So geht es zumindest in Märchen, wo kein Wunsch allein daher kommt. Drei Feen sind auch schon mal unterwegs, alle mit Wünschen oder deren garstigen Verwandten: den Verwünschungen bepackt. Was würde ich sagen? Würde ich für jeden Wunsch einen Namen finden, einen lang schon gehegten Traum, der tief im Innern schläft? Würde ich vorsichtshalber nur einen Wunsch zur Erfüllung bringen, um? Mich nicht zu verraten? Nicht maßlos zu werden? Die Folgen nicht ausbaden zu müssen? Wer sich mit Wünschen auskennt, weiß nämlich, dass sie oft nicht den Weg nehmen, den man selbst für sie ausgedacht hat. Sie schwingen aus, schlenkern und schlackern und saumseelen in der Gegend rum bis sie plötzlich zu einem Ziel kommen, das man sich nicht im tiefsten, tiefsten Traum so ausgedacht hätte. Psycholog/innen sagen, dass es manchmal besser ist, sich von Wünschen zu trennen. Andere behaupten, wir würden nur deshalb Musik hören, um wieder Wünsche – oder zumindest Sehnsucht – zu erspüren. Drei Wünsche frei. Als Kompass des Lebens. So gesehen sind schon die Wünsche der Schatz.
Wann bloß
kommt der nächste Knochen geflogen? Und das nennt man dann „ein Hundeleben“, weil es aus Warten besteht und aus Hoffen? Während unsereins den Schlüssel in der Tasche hat und zum Knochen fangen jederzeit vor die Tür kann. Ehrlich? Also, ja vielleicht. Ich beneide mittlerweile – gelegentlich – die Hündchen ums Warten. Jedenfalls wenn es so gemütlich vonstatten geht wie bei meiner Freundin unter dem Esstisch. Da wäre ich doch gerne voll Fell, statt mit dem Koffer zum Flughafen zu eilen, in Schlangen zu stehen, kalten Kaffee zu trinken und dann auch noch einkaufen zu müssen. Aber Knochen? Dann doch lieber kein Fell und einen Schlüssel in der Hand…
med maräng!
Wer gerne Baiser isst und aus dem Rheinland kommt, hat an den schwedischen „Maräng“ seine besondere Freude. Schon die Wortschöpfung! Und dann schmeckt Maräng auch ausgesprochen gut: außen knusprig, innen cremig, nicht zu süß und vor allem, viel davon. Oder wer schafft noch mehr Häubchen auf ein Muffin?
Kuchen? Klar, es gibt was zu feiern: Ein Jahr Klunker! Eigentlich gestern schon, aber da hatte der Schnupfen sich zu einem wahren Erkältungsmonster ausgewachsen und mich schachmatt gesetzt. Für mich war das erste Klunkerjahr ein spannendes Jahr. Zuerst ging es mir gerade darum, ob ich jeden – oder eben fast jeden – Tag eine Beobachtung oder einen Gedanken hätte, über den ich auch schreiben will und kann. Das kann ich mittlerweile mit „ja“ beantworten, auch wenn manche Klunker nicht mehr als ein „Hallo“ oder ein nettes Bild gebracht haben. Ich bin vielleicht aufmerksamer geworden, auf jeden Fall hatte ich immer die halbe Stunde Klunkerzeit, in der ich mir so meine ganz eigenen Gedanken gemacht habe. Wahrscheinlich werde ich die Beitragsdichte etwas lockern. In den nächsten Monaten liegt sehr viel auf meinem Schreibtisch. Da werde ich hier und da mal kneifen.
Ansonsten gibt es für die nächsten 10 Tage Pause. Ich fahre zu meiner Mama ans Krankenbett. Von dort wird nicht geklunkert. Ich wünsche allen einen schönen „Rest-September“. Und mir, wenn ich einen Wunsch frei habe, durchaus mehr Kommentare. Ich habe mich stets über Rückmeldungen gefreut! Aloa!
Hundert kleine Biber
decken mich heute Nacht zu und singen mir ein Schlaflied. Ich habe Schnupfen. Und wie. Kein Gedanke im Kopf, nur Kribbeln. Da hilft gerade noch ein beherzter Sprung in den Tiefschlaf. Gute Nacht. Ich geh mich jetzt gesundkuscheln.
