Lebensübung

Ich erinnere mich genau an eine der ersten Französisch-Schulstunde in die 11. Klasse. Wir hatten Stendhals „Le Rouge et le Noir“ vor uns auf dem Pult liegen und plagten uns. Vor allem diejenigen, die wie ich erst in der 9. Klasse Französisch als neues Fach dazugewählt hatten. Ich meldete mich und brachte meinen Vorschlag vor, vielleicht etwas „praktischeres“ zu lernen, so dass wir im Nachbarland bei einer Reise zurechtkämen oder beim schon längst geplanten Au-pair-Aufenthalt nach der Schule. Der Blick, den ich von meinem Lehrer erntete, war vernichtend. Ich weiß nicht mehr, ob ich überhaupt eine Antwort bekam. Natürlich blieb Stendhals Buch Lektüre. Ich erinnere mich, den Roman auf Deutsch gelesen zu haben.

Heute? Bin ich froh. Das Reisefranzösisch lernt schnell, wer erst mal im Land ist. Stendhal dagegen begegnet man so bald nicht wieder. Nicht, dass ich als Teen, der ich damals war, groß was verstanden hätte. Der Roman überforderte mich nicht nur in sprachlicher Hinsicht. Dennoch. Partikel sind hängen geblieben. Vor drei Jahren habe ich das Buch erneut gelesen. Elektrisiert. Dem Mädchen, dass lieber Steuer lernen würde statt Gedichte rufe ich zu: Steuer lernst du von selbst. Gib dich den Gedichten hin: Die Schulzeit ist heute möglicherweise die einzige Zeit, in der wir uns mit „nutzlosem Zeug“ noch rumschlagen dürfen. Das Studium ist es sicher längst nicht mehr. Life is a performance. Aber gelernt wird für den eigenen Kopf – nicht zuletzt für das eigene Herz.

Berlin, Berlin…

wir fahren nach Berlin! – Donald samt Benz waren heute so ziemlich das einzig Blaue, was ich in der verschneerieselten Stadt gesehen habe. Aber dann doch noch was, bzw. wer: ein nicht mal kniehoher Hund mit sowas von blauen Augen (Mutter Husky) – den hätte ich gerne mitgenommen. Nicht blau waren Polizeiautos, die durch die Hasenheide schlichen, ein Paar runtergesetzter Schuhe, die sowas von gebettelt haben, von mir mitgenommen zu werden und blühende Büsche (draußen)! Der Kaffee der Kaufhaus-Cafeteria war zum Glück auch nicht blau und ich bin nach wie vor nüchtern. Blau machen? Vielleicht eine gute Idee für die nächsten Tage. Wo wir im Grau schon fast versinken.

Nenn‘ mir dein Vorbild,

und ich sage dir, wer du bist. Vorbilder, Idole gar, sind unter Erwachsenen verpönt. Als Kind darf man sich noch an den „Großen“ orientieren, selbst groß geworden, bekommt die Sache Schlagseite. Als sei da jemand immer noch nicht selbständig, vom Tun und Lassen eines Leittiers abhängig. Dabei. Vorbilder können beflügeln. Denn es geht keineswegs darum, etwas nachzumachen. Es geht darum zu sehen, dass es geht (was auch immer). Ein Vorbild lenkt im guten Fall auch von mir ab. Statt mich im eigenen Gewurschtel zu verheddern, kann ich doch mal sehen, wie X oder Y in einem ähnlichen Fall vorgegangen ist. Wäre das auch für mich eine Lösung? Eine junge Wirtschaftswissenschaftlerin (ihren Namen habe ich notiert, gerade leider nicht zur Hand) hat in einer BBC-Diskussion auf die Möglichkeiten von Vorbildern hingewiesen. „Nenn‘ mir deine Freunde und deine Vorbilder: das sagt mir mehr“, so die in ihrer beruflichen Karriere schon weit gekommene Frau, „als die Qualifikationen und Zeugnisse, die du mir vorlegst.“ Im Vorbild liegt die eigene Vision, die Idee, in welche Weite des Universums ich vorstoßen will. Was mir Winnetou beigebracht hat? Alleine zu entscheiden – auch wenn mein verzücktes Kinderlächeln eher seinen tollen Haare und dem edlen Pferd galt…

Fußnote

Was ich nur kurz anmerken möchte zur wohlfeil gewordenen Medienschelte, die mittlerweile von allen Seiten durch die Republik fliegt: Wer weiß überhaupt, dass das Schreiben journalistischer Texte heute zu den schlechtbezahltesten Tätigkeiten in Deutschland zählt. Klartext: meist unter dem Mindestlohn von 8,50€ pro Stunde. Honorare haben sich seit 2004 im Schnitt halbiert. H A L B I E R T. So, und jetzt mal scharf nachdenken.

