In eigener Sache

Ich bin Kunsthistorikerin. Schon während des Studiums musste ich mir viel vom Wolkenkuckucksheim, vom Elfenbeinturm anhören und bin bis heute einigen im Verdacht, nichts „Ordentliches“, zumindest nichts Handfestes zu tun. Manches Mal habe ich selbst so etwas in der Art gefürchtet. Um so überraschter war ich heute Morgen, Hartwig Fischer, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, im Radio auf einer Anti-Pegida-Demonstration reden zu hören. Erstens, weil es tatsächlich selten ist, dass Kunsthistoriker überhaupt etwas über ihr Fach hinausgreifendes sagen, und zweitens, weil er mich wieder daran erinnert hat, wie wesentlich Kunst war, ist und bleibt und was passiert, wenn Kunst national gedacht wird. Und das sind jetzt meine Worte: sie wird blöd.

Der Gartenzwerg steht natürlich jenseits jeglichen Blödheitsverdachts: Ich finde ihn einfach hinreißend!

Antikensehnsucht

hatte ich bislang noch nie. Aber was nicht ist, kann ja eines Tages doch mal vorbeikommen. Bei mir in Gestalt (jaja, die Göttinnen und Götter verwandeln sich nach Gutdünken = erste Lektion der Antikenreise) von Homers Odyssee in der Übersetzung von Kurt Steinmann (Manesse, 2007/2011). Keine Ahnung, wo der Anfang lag, die Schlinge, die zuzog, kaum dass ich die ersten Zeilen gelesen, und mich in eine Sehnsucht riss, die nicht zu stillen ist, denn bekanntlich ist die Antike längst vorbei. Waren es die rosigen Finger Eos‘, mit denen sie den Horizont betastet um es Tag werden zu lassen, die schimmernden (!) Füße des Odysseus, unter die sich der Held die schönen Sandalen bindet (Ah, diese stets schönen Sandalen! Dauernd werden sie von gutaussehenden Menschen und Gött/innen angelegt – anziehen, wer käme auf solch banale Idee!? – von Athene zum Beispiel, der funkeläugigen: „sprach’s und band sich unter die Füße die schönen Sandalen, / göttliche, goldene, die sie trugen über die Feuchte / und das unendliche Land…“) oder doch gleich Wolkenballer Zeus, der seine erwachsene Tochter Athene mit geschliffener Etikette nachfragt: „Welch ein Wort, mein Kind, entschlüpfte dem Zaun deiner Zähne?“ Ja, also befallen bin ich seitdem, und nichts sehnlicher wünsche ich mir, als Athene an meiner Seite, die – und das war das Unglaublichste, was ich bislang gelesen habe – müde Helden mit Anmut übergießt, damit sie wieder ansehnlich werden, „größer anzusehen und strammer“.

Das Foto hat vor der Hand nichts mit alledem zu tun. Ich dachte wage an Antennen, die den Berliner Himmel nach göttlichen Fußspuren abscannen. Doch dann las ich, dass Athene, die ich so sehr herbeisehne, unter vielem anderen die Schutzgöttin der Spinnerinnen gilt. Auch das ist ein weiter Wort-Bild-Sprung, aber der gefällt mir.

Warum sind wir eigentlich befreundet?

Die Unendlichkeit zu durchmessen – das hätte ich als kleines Mädchen sicher nicht sagen können. Aber die Idee, „mit Dir gehe ich egal wohin“ kannte ich schon. Gesten machen uns zu Freunden, vermutet Deleuze, wir senden Zeichen aus und wer die Zeichen liest, wird unser Freund (und umgekehrt) – auch wenn er/sie nicht unbedingt gleicher Meinung ist. Sprachgesten sind enorm wichtig, ein falscher Satz kann eine aufkeimende Freundschaft zerstören. Ob das Herz dabei den Takt unserer Gesten schlägt? Und den Rhythmus unserer Silben? Der französische Schriftsteller und Journalist Maurice Blanchot sagt: Kein Denken ohne Freunde (und ich füge diskret hinzu: Freundinnen). Ich sage: Ohne Freund/innen kein Lachen auch in dunklen Tagen. Mit gegenseitigen Gesten die Unendlichkeit zu durchmessen: Eine Definition für Freundschaft?