Gute Laune
scheint mir, je älter ich werde, eins der wichtigsten Accessoires zu sein, mit denen man das Haus verlässt. Und wenn keine zur Hand ist? Schnell mal umschauen. Oft sind Dinge gleich nebenan, die einen zum Lachen oder zumindest zum Schmunzeln bringen. Oder Dinge, von denen man gar nicht wusste… – Ich habe zum Beispiel erst diesen Sommer meine Liebe zu ulkigen alten Autos entdeckt. Manche von ihnen parken an denselben Stellen und ich freue mich schon aufs Wiedersehen. Aber eben. Gute Laune ist – um mich nicht zu verfranzen (aber wer wusste das schon wieder, dass das SO geschrieben wird!?) – die Grundlage für gelungene Begegnungen, für vergnügliche Stunden, für Herzensfreuden. Ich meine zumindest zu begreifen, dass es dabei nicht um eine zur Schau getragene Fröhlichkeit geht, sondern darum, einen offenen Blick für das, was gerade geht, zu bewahren. Gute Laune zieht gute Gesellschaft nach sich, gute Gespräche. Gute Laune macht Vergnügen erst möglich. Vergnügen wiederum heißt nichts anderes, als aus dem Vollen zu schöpfen. Von allem genug zu haben. Warum also nicht? Oder nicht öfter? Ein Hoch auf die Gute Laune! Und dass wir immer wieder eine aus dem Hut ziehen.
Bilder vom guten Leben
Nein, ich weiß nicht, wie der junge Mann lebt. Dass er Geige spielt, scheint mir ein gutes Zeichen. Er sah ganz entspannt aus, nicht so, als wenn ihm das Spiel unbehaglich wäre. Ein gutes Leben? Ich denke in den letzten Tagen wieder viel darüber nach, was ein gutes Leben ausmacht. Vor allem frage ich mich, wie ich eigene Unzulänglichkeiten akzeptieren kann, ohne sie zu pflegen. Entspannt zu sein ohne selbstgefällig zu werden, wäre eine andere Formulierung. So denke ich oft, ich muss es nehmen, wie es ist – oder kommt, dann denke ich wieder, es wäre besser, Dinge zu ändern oder Ziele zu setzen. Unvollkommenheiten auch in meinem (Arbeits-)Leben annehmen, oder an Verbesserung arbeiten? Die eigene Art zu Leben feiern oder eine andere Frau werden oder es zumindest zu wünschen? Über mich hinauswachsen? Oder das nutzen und pflegen, was in mir ist? Eigentlich ahne ich, was (für mich) stimmt. Dennoch überkommt mich manchmal Panik, ich könnte am Ende meines Lebens feststellen, alles verpennt zu haben. „Selbst auf dem höchsten Thron der Welt sitzen wir nur auf unserem Arsch“, schreibt Montaigne. Ja. Aber mir ist noch nicht klar, ob es doch einen Unterschied macht, wo man auf seinem Arsch sitzt, im stillen Kämmerlein, unter Freunden, unter freiem Himmel? Gelassen suchen? Sich umgucken? Ab und zu den Arsch hochheben? – So vielleicht…
Kein Märchen:
Das Krokodil vom Wannsee. Es wohnt im Seerosenwald vor der „Alten Liebe“. Bitte nicht füttern! Und einen guten Start in die neue Woche!
Als abends noch das Licht ausging,
und die Leute nicht vor dem Fernseher saßen, sondern Garn spannen, an der Küste „Seemannsgarn“ – wie die oft tolldreisten Geschichten hießen, die von alten Seebären an langen Abenden erzählt wurden – bei den Landratten schlicht und ergreifend „Märchen“. Später wurde nicht mehr erzählt, sondern vorgelesen, und weil Kinder gerne mit ins Buch gucken, gab es irgendwann auch Bilder zu den Geschichten, die das Erzählte zusammenfasste, später dann auch auf eigene Weise noch einmal mit erzählten.
Es ist übrigens gar nicht so einfach, Geschichten zu illustrieren. Vor allem nicht solche, die wir alle auf die eine oder andere Weise schon kennen. Grimms Märchen zum Beispiel. Und es ist das Verdienst von Herbert Leupin, für diese alten Texte neue Bilder gefunden zu haben. Leupin wurde 1916 in der Schweiz geboren. Er ging sehr ungern zur Schule und ergriff konsequent gleich die erste Gelegenheit, die Erziehungsanstalt zu verlassen. Malen konnte er. Er wurde Grafiker, öffnete ein eigenes Büro, wurde ein äußerst erfolgreicher Grafiker (naaaa, wer kennt sie nicht, die Milka-Kuh?).
