Als abends noch das Licht ausging,

und die Leute nicht vor dem Fernseher saßen, sondern Garn spannen, an der Küste „Seemannsgarn“ – wie die oft tolldreisten Geschichten hießen, die von alten Seebären an langen Abenden erzählt wurden – bei den Landratten schlicht und ergreifend „Märchen“. Später wurde nicht mehr erzählt, sondern vorgelesen, und weil Kinder gerne mit ins Buch gucken, gab es irgendwann auch Bilder zu den Geschichten, die das Erzählte zusammenfasste, später dann auch auf eigene Weise noch einmal mit erzählten.

Es ist übrigens gar nicht so einfach, Geschichten zu illustrieren. Vor allem nicht solche, die wir alle auf die eine oder andere Weise schon kennen. Grimms Märchen zum Beispiel. Und es ist das Verdienst von Herbert Leupin, für diese alten Texte neue Bilder gefunden zu haben. Leupin wurde 1916 in der Schweiz geboren. Er ging sehr ungern zur Schule und ergriff konsequent gleich die erste Gelegenheit, die Erziehungsanstalt zu verlassen. Malen konnte er. Er wurde Grafiker, öffnete ein eigenes Büro, wurde ein äußerst erfolgreicher Grafiker (naaaa, wer kennt sie nicht, die Milka-Kuh?).

Noch während des 2. WKs nahm er den Auftrag an, Märchen der Brüder Grimm zu illustrieren. Nicht in einer Gesamtausgabe. Sondern Märchen für Märchen. Was eine wichtige Änderung nach sich zog: Es entstanden Bilderbücher, in denen Text und Bild quantitativ (und wie sich zeigen sollte auch qualitativ) gleichberechtigt waren. Kurz, die Bilder hatten genug Zeit (=Platz), die Geschichten auf ihre weise zu erzählen, sehr zum Vergnügen des Publikums. Von 1944 bis 1949 illustrierte Leupin neun Märchen, darunter „Dornröschen“, „Hans im Glück“, „Schneewittchen“, „Der gestiefelte Kater“. Der NordSüd Verlag hat diese Märchen jetzt zusammen mit Leupins Illustrationen in einer Gesamtausgabe neu herausgegeben. Ein großes Vergnügen! Für Kinder gibt es viel zu schauen und zu kommentieren, für Erwachsene gibt es kompliziertere Vergnügen, zum Beispiel mögliche Vorlagen Leupins aus der Malerei aber auch aus den Kinofilmen der Zeit herauszufinden. Soviel sei verraten: die Romantiker kommen vor, die Maler der Neuen Sachlichkeit, aber auch Matisse und Dali. Aber auch die Märchentexte hauen einen doch immer wieder um. Ich jedenfalls war platt – und nein! Natürlich enden sie nicht mit „…wenn sie nicht gestorben sind, dann…“ – Das Märchen „Hänsel und Gretel“ hat eine Maus am Schluss, die den Faden abbeißt: „Mein Märchen ist aus, dort läuft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große, große Pelzkappe daraus machen.“ Gute Nacht!

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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