Aus dem Arbeitsleben von Henry Marsh: „Um Leben und Tod“

Henry March ist Neurochirurg. Mittlerweile in Rente und nur noch gelegentlich als Gastoperateur in der Ukraine im OP-Saal. Ein Ass, was Hirn- und Wirbelsäulenoperationen angeht. Ein begeisterter Chirurg, ein sympathischer Mensch. Einer, der seine Grenzen kennt. Der weiß, dass Fehler eben doch passieren. Und der damit leben muss, dass seine Fehler für andere oft tödlich enden. Im letzten Jahr ist sein Buch über den ganz normalen Chirurgenalltag in England erschienen, dieses Jahr kam es in deutscher Übersetzung auf den Markt.

Harter Stoff. Nix für Angsthasen. Und auch nix zum In-einem-Rutsch-Durchlesen, auch wenn alle Kapitel spannend geschrieben sind, schließlich geht es fast immer – wie in einem Krimi – um Leben und Tod. Ein wichtiges Buch, eins, das den Arztserien Paroli bietet, eins, das in eine Welt führt, die wohl niemand von uns freiwillig betritt (denn wenn wir im OP landen, dann doch meist als Patient, nicht als Operateur). Es ist trotz der zahlreichen quälend minutiösen Beschreibungen und dem so oft hoffnungslosen Wettlauf gegen den Tod, ein wichtiges und – auf lange Sicht – beruhigendes Buch. Mich jedenfalls entspannt die Tatsache, von einem „normalen“ Menschen und nicht von einem „Gott in Weiß“ operiert zu werden. Ich kann den Vorgang, der für mein Leben Konsequenzen haben wird (so oder so), besser einordnen, oder mich besser hineinbegeben, wenn ich verstehe, dass so ein Eingriff keine Sensation ist, sondern ein Termin in einem ärztlichen Arbeitsalltag. Die Erwartungen werden vielleicht kleiner, aber die Dankbarkeit um so größer für alles, was geht.

Marsh schreibt im Großen und Ganzen seine Arbeits-Biografie: über seinen späten Wunsch, Arzt zu werden, über Umwege, eine harte, lange Ausbildung und die Zeit als Oberarzt im Krankenhaus. Er schreibt über seine Fehleinschätzungen in jungen Jahren, über das, was im Gesundheitswesen – insbesondere in Krankenhäusern – schief läuft, über Verbesserungen der Technik und die immer wieder neu zu justierende Teamarbeit auf den Stationen. Gleichzeitig umreißt er sein Arbeitsgebiet. Die Kapitel tragen meist den Namen einer Krankheit, die er im Laufe seiner Karriere behandelt hat, hier und da schleichen sich aber andere Diagnosen ein, „Melodrama“ zum Beispiel oder „Hybris“ und hier geht es um die Gefahren, denen die Ärzte als Menschen in ihrem Beruf ausgesetzt sind. Dass sie zum Beispiel unaufmerksam sind, und schon einen lebensgefährlichen Fehler machen. Dass sie Fehler machen, weil sie gelegentlich nicht genug über ihren Tellerrand schauen, weil sie Konkurrenz fürchten, weil sie müde sind, weil sie all den Dingen ausgesetzt sind wie unsereins, mit dem Unterschied, dass meine Fehler weitestgehend auf mich zurückfallen. Es ist eine Hommage an Ärzte und ihren riskanten Einsatz für ihre Patienten. Es ist aber auch der Rückblick auf ein gelungenes Leben. Was nicht bedeutet, dass es ein durch und durch glückliches war. Es gibt Krisen, eine Scheidung, ein eigenes Kind mit Hirntumor, der Tod der Mutter und immer wieder Gerichtstermine, in denen sich Marsh als gescheiterter Operateur verantworten muss.

Und dann gibt es da noch das Rätselhafteste überhaupt: Unser Gehirn. Es ist Ich und Du und die Welt. Es ist Glück und Unglück, es ist – so stelle ich mir das zumindest vor – der Horizont jedes einzelnen Menschen und es ist das einzige Organ in unserem Körper, das keinen Schmerz kennt. Am Hirn kann man (und davon wird auch gelegentlich Gebrauch gemacht) ohne Narkose operieren, nur eine örtliche Betäubung für Haut und Schädel reichen. Marsh ist besessen vom menschlichen Gehirn. Bei jeder Operation fasziniert ihn die Schönheit des Organs und seine scheinbar grenzenlosen Fähigkeiten aufs Neue. Er betrachtet es, zumindest während der OP, als zartes Wesen, das es nicht zu verletzen gilt. Zurück im Büro oder im Gemeinschaftsraum kann ihm da auch schon mal ein grobes Wort entgleiten, was ich ihm aus zwei Gründen verziehen habe: Einmal ist er ehrlich und zum anderen kann wahrscheinlich kein Mensch die tägliche Verantwortung über Leben und Tod ohne gelegentliche Ausrastet auf sich nehmen.

Ein wichtiges Fazit, eins, das man selten von Ärzten zu hören bekommt: Zu wissen, wann man aufhören muss. „Oft“ – so schreibt Marsh – „ist es ohnehin besser, der Krankheit ihren natürlichen Lauf zu lassen und überhaupt nicht zu operieren.“ Sein Buch ist ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit in unserem durchorganisierten Gesundheitswesen. Eins gegen das bloß Machbare. Eins für die Rückgewinnung von Verantwortung, auch der Betroffenen. Für mich war es eine ganz besondere Lehre: zu sehen, wie riskant manche Berufe sind und zu verstehen, wie gut ich es mit meiner Arbeit diesbezüglich getroffen habe. Was vielleicht auf der Rückseite heißt, hier und da mehr Risiko zu wagen. Ein anderer wesentlicher Satz fällt gleich im Vorwort:

„Wenn wir als Patienten im Krankenhaus liegen, um unser Leben bangen und uns ein furchteinflößender chirurgischer Eingriff bevorsteht, müssen wir den Ärztinnen und Ärzten, die uns behandeln, vertrauen – zumindest machen wir uns das Leben ziemlich schwer, falls wir das nicht tun.“

Ein tolles Buch, auch wenn es einem gelegentlich doch ziemlich nah geht. Hier und da zeigt sich Marsh als unerträgliches Chef-Ekel, mal mäkelt und jammert er rum und man möchte eine Seite überspringen oder gleich auch zwei. Aber es ist klar, dass er sich selbst so zeigen will, wie er nun mal ist. Nicht, um geliebt zu werden, sondern um die Verhältnisse in einem Krankenhaus so zu beschreiben, wie er sie aus einem jahrzehntelangen Arbeitsalltag kennt. Sein Lieblingsabschied steht am Schluss, der, den er nur von Patient/innen hört, die geheilt die Klinik verlassen:

„Ich hoffe, dass wir uns nie wiedersehen.“ 

Henry Marsh, Um Leben und Tod – Ein Hirnchirurg erzählt vom Heilen, Hoffen und Scheitern. Deutsche Verlags-Anstalt 2015. Einen herzlichen Dank an Random-House für das Rezensionsexemplar.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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