Die Vergesslichen

Das Gehirn muss kein Sieb sein, um Gedanken schnell zu verlieren. Ob Vergesslichkeit ein Defekt ist, weiß ich nicht mal. Dass ich vergesslich bin – es ist wohl so, dass sich die eigene Vergesslichkeit einbrennt. Vergessen kann ich sie leider fast nie. Andy Warhol erwähnt seine Vergesslichkeit gelegentlich in den Tagebüchern. Als Amerikaner aus einer durchaus pragmatischen Perspektive: Er könne Filme jede Woche aufs Neue sehen. Weil er ihren Ausgang sofort wieder vergesse, blieben sie auch beim dritten oder vierten Mal spannend. Außerdem vermutete er, dass ihn seine Vergesslichkeit kreativ mache, weil sie eben immer wieder einen leeren Raum schaffe, in dem Ideen entstehen können. Wie erleichtert ich war, als ich das gelesen habe! Wer 13 Jahre durchs deutsche Schulsystem gewachsen ist, kann Vergesslichkeit eigentlich nur als persönliches Manko verstehen. Michel de Montaigne war auch vergesslich. Behauptet er jedenfalls selbst von sich. Dugald Steward, ein Psychologen aus dem 19. Jahrhundert deutete die Gedächtnisschwäche Montaignes als eine Art Vorraussetzung des „unfreiwilligen Erinnerns“, dessen sich später ausdrücklich Marcel Proust in seiner Recherche bediente. In seinen Essais rät Montaigne seinen Leser/innen sogar, das meiste von dem, was man gelernt habe, wieder zu vergessen und schwer von Begriff zu sein. Wie die Frage hieß? Wie soll ich leben?

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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