Ich sehe was, was Du nicht siehst.

Fürwahr ein beliebtes Kinderspiel, was Kunsthistoriker/innen gut und gerne als Werkzeug pflegen und nutzen sollten, könnten, wenn nicht… (aber das ist ein anderes Kapitel). Bei diesen steinernen Herrschaften zum Beispiel kann ich nicht anders, als einen Motorradfahrer (von meinen Eltern noch selbstverständlich „Rocker“ genannt) mit seiner „Braut“ zu sehen, und nicht, wie vom Künstler vorgesehen „Tritonen aus mythischer Zeit“, die in Berlin-Schöneberg Nymphen über die eiszeitliche Fenn-Rinne tragen. Die Sache ist nicht besonders stichfest, weil ich hier auch keine wirkliche Recherche aufgemacht habe. Tatsache ist, dass es zur Zeit als Richard Guhr die beiden Mythenwesen bildhauerte, schon Motorräder gab (in Deutschland damals durchaus auch Reiträder genannt). Da könnte eben ein armer Prüfling, dem eine Postkarte von diesem Artefakt vorgelegt wird, einen Treffer mit „Anfang 20. Jahrhundert“ landen, wenn er oder sie sich nur auf das Sehen von dem, was andere sich vielleicht nicht zu sehen trauen, verlässt. „Abseitig gucken“ könnte man dieses Verfahren vielleicht auch nennen. Ein schönes Spiel. Und ein stiller Hinweisgeber. Wenn man ohne zu schummeln spielt.

Traumwandel

Träume sind Schäume, weiß der Volksmund, meine Träume waren meist Hochleistungssport, galt es doch in einer einzigen Nacht mindestens 50 verschiedene Settings zu durchrennen, -fahren, -fliegen, -radeln oder in leise dahin schwimmenden Booten zu durchdümpeln. Ich stellte mir meine Traummeisterin wie eine etwas schlampige Cutterin vor, Zigarette im Mundwinkel und alle paar Minuten eine Kaffeepause (oder zumindest ein Gang zum Automaten). Auf eine Handlung oder Lesbarkeit des Traums achtete sie nie. Einzelne Sequenzen wurden so aneinander geklebt, wie sie sie – scheinbar achtlos – aus meinen Gedanken, Blicken, Sehnsüchten kopierte. Sie mochte Großstädte, Straßenschluchten, Häuser, die sie mit Leichtigkeit durchquerte, Flughäfen, fremde Menschen. Wurde ich wach, hatte ich eine weite Reise hinter mir. Meist war ich außer Atem. Und dann wurde ich letzte Woche wach und erinnerte mich an meinen ersten „richtigen“ Traum, also einem mit einem Anfang und einem Ende (auch wenn beide eher lose waren), einer „Story“, einem sorgsam geführten Ablauf und scheinbar in Echtzeit, also nicht dauern auf der schnellen Vorspultaste. Bis letzte Nacht blieb es dabei. Ganze Träume. Jetzt bin ich irritiert: Wagt meine Traummeisterin einen Neuanfang oder wurde sie etwa ausgetauscht?

Leben als Fluss

„Wasser ist etwas, das du nicht halten kannst. Wie Männer. Ich habe es versucht. Vater, Bruder, Geliebter, wahre Freunde, hungrige Geister und Gott – alle haben sich meinen Händen entzogen, einer nach dem anderen.“

So beginnt Anne Carsons Buch „Anthropologie des Wassers“, eine Lektüre, die seit Wochen auf meiner Bibliotheksbestellliste ganz oben stand. Ein verheißungsvoller Satz, der mich gleich wieder beim Lesen innehalten ließ und mir Bilder – nein, nicht von verloren gegangenen Männern, sondern von mir im Wasser – in die Erinnerungsabteilung meines Gehirns (meines Herzens?) schickte.

Wasser ist die früheste Sehnsucht meines Lebens. Es gibt einen kleinen Film, den mein Vater von mir an einem Nordseestrand gemacht hat. Strahlend, aufgeregt stolpere ich (von Laufen kann da noch nicht die Rede sein) auf die anrollenden Wellen zu, egal wie oft mich meine Mutter packt, auf den hohen weichen Sand zurückholt, extra mit dem Gesichtchen ins Land gewendet und nicht zur See. Ich habe im Salzwasser Schwimmen gelernt, vielleicht bin ich deshalb für Süßwasser (erst recht für Schwimmbäder) nicht zu haben.

Im Wasser kann man nichts halten, auch nicht sich selbst. Wer sich nicht aufs Treibenlassen verlegt, wird schnell untergehen, denn gegen das Wasser kommt kein Mensch an. Sich dem Wasser anzuvertrauen, heißt, Verwandlungen durchzumachen. Sind nicht auch unseres frühesten Vorfahren Fische? Im Wasser bin ich jemand, der nicht zu halten ist. Vielleicht sollte ich das auch mal an Land versuchen.