Noch während des 2. WKs nahm er den Auftrag an, Märchen der Brüder Grimm zu illustrieren. Nicht in einer Gesamtausgabe. Sondern Märchen für Märchen. Was eine wichtige Änderung nach sich zog: Es entstanden Bilderbücher, in denen Text und Bild quantitativ (und wie sich zeigen sollte auch qualitativ) gleichberechtigt waren. Kurz, die Bilder hatten genug Zeit (=Platz), die Geschichten auf ihre weise zu erzählen, sehr zum Vergnügen des Publikums. Von 1944 bis 1949 illustrierte Leupin neun Märchen, darunter „Dornröschen“, „Hans im Glück“, „Schneewittchen“, „Der gestiefelte Kater“. Der NordSüd Verlag hat diese Märchen jetzt zusammen mit Leupins Illustrationen in einer Gesamtausgabe neu herausgegeben. Ein großes Vergnügen! Für Kinder gibt es viel zu schauen und zu kommentieren, für Erwachsene gibt es kompliziertere Vergnügen, zum Beispiel mögliche Vorlagen Leupins aus der Malerei aber auch aus den Kinofilmen der Zeit herauszufinden. Soviel sei verraten: die Romantiker kommen vor, die Maler der Neuen Sachlichkeit, aber auch Matisse und Dali. Aber auch die Märchentexte hauen einen doch immer wieder um. Ich jedenfalls war platt – und nein! Natürlich enden sie nicht mit „…wenn sie nicht gestorben sind, dann…“ – Das Märchen „Hänsel und Gretel“ hat eine Maus am Schluss, die den Faden abbeißt: „Mein Märchen ist aus, dort läuft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große, große Pelzkappe daraus machen.“ Gute Nacht!
Der Bruder der Hoffnung
heißt Erinnerung.
Aus dem Arbeitsleben von Henry Marsh: „Um Leben und Tod“
Henry March ist Neurochirurg. Mittlerweile in Rente und nur noch gelegentlich als Gastoperateur in der Ukraine im OP-Saal. Ein Ass, was Hirn- und Wirbelsäulenoperationen angeht. Ein begeisterter Chirurg, ein sympathischer Mensch. Einer, der seine Grenzen kennt. Der weiß, dass Fehler eben doch passieren. Und der damit leben muss, dass seine Fehler für andere oft tödlich enden. Im letzten Jahr ist sein Buch über den ganz normalen Chirurgenalltag in England erschienen, dieses Jahr kam es in deutscher Übersetzung auf den Markt.
Harter Stoff. Nix für Angsthasen. Und auch nix zum In-einem-Rutsch-Durchlesen, auch wenn alle Kapitel spannend geschrieben sind, schließlich geht es fast immer – wie in einem Krimi – um Leben und Tod. Ein wichtiges Buch, eins, das den Arztserien Paroli bietet, eins, das in eine Welt führt, die wohl niemand von uns freiwillig betritt (denn wenn wir im OP landen, dann doch meist als Patient, nicht als Operateur). Es ist trotz der zahlreichen quälend minutiösen Beschreibungen und dem so oft hoffnungslosen Wettlauf gegen den Tod, ein wichtiges und – auf lange Sicht – beruhigendes Buch. Mich jedenfalls entspannt die Tatsache, von einem „normalen“ Menschen und nicht von einem „Gott in Weiß“ operiert zu werden. Ich kann den Vorgang, der für mein Leben Konsequenzen haben wird (so oder so), besser einordnen, oder mich besser hineinbegeben, wenn ich verstehe, dass so ein Eingriff keine Sensation ist, sondern ein Termin in einem ärztlichen Arbeitsalltag. Die Erwartungen werden vielleicht kleiner, aber die Dankbarkeit um so größer für alles, was geht.
