Zeitschleuder

Ich schwöre, in Berlin ist noch der 3. Januar. Und: in ein paar Tagen habe ich Geburtstag. Die Zeit wird also auch mich bald noch ganz anders in die Mangel nehmen. Wie sagten die beiden alten Hasen nochmal? Allez hopp!

Glückskekse?

Nein, liebes Krümelmonster, Glückskekse schaufelt man sich nicht ins aufgerissene Monstermaul. Man verzehrt sie einzeln, und: Vorsicht! Sie enthalten kleine Zettelchen, auf denen Botschaften notiert sind. Solche, die zum Glück verhelfen, wenn man sich daran hält – und wenn man überhaupt daran glaubt (ans Glück). Zu Jahresanfang haben sie Konjunktur. Mein Glückskeks für dieses Jahr spricht von Mut. Und ich stutze. Kaum einer meiner Alltags-Tage fordert ihn noch, den Mut. Kleine oder größere Anläufe schon, oft Überwindung. Aber der große, starke Mut scheint sich verkrümelt zu haben. Ich schaue nach: Das althochdeutsche Wort „muot“ bedeutet Geist, Seele. Ist das vielleicht eine Spur? Die geschmeidige Routine, das tägliche Einerlei tötet – wenn auch laaaangsaaaam – Seele und Geist. Mut wäre also: neue Wege gehen, andere Vorlieben entwickeln, genauer hinsehen? Der Glückskeks ist natürlich längst gegessen. Den Zettel hebe ich mir auf. Um ihn am Ende des Jahres vielleicht einzulösen: Respect! You show courage.

Guten Morgen, neues Jahr!

Wer als guten Vorsatz fürs Jahr Tagebuchschreiben notiert hat und jetzt schon Magengrimmen spürt, ob der Aufgabe, dem sei (allen anderen zum puren Vergnügen) eine Tagebuchseite von Sophie Mereau-Brentano vor Augen gestellt, auf der sie den Januar 1799 notiert. Die ersten drei, vier Einträge schienen mir wie trocken Brot, aber dann nimmt der Text in seiner Sparsamkeit Fahrt auf und zeigt bis zum I-Tüpfelchen (und erst in der schönen, weil eigenen Rechtschreibung – Recht?) eine verblüffende Tiefe:

1sten Januar. Trüber Blick ins Leben. Ewiges Entbehren harmonischer Freuden. Schwanken zwischen Ergebung und Muht. Schlittenfart. Abends bei Schlegel. Verstimmt und zwangvoll. 2. Unangenehme Nachrichten. Verstimung. 3. Nachmittag mit B. Sü.e Vergeßenheit und Schwärmerei. Abends mit M. und J. 4. Kälteres Gespräch mit B. Arbeit zerstreut. Abends mit Hof und M. und J. Heiter. 5. Schlittenfart nach Borstendorf. Ruhige Unterhaltung. Eine heitre fröliche Stunde mit B. Abends bei der Eber. 6. Noch heiter. Im Conzert. Langweilig. Abends mit B. Erste Annäherung der Liebe. Langes sü.es Beisammensein. 7. Nachmittag gearbeitet. Abends mit B. sü.e lange Stunden. 8. Zuhauße. Verstimmt. 9. Unzufrieden mit B. Seine Unruhe. Sü.e Rührung. Abends Gesellschaft frölich. 10. Ruhig. 11. Neuer Zwist. Sein Troz kehrt zurück. Hohe Spannung. Versöhnt. 12. Nachmittag heitrer Spaziergang. Ms. Ankunft. Schreckliche Scenen. Abends auf dem Ball. Sonderbares Benehmen der Hufeland. Sehr angegriffen. 13. Mit M. beschäftigt. 14. 15. Oede ohne B. zu sprechen. 16. Comedienprobe. 17. Gesellschaft von Damen. 18. Unterredung mit B. Sein Fall. Sonderbare Störung. Viel Gestalten. 19. Nach Weimar. Heitre Fahrt. Dort verstimt. Sonderbarer Genuß der Oper. Wünsche. 20. Zuhauße. Oede. 21. Menschenfeindliche Stimung. B. missversteht mich. Seine Verzweiflung. Kinder Ball. Wir sprechen uns allein. Verstehen uns, sind glücklich. 22. Gespräch mit B. Sonderbare Ofenheit gegen ihn. Sein Benehmen. 23. Fröhlicher Taumel. Bald verwischt. 24. Schwanken. 25. Comédie. Beschäftigt. 26. Zuhauße. Kleiner Unwille gegen B. 27. Gespannt. Sonderbar gegen B. Endlich wieder die Vorigen. 28. Gleichgültig. 29. Besuch. Sehr verstimmt. Wehmütige Freude mit B. 30. Bs. zartes Gefühl. Wünsche und Träume. 31. Abends mit B. Schmerzliche Freude. Vergeßenheit. Pläne.

