Das Gehirn muss kein Sieb sein, um Gedanken schnell zu verlieren. Ob Vergesslichkeit ein Defekt ist, weiß ich nicht mal. Dass ich vergesslich bin – es ist wohl so, dass sich die eigene Vergesslichkeit einbrennt. Vergessen kann ich sie leider fast nie. Andy Warhol erwähnt seine Vergesslichkeit gelegentlich in den Tagebüchern. Als Amerikaner aus einer durchaus pragmatischen Perspektive: Er könne Filme jede Woche aufs Neue sehen. Weil er ihren Ausgang sofort wieder vergesse, blieben sie auch beim dritten oder vierten Mal spannend. Außerdem vermutete er, dass ihn seine Vergesslichkeit kreativ mache, weil sie eben immer wieder einen leeren Raum schaffe, in dem Ideen entstehen können. Wie erleichtert ich war, als ich das gelesen habe! Wer 13 Jahre durchs deutsche Schulsystem gewachsen ist, kann Vergesslichkeit eigentlich nur als persönliches Manko verstehen. Michel de Montaigne war auch vergesslich. Behauptet er jedenfalls selbst von sich. Dugald Steward, ein Psychologen aus dem 19. Jahrhundert deutete die Gedächtnisschwäche Montaignes als eine Art Vorraussetzung des „unfreiwilligen Erinnerns“, dessen sich später ausdrücklich Marcel Proust in seiner Recherche bediente. In seinen Essais rät Montaigne seinen Leser/innen sogar, das meiste von dem, was man gelernt habe, wieder zu vergessen und schwer von Begriff zu sein. Wie die Frage hieß? Wie soll ich leben?

mickzwo 6. Juni 2015
Die Vergesslichkeit ist hilfreich. Sie trennt Wichtiges von Nebensachen.
(https://ernstzwo.wordpress.com/2014/10/18/willi-dachte/) LG, mick.
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Stephanie Jaeckel 7. Juni 2015
Jaja, die Guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Nur leider hält sich meine Vergesslichkeit nicht mal an diese Unterscheidung, da fliegt auch mal das Wichtigste ins Nirwana. Hm. Ob das am Ende doch Nebensachen gewesen sind?
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papiertänzerin 7. Juni 2015
… ich erkläre mir meine Vergesslichkeit gern damit, dass ich so intensiv im Augenblick lebe 😉
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