Die Welt knipsen

Oder: Knipsen versus fotografieren: Wo ist da der Unterschied? Früher war die Sache einfach: Otto Normaline knipste und die Profis fotografierten. Bis die Technik sich so dem Menschen anverwandelte, dass eine Kamera mittlerweile das schnellere Auge ist und ritsch-ratsch ein ordentliches Bild liefert, das nachbearbeitet gute bis perfekte Aufnahmen ermöglicht. Aber es gibt immer noch Fotograf/innen. Und jetzt?

Nüscht, würde ich mal sagen. Weil es diese Unterscheidung fast nicht mehr gibt. Wir sind spätestens im 21. Jahrhundert aus der klassischen Professionalisierung rausgefallen. Wer sich Zeit nimmt, kann alles Mögliche lernen. Als ich jünger war, ging das noch nicht so einfach. Ich weiß, wie ich am Fotokurs unserer Schule scheiterte, weil ich zu Hause keine Dunkelkammer hatte und weil ich zu geizig mit den Filmen umging, einfach weil das Taschengeld kniff. Ich habe damals gedacht, gut, du bist nicht mutig genug, lass es! War wahrscheinlich auch richtig so. Viele Jahrzehnte später mit einer Digitalkamera ist das keine Frage mehr. Ich kann alle Fotos, die mir in den Sinn kommen, machen und dann auch wieder löschen. Was für eine Freiheit! Und was für ein weites Feld zum Lernen!

Früher ging es viel ums Gestalten oder um das Reden über das selbst Gestaltete. Wer den größeren Sprachradius hatte, hatte Vorsprung. Allerdings sieht man zum Glück die Fotos. Und die stellten sich dem Gesagten auch quer. Meine eigene Erfahrung beim Betrachten von Fotos ist die: Entweder kenne ich das Bild schon, das heißt, ich sehe die Welt ähnlich und hätte das Foto auch machen können. Oder ich habe so ein Foto nicht einmal denken können. Weil meine Welt anders aussieht, das Foto aber noch genug Stellen hat (oder zumindest eine), die eine Verbindung zu meiner Welt oder zu meiner Fantasie herstellt, und mittels deren ich folgen kann. Eine weitere Erfahrung: Fotos erschließen sich oft aus weiteren Fotos. Das heißt, wenn ich ein Bild sehe, dass ich – sagen wir – nicht besonders spektakulär finde, kann mir ein weiteres Bild des Fotografen oder der Fotografin weiterhelfen. Denn Fotografieren ist nicht nur das eine Bild, sondern der Blick.

Künstlerisch kommen wir der Sache auch näher, weil es längst Usus geworden ist, dass Künstler/innen uns ihre Weltsicht zeigen und nicht mehr versuchen, einen gemeinsamen Nenner mit dem Publikum zu finden. Wir können einverstanden sein, mit dem, was wir sehen, wir können aber auch, und das haben wir mit allen Avantgarden des letzten Jahrhunderts gelernt, ganz anderer Meinung sein, die Werke aber trotzdem schätzen. Die eigene Sicht ist relevant geworden, vielleicht sogar in dem Maß, in dem das Individuum zur kulturellen Leitfigur aufgestiegen ist.

Die Welt zu knipsen ist salonfähig geworden. Was mir gut gefällt. Schließlich ist knipsen auch eine Haltung. Natürlich gibt es weiterhin Unterschiede zwischen Hobbyfotograf/innen und Profis. Es ist meiner Ansicht nach auch weiterhin sinnvoll, Schulen anzubieten, denn wo hat man mehr Gelegenheit von älteren Kolleg/innen und von Gleichaltrigen zu lernen? Zeit bleibt am Ende ein wesentlicher Faktor, die berühmten 10.000 Stunden, die ausgebildete Menschen den Laien meist voraus haben. Und die Begabung, die man eben hat oder nicht, und die einem in keiner Ausbildung der Welt beigebogen werden kann.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 6

