Sieh dich an

Ein Mann ohne Tagebuch sei wie eine Frau ohne Spiegel, notierte der junge Gottfried Keller. Von beidem – Tagebüchern und Frauen – hatte er da noch wenig Ahnung, fünf Jahre später zumindest hatte er noch kein Diarium angefangen. Warum schreiben Menschen Tagebuch, andere nicht? Oder warum schreiben manche gelegentlich Tagebuch, andere strikt, wieder andere in der Schwundform hin stenografierter Stichwörter? Die eigenen Gedanken auf einem leeren Blatt Papier zu spiegeln, hilft, sich selbst zu verstehen, sich gelegentlich auch auf die Schliche zu kommen. Man kann Luftschlösser bauen, verpasste Chancen rekonstruieren, Siege feiern, Niederlagen betrauern. Man kann herausfinden, was wirklich wichtig ist im eigenen Leben. Umgekehrt: Ein Tagebuch zu lesen, ist oft ein großer Gewinn. Weil es scheint, dass man mitatmet, mitfiebert, mitleidet in der Haut eines anderen Menschen, der in den meisten Fällen schon tot ist und in Zeiten seinen Mann oder seine Frau gestanden hat, die längst in den Geschichtsbüchern stehen. Tagebücher sind Zeitkapseln. Soviel ist klar. Welche Zeiten durchmessen werden, wie viele Leser sich später durch die notierten Lebenslabyrinthe bewegen – verirren gar – bleibt offen. Vielleicht sind Tagebücher, noch unmittelbarer als Literatur, eine Möglichkeit, sich über Generationen hinweg die Hände zu reichen.

Das Leben: eine Baustelle?

Wer in Berlin wohnt, weiß, dass eine Großstadt nix ist ohne ihre Baustellen, ihre Projekte, ihre Wunden. Im eigenen Leben würde ich gerne auf solche „construction sites“, wie es im Englischen heißt, verzichten. Zumal sie – zumindest scheint es – im Laufe der Jahre häufiger werden. Baustellen fordern Umwege, Improvisation. Sie bringen Lärm, Matsch, Unordnung. Sie versprechen Neuerungen, das schon, aber immer wieder versperren mir Fragen wie „wozu?“ oder „wohin?“ den Blick über den Bauzaun. Kann man sich in Baustellen einrichten? Wenn ich die alten Menschen im Heim sehe, denke ich: man muss. Der Sinn des Lebens ist das Leben, schreibt Christa Wolf an ihrem „Tag des Jahres“ 2008. Da ist sie seit gefühlten Ewigkeiten schon mit der Niederschrift ihres letzten Romans, „Stadt der Engel“ beschäftigt. Wenn man sich diese Zeit anschaut: eine nicht enden wollende Baustellentour unter Lebensgefahr (nicht nur einmal). Für mich ist es ihr mit Abstand bestes Buch. Mut zur Baustelle? Sieht so aus. Auch wenn ich froh bin, dass morgen Sonntag ist und der Presslufthammer schweigt.

Was ist mir wichtig?

Heute startet in Deutschland der Dokumentarfilm „My stuff“, in dem ein junger Finne genau diese Frage stellt. Das Experiment, das er dazu anstellt und filmt, ist so simpel wie radikal: Er räumt seine gesamte Wohnung aus, lagert alles ein und erlaubt sich vom ersten Drehtag an je nur einen Gegenstand alle 24 Stunden aus dem Lager zurück zu holen. Um nach einem Jahr gerade einmal 365 Gegenstände wieder zum täglichen Leben zur Verfügung zu haben. Die Idee hat mich elektrisiert. Nicht unbedingt zum Nachahmen. Im Winter nackt auf dem blanken Fußboden zu schlafen, gehört nicht zu den Dingen, nach denen ich mich gerade sehne. Aber die Frage nach der Wichtigkeit von Gegenständen treibt mich schon lange um. Wie viele Gegenstände würde es brauchen, damit ich mich „vollständig“ fühle? Wie viele zusätzliche Gegenstände bräuchte es, um mich richtig wohl zu fühlen? Könnte ich bei 365 aufhören? Und was würde ich mit dem Rest machen? Spannende Fragen. An denen ich schon mal knabbern kann, bevor ich den Film sehe. Der junge Finne heißt übrigens Petri Luukkainen.

Hausarbeit

ist im Gegensatz zu Hausaufgaben nie fertig. Wenn etwas bleibt, so meine Einsicht nach vielen Lebensjahren, dann der Spül. Wahlweise die Wäsche, der Kalk in der Dusche, der Staub (nicht nur unter dem Bett). Hausarbeit ist eine unterschätzte Dimension des Lebens. Obwohl sie ständig fällig ist, wird sie gerne ignoriert. Wer sieht sich in der Erinnerung schon beim Bad putzen? Dabei. Wenn ich mir alle Schmutzränder vergegenwärtige, alle Badewannen, Duschvorhänge, Seifenschalen – wie ein Strudel drehen sich die Bilder tiefer in die Zeit. Als Kind, auch noch als Jugendliche habe ich die Hausarbeit unterschätzt. Ich dachte, man könne sie erledigen. Das war ein fataler Denkfehler, der mir endlose Schlechte-Laune-Fronten beschert hat. Christa Wolf spricht von einem „Gewebe der Zeit“, von „alle (den) Handgriffe(n), (… die) mich angeblich von der eigentlichen Arbeit abhalten, und die mich doch, je älter ich werde, jeden Tag aufs neue befriedigen: der kostbare Alltag.“

Zit. n. Christa Wolf, Ein Tag im Jahr 2001-2011, Berlin 2014, S. 20; (kursiv im Original in Anführungsstrichen).

