So sah es vor vier Jahren noch aus im sandigen Herzen Berlins, d.h. liebe Nicht-Berliner: Mitten in der Stadt! Ein Himmelszelt!
Kill your darlings…
Zu viel. Das ist die verblüffende Erkenntnis meiner heutigen Hausaufgabe. Ich hatte etwa eine Minute mit Sounds zu füllen, mit Knistern, Knallen, Rascheln, Klopfen, Klimpern, Geräuschen aus der Umwelt für’s Erste, die sich mit etwas Augenmaß, Tricks und glühenden Ohren zu Unerhörtem wandeln – Raumschiff Enterprise, meine zweite große kindliche Leidenschaft, lässt grüßen. Wie viel Arbeitszeit in so einer Minute stecken kann, das ist die erste Lektion. Aber dann wackelte hier was, da schien mir der Übergang zu abrupt, alles nicht so recht geschmeidig, kurz, nicht fertig. Und dann eben kam die zweite Lektion: Was mir zu wenig, zu wenig durchgearbeitet, zu wenig profiliert erschien, war für meinen Lehrer die pure Überfüllung. „Viel zu viel“, lachte er. „Damit kannst du locker sechs, ach was, acht Minuten füllen. Vertrau‘ den einzelnen Sounds. Stell‘ sie dir mit einem Gesicht vor. Lass‘ sie hervortreten, gib‘ ihnen Platz. Mach Pausen. Schmeiß‘ erst mal zwei Drittel raus.“ Also wieder raus mit den schön getüftelten Tönen. Kill your darlings. Und sei froh, dass du so viele Ideen hast!
Vielleicht doch lieber üben?
Dieser Gedanke kam mir heute in der Supermarktschlange – denn was gibt es schlimmeres als Warten, vor allem, wenn man gerade mittendrin hängt? Kein Mensch – so scheint es zumindest – wartet gerne. Dabei gilt Warten als eine der großen Sekundärtugenden: Wer geduldig ist, kommt weit im Leben, so heißt es. Kindern, die nicht sofort in den Keks beißen, der vor ihnen auf dem Tisch liegt, sondern fünf Minuten warten, bis ihnen zur Belohnung ein zweiter Keks hingelegt wird, gelten als vielversprechende Erfolgstypen. Das gefällt uns natürlich – aber nur so lange, wie wir nicht vor dem Keks sitzen. Warten wird uns binnen Minuten zur Zumutung. Die Zeit dehnt sich ins Unermessliche, plötzlich tut sich ein Loch auf, gleichzeitig staucht sich die Energie, die für alle noch folgenden Erledigungen gespeichert ist, wir plustern uns auf und werden ganz schlapp, wir kommen aus dem Takt. Sind wir etwa im falschen Film? Ist etwas passiert? Werden wir gerade nicht ernst genommen? Und hier kommt es dann zur Entscheidung: Handele ich, um das Warten so schnell wie möglich zu beenden oder lasse ich los, und bleibe erst mal tatenlos stehen? Wer die eigene Freizeit als knappes Gut erlebt, ist schnell knausrig beim Warten. Wer Angst hat, dass eine ungeplante Pause ins Ungewisse verführt, wahrscheinlich auch. Dabei kann ein Innehalten unvermutete Räume öffnen. Warten schafft Zeit für Rückblicke, Ausblicke, auch für Zweifel. Warten schafft – auch wenn das paradox klingt – überhaupt erst Zeit. In größter Hektik innezuhalten, spart manchmal mehr Stunden, als kopflos fort zu rennen. Lächelnd warten macht ungeheuer souverän. Gelegentlich sogar richtig cool. Ach so, Warten kann man übrigens auch üben…
Warum ich manchmal doch gerne vom Himmel falle…