  1. mickzwo 25. Juli 2015

    Ich habe kein fotogafisches Auge. Alles was nicht in meinen Kopf passt ist es nicht Wert behalten zu werden. Das ist natürlich eine Lüge. Ich bewundere die Menschen, die Bilder machen. Nur selbst mache ich eher widerwillig Bilder. Ich verstecke sie. Und das ist in aller Regel für mich gut so 🙂

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  2. Stephanie Jaeckel 26. Juli 2015

    Hm. Von dem Pferd wollte ich gerade runter. Ich glaube, Laien trauen ihrem Blick nicht. Und haben natürlich nicht dauernd Zeit oder Gelegenheit zu fotografieren. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig es zum Beispiel ist, auf den täglichen Wegen noch ein Foto zu finden. Laien „knipsen“ hauptsächlich an besonderen Tagen. Wenn es gilt, etwas in Erinnerung zu halten. Von daher wahrscheinlich dieses Selbstverständnis, fürs Fotoalbum und deshalb für die Erinnerung zu handeln. Fotograf/innen dagegen trainieren ihren Blick und – blöd genug – die schnelle Hand. Die wollen ja nicht dauernd Geburtstage ablichten und müssen sich die Frage stellen, wenn ich diese Amsel jetzt ablichte, was will ich und vor allem sollte ich schnell wollen, sonst ist die Amsel wieder weg. Da reicht es dann eben nicht, dass Onkel Karl ganz drauf ist. Laien können das aber auch. Frau Palm war so ein Laienfotoass. Die machte Fotos vom Garten und vom Kanarienvogel, da fiel dir nix mehr ein. Jede/r kann „neu“. Vielleicht nicht ein ganzes Berufsleben lang, aber eben immer wieder.

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    • Aikitangera 26. Juli 2015

      Hm. Die Fotos von Frau Palm waren aber eher zufällig so gut, oder? Ich glaube nicht, dass jeder „neu“ kann. Muss man Kunst/Fotografieren nicht machen WOLLEN, damit man Kunst KANN? (Als eine von vielen Voraussetzungen) Dann sucht man sich eben Zeit und Gelegenheit. Und dieses Wollen ist im besten Fall nicht nur ein fester Wille, sondern inneres Bedürfnis.

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  3. Stephanie Jaeckel 27. Juli 2015

    Zufall oder nicht, darüber kann man natürlich nur spekulieren. Ich denke nach wie vor: jede/r von uns hat einen eigenen Blick. Und der zeigt sich beim Fotografieren. Ob etwas neu ist oder nicht? „Neu“ war das Schlagwort der Avantgarde, die Anfang des 20. Jahrhunderts die Kunst anders aufrollen wollte. Heute ist statt neu „individuell“ angesagt, was deshalb besser passt, weil „neu“ ab irgendeinem Punkt nicht mehr zu definieren war (zu viel „neu“). „Können“ unterscheidet sich für mich vom „Wollen“ ab dem Moment, wo jemand dran bleibt. Wer gelegentliche geniale Schnappschüsse schafft, hat eben auch tolle, im Fall ästhetisch hochwertige Fotos geschaffen. Aber nur wer dran bleibt, zeigt, wie weit der eigene Blick trägt – oder ob es einen zweiten, dritten, vierten im Repertoire gibt. Umgekehrt gibt es genug Menschen, die wollen, es aber trotzdem nicht können. Gerade bei den viel geschmähten „Hobbykünstler/innen“ gibt es so viele, die aus einem „inneren Bedürfnis“ heraus kreativ sind, aber nicht den Mut oder die Schärfe oder den Blick oder was-weiß-ich haben, vom Anfang aus weiterzugehen. Kunst ist vielleicht die Bereitschaft, sich immer wieder vor den Abgrund des Scheiterns zu stellen. Aber das ist wirklich ein weites Feld.

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