Wann sich ein Mensch aufmacht, sein Leben hinter sich zu lassen, ist auch rückblickend schwer auszumachen. Aber wahrscheinlich gibt es so einen Moment, wo man sich rüstet für die letzte Reise. Meine Mutter möchte nichts essen. Das kann eine vorübergehende Phase sein. Sie ist krank, vielleicht hat sie Schmerzen. Sie öffnet den Mund nicht und die Augen nur selten. Sie scheint zu schlafen. Vielleicht stellt sie sich tot. So wie ich als Kind dachte, wenn ich die Augen schlösse und mich nicht rege, sei ich schon fast nicht mehr da. Nichts essen heißt in anderen Kontexten „fasten“. Bestimmt eine gute Vorbereitung für einen langen Weg. Wenn ich Zeit habe, lege ich mich ins Bett und stehe meiner Mutter bei ihren Vorbereitungen bei. Gut möglich, dass sie noch einmal die Augen aufschlägt und wieder Appetit zeigt. Dann ist es erst später soweit. Jetzt wird mir klar, dass der Aufbruch ein wichtiger Moment sein kann.
Komforterfüllende Features
Das Gesicht des Mannes, der ein solches Vokabular beherrscht und dem es auch noch mühelos über die Zunge rutscht, hätte ich gerne gesehen, ging aber nicht, das Interview kam aus dem Radio. Die Frau, die ein solches komforterfüllendes Feature an Hand ihres Gesundheitsarmbandes erklärte, sah ich dagegen sofort vor mir. Ihr Satz „Man sieht am Arm, man hat sich bewegt“ jedenfalls hat sich für alle Zeiten in mein Hirn gebrannt, da hilft auch kein Vergessen mehr. Ein Sinfonieorchester ist leider kein komforterfüllendes Feature. Komfort ist es schon. Aber zu teuer angesichts der Tatsache, dass sich das Publikum immer noch auf den Weg machen muss, um das Orchester zu hören. Gestern gab es eine Sternstunde, jedenfalls funkelte das philharmonische Sternenzelt: Zum letzten Mal in Berlin zu Gast waren die SWR-Sinfoniker aus Baden-Baden, mit wirklich unglaublicher, nur mit staunenden Ohren zu hörender Musik. Zu teuer. Nicht konsenzfähig für die Rundfunkbeitragszahler. Ausgespart. 70 Jahre erste Sahne was Uraufführungen und sperrige Stücke anging. 70 Jahre allererste Sahne, was ein immer neu umgegrabenes Repertoire angeht. Gute Nacht, liebe Leute. Der Letzte macht bitte das Licht aus.
In der Großstadt
gehen Mond und Sonne nur noch viereckig auf. – Nö? Aber die Ampeln schalten auf dem Ku’Damm schneller. Oder bin ich im letzten Jahr schon wieder langsamer geworden?
Einmal aufpolstern, bitte!
Ich hab’s verpasst. Mir war einfach zu kalt, vom Rad zu steigen, die Kamera aus dem Rucksack zu holen, ein Bild zu machen. Jetzt gibt es kein Beweisfoto. Aber ich schwöre, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen: „Brustvergrößerung für 24 Stunden.“ Dass es Botox ist, kann ich noch verraten, den Preis habe ich beim Vorbeifahren nicht gesehen. Ich muss sagen, ich bin doch ziemlich ins Grübeln geraten…
Allein sein
Alleinsein und Großstadt – zwei Dinge, die wie Pest und Schwefel zusammenzugehören scheinen. Filme erzählen davon, große und kleine Romane, Geschichten, eigene Erinnerungen. Will man kaum noch hören. Auch nicht gefragt werden. Und dann stirbt dein Nachbar. Ein paar Türen weiter. Sonntagnacht. Mit voller Wucht ist sie wieder da, die Einsamkeit. Mach’s gut, Daniel.
Auswendiglernen
An mir ist es ja vorbei gegangen, das Auswendiglernen (vornehmlich) von Gedichten. Als Schülerin war ich froh. Schnöde fand ich das Repetieren bereits vorhandener Texte, nix zum dranrum Denken, geschweige denn zum Diskutieren. Wie falsch ich lag! Oder so: Eigentlich geht es nicht ums Lernen an sich. Es geht darum, einen Zugang zu finden, ein Ohr zu entwickeln, Rhythmen zu unterscheiden, Material zu sammeln. Wir sehen nur, was wir wissen, ist eine Vermutung, die gerade in der Kunstvermittlung den Wert des Benennens hochhält. Umgekehrt kann ich heute bestätigen, dass ich Jamben oder Trochäen nicht erkenne, selbst die Frage, ob die aktuelle Übersetzung der Odyssee in Versen oder als Prosa daherkommt, war für mich kniffelig (ich meine, ich habe das Buch gelesen!). Erlernte Texte sind wie Muster. Ich kann sie zur Hand nehmen (oder vor mein geistiges Auge klemmen), sobald mir etwas neues, unbekanntes über den Weg läuft. Vielleicht wäre es leichter, mit so einem Musterköfferchen durch die stets neu anbrandende Bücherflut zu waten. Andererseits – ? Nee. Musterköfferchen! Und ich hab keins. Klauen geht in diesem (seltenen) Fall nicht. Da muss ich mir wohl was anderes überlegen.