Nein, das wird jetzt kein Bekenntnis zum Extremsport, es geht um eine Frage, die ich mir immer wieder stelle: Warum üben wir (also sagen wir mal, die meisten von uns) so ungern? Spielerisches Lernen als Kind mag ja noch angehen. Aber wenn es ernst wird – und es wird ernst – ist Üben eine Hausaufgabe, ein stundenfressendes Ungeheuer, ein Käfig, eine Wiederholung, die scheinbar ins Unendliche reicht, eine große Einsamkeit (ich meine hier nicht die Probe: Die ergibt ein eigenes Kapitel). Die tiefsten Langeweilen haben mich beim Üben überrollt. Die schlimmsten Wutanfälle auch. Ich tue was, ich kann es nicht, ich tue es wieder, wieder nicht, wieder, besser, wieder, geht gar nicht, wieder, wieder, wieder, wieder, ich verkrampfe mich, wieder, mir wird schwindlig, wieder, besser, wieder, gar nicht, wieder, was bringt das eigentlich, wieder, es sind erst fünf Minuten vergangen, wieder, wieder. Dabei. Ich weiß, dass es auch anders geht. Indem ich mehr probiere, mich nicht vom (noch) Nicht-Können einschüchtern lasse. Vielleicht ist mir Üben so mühsam, weil es kein Rezept gibt. Vom Nicht-Können zum Können kann ich mir nirgends eine Gebrauchsanleitung abholen. Ich kann mir Können abschauen, ich kann ausprobieren und mit Geduld wiederholen, was nicht von selbst klappt. Dabei gelegentlich als Meisterin kleiner Details vom Himmel zu fallen, kann in solchen Fällen ein Glücksfall sein.
Dass Reisen bildet,
glauben wir gerne. Dass diese Bildung in früheren Zeiten gerne während der Überfahrten oder anderweitiger Anfahrten angelesen wurde, mag uns heute erstaunen. Sorgfältig stellten die Weltenbummler und Forscher ihre Bücherkisten zusammen, hier wurde noch schnell Russisch gelernt, dort die Grundlagen der Botanik, Darwin hatte unter vielen anderen Büchern die 60 Bände des „Dictionnaire des sciences naturelles“ dabei und die Bibel. Adelbert von Chamisso las Goethe, wie er uns in seinem Reisetagebuch wissen lässt:
„Ich finde in einem Briefe, den ich aus Brasilien nach Berlin schrieb, eine Entdeckung verzeichnet, die kaum in eine Reisebeschreibung gehören mag, die ich jedoch hier einbuchen will, weil es mir neckisch vorkommt, daß grade ein geborener Franzose um die Welt reisen mußte, um sie fernher den Deutschen zu verkünden. Ich habe nämlich auf der Fahrt nach Brasilien in der »Braut von Korinth«, einem der vollendetsten Gedichte Goethes, einem der Juwelen der deutschen und europäischen Literatur, entdeckt, daß der vierte Vers der vierten Strophe einen Fuß zuviel hat!
Daß er angekleidet sich aufs Bette legt.
Ich habe seither keinen Deutschen, weder Dichter noch Kritiker, angetroffen, der selbst die Entdeckung gemacht hätte; ich habe Kommentare über die »Braut von Korinth«, vergötternde und schimpfende, gelesen und darin keine Bemerkung über den angeführten überzähligen Fuß gefunden. – Die Deutschen geben sich oft so viel Mühe, von Dingen zu reden, die sie sich zu studieren so wenig Mühe geben! – Ich halte die Entdeckung noch für neu.“ (Das war knapp 20 Jahre nach seiner Rückkehr, 1836).
Warum ich das aufschreibe? Weil er heute Geburtstag hat: Adelbert von Chamisso. Wer hatte da neulich nach meinen Vorbildern gefragt? Im Januar waren eine Menge von ihnen zu beglückwünschen. In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch Herr von Chamisso!
