg kommt. Manchmal läßt er sich Zeit.

 

Das neue Jahrtausend

Von der Silvesternacht ins Jahr 2000 ist mir vor allem der dichte Nebel in Erinnerung geblieben. Berlin schien abgetaucht, Feuerwerk und die aufgekratzten Stimmen auf den Straßen waren nur zu hören. Nichts änderte sich per Glockenschlag, selbst die Uhren gingen weiter wie gewohnt.

Der Nebel lichtet sich. Und ich sehe Dinge, die es nicht ins neue Millenium geschafft haben. Wie der Bibliotheks-Zettelkasten. Unvorstellbar mittlerweile, mit solchen Ungetümen wissenschaftliche Arbeiten zu schreiben. Wer gäbe mir die Zeit zurück, die ich mit dem Ausfüllen – ach was! dem doppelten Ausfüllen – von Leihscheinen verbracht habe?

Dennoch hat mich neulich die Melancholie gepackt. Gerade wegen der Zeit, die in solche Zettelkästen geflossen ist. Allein eine dieser proppenvollen Laden zu füllen, muss Wochen gedauert haben. Im Arbeitsalltag vermisse ich sie nicht. Ganz im Gegenteil. Aber sie werden mir fehlen, wenn sie eines Tages aus den großen Bibliotheken der Stadt verschwinden.

Traumfische

„Die Nacht ist ein Aquarium, randvoll mit schwarzen Fischen. Du siehst sie nicht, sie schwimmen stumm um den ganzen Tisch herum…“

Hilfe! Nein, so ist es falsch, wie immer, wenn ich Gedichte zitieren will. Sie passen nicht in meinen Kopf, nicht mal kurze. Stets nehme ich die falsche – weil in Wirklichkeit gar nicht vorhandene – Abbiegung, und lande woanders. Nur nicht am Zeilenende. Meinen Lehrern war’s egal, Gedichte lernen stand selten auf unserer Agenda. Und jetzt hat mein Ex-Nachbar Dirk Held, von Beruf Schulbuchlektor (Deutsch!!!), Gedichte geschrieben. Sie sind, wenn nicht von mir vorgetragen, irre schön. 49 an der Zahl bilden sie ein kleines Kompendium zeitgenössischer Tierbeobachtung, mit erstaunlichsten Abbiegungen, die schon von sich aus ganz woanders landen.

Wer Lust hat, den Gedichten zwischen zwei Buchdeckel zu verhelfen, schaue nach bei https://www.startnext.com/traumfische – da gibt es auch das richtige Ende zum Traumfische-Anfang.

Kein Ort, nirgends

Spätägyptische Literatur, so dachte ich, sei etwas fürs Fachpublikum. Wie überrascht war ich, rasante Abenteuerromane zu finden, mit allen bis heute üblichen Zutaten (sex and crime), spannend und die Leser/innen ins exotische Ausland führend, hier und da allerdings mit ungewissem Ausgang, da sich (noch) nicht alle Texte rekonstruieren lassen. Hingerissen bin ich von den stereotypen, aber sehr bildhaften Wendungen, mit denen große Gefühle beschrieben werden. So finden Männer und Frauen in den Geschichten keinen Ort auf Erden, auf denen sie sein können, wenn ihnen ein großes Unglück widerfährt. Oder wenn einer schlaflos vor Liebe bleibt, heißt es: Er konnte nicht Schlaf empfangen, wegen der Art des Liebens, die in seinem Herzens auf (die Frau) gerichtet war. (Zit. n.: Friedhelm Hoffmann, Joachim Friedrich Quak: Anthologie der demotischen Literatur. Berlin 2007. S. 55ff.)

 

Die Pfütze als Himmelsspiegel

Sollte der einen oder dem anderen die Sache mit dem Frühling zu zögerlich angehen und ein steter Fluch über Regenschauer (natürlich ungebetene) auf den Lippen liegen: Bedenke er oder sie dies: Im 18. Jahrhundert, das uns allenthalben die Aufklärung bescherte, galten Seen, Weiher, große und kleine Wasserflächen als Kommunikationspartner des Himmels. Ob die Aufklärung diese Vorstellung überholt oder bloß beiseite geschoben hat, soll hier nicht diskutiert werden. Bemerkenswert scheint mir, dass manche unsere Vorfahren wohl dachten, Himmelsaugen schauten sie aus spiegelglatten Wassern an. Wer wagt einen Blick? Und die Hoffnung auf einen Blick zurück?

