Befreiung aus dem Schmerzgefängnis (Migräne II)

Diese Geschichte hat einen Haupteingang (über die beiden Nebentüren will ich ein anderes Mal schreiben): Er führt von der Literatur direkt ins Leben. Wer es pathetischer mag: Er zeigt, wie Bücher uns befreien können.

Oliver Sacks Migräne-Buch war eigentlich mein erster Schritt (von Arztbesuchen abgesehen) in die Richtung meiner Krankheit. Bis dahin war ich lediglich vor ihr weggelaufen. Anfangs, weil ich nicht einmal wusste, dass diese Höllenform von Kopfschmerz einen eigenen Namen trägt und bestimmte – wenn auch sehr individuelle – Verläufe hat. Später, weil ich Angst vor diesen Torturen hatte. Siri Hustvedts Bücher, vor allem die Essays, brachten mich auf eine bis dahin unerwartete Spur. Ich hatte mittlerweile gelernt, dem Schmerz nicht auszuweichen. Ich wusste, wie ich Attacken vorbeugen kann, was zu tun ist, wenn eine unaufhaltsam im Anmarsch ist und dass es eben mit der Migräne so ist, wenn man sie hat. Ich hatte sie, ich wollte sie nicht mehr loswerden, aber das Gerede über den Sinn von Schmerzen ging mir ziemlich auf den Wecker.

Hustvedt zeigte mir die mannigfachen Facetten der Migräne. Von überwältigenden Müdigkeiten über Licht- und Tonvisionen zu den ganz eigenen Traumformen. Ich begriff den Zugewinn, vor allem in einem sinnlichen und damit der Kreativität sehr zugänglichen Bereich.

Heute habe ich angefangen die Autobiografie von Hilary Mantel zu lesen. „Von Geist und Geistern“ heißt sie und beginnt gleich auf der ersten Seite mit einem Flimmern, das an diesem Vormittag mit dem sie in ihre Lebensbeschreibung einsteigt, ein Migränevorbote sein könnte. Hilary Mantel charakterisiert das typische Migräne-Symptom als Boten mit zwei Meldungen: dem Signal schnellstmöglich ein Medikament zu nehmen und dem übersinnlichen Wink von Mantels verstorbenem Schwiegervater. Mantel hat keinen Knall. Migränikern brennen keine Nervenstränge durch, auch wenn sich das manchmal so anfühlt. Sie beschreibt diese merkwürdige Sicht von Dingen, die anderen Menschen nicht – zumindest nicht auf Anhieb – zugänglich sind als „Kunstform“, als ein „geheimes Talent“ (einem von vielen, mit dem sie – oder auch ich – kein Geld machen kann) und, was mir fast am besten gefällt, als „übersinnlichen Schmuck“. Denn was man in diesen Zuständen „sieht“ ist da. Ich sehe leider keine Menschen, die ich geliebt habe, sondern gelegentlich Fremde, die nachts an meinem Bett hocken und mir einen Schreck einjagen. Die Schulmedizin beschreibt dieses Phänomen als krankheitsbedingt und betont, dass die „Alpträume“ so real seien, dass die von ihnen Befallenen sie im ersten Moment als Realität einschätzen. Man sollte die Sache wohl besser andersherum verstehen (ohne dass ich für das Vorhandensein von bösen Typen an meinem Bett eine Erklärung hätte). Die ersten drei Seiten, um endlich auf den Punkt der Befreiung zu kommen, haben mir wirklich die Gittertür geöffnet. Ich fühle mich völlig aus dem Schmerzkäfig entlassen, vielleicht, weil ich jetzt einen „Sinn“ für mich erkenne. Oder, weil ich ja eigentlich jedem Sinn gegenüber Verdacht hege: Weil ich einen Ausgleich erkenne für die im Schmerzkerker verbrachten Stunden.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 5

  1. Maren Wulf 5. Juli 2015

    Ich habe deinen Text mit großem Interesse gelesen. Dein Auf-die-Migräne-Zugehen, so nenne ich es mal, scheint mir ein guter Ansatz zu sein, so wenig Energie wie möglich im Kampf zu verschwenden. Ich vermute, du hast auch alternative Wege ausprobiert? Im vergangenen Jahr habe ich mich beruflich intensiver mit dem Thema beschäftigt und war fasziniert zu sehen, was ergänzend zur Schulmedizin möglich ist. Den Schmerz weniger mit „Sinn“-Gedanken zu befrachten (m.E. ist das reichlich bemüht und fast schon eine Überfrachtung) und stattdessen von einem Ausgleich zu sprechen, gefällt mir gut.

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  2. Stephanie Jaeckel 6. Juli 2015

    Migräne ist ein wildes Tier. Sie verwischt ihre Spuren und lässt sich auch sonst nicht in die Karten schauen. Jede Migräne ist so individuell wie der Mensch, der sie in sich trägt. Es gibt sicher nur wenige „Tipps“, die grundsätzlich gelten, dazu gehören regelmäßig schlafen, genug bewegen (am Besten ein leichtes Konditionstraining), bestimmte, sehr histaminhaltige Dinge nicht essen oder trinken, Schmerzmittel wenn, dann früh genug nehmen. Alternativ zur Schulmedizin ist sicher schon die Einsicht, dass der Arzt oder die Ärztin keinen Schalter hat zum Abstellen der Schmerzen. In diesem Sinn war für mich die Entscheidung, mir ein „ordentliches“ Fahrrad zu kaufen und fortan alle Wege zu radeln auch eine Alternative zur Schulmedizin, obwohl die das sicher auch unterschreiben würde. Zwei Jahre habe ich homöopathische Mittel genommen, meine Liebe zum Kaffee hat diese Behandlung jedoch beendet. Vor anderthalb Jahren habe ich mich mehrmals akupunktieren lassen. Das hat auf jeden Fall etwas zum Guten verändert. Die Anfälle sind insgesamt leichter geworden, strecken sich allerdings manchmal wieder (wie ganz früher) über Tage hin. Im Ernstfall setze ich nach wie vor auf Medikamente. Aber ich bin auch bereit, für die Krankheit aus meinem geregelten Leben auszusteigen. So zähme ich meinen Tiger.

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  3. papiertänzerin 6. Juli 2015

    … das kenne ich gut! Aus der (starken) Rolle zu fallen, fällt mir noch immer schwer, aber ich kann inzwischen zärtlicher mit mir und meinen schwachen Zeiten umgehen (und das ist ein schönes Gefühl, auch wenn ich mir den Weg dorthin nicht ausgesucht habe. Auch wenn wir Erkenntnis daraus schöpfen, Sinn machen Schmerz und Leid deshalb noch lange nicht, sie sind einfach).

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