Gleich noch ein Geburtstag mit Z

Ob Cézanne überhaupt einen Gedanken darauf verwendet hat, dass ein Z seinen Namen kreuzt? „Er ist der seltsamste Kerl, den man sich vorstellen kann“, so lautete die Einschätzung zahlreicher Zeitgenossen. Denn der Maler galt als kauzig, geradezu menschenfeindlich je älter er wurde. Kinder bewarfen den alten Mann auf seinem täglichen Weg „vor das Motiv“ mit Steinen – ein didaktisch sicher anspruchsvolles Kunstbuch: „Cézanne für Kinder“ lässt mich jedes Mal – wenn auch eher traurig – lachen. Der Maler litt an nicht diagnostizierter Zuckerkrankheit und an Altersdepressionen. Wie konnte es auch zusammengehen, dass er der größte Maler war – und, um mir diesen Einschub zu erlauben, immer noch ist – und von aller Welt verkannt (vom fehlenden Geld gar nicht zu reden). Cézanne ging, wenn er in Anzug und oft schwer bepackt „vor das Motiv“ marschierte, an Grenzen, wohin ihm zu Lebzeiten keiner folgen konnte. Er ist an seiner Überbegabung zerbrochen. Heute wäre Paul Cézanne, wenn es damals bessere Medikamente und einen entsprechenden Zaubertrank gegeben hätte, 176 Jahre alt geworden.

Zickzack

Er wollte nicht Zorro sein, der Rächer des Volkes, dennoch war er „entzückt“, ein Z in seinem Namen zu tragen: Gilles Deleuze, der Entdecker der menschlichen Wunschmaschine, der heute vor 90 Jahren in Paris geboren wurde. Für ihn bedeutete Z das Zickzack, die universale Kraft, die Bewegung schlechthin, die er mit den ungebremsten Flugbahnen von Fliegen verglich. Ein Zickzack müsse die erste Bewegung gewesen sein, keineswegs ein Knall, schon gar kein Urknall, sondern das Hin-und-Hersummen einer unsichtbaren Fliege, der ein Blitz folgte und die Dinge plötzlich sichtbar machte. Eine vergnügliche Fußnote besteht darin, dass Deleuze die Bewegung von Reisen geradezu hasste (was allerdings auch seinem sich stets verschlimmernden Krankheitszustand zuzuschreiben war). Er lachte selbst über diesen Unwillen, Paris zu verlassen, aber er hatte auch gute Gründe. Die Reise, so sagt er, ist „une rupture de bon marché“. Und: Nomaden reisen nicht. Womit wir wieder beim Unterbruch sind. Eine Reise lässt er nur gelten im Sinne von Marcel Proust, um einen Traum zu überprüfen. Emigration nennt er eine erzwungene, und deshalb heilige Reise. Hasen können auch Zickzack, in diesem Sinne: Allez-hopp! Und herzlichen Glückwunsch!

Schreiben, Fortsetzung

Schreiben bedeutet unter den Zäunen herkriechen, über Bäche springen, Felder durchqueren, Umwege gehen, nachts nicht nach Hause kommen. Schreiben bedeutet, Löcher in den Manteltaschen zu haben, aus denen die schönsten Steine fallen, die große Liebe nur von Weitem zu sehen, von den Hunden gejagt – oder zumindest beargwöhnt zu werden. Schreiben ist ein dauerndes Unterwegssein. Im Grunde gibt es kaum eine Rast. Schreibend gilt es, ein stetes Ungleichgewicht auszuhalten. Es ist zu kalt oder zu heiß oder zu dunkel oder es regnet ganz einfach (zu viel). Schreiben ist kauen. Proust sagt (leider nur ungefähr zitiert): Meisterwerke sind IMMER in einer Art Fremdsprache geschrieben. Schreiben bedeutet an Grenzen zu gehen. An Grenzen entlang zu gehen. Hinzufallen. Stil ist wenige Schritte vor der Musik.

