Die Nacht küssen,

wer weiß, vielleicht hilft es ja, mit der winterlichen Dunkelheit Freundschaft zu schließen? An sich hat der Dezemberhimmel durchaus einige Highlights zu bieten: Heute zum Beispiel tanzte der Mond einen Schleiertanz mit den Wolken. Aber was soll ich sagen: Es war gerade einmal fünf Uhr (nachmittags)! Doch wie küsst man eine Nacht? Oder reichen vielleicht schon kleine Liebesbriefchen? Und dann? Auf die Fensterbank legen? Auf ein Hochhaus steigen? Einen Nachttraum starten? Hatte nicht neulich jemand eine Himmelsleiter?

Die roten Lippen gibt es übrigens noch – hätte ich mir eigentlich denken können, dass die nicht weg sind: das ist Kunst. Verschwunden dagegen sind die prächtigen Leuchten, von denen immer eine so tat, als sei sie der dicke volle Mond. Nachzusehen auf den Satellitenfotos von Google, Place des Arts, Montreal.

Das Leben ist kein Adventskalender

auch wenn der Dezember uns jedes Jahr aufs Neue in geordneten Bahnen durch den Parcours schickt. Welches Türchen zu öffnen ist, lässt sich mit dem Blick auf den Kalender schnell ermitteln, und wer einen Tag verpasst hat, darf auch mal zwei aufknicken. Im wirklichen Leben (was auch immer das für die eine und den anderen nun sein mag) sind die Türchen meist nicht nummeriert. Links ist eins, rechts ein anderes und wer sagt, welches man öffnen sollte, oder ob man nicht gleich besser umkehrt, um ein freies Feld zu suchen? „Der Wissende tut nicht; der Unwissende verstrickt sich.“ Um gleich noch einmal Meister Seng Ts’An zu zitieren. Und weil es eben so schön ist, auch gleich in den beiden anderen Übersetzungen:

The wise: non-active./ The foolish: self-binding.

Le sage: non actif / L’insensé: se ligote.

Und jetzt sagen Sie: Links oder rechts?

Die beiden Türen gehören zu der Neuen Nazarethkirche in Berlin-Wedding.

Heute

hänge ich nur ein paar Lampions auf, eine Erkältung vernebelt die Gedanken. Aber einen Klunker habe ich noch: eigentlich eine sehr eigenwillige Übersetzungsarbeit, die George Brecht, seines Zeichens Künstler, Anfang der 1980er Jahre anregte: Er hatte einen buddhistischen Text des chinesischen Meisters Seng Ts’An früh schon gelesen und sich über die unterschiedlichen Transkriptionen gewundert bis amüsiert. Er konnte zwei Freunde für eine neue Übersetzung gewinnen, in der es vor allem darum ging, die verschiedenen Facetten der verschiedenen Sprachen zum Leuchten zu bringen. Ein Beispiel (dem ich mangels chinesischer Tastatur leider nicht das Original beifügen kann):

Not practicing truth-seeking/only by all means cease manifestation. George Brecht

Sinnlos, die Suche nach Wahrheit;/befrei dich nur von deinen Ansichten. Albrecht Fabri

Inutile de rechercher la Vérité/ Abandonner toute opinion suffit. Robert Filliou

Seng Ts’An: Hsin Hsin Ming, engl. by George Brecht…, Editions Lebeer Hossmann, Brüssel/Hamburg 1984. Mir zumindest ist beim Lesen so manches Licht aufgegangen…

geflitzte Linien

Dieser kleine schwarze Berliner hatte einfach den schnelleren Fuß und ist mir aus der Kamera gewutscht, wo ich ihn doch beim Linien ziehen aufnehmen wollte. Eine andere, sehr gerade Linie ist dagegen deutlich zu erkennen, eine die von einem Poller zum anderen führt, auf direktem Weg und damit den Geraden ähnelt, die wir von unseren ägyptischen Vorfahren geerbt haben: eine Art Grenzstreifen, die den Fußweg vom Gebüsch- und Baumbestand trennt. Selbst die Hunde halten sich weitgehend dran.

