Würden Sie sich von einem Tierarzt behandeln lassen?

Für unsere Ur-ur-ur-Großeltern, die auf dem Land lebten, war das sicher keine Frage. Tierärzte halfen hier selbstverständlich bei Kindsgeburten und schienten Arme oder Beine oder schauten sich an, was sonst am Bauernkörper entzündet oder verletzt war. Noch Rudolf Virchow machte zwischen der Tier- und Menschenheilkunde keinen Unterschied: „Das Objekt ist verschieden, aber die Erfahrungen, die aus dem Objekt zu schöpfen sind, sind Lehrsätze, welche die Grundlagen der Doktrinen bilden.“ 

Der Spezialisierung von Berufen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist auch die scharfe Trennung von Veterinär- und Humanmedizinern geschuldet. Noch nicht in der Forschung, wo das „Tiermodell“ als „Versuchskaninchen“ für die ärztlichen Therapien von Menschen bis heute herhält. Aber in der Praxis haben sich die Humanmediziner weit weg von den Tierärzten positioniert. Würde jemand, der seinen Hund sterilisieren lässt, den Arzt nebenbei fragen, ob er was gegen seine Kurzatmigkeit wüsste, würde er sicher mit einem gezeigten Vogel abgewiesen.

Darwin hat den Finger schon einmal auf den wunden Punkt im menschlichen Selbstverständnis gelegt, als er die Evolution beschrieb. Mensch und Tier stammen von denselben Vorfahren. Alle Organismen auf der Erde sind miteinander verwandt. Aber das vergessen wir die meiste Zeit. Meist zu unseren Gunsten, aber auch, wenn es um Leben und Tod geht. Wir sind im Laufe unserer Zivilisation arrogant geworden. Dabei unterscheidet sich unser Genom, eine Tatsache, die Darwin sicher geahnt hat, um nur 1,4% von dem der Schimpansen. Was bedeutet, es gibt 98,6 % Gemeinsamkeiten und keinen Grund mehr, Humanmediziner, Veterinäre und Evolutionsbiologen nicht endlich zu einem neuen Dialog zu ermuntern.

Das ist das Plädoyer des 2014 in deutscher Sprache erschienen Buches „Wir sind Tier“ von Barbara Nattern-Horowitz und Kathryn Bowers („Zoobiquity“, New York 2012), eines der lesenswertesten Sachbücher der letzten Zeit. Zum einen, weil die Kardiologin und Psychologin Barbara Nattern-Horrowitz so unvermutet auf diesen blinden Fleck der Medizin gestoßen ist, dass sie mit dem Karacho einer Entdeckerin spricht. Einmal auf die Mensch-Tier-Verwandschaft aufmerksam geworden, ploppen überall, wohin sie schaut, Beispiele auf. Und wir staunen mit ihr über die Parallelen, die – größte Überraschung – sogar bei psychologischen Auffälligkeiten zu finden sind. Zum anderen, weil sie sich mit Kathryn Bowers eine versierte Wissenschaftsjournalistin angeheuert hat, ihre Erkenntnisse zu publizieren. Auf diese Weise bekommt die Entdeckung einen wissenschaftsgeschichtlichen Hintergrund. Wir verstehen, wann und warum wir bereits Bekanntes wieder über Bord geworfen haben und wir können selbst komplizierten Zusammenhängen gut folgen, weil sie – sicher auch durch den dauernden Dialog der beiden Autorinnen – verständlich vermittelt werden.

Was mich besonders interessiert, sind die Kapitel übers ab- oder zunehmen (aus aktuellem Anlass) und die psychologischen Themen Sucht und Selbstverletzendes Verhalten. Dass wildlebende Tiere kein festes Gewicht haben, ist bekannt. Hält aber nicht bis zum eigenen Spiegelbild durch. Denn da erwarten wir ein Ideal- oder zumindest Normalgewicht. Wer aus den Fugen gerät, hat ein Problem. Und zwar, wie wir meinen, ein sehr persönliches. Dabei hauen auch Tiere rein, wenn sie Gelegenheit dazu erhalten. Im Schlaraffenland werden alle dick. Die Diagnose dazu lautet: Mehr zu essen als nötig ist eine biologische Grundeinstellung. Entsprechend ist das Gewicht keine, wie die beiden Autorinnen so schön schreiben „in Stein gemeißelte Größe“ und Fettleibigkeit, wer hätte das gedacht, eine Umweltkrankheit. Das Fazit? Muss ich nicht am Ende doch eine enorme Disziplin an den Tag legen, wenn ich Diät mache. Ja. Ist die Antwort. Aber die Strategie ändert sich und vielleicht auch das Selbstverständnis. Denn wenn ich weiß, dass Pizza, Pommes und Cola keineswegs nur „schlechtes Essen“ sind, sondern genau das, mit dem wir uns aus Tiertagen noch belohnen, sieht die Sache doch anders aus. Ich mache zumindest nichts falsch. Allerhöchstens zu oft. Und um hier einzugreifen, gibt es einen simplen, aber effektiven Trick: „Wenn Sie auf >natürliche Weise< Gewicht verlieren wollen, dann verringern Sie das Nahrungsmittelangebot in Ihrer Umgebung und sorgen dafür, dass Sie nicht drankommen. Außerdem sollten Sie sehr viel Energie für die Beschaffung von Nahrung anwenden. (…) Verändern Sie Ihre Umgebung. Viele Zoos haben diesen Vorschlag schon in die Tat umgesetzt.“