Eine von vielen oder etwas Besonderes?

Als junges Mädchen stand die Antwort für mich fest. Ein besonderes Leben oder gar keins wollte ich führen. Das ist wohl eine Idee, die vor allem in der Provinz wächst und mich in dieser Hinsicht eindeutig als eine von vielen auszeichnete. Immerhin bin ich von zu Hause weg gegangen, habe ein Wolkenkuckucksheimstudium absolviert und derweil gemerkt, wie anspruchsvoll es ist, überhaupt ein Leben zu führen. Lange schon habe ich mir die Frage nicht mehr gestellt. Weil ich zum Beispiel „berühmt sein“ oder glamourös leben nicht mehr als so besonders einschätze. Erfüllte Wünsche sind mir weniger wichtig, erreichte Ziele kaum mehr Lebensmarken. Dennoch empfinde ich mein Leben weder als langweilig noch als durchschnittlich. Vielleicht ist die Vorstellung, eine von vielen zu sein, für „ausgewachsene“ Menschen nicht mehr so vernichtend? Aber wäre das schon Resignation?

Wo ich gerne lese.

Ich dachte, die Sache sei ausgemacht. Als Lieblingsleseort galt mir mein Bett, die Lieblingslesezeit ein freier Morgen, auch die letzte halbe Stunde vor dem Einschlafen. Oder eine langsame Dämmerung mit Kerzenlicht. Aber schärfer nachgedacht, fielen mir ganz andere Orte und Plätze ein, öffentliche Räume vor allem, die mich zu Lesehöchstleistungen brachten, d.h. erstens zu Erinnerungsrekorden und zweitens zu Imaginations-glanzleistungen, Hochglanzleistungen geradezu, die darin bestanden, Gelesenes nahtlos in die (oft fremde) Umgebung zu hm, ja, was sagt man da – ? Visualisieren? Eine schöne Leseerfahrung machte ich letzten Herbst, wo ich vom Wartesaal im Flughafen bis zum Einschlafen zu Hause einen regelrechten Lesebogen geschlagen habe: Das Buch hatte mich über eine Routinereise gebracht und schenkte mir das Gefühl eines richtigen Urlaubs. Wo lese ich gerne? Um das herauszufinden, habe ich mir seit langem wieder ein Buch für unterwegs eingepackt.

Für Augenoptiker

besteht die Welt aus großen und kleinen Buchstaben. Auch die junge Ärztin fand nichts Verdächtiges. Doch ich sehe die Welt – mit und ohne Brille – verlaufen und mit unscharfen Schlieren. Daran werde ich mich wohl gewöhnen müssen. Eine Frage des Alters.

Subjekt contra Alltag?

„Ich bin schon den ganzen Tag auf den Beinen, habe aber nichts geschafft!“ – so klagte meine Mutter manchen Abend und mit „nichts geschafft“ meinte sie wohl nichts besonderes geschafft oder erlebt zu haben, im Gegensatz zu allen kleinen Erledigungen, Handgriffen, Telefonaten, die eben irgendwann (und wann, wenn nicht jetzt?) getan werden mussten. Wie oft habe ich genauso geseufzt, wenn es dunkel wurde und schon wieder nichts Weltbewegendes vom Tisch oder auf den Tisch gekommen war. Und wie oft habe ich mich dann noch bis weit nach Mitternacht ins Tagebuch vergraben, in der Hoffnung, wenigstens noch einen Gedankenflug zu unternehmen oder zumindest einen Trost zu finden. Bis ich gerade an solchen Tagen zügig ins Bett gegangen bin: Wenn schon nichts, dann wenigstens konsequent, dachte ich. Und tatsächlich hat es meine Stimmung aufs Ganze gesehen gebessert. Nichts-Tage wuchsen sich nicht zum großen Scheitern aus, sondern fanden einfach statt. Bis ich bemerkte, dass auch die Nichts-Tage Tage sind, an denen sich so einiges tut, und dass es Tage sind, an denen ich sogar zugegen bin. Auch wenn ich keinen großen Erfolg feiern, eine lästige Sache abschließen oder eine tolle Party besuchen – und darüber dann erzählen – kann. Das Gewohnte, Banale, Alltägliche vom eigenen Ich abzukapseln, nimmt mir einen großen Teil meiner Zeit, und die Luft zum atmen. Heute war ein ganz normaler Montag. Ein Schelm, wer in dem Hasen einen Osterboten sieht…