Wait and see

Die Karten sind gespielt, die Verhandlungen abgeschlossen. Und jetzt heißt es warten. An der Supermarktkasse warten habe ich schon gefühlte Ewigkeiten und drei Tage geübt. Ich mache ein paar Lockerungsübungen im Kopf, denke mal hier und mal dorthin. Da hat es tatsächlich schon Überraschungen gegeben. Oder ich gucke mir die Einkäufe der um mich herum Stehenden an. Stelle mir die passenden Familienmitglieder dazu vor oder die Gerichte, die aus den zusammengetragenen Zutaten entstehen könnten. Aber jetzt stehe ich an keiner Kasse an. Ich sehe nicht, ob ich vielleicht schon ein paar Zentimeter vorgerückt bin. Klar, ich kann noch einmal alle Szenarien durchspielen. Und mir sagen, dass es auch zweite und dritte Lösungen gibt. Ist Warten die Sache vergessen oder sie im Kopf behalten? Also warten und gleichzeitig sehen oder erst warten und später sehen? Abwarten und Tee trinken hat zumindest eine Tätigkeit für den Augenblick parat. Obwohl ich kaum tagelang Tee trinken mag. Überhaupt!? Gilt für diesen Fall auch Kaffee?

Wer im Glashaus sitzt,

sollte vielleicht besser Kunst zeigen, statt Steine zu werfen. Dachten sich findige Pächter, die das Gebäude 501 kurzerhand zur Galerie ausriefen. Ein Stuhl ist jedenfalls da, für Kunst dagegen ist kaum Platz. Gedankenkunst passt vermutlich rein. Weil das Häuschen geschlossen war, bin ich mit meinen Gedanken ein paar Mal drumherum gekreist (= keine Kunst). Auf der Webseite habe ich später gelesen, dass sich drinnen mal jemand Gedanken über das Betrachten des Himmels gemacht hat. Was denn zu tun sei, so seine Frage, wenn ihn einer oder eine auffordere, den Himmel zu betrachten. Wahrscheinlich lag die Kunst in der Antwort. Blieb mir also nichts, als bei den Grimms mal nachzuschauen. Und was lese ich da? „wer ein haupt von glase hat, muss nicht mit steinen fechten“ (1685) Na!? Isses nicht unglaublich!?

Ich stelle mir einfach vor, dass sie gerade einkaufen sind.

Er hatte Angst vor dem Tod, auch wenn er ihm in jungen Jahren schon einmal von der Schippe gesprungen war. Andy Warhol mied Sterbende aus seinem Umkreis bis hin zur groben Unhöflichkeit. In seinem letzten Interview am 22. Januar 1987 sagt er unter anderem: „Ich möchte nicht über negative Dinge sprechen“ – ein Hinweis auf seine Verunsicherung, die mit dem Alter größer wurde. Nach seiner Mutter gefragt, antwortete er auch Jahre nach ihrem Tod noch, „Oh, ich glaube, sie ist gerade einkaufen.“

Sein Tod kam plötzlich, und vielleicht ist ihm damit ein Wunsch in Erfüllung gegangen. Nach einer gut überstandenen Gallenstein-Operation starb er heute vor 28 Jahren völlig unerwartet – genaue Umstände und Gründe wurden nie geklärt. Ins Grab haben Freunde ihm einen Flakon Chanel No 5 mitgegeben. Wie sagte Marilyn Monroe 1952 noch? – „Zum Schlafen trage ich nur ein paar Tropfen Chanel Nº 5“. Vom Tod keine Rede.

Fliegende Sombreros

Gibt es denn im All auch Karneval? Oder hatte der Ufo-Chefdesigner einen schlechten Tag? Leider waren die Außerirdischen wohl nur auf einem Erkundungsflug. Das hässliche Hotel jedenfalls steht noch. Und meine Kamera war nicht betrunken.

Ich bin dann mal weg… (Fortsetzung vom 11.10.2014)

Es gibt so Tage. Da würde ich am liebsten meinen Koffer packen und auf Reisen gehen. Möglichst weit weg. Möglichst ohne Handy. Möglichst in die Sonne. Keine Flucht, kein dramatischer Abgang. Einfach so. Um den Morgen noch einmal neu zu sehen, um meine Stimme in einem anderen Land zu hören, um mich zu vergewissern, dass das Licht woanders tatsächlich anders ist, dass die Menschen aber Menschen bleiben. Ich möchte die Farben neu buchstabieren, die Geräusche anders hören, überrascht werden hier und hier, weil ich mir dort noch keinen Alltagstrott eingelaufen habe. Es ist, als würde ich ein nagelneues Heft hervorziehen, um die erste Seite aufzuschlagen und etwas dort hineinzuschreiben. Ein schönes Gefühl zu denken, das ginge einmal. Wie gut ich es habe!