Liebst du schon oder wirst du noch?

Eine „verschämte Lektüre“ habe ich auch – sozusagen auf der langen Strecke – zu bieten: Frauenzeitschriften! Trotz guten Zuredens greift stets wieder eine meiner Hände zu neusten Exemplaren, die sich im Supermarkt präsentieren, abends wird die Beute dann zerfleddert, das Horoskop zuerst und so fort. Gestern war wieder so ein Abend, ich habe mich über schöne Kleider an fremden Frauen gefreut und geblättert, geschmökert und kurz bevor ich die Zeitschrift wie eine ausgesaugte Schale neben das Bett fallen lassen wollte, traf mich folgende Frage mit voller Wucht: Liebst du so, wie du geliebt werden willst? Wobei die Wucht auf dem zweiten Teil der Frage liegt: Wie will ich überhaupt geliebt werden?

Sich freuen!

Nicht, dass ich etwas gegen das Glück hätte. Nur ist es in letzter Zeit so groß geworden, groß vor allem im Anspruch, nun doch bitte im kleinsten Zipfel wahrgenommen, zum Ziel gekürt oder zumindest zum täglichen Mantra ernannt zu werden. Ich mag Fortuna, wie sie auf ihrem Ball, Einrad, Skateboard durch die Gegend rast, und sich so manches blaue Auge holt. „Glück gehabt!“ Wer das sagt, dessen Tag ist erst mal gerettet. Doch dem Glück zu frönen, wird schnell eine traurige Leidenschaft. Denn Glück lässt sich nicht jagen, erst recht nicht an die Leine legen. Freude dagegen ist immer zur Hand, denn sie entsteht, wie Gilles Deleuze in seinem immer wieder sehens- und hörenswerten „abécédaire“ darlegt, wenn ich etwas tue, was ich kann – wobei können natürlich nicht absolut, sondern immer persönlich zu verstehen ist: ohne jeden Abstrich. Das Maximum meines Vermögens zu erreichen, ist größte Lebensfreude. Ohne Risiko allerdings geht das nicht. Ein Vermögen auszuprobieren, führt auch an Grenzen. Dennoch, die Freude liegt, anders als das Glück, bei mir. Und Freude ist mehr als Selbstzufriedenheit: Sie ist Widerstand und sie ist Leben.

Bitte nicht stören!

Unterbrechungen sind die Ungeheuer des Alltags. Meist kommen sie ganz harmlos daher, eine Nachbarin klingelt, weil sie ein Ei braucht, die Freundin ruft an, um ein Treffen zu verschieben, der Postbote bringt ein Paket fürs Vorderhaus vorbei, das Steuerbüro braucht eine Kontonummer, die Sahne ist derweil im Kühlschrank ausgelaufen, und in einer halben Stunde ist doch…!!! Manchmal reicht es an dem Punkt schon, und das Ungeheuer trollt sich. Aber es gibt Tage, da reißen die Unterbrechungen nicht mehr ab: der Tag ein einziger Unterbruch. Und im Kopf werden die gedachten Buchstaben riesengroß: Bloß das nicht auch noch!

Dabei – und das muss ich mir jedes Mal vorbuchstabieren – bedeutet jeder Umweg auch eine Perspektivverschiebung, jede Unterbrechung kann zumindest eine neue Idee zu Tage fördern. Klar, der fünfte einstündige Anruf von Tante, Onkel oder weitläufigem Kunden zerbröselt jeden Arbeitstag. Da möchte ich zu gerne das „Bitte nicht stören-Schild“ auf die Stirn kleben. Nicht selten habe ich in solchen Momenten den Stecker gezogen. Andererseits ist nicht jeder zerbröselte Arbeitstag schon eine Katastrophe. Dann haben wir heute eben mal nichts geleistet! Oder gerade mal mit einem Ei der Nachbarin zum erstklassigen Versöhnungskuchen mit ihrer Tochter verholfen. Einer meiner Vorsätze für das gerade angebrochene Jahr: Streichle die Ungeheuer. Sie sind schließlich das Leben. In diesem Sinne: Bitte stören!