Für alle übrigen Berliner sei noch ein Termin vorgemerkt: Vom 4.-6. Dezember lohnt es sich, einen Weg zur Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße zu machen: hier sind an diesen drei Tagen die amerikanischen Reisetagebücher Alexander von Humboldts zu sehen. Eine Neuerwerbung, die öffentlich gezeigt wird, bevor sie in den hausinternen Regalen oder Schutzräumen verschwindet. Achtung: am Donnerstag erst ab 14:00. Sicher keine geflitzten Linien, sondern hier und da hart erlaufende (im Anzug, versteht sich). Auf jeden Fall ein großer Schatz!

Linien

durchziehen unser Leben: wenn wir gehen, fahren oder fliegen, wenn wir beim Reden gestikulieren, Geschichten erzählen (oder gar aufschreiben), wenn wir zeichnen, unser Revier markieren (und sei es nur mit strategisch platzierten Blumentöpfen oder dem Klappern mit Tellern). Linien sind Bewegung, und mehr noch: Wissen und Beschreibung. Linien waren ursprünglich geschwungene, gewundene Spuren auf unserem Planeten. Die gerade Linie, die, die uns heute als erstes in den Kopf kommt, wenn von Linien die Rede ist, erschien, so der britische Anthropologe Tim Ingold, erst spät auf unserem Planeten: als die „alten“ Ägypter den Flug der Vögel durch die Verbindung zweier Punkte (ihres Abflugs- und ihres Ankunftsortes) notierten. Geometrie, so Ingold, entstand also aus der Beobachtung realer Bewegung. Erst mit der weiteren Entwicklung der Mathematik und der Optik wurden Linien abstrakt. Natürlich gibt es auch weiterhin natürliche Linien. Was für ein phantastisches Gefühl, durch die Welt zu ziehen und eigene Lebenslinien zu hinterlassen. Das wäre geradezu eine Einladung zu einem Sonntagsspaziergang – auch wenn das Wetter so gar nicht winkt…

Augen zu und…

Mütze auf. Jetzt nämlich ist es soweit: Berlin ist in der Frostzone angekommen. Derweil zwar erst in den Außenbezirken, im Zentrum (wo auch immer Sie das jetzt gerne verorten) sind es noch ein bis zwei Grad plus. Aber das wird sich spätestens zum Wochenanfang ändern. Der Wind war auch schon arg kribbelig. Gegen den wehrt Frau sich mit roten Lippen. Wangenrot kommt dagegen meist ganz von selbst.

Und nur, weil’s wirklich gerade wie bestellt kam (heute bei Zeit online zu lesen), und nicht, weil es wirklich Spass macht, gegen schlechte Architektur zu wettern, noch das (Tassilo Letzel auf die Frage, was er in Berlin sofort abreißen würde):

„Der Potsdamer Platz ist eh schon zum Heulen, fühlt man sich hier doch wie in der Themenecke „Die Großstadt“ einer Modelleisenbahn-Anlage. Die Billo-Optik des Hotels Ritz-Carlton ist aber eine Frechheit, die nur vom Nachbarhaus noch übertroffen wird. Für ein Hochhaus ist es zu klein, für ein Stadthaus an prominenter Stelle zu blöd. Irgendetwas stimmt bei den beiden auch mit dem Maßstab nicht. Es ist, als hätte man die Häuslein in Spur N (1:160) gekauft statt H0 (1:87).“ 