Noch ein ins Eis krachendes Büblein (leidlicher Ausgang):

Zugegeben, ich war zu früh. Denn als ich dieses Foto machte – für meinen Begriff ein richtig gutes Tatortfoto – war der Ort noch gar nicht so weit, die Tat, oder der unfreiwillige Einbruch ereignete sich erst wenig später, nachdem ich die Kamera schon wieder in die Tasche gesteckt und bis zu dieser sehr bewegten Neptun-Nixe-Skulptur vorgegangen war. Aber just da stürmte ein kleiner Junge unter dem Gebüsch hervor, das hinter dem Einkaufswagen zu sehen ist. Er hielt am Rand des Teichs kurz inne, doch dann wagte er einen Schritt, und weil die Teichoberfläche – tatsächlich noch mehr Wasser als Eis – niedrig war, landete er mit Krachen und Platschen im Wasser (zum Glück nur mit einem Bein). Das Geschrei war groß, vor allem das der schimpfenden Mutter. Ist es die Sehnsucht, Neuland zu betreten, die uns immer wieder auf zu dünnes Eis lockt?

Und so sehen manche Antworten aus.

Zerpflückt und zerbröselt, nachdem sie gestern Abend noch wie in Stein gemeisselt schienen. Ja so ist das mit den Fragen. Sie ziehen als leise Karawane neben mir mit, gelegentlich tauchen sie auf, ich krame in meinen Taschen nach Antworten, von denen ich mir sicher bin – und finde nichts als Plunder. Als Spiel betrachtet ist die Sache vielleicht sogar attraktiv: Schnell aus diesen paar Dingen eine Antwort basteln. Aber vielleicht puste ich alles besser vom Tisch und versuche einen ganz neuen Anlauf. Es gibt allerdings auch Fragende, die einem die Antworten so zernichten. Vielleicht sollte ich mir meine Fragekarawanen mal notieren. Schön wäre es, wenn sie wirklich bei jeder Runde runder, voller, plastischer würden.

Eine Frage wie eine Drehtür:

Was ist (gute) Kunst? Ich möchte – oha! hier zögere ich zwischen gerne und lieber gar nicht – wissen, wie viele diese Drehtür schon passiert haben. Ich bin qua Studium öfters durch. Mit eigenen Antworten, zu mehreren, euphorisiert, verunsichert, mit dem Wunsch, die vermaledeite Tür zuzuschlagen (aber schlagen Sie mal eine Drehtür zu), mit Drehschwindel, den Ein- und Ausgang verwechselnd. Mal führte die Frage in den Himmel, oft genug in weite Einöden. Was ist (gute) Kunst? Eine Frage, die ich = ich? beantworten kann – oder gar sollte? Vielleicht sind Fragen nur Wege, auf denen gute Gespräche möglich sind. Dann aber ist die Frage nach der Kunst eine tolle Frage: Sie verspricht endlose Wanderungen.

Ein Blick in den Spiegel

Gerade hatte ich das Buch „L’amant“ von Marguerite Duras wieder aufgeschlagen, als mich von der ersten Seite ein Thema ansprang, das ich ansonsten gerne vermeide.

„Sehr früh in meinem Leben war es (schon) zu spät.“ So fängt der dritte Absatz an, und es geht weiter damit, wie Marguerite Duras unerbittlich das frühe eigene Altern beschreibt. „Zwischen 18 und 25 Jahren verschwand mein Gesicht in eine unerwartete Richtung. Mit 18 bin ich gealtert. (…) Dieses Altern war brutal. Ich habe gesehen, wie es meine Züge einen nach dem anderen erreichte, ihre Balance untereinander zerstörte, die Augen größer machte, den Blick trauriger, den Mund schärfer (…). Dieses neue Gesicht habe ich behalten. Es war mein Gesicht. (…)“

Ich halte die Luft an, je weiter ich in dieser Passage vorankomme – denn es stimmt alles genau, wer Fotos der jungen Marguerite sieht, weiß, was sie meint. Und: kein Lamento. Sie beobachtet sich selbst, sieht von da an ihr neues Gesicht weiter altern, sieht die Falten, die es durchziehen, seine Substanz, die zerstört wird. Und wechselt von dieser Selbstbetrachtung unvermittelt in die Vergangenheit, um mit der Geschichte ihres chinesischen Liebhabers zu beginnen. Ich bin weit über 18. Mein Gesicht verändert sich. Ich könnte diese Veränderung zur Kenntnis nehmen, und eine andere Geschichte erzählen.

Die Übersetzung der Passage von Marguerite Duras ist nicht autorisiert und leider auch nur schnell hingepfuscht.

Einhörner sind auffällig weit verbreitet.

