Frohes Fest!

So stelle ich mir eine rauschende Weihnacht vor: Tanzen vor dem geschmückten Tannenbaum. Mediterrane (wenn auch uralte) Lebensfreude vor dem (naja, gut ebenso alten) Wunder des Neubeginns. Und überall gute Laune, Selbstvergessenheit. So gesehen im Berliner Bode-Museum. Von meinem Freund Peter. Vielen Dank! Und allen eine hoffnungsvolle Zeit.

Das Festmahl

Wer ein Essen gibt, sollte, bevor er oder sie sich Gedanken macht, was auf den Tisch kommt, überlegen, wer auf den Stühlen drumherum Platz nimmt, denn jedes gute Essen besteht zur Hälfte aus guten Gesprächen!  Und dann in der Bar nachschauen, ob die Basics da sind, als da wären: Gin, Wodka, Scotch, Whiskey, Soda, Tonic, Oliven, Zitrone und viel Eis. Sodann ist die Menü-Folge gefragt und am besten gleich als Einkaufszettel notiert. Ein Hausputz ist lässlich, die Wege für die Gäste sollten natürlich frei geräumt und sauber sein. Bevor die vollen Einkaufstüten eintreffen, wird die Küche klar gemacht. Jetzt kommt der strategische Teil: Vom Beginn des Essens gilt es rückwärts zu rechnen, was wann fertig sein oder angerichtet werden will. Wer es Sterneköchen gleichtun will, kann Skizzen davon machen wie die Speisen auf den Tellern anzurichten sind. Auch für die Dinge jenseits der Küche lohnt sich ein Plan: Wer deckt wann den Tisch, wer kümmert sich um Aperitif und Nüsschen, wer ist für die Vorspeise zuständig, wer bereitet den Kaffee vor, füllt Wasser in die Karaffen, schneidet Brot, zündet die Kerzen an? Nicht zuletzt: wer geht wann ins Bad? Schließlich sollte man ein paar Extra-Minuten einplanen bevor die Gäste kommen und sich gegenseitig auf die Schulter klopfen: „Gut gemacht, soweit!“ Wer höflich gegenüber Zuspätkommenden ist, rechnet für Aperitif und Vorspeise 45 bis 60 Minuten. Und: Das Ende eines Festessens ist genauso wichtig wie der Anfang und kann mit einer Runde Törtchen, mit Kaffee oder Likör eigeleitet werden. Wenn immer es möglich ist, sollte man zu zweit kochen: es macht einfach mehr Spaß (gilt übrigens auch für den Abwasch danach und der dann fälligen „post-party-analysis“). Zum Schluss ein Zitat von Horaz: „Das Genie eines Gastgebers offenbart sich wie das eines Generals erst durch Missgeschicke…“

Die Tipps samt Zitat stammen von dem amerikanischen Schriftsteller James Salter und seiner Frau Kay (beide erfahrene Gäste und Gastgeber): Life is Meals, New York 2010.

Weihnachtsvorbereitungen

Es gibt offensichtlich auch draußen Bäume, die ihren Schmuck – weitsichtig – behalten, um in den Weihnachts-Nächten, wenn die Sterne zwischen den Ästen funkeln, auch etwas zur Zierde tragen. Angeweht von weißen Schneekristallen (falls das Wetter mitspielt), zur Freude des letzten Wanderers, der so spät noch am Abend unterwegs sein wird.

Wer findet den Hund?

Diesen hübschen Beitrag zum ewigen Großstadt-Thema: „Hund oder besser kein Hund?“ habe ich am Freitag auf der Jagd nach Weihnachtsgeschenken angetroffen. Ich wünsche einen schönen 4. Advent!

Der Zitronenbonbon-Test

Kaum zu glauben, aber offensichtlich wahr: introvertierten Menschen läuft das Wasser im Mund zusammen, wenn sie ein Zitronenbonbon lutschen (oder nur daran denken, ein Zitronenbonbon zu verzehren), während Extrovertierte eher cool bleiben, d.h. trockenzüngig. Aber das ist es dann auch schon. Introvertiert oder extrovertiert zu sein, ist weniger wesentlich für das Leben, das wir führen, als früher noch gedacht. Auf der einen Seite sind wir Menschen mit 30 halbwegs festgelegt auf unsere Charaktereigenschaften, doch bleibt immer genug Spiel: die ganze andere Hälfte. Wir sind, verkürzt formuliert, das, was wir uns vornehmen. Und hier – ich nehme eine Abkürzung – kommen wir auch zum glücklichen Leben. Denn das ist nicht durchweg „happy“, sondern hat mit den Aufgaben zu tun, die wir uns stellen (bitte nicht mit Zielen verwechseln). Glück – so habe ich kürzlich im BBC gehört – ist fast so etwas wie die Schwundform eines guten Lebens. Noch eine schöne wissenschaftliche Erkenntnis: Guter Geschmack ist ein Hinweis auf große Sensibilität. Und die verspricht eine große Glücksfähigkeit.

