Selbstbestimmung

Was mich in der Debatte um die Sterbehilfe zunehmend irritiert – oder nein: meine Irritation nimmt langsam Konturen an. Wo vorher nur ein Unbehagen war, entstand die Frage, warum die Selbstbestimmung beim Sterben so hoch angesetzt und v.a. so selbstverständlich gesetzt wird. Natürlich geht es mir nicht darum, Sterbende allein zu lassen. Wer nicht mehr leben will, soll die Möglichkeit haben, zu gehen. Egal ob „gesund“ oder „krank“. Aber warum gilt es uns als so selbstverständlich, dass ein Mensch über seinen Tod entscheidet?

Meine Mutter – das hatte ich an dieser Stelle gelegentlich erwähnt – ist an Alzheimer erkrankt. Als sie die Diagnose bekam, hat sie oft davon gesprochen, lieber sterben zu wollen, als die Krankheit bis zum Ende durchzustehen. Doch jedes Mal, wenn ich mit ihr darüber geredet habe, blieb sie vage. Irgendwann konnte sie kein Gespräch mehr führen. Sie hat in der Zeit oft über Stunden wiederholt: „Ich wollte, ich wäre tot, ich wollte, ich wäre tot.“ Ausgelöst von der Alzheimer oft begleitenden (und nur allzu verständlichen) Depression? Oder fester Wille? Ich hatte das Gefühl, der Zug sei abgefahren. Da konnte sie durchaus Dinge noch einschätzen. So hat sie ihr Gebiss derart unauffindbar verloren, dass ich sicher bin, dass sie absichtlich diese blöden Zähne entsorgt hat. Es kam mir vor, als hätte sie sich auch noch selbst verschwinden lassen können. Auch dieser Zug ist jetzt abgefahren. Jetzt kann sie über fast nichts mehr bestimmen. Sie ist auf meinen Vater und auf mich angewiesen. Ich stelle mir vor, wie ich mich beim Sterben auf geliebte Menschen verlassen kann. Dass ich keine Entscheidung treffe, sondern mich auf Abschied und Ende konzentriere. Ich stelle mir auch die realistischere Variante vor, dass ich mich auf Ärzte und Pflegepersonal verlasse und mich auf meinen Tod konzentriere. Gut möglich, dass das nicht die glücklichste Zeit meines Lebens wird. Aber – und dafür sehe ich immer wieder Hinweise – vielleicht eine intensive.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 4

  1. saetzebirgit 2. Juli 2015

    Was für ein Text – der traf mich gerade in Hirn, Herz und Bauch. Dir gelingt es, ein wichtiges, komplexes Thema in wenigen Zeilen so zu umreißen, dass vieles drin steckt, bei mir SOFORT einiges ausgelöst hat und schon im ersten Moment auch das Gefühl des Trostes – da ich in einer ähnlichen Situation bin wie du. Und mir oft Gedanken mache, wie weit bei diesem Thema Selbstbestimmung gehen kann…
    Danke Dir.

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  2. Stephanie Jaeckel 3. Juli 2015

    Ich bin sehr froh, dass ich Euch gerade mit diesem Thema erreiche. Es ist schwer, persönliche Erfahrungen öffentlich zu machen. Andererseits sind gerade Erfahrungen das, was einem besonders am Herzen liegt. Den Trost gebe ich an meine Mutter weiter. Als sie noch gesund war, war sie eigentlich mehr so eine Rabenmutter. Aber jetzt, in ihrer Krankheit, wächst sie über sich hinaus.

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