Ich hätte verblüfft sein können, war es jedoch nicht. Weil ich erst neulich ein Interview mit dem Bonner Philosophieprofessor Markus Gabriel gelesen habe, darin dieser bereits zitierte Satz: „(Einhörner) sind auffällig weit verbreitet.“ Nanu, dachte ich damals beim Lesen, sind Philosophen jetzt die neuen Fantasy-Könige? Nö, lernte ich in den nächsten Zeilen. Sie sind nur, sagen wir mal, „großzügiger“. Jedenfalls Herr Gabriel, der sich als Philosoph nicht weiter mit der Wirklichkeit rumschlagen will, sondern auch solche Phänomene wie eben Einhörner akzeptiert, deren Existenz zumindest in unseren Gedanken oder Träumen verbrieft ist. „Real ist, was real ist“, sagt er, und gleich gibt es ein Etikett dafür, denn man spricht vom Neuen Realismus. Neu daran scheint mir, dass es kaum noch um die Frage geht, wo Realität anfängt und wo sie aufhört. Die beunruhigende Frage der Romantiker, ob ich lebend wache oder träume, wird als irrelevant vom Tisch geschoben. Egal, heißt die Antwort, aber wenn jemand mit mir spricht, sind zumindest schon mal zwei von meiner Existenz überzeugt. Nein, das Einhorn hat nicht gesprochen. Es stand ziemlich still. Aber ich würde fast darauf wetten, dass es heute schon wieder verschwunden ist.

Überraschung!

Wie oft am Tag, in der Woche, im Monat sehe ich etwas, was ich so noch nie gesehen habe? Wer wagt eine Strichliste? Ich habe heute erst eine Weihnachtskugel an einem frierenden Straßenbaum gesehen, am nächsten ein Osterei, dann ein verwaistes Vogelnest in einem Zaun (wo Vögel überall Unterschlupf finden!), ein Einhorn (jawohl!) im Kampf/Tanz mit einem Bagger (ebenfalls jawohl!), später diese wunderbaren Eisskulpturen. Wenn es tatsächlich so ist, dass Apparate unser Sehen, Denken, Fühlen beeinflussen, dann bin ich von dem Einfluss meiner Kamera durchaus angetan. Ich sehe mehr als zu den Zeiten, in denen ich wenig oder gar nicht fotografiert habe. Und ich fühle mich beschenkt mit jedem Klunkerfoto, das ich mit nach Hause nehme. Am Ende ist es ja wirklich so etwas wie eine Jagd. Gut möglich, dass die Eiskugeln morgen schon weg geschmolzen oder schwarz verkrustet sind. In Glas geblasen und für hunderte Euro auf der Anrichte drapiert jedenfalls wären sie nicht halb so schön…

Schreibend die Welt erkunden

Meine Generation hat das Schreiben früh gelernt, selbstverständlich: Es gilt Schulpflicht in Deutschland. Einmal gelernt, und vor so langer Zeit, scheint es längst nichts Besonderes, höchstens wer sich die Schreibhand – sei sie nun links oder rechts – verletzt, merkt, wie mühsam diese vermeintliche Selbstverständlichkeit zu ersetzen ist. Vielleicht fällt einem in solchen Zeiten ein, dass Schreiben eine Kulturtechnik ist und früher nur wenigen Menschen geläufig war. Vielleicht erinnert sich die eine oder der andere, wie mühsam es war, als Kind überhaupt erst einen Stift zwischen den Fingern zu halten. Die Dinge ändern sich. Es gibt Kinder, die zuerst auf einer Tastatur schreiben, bevor sie ihre Handschrift trainieren. Und es gibt bereits Pläne, Kindern erst gar keine Handschrift mehr beizubringen. Mit einem Mal wird klar, wie viel mehr das Mit-der-Hand-Schreiben für einen Menschen bedeutet, als sich Notizen zu machen. Neurologen untersuchen mittlerweile den Einfluss der Handschrift auf das Denken, ja auf die Seele des Schreibenden. Auf- und Abstriche sorgfältig und gleichförmig zu ziehen, Bögen, Schleifen, Häkchen und Punkte anzuordnen verändere zum Beispiel die gesamte räumliche Vorstellung eines Schreiblehrlings. Schreiben ist ferner ein rhythmisches Tun, das einen zur Ruhe kommen lässt, oder gerade auch nicht. Schreiben ist eine Fähigkeit, mit der ich die Welt um mich herum anders wahrnehme. Wenn auch nur, indem ich Gedanken bereits im Kopf wie geschrieben vor mir sehe. Tippen ist etwas anderes, als mit einem Stift schreiben. Zumindest werden andere Hirnareale aktiv. Wer mit einer Hand schreibt, wird automatisch langsamer. Und bewahrt sich seine Privatheit (solange er oder sie sich nicht auf Hauswänden oder bei laufender Fernsehkamera äußert). Zum Vergnügen schreiben, um sich der Fähigkeit noch einmal bewusst zu werden? Warum eigentlich nicht?