Mehr (und Genaueres) zu dem Thema: Brian R. Little, Me, Myself and Us: The Science of Personality and the Art of Well-being. PublicAffairs Books 2014.

Jetzt!

Als sehr junge Frau habe ich mich geschämt, auf der Straße den Fotoapparat zu zücken. Lange lag die Kamera (und dann noch eine und noch eine) unbenutzt in der Schublade. Eine große Reise schien mir Grund genug, es noch einmal zu probieren. Um festzustellen, Monate später, dass diese Fotos (alles Schnappschüsse) mir die Erinnerungen wie frisches Obst präsentierten: duftend, in saftigen Farben, prall. An schlechten Tagen denke ich, es ist immer ein und dasselbe Foto. Ich kann nicht einmal behaupten, ich hätte gesehen, was die Aufnahme später zeigt. Vielleicht ist es die unwiderstehliche Lust am „Jetzt!“, die mich treibt?

Auf der Lauer liegen

Es gibt in dem langen Gespräch zwischen Claire Parnet und Gilles Deleuze, das im Winter 1988/1989 aufgezeichnet wurde und mittlerweile als „abécédaire“ auch auf DVD zu haben ist, viele wundervolle und (für mich zumindest) tröstliche Stellen. Eine handelt von den unterschiedlichen Formen, sich Wissen anzueignen.

Schon als Schülerin habe ich mit Fakten gerungen. Es fällt mir schwer, einen großen Schwung beisammen zu halten und sobald eine Arbeit getan ist, für die ich ausgiebig recherchiert habe, vergesse ich das Wissen geradezu inflationär. Es scheint mir aus Ärmeln, Hosenbeinen, dem Kragen zu purzeln und aus der Mütze, die ich gerade absetze. Muss ich erneut an das Thema ran, ist alles weg. Und was höre ich da unter Staunen Professor Deleuze sagen?

„Ich habe kein Wissen auf Reserve. Alles, was ich mir aneigne, ist für eine bestimmte Arbeit. Und das vergesse ich sofort wieder.“

Der also auch, denke ich, aber dann kommt es noch besser, weil Deleuze dem Alles-Wissen eine Alternative zur Seite stellt: Das Auf-der-Lauer-Liegen. Hier kommt es nicht darauf an, viel gereist zu sein oder auf jede Frage eine Antwort parat zu haben. Hier zählen Begegnungen. Und da lacht das alte Schlitzohr: Nicht Begegnungen zwischen Menschen (pah, da gibt es bloß wieder Gerede, im schlimmsten Fall intellektuelles Gerede), sondern zwischen mir und einem (Kunst-)Werk, einer Musik, etc. Die entsprechende Kulturtechnik dazu: Ich gehe raus und lege mich auf die Lauer. Vielleicht treffe ich heute etwas, das eine Begegnung auslöst…

„Nunmehr bin ich fertig mit dem südlichen pacifischen Ozean…“

so schreibt James Cook am 17. Dezember 1774 gegen Mitternacht in sein Logbuch. Cook, seinerzeit größter Kartograph und Entdecker Europas, war aus ärmlichen Verhältnissen zum Kapitän der britischen Marine aufgestiegen. Er kreuzte die Weltmeere, um der Menschheit endlich Klarheit über die Topographie ihres Planeten zu verschaffen. Seit der Antike vermuteten Wissenschaftler einen dem Paradies ähnlichen Kontinent auf der Südseite der Erde, unter anderem weil sie glaubten, die Kontinentalmassen des Nordens bräuchten ein Äquivalent im Süden. Ihn zu suchen, war James Cook zu seiner zweiten großen Weltreise aufgebrochen, ein Jahre dauerndes Unterfangen, das ihn einen Großteil der Zeit durch die arktischen Gewässer segeln ließ. Schon da muss ihm gedämmert sein, dass es mit der Paradieshaftigkeit des unbekannten Landes nicht sehr weit her sein konnte. Bereits im Januar 1773 ist er davon überzeugt, dass es den legendären Kontinent nicht gibt. Doch er fährt noch knapp zwei Jahre weiter, bis er einen Schlusspunkt hinter die Suche setzt. Von Enttäuschung übrigens keine Spur. Zu beweisen, dass es etwas nicht gibt, ist ihm Entdeckung genug. Zumal er quasi nebenher Neuseeland kartographiert hat. Und zwar so gut, dass seine Karten bis 1995 von der neuseeländischen Marine benutzt wurden: satte 222 Jahre.

