Dass mit einem Lächeln im Gesicht die Welt schon viel besser aussieht, wissen wir längst, meist aus eigener Erfahrung. Dass wir gut gelaunt anders in die Welt hinausgehen als wenn wir traurig gestimmt sind oder verzweifelt, erleben wir gelegentlich auch am eigenen Leib – mittlerweile ist es sogar wissenschaftlich bestätigt. Die Sache steckt – forschungstechnisch besehen – noch in den Kinderschuhen, d.h. bislang konnte erst nachgewiesen werden, dass ein veränderter Laufstil sich auf die Gedächtnisleistung auswirkt: wer mit schnellem Schritt aufrecht geht und sich mehr Raum für seine Bewegung nimmt, merkt sich mehr positiv konnotierte Wörter als traurig schleichende Probanten, mit hängenden Schultern und schlurfendem Gang, die sich ihrerseits mehr negativ konnotierte Wörter merken. Das zeigt, so Prof. Johannes Michalak, einer der Autoren der Studie „dass unsere Art sich zu bewegen Auswirkungen darauf hat, ob wir eher positive oder negative Informationen verarbeiten.“ Die Hoffnungen gehen weit, bis dahin, dass ein neu eintrainierter Laufstil Auswirkungen auf das Befinden haben, eventuell sogar Depressionen heilen könnte. Zukunftsmusik, keine Frage – aber eine verdammt schöne!
Mit Karacho zu lesen,
die Zeilen zu überfliegen, wie ein Düsenjet die Landschaft unter ihm, kann ein rauschhaftes Erlebnis sein, führt aber nicht selten zu merkwürdig schlierigen (wenn auch leuchtenden oder anderweitig beeindruckenden) Leseerinnerungen. Was ein Glück, dass Bücher nicht fliegen können. Auf diese Weise bleiben sie meist (wenn nicht anderweitig verladen) im Regal und können gerne noch einmal gelesen werden. Wer jetzt denkt, er würde das selbe Buch lesen – da steigen Sie mal in den selben Fluss!
Früher hieß es fantasieren,
heute sprechen wir von musikalischer Improvisation. Wer wissen will, ob sich damals und heute in irgendeinem Moment oder an einem Ort noch treffen können, ist eingeladen zum 4. Konzert aus der Reihe „Von der freyen Fantasie – Konzerte mit Klaviermusik von Carl Philipp Emanuel Bach und anderen.“ Es spielt, fantasiert und improvisiert Christoph Grund auf Klavier und mit Live-Elektronik.
Beginn 20:00
hörsaal boxhagenerstraße, Boxhagener Str. 16 (Berlin Friedrichshain), Remise im 3. Hinterhof, Gastgeber ist Tomas Bächli.
Das Foto ist von Stephanie Pilick
Kunstgarage
Ludwig Mies van der Rohe war schon ein alter Mann, als er den Auftrag bekam, für Berlin ein Museum zu bauen. Ob wir es der Leichtigkeit seines Alters (jawohl, die gibt es neben Gicht und Rheuma nämlich auch) zu verdanken haben, dass er keine Schachtel gebaut hat, keinen white cube, wie er damals in Mode kam, keinen Palast und keinen Tempel, sondern einen luftig leeren Raum, streng gegliedert zwar, und mit einem tonnenschweren Dach versehen, das wiederum zu schweben scheint und keine Urängste auslöst, dass er einen „Universalraum“ (so die Architekturkritiker) schuf und sich um die Bespielbarkeit dieses Raums wenig scherte? Es zeigt zumindest, das Menschen mit 76 noch prima Ideen haben können. Es zeigt, dass Kunst mehr zuzumuten ist, als bloß an weiße Wände gehängt zu werden. Es zeigt, dass Atmen manchmal wichtiger ist als Kultur (oder nein: dass Atmen in Kultur manchmal wahnsinnig wichtig ist, wichtiger als Reden zum Beispiel). Es zeigt, dass die Neue Nationalgalerie auch fast fünfzig Jahre nach ihrer Eröffnung noch ein unbedingtes Highlight ist dieser Stadt.
Besuch auf dem Leitstern
Als Kind hatte ich eine unbedingte Neugier fürs Weltalls. Nicht nur, dass Raumschiff Enterprise gleich nach der ersten Sendung zu meiner Lieblingsserie wurde, offensichtlich hatte ich auch schon im Kindergarten präzise Vorstellungen von den Anforderungen interstellarer Flug- und Laborinstrumente (die Abb. zeigt eine frühe Planskizze aus meinem Archiv). Philae, das europäische Minilabor, das letzte Woche auf dem Kometen 67 P aufgesetzt hat (und mittlerweile in einen verdienten Tiefschlaf gefallen ist), hat zumindest eine verblüffende Erkenntnis geliefert: Der Komet stinkt ziemlich respektlos nach Stall und faulen Eiern. Hätten das, denkt man betroffen, die drei Weisen aus dem Morgenland gewusst!? Aber nein! Halt. Die Sache mit dem Kometen ist eine Fälschung (wenn auch sicher keine absichtliche): Der italienische Maler Giotto di Bondone hatte 1301 den Halleyschen Kometen gesehen und es für eine gute Idee gehalten, ihn bei der nächsten Krippendarstellung als Modell für den Stern von Bethlehem zu nehmen. Also tief durchatmen: die Weisen aus dem Morgenland sind keinem stinkenden Leitstern gefolgt. Und Philae wird vielleicht einmal von einem kleinen Prinzen wachgeküsst. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.
