Aber vielleicht doch ein Tanz

Die Distanz hat in unserer Zeit einen schlechten Ruf. Distanzierte Menschen gelten als scheu und ungesellig, Nähe ist die große Qualität in Beziehungen, wer auf Distanz geht, ist fast schon weg (zumindest gefühlt). Dabei ist Distanz vielleicht die größte Chance, einander nah zu sein. Jaja, so sind wir Menschen nun mal: Wo ein Widerspruch ist, ist auch ein Weg. Sich zu distanzieren heißt ja im ersten Moment lediglich Abstand gewinnen (und eben nicht: die Flucht ergreifen). Wenn ich zum Beispiel mehr Abstand zum Spiegel einhalte, sehe ich besser aus (und nicht nur, weil ich kurzsichtig bin). Ich bin einfach als ganze Person zu sehen, wo Details den Blick zu sehr lenken und die Proportionen verkehren. Distanz halten kann auch bedeuten, dass ich mich in Bezug auf mein Gegenüber wieder stärker spüren kann. Und wie mir neulich schon aufging: Vielleicht ist der Raum zwischen mir und dem oder der Anderen der entscheidende Moment des Beziehungsglücks und nicht so sehr (oder nur) der oder die Andere selbst. In diesem Sinne „Let’s dance!“

Weiterdrehen

denke ich, Augen schließen und drehen, mit leichtem Schwindel, bloß nicht stehen bleiben und atmen, damit die Regen fallen und die Wolken fliegen, drehen, durch die Dunkelheit, auf ewig festgelegter Bahn (oder wie war das?), einer Ballerina gleich, die auf den Klebspuren über den Bühnenboden schwebt (während die Knochen wehtun, was denkst du denn?). Überschläge, nach links schauen, wo ist bloß schon wieder der Mond, oder die Nereiden, das neckische Volk der Kamikazefliegerinnen, schon wieder vorbei für ein Jahr? Was ein Glück! Nicht übermütig werden, sonst schwappen die Wasser hoch und was sonst noch, ein ewiger Flug um die Sonne, mein Licht, meine Hitze, mein Leben und Tod, wenn verloschen. Weiterdrehen. Morgen ist schließlich schon wieder Montag.

Dinosaurier am Stil?

Würde man Ernst mit Kinderuniversitäten machen, würde Dino-Kunde (erwachsen ausgedrückt Paläontologie) wohl auf einem der ersten Ränge stehen. Die Faszination für Urzeitmonster scheint eine kindliche Konstante – vielleicht der Übergang aus Märchenwelten in die so genannte Realität? Oder gibt es eine kindliche Sehnsucht nach einer menschenleeren Welt? Oder sind die Urviecher ihr Bild für eine nicht berechenbare Umgebung? – Alles ein bisschen wirr? Geschenkt! Ich bin hundemüde. Deshalb nur noch das: Das neue Buch von Andreas Steinhöfel ist da. Nein, es kommt ganz ohne Dinosaurier aus – dreht sich allerdings um einen noch älteren Kollegen aus der Urzeit: den Mond. Und damit ein blitzschnelles Gute Nacht! Sonst schlafe ich noch am Schreibtisch ein.

Ein Sonnenuntergang in Schöneberg

nun – ich habe ihn so gesehen, und auch fotografiert, allerdings ist das keineswegs die Sonne. Die sank nämlich gerade hinter einer dichtgrauen Wolkendecke (eben, fast so opak wie eine Wolldecke) hinter den Horizont und ließ uns Berliner/innen bei schlappen drei Grad nach Hause oder zum Einkauf gehen. So wiederum habe ich Proust für mich heute umgedeutet, der darauf hinwies, wie der Impressionismus eine neue – dem Alltagsblick überlegene – Form des Sehens biete, eine Art Verfälschung durch momentane Aufnahmen, die sich einer eindeutigen Interpretation entziehen, und damit eine neue Dimension der Wirklichkeit öffnet. Eine Wüstensonne in Schöneberg – ja, warum denn eigentlich nicht?