Die Erinnerung bröckelt von außen

Das hat mir natürlich gefallen. Kaum denke ich übers Erinnern nach, das oft eine Art Wegdriften zu sein scheint, gibt es eine Pressemitteilung der Uni Würzburg, darin die Ankündigung zu einer Forschung und ersten Ergebnissen zur Frage, wie sich Menschen an emotionale Ereignisse erinnern: „Während zentrale Elemente dieser Ereignisse immer besser erinnert werden, gehen Randdetails typischerweise verloren.“ – Da lag ich nicht falsch mit meiner Erinnerung an die Kreuzung in irgendeinem Urlaubsort, von der ich nicht mehr weiß, auf welchem Hin- oder Rückweg sie lag (bliebe allerdings die Frage, welchen emotionalen Wert um alles in der Welt diese Straßenkreuzung für mich hatte…).

Wer Subjektivität als Widerstand gegen eine zunehmend medial gestaltete Welt versteht, muss also vorsichtig umgehen mit Erinnerungen. Filtern, abgleichen, tauchen, sieben, träumen, driften – könnten wichtige Sicherungsvorkehrungen sein.

In der Pressemitteilung geht es um die aktuellen Forschungsprojekte von Prof. Matthias Gamer.

Literatur ist Wiederholung

lese ich gerade bei Christa Wolf, die darüber aber schnell hinweg geht, um die Frage zu stellen, was Leben in der Literatur ist und was Text. Ein weites Feld, soviel ist klar. Zumal die eigenen Erinnerungen bald schon schwankend werden, flüssig, je weiter sie in die eigene Lebenszeit zurückreichen. Als müsse ich auf dem Boden eines Gewässers nach etwas suchen, das sich im Fließen und unter den Wellen versteckt, verzerrt, verändert. Habe ich das wirklich gesagt oder wollte ich nur? In welchem Land war diese Straßenkreuzung, an die ich mich hartnäckig erinnere, nicht jedoch an den Weg, auf dem ich dorthin gekommen oder den, den ich von dort genommen habe? Selbst die eigene Biografie ist, merke ich so oft ich zurückblicke, nicht einfach da. Sie wandelt sich, je nachdem von wo der Wind gerade weht.

Von der blauen Stunde

wusste ich damals noch nichts, aber dass es nur sein konnte, wenn der Himmel so offen ist wie das Meer, leuchtete mir ein. Jetzt müssten Engel kommen, wenn sie überhaupt noch unterwegs wären – in den 1970er Jahren hieß es ja, die Zeit der Engel sei vorbei. Aber ich war mir nicht ganz sicher. Sicher war ich dagegen, einen Engel sofort zu erkennen. Nur über die Art der Begrüßung konnte ich mit mir nicht einig werden. Ich fürchtete, sie so oder anders zu vermasseln. Die Magie der blauen Stunde ist mir geblieben. Die Angst vor einer falschen Begrüßung hat sich gelegt. Aber ich bin mir längst nicht mehr sicher, einen Engel zu erkennen.

Sich an Regeln halten,

ist manchmal ein harter Job. Es scheint mir gar, als seien Regeln noch kontroverser diskutiert als die gute alte Ordnung. Erst wer Regeln breche, zeige wahren Charakter, so die einen, die anderen streichen stur jeden Rechtschreibfehler an, auch wenn sich vor ihren Augen gerade eine unglaubliche Wortschöpfung entfaltet. Tischregeln haben es in sich. Ohne Spielregeln wird es schwierig. Verkehrsregeln, dito. Wer gar Regeln in der Liebe aufstellt, wird an Grenzen stoßen (und die einzuhalten, ist noch mal ein ganz anderes Kaliber). Regeln sind nicht nur Ge- und Verbote. Sie sind Durchgänge und Zeichen. Sie sind selbstgemacht und uralt. Wer sich heute an Regeln hält, könnte sie morgen schon umgehen. Gerade, wer die Regeln beherrscht, mag mit ihnen hadern. Die kleine Abweichung verspricht größten Genuss. Oder größte Blamage. Also, wie halten Sie es mit den Regeln?

Clet Abraham mag auch keine Berliner Verkehrsschilder. Zu viele, sagt er auf seine Abneigung hin befragt.

Das Kragentier

Dass sie aussterben, mag ein Segen sein. Dennoch tun sie mir Leid, so übereinander geworfen in der Wühlkiste zu liegen – einst der Stolz ihrer Trägerinnen…! Als Kind habe ich mich vor ihnen gefürchtet. Als könnten sie ihre spitzen Schnauzen doch plötzlich auf – und mit Karacho in meinen Arm wieder zuklappen. Auch rochen sie komisch. Mit ins Bett hätte ich ein Kragentier nicht genommen. War es das Wilde eines solchen Pelzkragens, der mit Gesicht und Pfoten für die Echtheit des Fells und seiner Ganzheit (kein Stückwerk! und vor allem keine Hauskaninchen!) bürgte? War es die Sehnsucht nach unverfälschter Natur? Konnte sich der Ehemann oder Begleiter der Kragen tragenden Dame sogar in der Fantasie wiegen, für sie ein Tier geschossen (wenngleich nur symbolisch, aber dafür teuer bezahlt) zu haben? Es gibt eine Fotografie meiner Großeltern im Park. Sie sehen noch ungeheuer jung aus, gut gelaunt fast, und meine Oma trägt einen solchen Pelzkragen lässig über den Schultern. Wie das aussieht! Als hätte sie sich eine lebende Schlange umgelegt! Das Pelztier richtet seinen treuen Blick genau in die Kamera. Wie ein kleiner Hund. Mausetot herumgetragen bei einem Sonntagsspaziergang im Park.