Fertig war Cook schon 1758 mit der Vermessung des Sankt-Lorenz-Stroms. Damals noch als Offizier auf einem britischen Kriegsschiffs. Das Foto zeigt einen kleinen Ausschnitt des Stroms in der Höhe von Quebec (ursprünglich Algonkin: „Wo der Fluss enger wird“)

Basel, Chur, Freiburg i.Ü., St. Gallen, Sitten

Das sind keineswegs die Stationen einer Reise (obwohl ich heute die außerordentlich beeindruckenden Reisetagebücher Alexander von Humboldts angeschaut habe) – es sind die Orte, an denen Nikolaus von Myra, dessen Namenstag wir heute noch zum Anlass nehmen, uns gefüllte Stiefel, Schuhe, Strümpfe vor die Tür zu stellen, besonders verehrt wird. Wer richtig liest, müsste wissen, dass es mit Schokolädchen nicht getan ist. Goldkugeln, oder zumindest Goldbarren wären da die adäquatere Befüllung. Wer katholisch denkt, ahnt zumindest, dass es die Orte sind, auf die die Gebeine des Heiligen (im besseren Fall andere Erinnerungsstücke) verteilt sind.

Was Alexander von Humboldt angeht, war er bis jetzt die größte Überraschung des Tages. Dass er viele Sprachen sprach, wusste ich. Dass er sie auch relativ durcheinander schrieb in seinen privaten Aufzeichnungen, war mir neu. Aber dass er dabei – obwohl ich es hätte wissen müssen – zwischen der Sütterlin-Schrift für das Deutsche und einer – ich sage in Ermangelung der korrekten Bezeichnung mal – „normalen“ Schreibschrift für die übrigen Sprachen wechselte, das sind bei ihm v.a. Französisch, Spanisch und Latein, fand ich einfach sensationell. Es hatte zur Folge, dass ich die französischen Passagen – zum Teil und mit Mühe – lesen konnte (Humboldt hatte eine winzige Handschrift), bei den deutschen Absätzen jedoch passen musste. Wer hätte das jetzt schon wieder gedacht!

Weihnachtsgeschenke?

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: ich mag Weihnachtsgeschenke. Solche, die ich auspacken darf und solche, die ich für Freundinnen, Freunde und Familie verpacke. Geschenke sind wie Hunde, sie laufen Nase an Nase. So sagen es brasilianische Waldbewohner. Und da ist was dran, denn Geschenke ziehen Geschenke nach sich. Oft genug zur Freude aller Beteiligten. Dennoch kommen in diesen Vorweihnachtstagen regelmäßig Zweifel auf: Was schenken? Wem? + Wann? Und gibt es vielleicht doch ein Alter, von dem an man auf Geschenke verzichten könnte? Weil man sich alles in Weihnachtsgeschenkgröße selber kaufen kann oder könnte. Weil eigentlich schon lange nix mehr ins Regal passt, weder im Wohn-, im Schlaf- noch im Badezimmer. Weil einem die Wünsche angesichts der unaufgefordert zugeschickten Kataloge, der Sonderbeilagen und mittlerweile aus allen möglichen Straßen quellenden Winter(!)märkte so langsam vergehen. Weil es immer jemanden gibt, der etwas dringender gebrauchen könnte.

Andererseits – was wäre mein Alltag ohne dieses unsägliche Parfum namens Poison, das ich mir, ich schwöre es, nie im Leben gekauft hätte, das sich aber wunderbarerweise mit meiner Haut bestens verträgt und einen durchaus feinen Duft abgibt? Was ohne die drei Glücksschweinchen, die mich anlachen, wenn mir so gar nicht nach Lachen zumute ist? (Hätte ich mir allen Ernstes Glückschweinchen gekauft?) Was ohne die kratzige Wollunterwäsche, mit der ich bislang jeden Berliner Winter überstanden habe? Was ich sagen will? Gebt Geschenken eine Chance! Vor allem den unscheinbaren. Oder denen, die fast schon daneben liegen. Sie können eine ungeheure Überraschung bergen – später. Insofern: Weihnachtsgeschenke!