Im Schatten der Nacht,

die seit Taaaagen in unseren Breiten schon zur besten Kaffee+Kuchen-Zeit hereinbricht, bin ich noch einmal zum Potsdamer Platz gelaufen (in steter Deckung vor einem ziemlich zauseligen Wind). Schließlich wollte ich dokumentieren was ich damit meine, wenn ich gegen eben diesen Platz anpoltere. Also, das ungefähr meine ich: Eine Hochhausdichte, die man so nicht mal aus den Plattensiedlungen kennt (fahren Sie da mal mit dem Rad durch) und eine noch lieblosere Fassadengestaltung. Manche träumten schon ein Jahr nach der Fertigstellung davon, der Platz werde eines baldigen Tages einfach zu einem großen Schutthaufen zusammenfallen. Wie oft Träume geträumt werden müssen, bevor sie wahr werden, weiß ich nicht. Dass der Platz noch steht, kann ich fürs Erste vermelden. Es war trotzdem eine schöne frühe Nacht. Erste Weihnachtsbäume habe ich auch schon gesichtet. Die kommen aber erst später dran.

Orange (3. Teil)

Es muss an der Jahreszeit liegen: In den Supermärkten quellen die Obstkisten über mit Orangen, Nektarinen, Mandarinen und zart rosenwangigen Pampelmusen. Und wenn draußen eine Farbe aufleuchtet, ist es mindestens jedes zweite mal ein Orange. Diesen eindrucksvollen Ausguck (tatsächlich, d.h. in der Architektensprache so etwas wie ein Lichtschacht) habe ich in dem zweiten schönsten Gebäude am Platz (und ich sage jetzt extra nicht Potsdamer Platz, um die Fährte nicht falsch zu legen, sondern Kulturforum), kurz: im Eingangsbereich von Hans Scharouns bis heute sensationeller Staatsbibliothek gesehen. Und wumm! Gute Laune! Vielleicht kann ich ein Fitzelchen davon weitergeben, bedienen Sie sich!

Im Garagenwald (auch eine überraschende Umnutzung):

Um die Katze gleich aus dem Sack zu lassen: Der Zauberwald, der zur Zeit in der Neuen Nationalgalerie steht, ist – laut Veranstaltungsbroschüre – ein „Prolog auf die denkmalgerechte Sanierung des Museums, die (…) mit Beginn des Jahres 2015 durchgeführt wird.“ Kurz, das schönste Haus am Platz schließt nächstes Jahr, also hurtig noch einmal hinspaziert, Sanierungen können schließlich lang und länger dauern. David Chipperfield, der die Sanierung durchführen wird, hat auch den Wald in die obere Museumshalle gestellt. Und weist damit auf die Konstruktion des Dachs, das von acht schmalen Stahlstützen getragen wird, die so vor die Fassade gerückt sind, dass sie fast verschwinden und den Eindruck wecken, das Dach würde frei über dem Gebäude schweben. Die mächtigen Fichtenstämme – allesamt 100jährig und quasi recycelt, also nicht „extra“ gefällt – scheinen den Stahlstützen schon mal die Last abnehmen zu wollen. Ihnen vertraut man sich gerne an. Und wandelt durch den Stützenwald, Pilze werden Sie nicht finden, auch wenn hier und da ein Feuerlöscher giftig rot im Dämmerlicht leuchtet. Drinnen und Draußen: einmal mehr verwischt der Mies-Bau die Grenzen. Für November-Spaziergänger genau in die richtige Richtung.

Orange scheint die Farbe der Stunde,

um gegen das Grau des einziehenden Winters zu halten. So gesehen vor ein paar Wochen in einer Schrebergartenkolonie in Weissensee. In Goethes Farbkreis fehlt zwar nicht die Farbe, doch ihr heutiger Name: rotgelb/gelbrot nennt der Dichter den kräftigen, zwischen den Primärfarben Gelb und Rot liegenden Ton. Ihren heutigen Namen nach der süßen Zitrusfrucht bekam die Farbe erst später. In der Psychologie gilt Orange als Kraftspender. Der Blick ins Orangene (und was geben da die Herbsthimmel für erstaunliche Spektakel her) kurbelt die Kreativität an, senkt den Stress, hilft Morgenmuffeln beim frühen Aufstehen und weckt (hört! hört!) Arbeitsfreude. Doch was muss ich lesen? Da orange auch den Appetit anregt, sollten sich Leute mit Gewichtsproblemen vorsehen. Ich habe Sie gewarnt!