 Das mag irritierend naiv klingen. Aber es funktioniert. Habe ich selbst so erlebt, denn meine Diät bestand in nichts anderem, als die „schlechten Lebensmittel“ nicht mehr zu kaufen. Natürlich ist das noch nicht alles: Der Tag-Nacht-Rhythmus zum Beispiel bestimmt ebenfalls unseren Appetit. Ist er gestört, kann auch unser Essverhalten aus dem Ruder laufen. Ein weiterer Aspekt scheint die Darmlänge zu sein und die wundersame Fähigkeit einiger Tiere, ihren Darm je nach Nahrungsangebot zu verlängern oder zu verkürzen. Diese Fähigkeit ist für Menschen nicht nachgewiesen, aber mehr als eine Nachfrage wert. Zum Schluss kommen Natterson-Horowitz und Bowers auf die bislang zwar bekannte, jedoch noch nicht ausgiebig erforschte Darmbakterienmischung, die jedes Lebewesen mit Darm herumträgt. Oder auf die beunruhigende Tatsache, dass soziale Gewohnheiten „ansteckend“ sein können: So nimmt das Risiko für Übergewicht zu, wenn man korpulente Freunde hat… Hätten Sie das gedacht?

Mit dieser Vielzahl von Hinweisen geht es durch alle Kapitel. Und es zeigt sich, dass der Blick aufs Tier nicht sofort die Antwort gibt, aber Blickrichtungen, die wir uns lange nicht erlaubt haben. Wer versteht, dass Ritzen, Nägelkauen oder andere autoaggressive Verhaltensweisen aus ihrem Gegenteil erwachsen: Der sozialen Fellpflege also sozialem Kontakt oder Körperpflege, verlässt die moralische Dimension des Themas. Frühkindliche Traumata hin oder her, wer von der Tierseite kommt, sieht drei wesentliche Auslöser für Autoaggression in Stress, Langeweile, Einsamkeit. Und hat plötzlich neue Möglichkeiten, gegen dieses scheinbar „unsinnige“ Verhalten vorzugehen. Von unglaublicher Relevanz sind Mensch-Tier-Vergleiche in der Präventionsmedizin. Sie können so genannte Zoonosen, Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden und sich in Windeseile verbreiten, schnell diagnostizieren und – wenn man Glück hat – mit passgenauen Medikamenten stoppen. Dass solche Zoonose auch gezielt als Waffen eingesetzt werden können, macht die Fortschritte auf diesem Gebiet umso wünschenswerter. Und überhaupt. Wer gelegentlich über seinen Tellerrand schaut, dem muss klar sein, dass das Leben auf dieser Welt nicht allein davon abhängt, wie es uns Menschen geht.

Was soll ich sagen? Tolles, volles Buch. Und wenn Kritik, dann allerhöchstens am „Making of“, nicht am Inhalt. So gut nämlich die Wahl einer Wissenschaftsjournalistin als Co-Autorin einerseits ist, so eindeutig liegen die Mängel des Textes auf ihrer Seite. Denn was für einem Artikel gut ist: ein verständliches Level zu finden, auf dem sowohl medizinische wie auch historische oder institutionelle Fakten erklären sind, so monoton wird dieser Stil nach 30, 40 Seiten. Es ist alles einleuchtend, gut erzählt, spannend, aber immer im gleichen Duktus vorgetragen und irgendwann rauschend langweilig. Dazu kommt die Redundanz. Auch hier gilt: Fürs Laienpublikum eine wesentliche Hilfe, aber auf knapp 450 Buchseiten doch ermüdend. Dennoch bereue ich keine einzige gelesene Seite. Was noch? Nichts? Wuff, ich habe gesprochen!

Herzlichen Dank an Random-House für das Rezensionsexemplar.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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