Fließende Wünsche

„Was wünschst Du Dir?“ ist eine häufig gestellte Frage vor Geburtstagen. Was wünsche ich mir? Oh, dass diese Frage überflüssig wäre: Wo sind die Menschen, die mir alle Wünsche von den Augen ablesen? Von wegen! Eigenen Wünschen auf die Spur zu kommen ist wesentlich komplexer als Wunschlisten zu schreiben. Obwohl die helfen – manchmal. Wünsche entstehen aus dem, was ich gerade tue, womit ich mich beschäftige. Weniger aus dem, was ich (nicht) habe. Eine Espresso-Maschine scheint dieses Jahr dringender zu sein als letztes, wo sie auch schon auf der Liste stand, allein deshalb, weil ich öfters Freunde einladen möchte in nächster Zeit. Neue Bücher sind weniger wichtig geworden, seitdem die AGB auch Neuerscheinungen bereitstellt. Wünsche entstehen auch aus neuen Perspektiven. Wo ich gerade Geräuschen auf der Spur bin, kann ich mir plötzlich vorstellen, Gitarre zu spielen (bzw. erst mal zu lernen). Das wäre noch vor einem Monat undenkbar gewesen. Insofern ist es vielleicht lästig, eine Wunschliste zu erstellen, aber vielleicht auch mehr als ein Stichwortgeber eine Art Reiseplan für die nächsten Monate.

Hoffnung

Siegfried Lenz schreibt: „Es trifft gewiß zu, daß die Hoffnung eine Gnade ist. Aber fraglos ist sie eine schwierige Gnade. Sie fordert zuweilen unsere Bereitschaft, auch im Scheitern eine Chance zu sehen, in der Niederlage eine neue Möglichkeit. Vielleicht ist die Hoffnung die letzte Weisheit der Narren.“ Ich denke: Hoffnung, keine Angst!

Schreiben

Mit der Hand Linien ziehen. Wobei!? – Die Druckbuchstaben von heute ähneln eher Buchstabenprozessionen, mächtigen Zeichenkolonnen. Ursprünglich geritzt, gekratzt für die Ewigkeit, für das vergessliche Gedächtnis, für die Verwaltung, die Enkel für – was eigentlich? Wer professionell schreibt, arbeitet für ein Publikum oder für eine Zielgruppe, wenn es besonders schlimm kommt. Wer schreibt, schreibt vielleicht auch für die, die nicht schreiben (können). Schreibend sich versichern ist fast so etwas wie ein Reflex, wie mir scheint. Schreibend vom Weg abkommen wahrscheinlich die edelste Aufgabe. Auf dem Limit schreiben, auf scharfem Grat. Deleuze sagt „d’en sortier“: rausgehen.

Neustart

Selten genug, diese Momente des Neuanfangs, wenn man erst mal erwachsen und auch schon etwas alt geworden ist. Von Null anfangen? Etwas ganz Neues ausprobieren? Das ist schließlich etwas anderes, als in unerwarteten Situationen zu improvisieren. Tatsächlich habe ich lange gezögert. Fast (kaum dass ich es aufschreiben mag) 20 Jahre. Weil ich mich für unbegabt, für zu langsam hielt. Und jetzt? Die volle Begeisterung! Und ich erinnere mich gut. Wie ich als kleines Mädchen schon beim Einschlafen, beim Aufwachen, beim Frühstücken, im Kindergarten im Kopf hatte, was ich als nächstes mit meinen Lego-Bausteinen machen würde: Was alles geht! Eine regelrechte Abenteurerstimmung machte sich breit. Und packt mich auch jetzt wieder. Was alles geht!

Mittelalterliche Dinosaurier.

Von wegen Fabelwesen. Natürlich konnten sie damals Zeit noch nicht in den Dimensionen denken, mit denen Wissenschaftler heute hantieren. Im Mittelalter gab es die Ewigkeit und die Welt, die – je nach Rechnung – ein paar Tausend Jahre alt war. Dazwischen passte nicht eine Pergamenthaut. Knochenfunde prähistorischer Tiere, die bereits in der Antike gemacht wurden, mussten aber irgendwo untergebracht werden. Die US-amerikanische Historikerin Adrienne Mayor spricht von „sophisticated concepts“, deren sich bereits die Skythen bedienten, um in der Gobi-Wüste gefundene Reste des Protoceratops zu deuten. Deren riesiger Schnabel auf einem Körper, der entfernt an einen Löwen erinnert, ließ sie an ein Mischwesen aus Vogelkopf und Raubkatzenkörper denken. Der Nackenschild der Saurier wurde als Flügel umgedeutet, fertig war der Greif, der im Mittelalter wegen seiner Stärke und dem scharfen Blick gern als Schutzsymbol verwendet wurde. Er gab ein gutes Motiv für Aquamarile ab – also: Händewaschen nicht vergessen!