Aus: Sophie Mereau-Brentano: Wie sehn’ ich mich hinaus in die freie Welt. Hg. von Katharina Hammerstein. München 1997, S. 52-53. Das Foto als „Antwort“ (unplugged) auf die hinreißende Fotoserie gestern aus Zeit online: Blumen statt Böller…

In alle vier Himmelsrichtungen…

„Verstehen kann man das Leben nur rückwärts. Leben muss man aber vorwärts“, schrieb Sören Kierkegaard im Laufe seines kurzen Lebens. Was übrigens auch für Träume gilt: Traumanalysen fallen uns deshalb so schwer, weil wir unsere nächtlichen Filme von hinten nach vorne aufrollen, nacherzählen müssen. Wem eine entscheidende Pointe, ein Richtungswechsel entgeht, verliert den Faden und kommt nie am Anfang an. Beginnt ein neues Jahr, bleiben wir manchmal stehen und schauen mitten im Film zurück. Wie auf einer Brücke, deren eine Seite im Gestern, die andere jedoch im Morgen steht. Dabei, dachte ich heute, müsste doch von jedem Moment aus ein Blick zu allen Seiten möglich sein. Bloß wie nur?

Nanu!?

So ein Tag zwischen den Jahren: Da sitzt ein Bär im Schnee auf einem Herd vor dem Eingang zu meinem Büro. Hallo? Und wenn man ihn fragt: Nix. Keine Antwort. Immerhin lächelt er. Es scheint ihm also gut zu gehen. Halt nur ein bisschen verpeilt. Wie fast alle Leute, denen ich heute begegnet bin. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht und Schlitten samt Kindern im Schlepptau auf dem Weg zur Rodelbahn. Was ich auch mache – es rutscht ein bisschen aus der Spur. Im Büro wird gerade aus- und eingezogen. Meine Arbeit erledigt sich schnell (niemand telefonisch zu erreichen – was soll’s…), Ferienstimmung, wohin ich schaue. Und diese Sonne! So ein Tag zwischen den Jahren: ein schöner Tag!

Viel Geld, wenig Zeit

scheint eine Konstante in menschlichen Gemeinschaften zu sein. Die Idee zum Beispiel, dass alte Adlige viel Geld und viel Zeit gehabt hätten, gilt als widerlegt: sie haben hart gearbeitet, was bei ihnen mit hart feiern zusammenfiel (im Gegensatz zu heute). Wer eine tolle Wohnung hat – oder gleich mehrere – kommt oft nicht in den Genuss, sie zu bewohnen. Erstens geht das selbst bei Menschen mit eigenem Jet nicht gleichzeitig, zweitens sind sie bislang noch zur Arbeit unterwegs. Der Homeoffice für Führungskräftige wird höchstens in den Nachtstunden aktiviert. Auch Friedrich II. wird meist nur im Sauseschritt durch das Neue Palais geeilt sein. Zumal es nicht mal sein Homeoffice war, sondern Gästehaus für die weit verzweigte Verwandtschaft und für Gesandte von Alliierten oder aus Nachbarstaaten. Viel Zeit, wenig Geld hätte vielleicht gerade mal einen Blick in den Potsdamer Schlosspark erhascht. Und wie wäre es mit genug Geld, genug Zeit? Vielleicht eine Herausforderung im nächsten Jahr!?