Trauen Sie Ihren Augen (2. Teil)
Nicht, dass ich Helmut Newton besonders mag. Aber die Überraschung, eines seiner Fotos in einer als Nicht-Auto-Abstellkammer umfunktionierten Garage zu sehen, hat mich doch umgehauen. Und mir die Frage in die Stirn geschickt, ob Museen wirklich immer die optimalen Garagen für Kunstwerke sind? – Hiermit sei dann auch eine neue Rubrik eröffnet: „Andere Klunker“, in der ich ab und an Klunker anderer Menschen, Freunde, Bekannte, Nachbarn vorstelle. Denn was wären Klunker, wenn sie nicht ab und an vorgezeigt würden!? Vielen Dank, Anna!
Sie dürfen Ihren Augen ruhig trauen!
Aber (ab jetzt!) nicht mehr Ihren Gedanken. Dieser Strauß verschieden lebender Blätter stand vor ein paar Jahren im Frühstücksraum der Präparatoren am hiesigen Museum für Naturkunde. Die Blätter, so wurde mir von den Herren (kein Frauenberuf das Aufbalgen von totem Fell und Federkleid – bis heute?), blieben im Strauss hocken, allerdings sah ich ringsum und um schwarze Pünktchen in großer Zahl. Soll noch mal jemand was gegen Hundekacke sagen! Tja, wer bei Drei nicht auf dem Baum ist… Einen schönen Tag noch!
Blumenalphabet
Die Aasblume macht den Anfang, und das habe ich nun davon, nicht am Wiesenrand entlang zu schlendern, sondern einen Spaziergang durchs Lexikon unternehmen zu wollen. Wer sagt denn, dass es sich auf dem Sofa (bei DEM Wetter) nicht auch spazieren lässt? Aber ach! Ackerkohl, Adlerfarn und Adonisröschen nicken mir beim Vorbeigehen zu, allein – kaum seh‘ ich was, mein Gedächtnis scheint auch auf Wanderschaft – in entgegengesetzte Richtung. Das Bährenohr ragt noch prächtig aus den raschelnden Blättern heraus, Barbarakraut, Bauernsenf, Beschreikraut, Brunnenlebermoos, Bubiköpfen, Büschelschön, Burzeldorn bleiben übersehen, die Cistrose kenne ich, aber das Dämonshorn ist bloß – ein Kaktus. Alphabetisch, so merke ich, lässt es sich nicht gut flanieren. Zu sehr stehen die Blumen Reihe um Reihe, ich werde hektisch (immer noch bei B!?), mäkelig (so wenig C nur) und wenn nach Drachenkopf, Drachenlilie, Drachenmaul die schlichte Drehfrucht kommt, ist es mir auch nicht recht. Ich schlage das Lexikon zu. Und gelobe, das nächste Blumenalphabet mit mehr Geduld zu buchstabieren. Garantiert am Wiesenrand.
Novembertrost (auch in anderen Monaten hervorzuholen):
„Wenn Menschen es schwer haben, dann nicht, weil ihnen eine Misere zuvorgekommen ist, sondern weil sie sich bereiterklären, beim Mangel in die Schule zu gehen.“ So zu lesen in dem Aufsatz von Peter Sloterdijk „Versuch über das Leben der Künstler“ (ein Text für Sigar Polke von 1992). – Ansonsten, wer dachte, die Musik von Frédéric Chopin zu kennen, mag sich gestern Abend die Ohren gerieben haben: Was für eine Wucht! Was für eine Kühnheit! Welches Vergnügen! Herzlichen Dank, Michael Abramovich.
Kreuzende Gedanken
Sie waren gleichzeitig da, die Ideen, Bilder von Bäumen in Städten vorzustellen und die von „ersten Sätzen“, auf die mich meine Freundin Sieglinde gebracht hat, und die mich zu einer neuen Sammelleidenschaft führte, die längst weit über das erste Stück (s. Blogeintrag vom 22.09.) hinaus reicht. Und was passiert, wenn zwei Gedanken pfeilschnell und gleichzeitig auf eine Kreuzung zurasen? Sie verkeilen sich ineinander und sind so schnell nicht wieder voneinander zu trennen, auch verstopfen sie die Stelle, so dass andere Ideen erst mal weiter hinten im Stau stehen. Also gibt es heute beide: ein Bild von lebendem Holz in altehrwürdiger Innenstadt (Köln) und einen ersten Satz, schneidend wie der kalte Wind, der sich draußen zusammenbraut: „Die arge Spur, in der die Zeit von uns wegläuft.“ Aus: Christa Wolf, Kein Ort nirgends, 1982.