Choreographie für Wörter
nennt die indische Schriftstellerin Arundhathi Subramaniam ihre – und auch andere – Gedichte. Wie einen Tanz habe sie die Poesie als Kind wahrgenommen, wie eine Zaubersprache im Vergleich zum täglichen Reden, aber auch zu Prosatexten. Sie fährt fort damit, dass Gedichte – und das hat mich umgehauen, obwohl ich es im Grunde längst weiß – als einzige Form Pausen ins Gesprochene/Gelesene bringen. Gedichte sind die einzigen Texte, so Subramaniam, die es erlauben, eine Buchseite halbleer (oder sogar noch leerer) zu lassen. Wie in Friederike Mayröckers „études“, die ich gerade lese. Oder eher summe, buchstabiere, träume. „Poems matter“ sagt Arundhathi Subamaniam am Ende des Gesprächs, und, um Gedichte schreiben zu können, gelte es „in a state of wonder“ einzutauchen. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.
Über den Gang klappern zehn kleine Holzabsätze.
Es sind die fünf Tirelireli-Girls, wie wir gleich im nächsten Satz erfahren, die da klappern, viel mehr braucht es auch nicht, damit Colette ein atmosphärisch dichter Einstieg gelingt: Wir sehen noch Mitsou, den Revuestar, vor runtergekommener Papiertapete in der Garderobe sitzen, hören den Inspizienten Boudou an die Tür klopfen und erleben, wie Kollegin Petit Chose in einem nicht mehr sauberen Bademantel in Mitsous kurze Pause hineinstürzt. Schon sind wir mittendrin in der „Folie“, dem ersten Verliebtheitsrausch, dem Liebeswahnsinn, den Colette nur zu gut aus eigener Erfahrung kannte und auf’s immer Neue bitter-süß, aber auch lakonisch, launisch, abgeklärt, verträumt und mit offenem Herzen für (fast) alle Beteiligten (vor allem für die vierbeinigen) beschrieb. „Kannst Du nicht mal ein Buch schreiben, das nicht von Liebe handelt?“ Soll ihr zweiter Ehemann Henri de Jouvenal (als Adliger hatte er schließlich seinen Namen zu verteidigen) gefragt haben. Konnte sie nicht – wollte sie auch nicht. Sie wurde als erste Frau in Frankreich mit einem Staatsbegräbnis geehrt, Monsieur de Jouvenal? Ist in den Annalen verblasst. Dass sie das Leben liebte, muss wohl nicht extra gesagt werden: heute wäre sie 142 Jahre alt geworden, Sidonie-Gabrielle Colette: Herzlichen Glückwunsch!
Stadtwald
Oder doch eher: statt Wald? Vermutlich Reste von der Fashion-Week. Stadt, Wald, Schotter. Keine Elfen. Nur hier und da ein Hund. Mit Mensch dran (in den Parkanlagen ist Leinenzwang). Und ich mit vier großformatigen Kunstkatalogen unterwegs. Bücher sind doch Möbel. Dachte ich gedrückt und war nach dem Besuch in der Bibliothek froh, viel Platz zu haben, um einen ganzen Sack Obst mit nach Hause zu nehmen.
Es regnet in Strömen,
kaum würde es mich wundern, Fische am Fenster hinab rutschen zu sehen, die Welt ist ein Aquarium, warum sollten sie bei dem Wetter stets nur um die Kontinente kreisen und nicht mal drüber? Frische Fische fischen Fischers Fritz. Der macht jetzt Urlaub in der Karibik. Und wir die Fenster zu. Damit der Regen draußen bleibt.
Der fantastische Fisch-Globus ist ein Poller auf der Berliner Monumentenbrücke. Da, wo – wie es heißt – die Elfen wohnen. Es scheint, als leuchte er bei Regenwetter ganz besonders.
„Ein Leben lang leben“
lautet eine Notiz, die ich eben auf einem Schmierzettel gefunden habe. Ein Zitat oder ein morgendlicher „Verleser“ frage ich mich, muss lachen und denke: Das könnte doch ein ordentliches Motto fürs nächste Lebensjahr abgeben.