Das Foto zeigt die harsche Durchquerung einer neuen Literatur ohne Musterköfferchen. Sehr bunt, sehr abstrakt, sehr verwackelt. Eigentlich ganz schön. Aber, pffff….
Waldgeflüster
Ob zwei Bäume, die sich so wie diese aneinander lehnen, bei der ersten Berührung denken „für immer“?
Bücherhunde
Wer ins Lesen vertieft ist, sollte aufmerken, wenn Hunde bellen. Zumal, wenn es solche im Buch sind, denn es könnte sein, dass auf den nächsten Seiten etwas passiert. Nicht, dass mir das aufgefallen wäre. Eine Kollegin, die sich mit Hunden in der Literatur beschäftigt, brachte mich auf die Spur. Beim Überlegen sind mir nur Bücher eingefallen, in denen die Hunde selbst die Hauptfiguren sind, allen voran „Timbuktu“ von Paul Auster, Jon Fosses Geschichten „Von Kötern, Kläffern und feinen Hundedamen“ und „The Art Of Racing In The Rain“, ein Schmöker des Amerikaners Garth Stein. Ich stehe eigentlich nicht so auf Tierromane. Einzig „Shaun, das Schaf“ lasse ich – bislang – als (Hör)Buch gelten. Umso erstaunlicher, dass ich bei allen drei Hundebüchern geheult habe. Alte treue Hundchen – für die schlägt nun mal mein Herz. Aber jetzt will ich die Ohren spitzen, und auf Kläffer hören. Mal sehen, ob ich bald auch eine Geschichte finde, in der ein bellender Hund eine neue Wendung im Roman ankündigt.
Vergessen befreit!
So ist heute in „Zeit online“ zu lesen. Natürlich war ich neugierig. Dass ich froh sein kann über mein schlechtes Gedächtnis, las ich, was nix Neues war, aber auch zum zweiten Mal Balsam auf meiner geplagten Seele der ewigen Vergesserin. Klar, die Sprache kam auch bald auf Alzheimer, eine Horrorkrankheit für uns auch deshalb, weil das eigene Ich und die Identität seit dem 18. Jahrhundert immer zentraler für das Selbstverständnis der Menschen werden. Immer wieder überlege ich, ob man – mal davon abgesehen, dass ich hoffe, die Marktfähigkeit probater Alzheimermittel noch zu erleben – also, ob man mit einer anderen Ich-Vorstellung gelassener in das krankhafte Vergessen einsteigen kann – oder wäre das eben doch bloß eine vorzeitige Kapitulation?
Jedenfalls dachte ich wieder an meine Mutter, komischerweise in der Richtung, dass sie eigentlich einen tollen Beruf hatte, sie war Verkäuferin, oder besser: einen wie für sie gemachten Beruf hatte, denn in Wahrheit war sie ein Verkäuferinnen-Ass. Sie war die Beste über Jahrzehnte in dem Laden, in dem sie arbeitete, aber sie war doch leider immer sehr unzufrieden. Weil sie zu wenig verdiente? Weil sie in das Gejammer meines Vaters einstimmte? Er hatte wohl nicht so seinen Lieblingsberuf erwischt. Oder weil sie sich nicht darüber im Klaren war? Zu Beginn ihrer Krankheit war sie zweimal in der Woche in der Tagespflege, wo nach einiger Zeit auch ihr ehemaliger Chef auftauchte. In einer Kleinstadt treffen sich halt alle immer wieder. Eine Weile lang unterhielten sie sich wie früher im Laden, und oft genug sagte der Chef gönnerhaft zu ihr: Sie können jetzt gehen, Frau Jäckel. Was meine Mutter mit einem trotzigen, Nein, ich bleibe, quittierte. Späte Genugtuung? Ein Rest von Orientierung?
Melancholie
Noch vor ein paar Wochen dachte ich, diesen oder jenen Auftrag zu bekommen, würde mich in den siebten Himmel versetzen. Und jetzt? Freude schon. Aber eher Melancholie. Weil es immer etwas anderes ist, ob man sich etwas wünscht und es dann bekommt? Oder weil ich zu gerne den Superwoman-Anzug überziehen und in manchen dunklen Nächten Feuerteufel zur Hölle jagen möchte, statt am Schreibtisch zu sitzen. Ich habe gar keinen Superwoman-Anzug. Ich muss mir was anderes überlegen. Einfach so weitermachen geht gerade nicht. Vielleicht werden die nächsten Tage auch ein paar Klunker über den Tisch fallen. Aber der Tisch bleibt stehen, Indianerehrenwort!