Die Eins suchen

So heißt der Text, den ich von meinem Freund Tomas dieses Jahr zum Geburtstag geschenkt bekommen habe. Tomas ist Pianist. Ich habe mal Blockflöte gelernt. Und stehe dazu, nicht zählen zu können. Was nicht das Finden der Ziffern in richtiger Reihenfolge bis Ultimo meint, sondern dieses merkwürdige Klopfen zur Musik, was mir noch gefallen könnte, müsste es nicht immerzu mit irgendeiner Eins beginnen (und fortfahren). Wir sprechen von Rhythmus oder auch von einem Puls, was mir besser gefällt. In der Antike dachten sich die Wissenschaftler, die damals in Personalunion Philosophen waren, die Bahnen der Gestirne als klingende Saiten, das All als Klangkörper sphärischer Musik. Die heutige Astrophysik ist kurz davor, Sounds aus dem All zu empfangen.

Seit ich Sounds, Geräusche, Stimmen im Audioschnitt bearbeite, bin ich dem Rhythmus wieder in die Arme gefallen. Er wirft mich hierhin und dahin – wie gesagt, ich kann nicht zählen – er durchquert mit mir Raum und Zeit bis mir schwindlig ist. Rhythmus, lerne ich, ist Veränderung, ist Abfolge, ist Performance. Mit dem Rhythmus stoße ich direkt ins Gefühl, er ist mein Lebenstempo aber auch die Spur, auf der man mir folgen kann. Rhythmus ist Tanz, aber auch der Rahmen, in dem ich Veränderung wahrnehmen kann. Besonders gefällt mir ein Vergleich, den eine amerikanische Musikerin neulich im Radio zog: „rhythm is a landscape that you build.“

 

Heute ein König/eine Königin

Der Spass des Verkleidens ist eigentlich vorbei. Dennoch gibt es Dinge, die man vom Feiern mit in den Alltag nehmen kann. Zum Beispiel das Lachen. Ein Lieblingsspiel meiner rheinländischen Sambafreunde ist es, während des Rosenmontagszugs so viele traurig dreinschauende Pappnasen am Rand des Zuges zum Lachen zu bringen wie möglich. Es soll sogar Strichlisten geben. Ich habe es heute ausprobiert. Mein Zug war der Weg zum Büro, Pappnasen gab es keine, aber Verkäuferinnen, Taxifahrer, einen Postboten, zwei verlaufene Touristen, Handwerker, Passantinnen. Aus den Lächeln auf den Gesichtern hätte ich mir eine Krone basteln können. Ein schönes Gefühl.

Frustrationstoleranz, eigene

Immer mal wieder in den letzten Tagen, Wochen bin ich auf Sätze gestoßen wie, „das ist mir zu anstrengend“, „das tut mir nicht gut“ oder „das tue ich mir nicht mehr an“. Es ging dabei stets um Anstrengungen in der Freizeit, hauptsächlich um das Lesen anspruchsvoller Bücher, wahlweise anderer mit Frustration verbundener Tätigkeiten. Was ist denn da los? fragte und frage ich mich. Sind wir schon in dem Alter, in dem wir uns schonen müssen? Ist es so, dass wir Menschen ab irgendeinem Alter die Schnauze voll haben von Niederlagen oder dem Sich-Eingestehen von mangelndem Können? Und sind wir damit schon aus dem Schneider? Alles zu vermeiden, was uns überfordert? Geschenkt, ich habe nach einem anstrengenden Arbeitstag auch nicht die größte Lust, mich an einem mir unverständlichen Buch abzuarbeiten. Oder Sportarten zu probieren, in denen ich mich bis zu meinem Lebensende zum Affen machen würde (wobei einem die Affen nach der Lektüre von Ulrike Draesners aktuellem Roman durchaus ans Herz gewachsen sein können). Worum also geht es, der Frustration in der Freizeit aus dem Weg zu gehen? Sind es die Einflüsterungen der „Spaßgesellschaft“, die uns erreichen, auch wenn wir uns anständig gegen Werbungen jeglicher Art wehren? Braucht das Ego ab einem gewissen Alter eine solche Schutzschicht, um sich gegen die Konkurrenz der Jüngeren taub zu stellen? Oder denke ich da schon viel zu weit? Und wo liegen meine eigenen Frustrationsgrenzen? Das wäre doch mal eine Grenzwanderung ganz eigener Art…

Rosenmontag

„Tolle Tage“, vor der Hand. Aber wer mutig ist, holt das „Tolle“ in sich jetzt raus und wird wagemutiger, als er/sie es sich im Alltag traut. Das heißt nicht unbedingt, die Sau rauslassen. Obwohl manche Sau sich sicher mal freuen würde. Schweine leben auch nicht gerne das ganze Jahr über im Keller. Toll sein, wagemutig hat in vielen Fällen (ich kann da als Rheinländerin ein Wörtchen mitreden, ich bin „Expertin“!) große Konsequenzen und kann zu echten Lebensentscheidungen führen. Wie viele Lieben, Ehen verdanken sich dem Karneval!? Und dass Lieben, vor allem große Lieben, nicht immer nur lustige, ausgelassene, „mir-geht-es-prima“ Angelegenheiten sind, kann, wer will sich am Kölner Karnevalsbrunnen anschauen. Ich habe selten ein Paar gesehen, dem der Ernst einer großen Liebe so ins Gesicht geschrieben stand.