Marsh schreibt im Großen und Ganzen seine Arbeits-Biografie: über seinen späten Wunsch, Arzt zu werden, über Umwege, eine harte, lange Ausbildung und die Zeit als Oberarzt im Krankenhaus. Er schreibt über seine Fehleinschätzungen in jungen Jahren, über das, was im Gesundheitswesen – insbesondere in Krankenhäusern – schief läuft, über Verbesserungen der Technik und die immer wieder neu zu justierende Teamarbeit auf den Stationen. Gleichzeitig umreißt er sein Arbeitsgebiet. Die Kapitel tragen meist den Namen einer Krankheit, die er im Laufe seiner Karriere behandelt hat, hier und da schleichen sich aber andere Diagnosen ein, „Melodrama“ zum Beispiel oder „Hybris“ und hier geht es um die Gefahren, denen die Ärzte als Menschen in ihrem Beruf ausgesetzt sind. Dass sie zum Beispiel unaufmerksam sind, und schon einen lebensgefährlichen Fehler machen. Dass sie Fehler machen, weil sie gelegentlich nicht genug über ihren Tellerrand schauen, weil sie Konkurrenz fürchten, weil sie müde sind, weil sie all den Dingen ausgesetzt sind wie unsereins, mit dem Unterschied, dass meine Fehler weitestgehend auf mich zurückfallen. Es ist eine Hommage an Ärzte und ihren riskanten Einsatz für ihre Patienten. Es ist aber auch der Rückblick auf ein gelungenes Leben. Was nicht bedeutet, dass es ein durch und durch glückliches war. Es gibt Krisen, eine Scheidung, ein eigenes Kind mit Hirntumor, der Tod der Mutter und immer wieder Gerichtstermine, in denen sich Marsh als gescheiterter Operateur verantworten muss.
Und dann gibt es da noch das Rätselhafteste überhaupt: Unser Gehirn. Es ist Ich und Du und die Welt. Es ist Glück und Unglück, es ist – so stelle ich mir das zumindest vor – der Horizont jedes einzelnen Menschen und es ist das einzige Organ in unserem Körper, das keinen Schmerz kennt. Am Hirn kann man (und davon wird auch gelegentlich Gebrauch gemacht) ohne Narkose operieren, nur eine örtliche Betäubung für Haut und Schädel reichen. Marsh ist besessen vom menschlichen Gehirn. Bei jeder Operation fasziniert ihn die Schönheit des Organs und seine scheinbar grenzenlosen Fähigkeiten aufs Neue. Er betrachtet es, zumindest während der OP, als zartes Wesen, das es nicht zu verletzen gilt. Zurück im Büro oder im Gemeinschaftsraum kann ihm da auch schon mal ein grobes Wort entgleiten, was ich ihm aus zwei Gründen verziehen habe: Einmal ist er ehrlich und zum anderen kann wahrscheinlich kein Mensch die tägliche Verantwortung über Leben und Tod ohne gelegentliche Ausrastet auf sich nehmen.
Ein wichtiges Fazit, eins, das man selten von Ärzten zu hören bekommt: Zu wissen, wann man aufhören muss. „Oft“ – so schreibt Marsh – „ist es ohnehin besser, der Krankheit ihren natürlichen Lauf zu lassen und überhaupt nicht zu operieren.“ Sein Buch ist ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit in unserem durchorganisierten Gesundheitswesen. Eins gegen das bloß Machbare. Eins für die Rückgewinnung von Verantwortung, auch der Betroffenen. Für mich war es eine ganz besondere Lehre: zu sehen, wie riskant manche Berufe sind und zu verstehen, wie gut ich es mit meiner Arbeit diesbezüglich getroffen habe. Was vielleicht auf der Rückseite heißt, hier und da mehr Risiko zu wagen. Ein anderer wesentlicher Satz fällt gleich im Vorwort:
„Wenn wir als Patienten im Krankenhaus liegen, um unser Leben bangen und uns ein furchteinflößender chirurgischer Eingriff bevorsteht, müssen wir den Ärztinnen und Ärzten, die uns behandeln, vertrauen – zumindest machen wir uns das Leben ziemlich schwer, falls wir das nicht tun.“
Ein tolles Buch, auch wenn es einem gelegentlich doch ziemlich nah geht. Hier und da zeigt sich Marsh als unerträgliches Chef-Ekel, mal mäkelt und jammert er rum und man möchte eine Seite überspringen oder gleich auch zwei. Aber es ist klar, dass er sich selbst so zeigen will, wie er nun mal ist. Nicht, um geliebt zu werden, sondern um die Verhältnisse in einem Krankenhaus so zu beschreiben, wie er sie aus einem jahrzehntelangen Arbeitsalltag kennt. Sein Lieblingsabschied steht am Schluss, der, den er nur von Patient/innen hört, die geheilt die Klinik verlassen:
„Ich hoffe, dass wir uns nie wiedersehen.“
Henry Marsh, Um Leben und Tod – Ein Hirnchirurg erzählt vom Heilen, Hoffen und Scheitern. Deutsche Verlags-Anstalt 2015. Einen herzlichen Dank an Random-House für das Rezensionsexemplar.