Ein- und Ausgänge

Zum Jahresende wünsche ich mir einen Januskopf. Denn schon wieder lockt hier der Rückblick, da aber auch schon ein Blick in die Zukunft und auf neue Horizonte. Beides ist reizvoll, aber nur durch wildes Hinundherwerfen des einen Kopfes möglich (Kopfschmerzen inklusive). Janus ist ein vergessener Gott. Ohne griechische Wurzeln galt er den Römern als Hüter der Ein- und Ausgänge und als Vater aller Dinge. Dennoch sprach man von ihm auch als zwiespältigen Gesellen: Der Herr Sowohlalsauch im Gegensatz zu seiner Schwester Entwederoder. Vielleicht macht mich dieser Zwiespalt zwischen Weihnachten und Neujahr jedes Mal aufs Neue schwindelig. Und ich wende mich hin und her, um ein paar Fäden zu knüpfen zwischen den vergangenen und den kommenden Monaten, manchmal scheint es mir als werfe ich Köder aus in die noch ungesehenen Tage und Nächte.

Crashtest

Dass sich Musik großer Komponist/innen im Konzertsaal bewährt, ist eine Binse. Dass sie sich vor allem im Musikunterricht unter den noch ungelenken Fingern von Anfängerinnen und Anfängern entfaltet, ein „anderer Klunker“ von Tomas Bächli:

Es gibt einen Crashtest für Musik, und dieser findet im Unterricht statt. Da, wo jede Note hart erkämpft werden muss , ist gute Komposition für alle Beteiligten überlebenswichtig. Ist aber jeder Fehler des Schülers eine Bereicherung der Musik, und das ist bei mancher verbreiteter Unterrichtsliteratur der Fall, dann stürzt das den Musiklehrer in eine tiefe Sinnkrise. Diese Situation lässt es einfach nicht zu, dass man schlechter Musik mit der sonst üblichen snobistischen Ironie begegnet.

Beim Unterrichten habe ich einige Lieblingsstücke, zum Beispiel Bachs französische Suiten, kurze, unprätentiöse Tanzsätze, mit Perfektion komponiert, sie sind geschliffen, nicht abgeschliffen. Die Allemande der E-dur Suite habe ich auch schon Schülern gegeben, die sich damit schwertaten, sie brauchten Monate, um sie zu erlernen. Das war wohl ein didaktischer Fehler von mir. Meine Hochachtung für diese Komposition ist aber in diesen Monaten ins Unermessliche gewachsen.

Texte von Tomas zur Musik gibt es auf der Seite: http://www.tomasbaechli.ch

nasse Steine

Tim Ingolds Buch „Being Alive, Essays on Movement, Knowledge and Description“ von 2011 fängt ungewöhnlich an, denn der Autor bittet uns vor dem Lesen des ersten Kapitels einen Stein unter Wasser zu halten und für die Lektüre vor uns zu legen. Hä!? Was soll das denn werden? dachte ich. Fing an zu lesen (natürlich ohne Stein) und plötzlich fiel mir etwas aus meiner Kindheit wieder ein, eine Szene, in der ich und meine Freundin Kiesel lackierten, um…? Na? Nass zeigen die Steine ihre Strukturen viel deutlicher als im trockenen Zustand. Sie sehen wie Landkarten aus nie gekannter Planeten. Jeder noch so unscheinbare Stein ist plötzlich eine Besonderheit, mit einer einzigartigen Oberfläche. Zumindest so lange, bis er wieder trocken ist. Deshalb der Lack. Wir waren ja durchaus clevere Kinder. Dass mir die Steine nachher gar nicht so gefallen haben, weil ihre Nässe „künstlich“ war, ist ein anderes Kapitel.

Tim Ingold schließt sein Kapitel mit der Feststellung „The surface of materiality is an illusion.“ Es gebe keine Welt der festen Tatsachen, sondern eine Art Mischung, Zersetzung, Gerinnung Verschiebung, eine Umgebung, die sich dauernd wandelt, entsteht und vergeht, so wie die Oberfläche der Erde nicht fest ist, sondern eine zerbrechliche Schale einer, wie er es nennt „fruchtbaren Bewegung“.