Auf der Suche nach dem Augenblick

Von wegen! Ich bin eher auf der Suche nach Zitaten über den Augenblick in Marcel Prousts „Recherche“, weil ich mir in den Kopf gesetzt habe, das könnte eine schöne „Begleitmusik“ für einen Text zu einer Ausstellung von Nabis-Künstlern sein. Und habe mich, statt in die Maler, einmal mehr in Proust verliebt. Wenn er sagt:

„Die Erschaffung der Welt hat nicht ein für allemal stattgefunden (…), sie findet unabwendbar alle Tage wieder statt.“

Oder:

„Denn der Mensch ist ein Wesen ohne festes Lebensalter, ein Wesen, das die Fähigkeit besitzt, in wenigen Sekunden um Jahre jünger zu werden, und das innerhalb der Wände der Zeit, in der es gelebt hat, auf und ab schwebt wie in einem Bassin, dessen Spiegel unaufhörlich auf und nieder steigt und es bald auf die Höhe dieser, bald auf die Höhe jener Epoche trägt.“

Das Wasser in dem Bassin war bei weitem nicht grün. Doch weil ich mich heute beim Frisör zu Strähnchen hab hinreißen lassen, müssen jetzt eben auch Fotos herhalten. Nur heute, versprochen…

Pierre Boulez

Nein, es ist nicht überraschend, wenn ein Neunzigjähriger stirbt. Überflüssig erscheint es mir dagegen oft, dieses Sterben. Nicht, dass ich Boulez gekannt hätte. Nicht mal – ich habe ihn zweimal nur live in der Berliner Philharmonie erlebt. Kaum je, dass ich eine solche Konzentration, Stille, Kraft erlebt habe. Ein eher kleiner Mann. Die Augen fast immer auf der Partitur. Keine Ahnung. Ich bin sicher, er kannte die Noten (ich meine – alle Noten). Aber wenn er aufblickte: Power ohne Ende. Der hat die Philharmoniker in die Knie gezwungen und in den Himmel katapultiert, ohne Gefuchtel, ohne Grimassen, Szenen. Zwei der größten Konzerte, die ich je gehört habe. Eine Aufnahme besitze ich von ihm, Pelleas et Mélisande von Schönberg. Für mich eine schöne Koinzidenz, dass Kent Nagano heute Abend in Hamburg ebenfalls Pelleas et Mélisande dirigiert, allerdings in der Fassung von Claude Debussy. Man möchte meinen, dass die Erde bebt oder die Luft dünner wird, wenn die eigenen großen Helden gehen. Natürlich nix davon. Aber ein untröstliches Herz.

Wellen schlagen

Bloggen war für mich von Anfang an ein Experiment. Ich war neugierig – aber nicht allzu scharf drauf. Ich wollte sehen, lesen, kapieren, wie das funktioniert, was mir einfallen und auffallen würde, ob ich eine Weile durchhalten könnte und ob aus dem Durchhalten eine Selbstverständlichkeit würde. Ich habe mich umgeschaut bei anderen Blogger/innen und so allmählich tauchte ich in diese für mich neue Welt ein. Manchmal schon wollte ich aufhören, manchmal musste ich arg den Kopf schütteln. Aber es gab auch immer feste Adressen, die ich ansteuerte, morgens meist, die mir gute Ideen lieferten, vor allem auf Lesetipps war ich aus.

Sätze und Schätze gehörte zu diesen Adressen. Die jetzt, durchaus mit Ankündigung, aber für mich doch völlig überraschend vom Bildschirm verschwunden ist. Und wie so oft merke ich erst spät, was ich da eigentlich für einen Schatz entdeckt hatte (von den Sätzen mal abgesehen). Stets überlegte, kluge und ausgewogene Berichte über gerade gelesene und gern gemochte Bücher/Lektüren, immer mit der eigenen Stimme vorgetragen, durchaus polemisch oder parteiisch, aber nie überheblich, eine erfahrene Leserin, die uns ihre Vorlieben und Abneigungen ohne Scheu preisgibt und doch stets mit Respekt geurteilt hat. Liebe Birgit, vielen Dank für Deine Beträge, die oft in so einem Affenzahn daherkamen, dass ich nicht mal mit dem Lesen mithalten konnte. Natürlich werden mir die Artikel fehlen. Und ich hoffe, dass Du später einmal zurück kommst (und ich Dich noch mal finde). Bis dahin alles Gute – und noch mal: danke!

 

Warten oder wollen?

Ein Vorsatz ist doch eigentlich auch nur ein Plan. Eine Hoffnung vielleicht. Ich war erstaunt, in den Blogs so viel Verweigerung zu lesen: keine Vorsätze fürs Neue Jahr, bloß so bleiben, wie man ist. Echt jetzt? Andererseits gab es nachmittags, während der Arbeit einen klaren Satz, der sich in meinem Kopf artikulierte und wirklich nichts mit dem auf meinem Schreibtisch zu tun hatte. „Ich warte immer noch. Aber wenn der richtige Moment gekommen ist, greife ich zu.“ Mich hat diese unerwartete Äußerung aus meinem Inneren überrascht. Zumal ich mir über das Warten längst nicht sicher bin. Soll ich meine Vorsätze streichen? Oder heißt es in Wahrheit: Warten und wollen?