Nein, es ist nicht überraschend, wenn ein Neunzigjähriger stirbt. Überflüssig erscheint es mir dagegen oft, dieses Sterben. Nicht, dass ich Boulez gekannt hätte. Nicht mal – ich habe ihn zweimal nur live in der Berliner Philharmonie erlebt. Kaum je, dass ich eine solche Konzentration, Stille, Kraft erlebt habe. Ein eher kleiner Mann. Die Augen fast immer auf der Partitur. Keine Ahnung. Ich bin sicher, er kannte die Noten (ich meine – alle Noten). Aber wenn er aufblickte: Power ohne Ende. Der hat die Philharmoniker in die Knie gezwungen und in den Himmel katapultiert, ohne Gefuchtel, ohne Grimassen, Szenen. Zwei der größten Konzerte, die ich je gehört habe. Eine Aufnahme besitze ich von ihm, Pelleas et Mélisande von Schönberg. Für mich eine schöne Koinzidenz, dass Kent Nagano heute Abend in Hamburg ebenfalls Pelleas et Mélisande dirigiert, allerdings in der Fassung von Claude Debussy. Man möchte meinen, dass die Erde bebt oder die Luft dünner wird, wenn die eigenen großen Helden gehen. Natürlich nix davon. Aber ein untröstliches Herz.

Monika Bartel 8. Januar 2016
Doch “ der Tod „, ist eine Überraschung.
Für einen selbst und andere, egal in welchem Alter – er – nach uns greift.
Er kündet sich nicht an. Er nimmt uns unser Leben.
Je älter wir werden, um so wertvoller wird die Zeit. Mühsamer, erschwerender sind die alltäglichen Abläufe. Es zählt weder Geld noch Gut, sondern nur “ LEBEN „.
Im Alter entwickelt sich das Bewusstsein zur Endlichkeit. Das bedeutet sich zu Verabschieden, von allem was einem lieb und teuer war.
Es gibt keine Zukunft, nur ein Heute.
Herzlich Gruß
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Stephanie Jaeckel 8. Januar 2016
Liebe Monika, ich verstehe nicht ganz, was Du meinst. „Überraschend“ in dem Sinn, dass dieses Sterben passiert, obwohl der Mensch, der gerade gestorben ist, eben oder gestern noch – im besten Fall – munter war? Der Tod kündigt sich – nach meiner Erfahrung – hier oder da an. Das Alter zähle ich dazu. Schwere Krankheiten, verschiedene Süchte, Todessehnsucht, Verzweiflung. Und deswegen empört es mich natürlich genauso wenn 90jährige sterben. „Überflüssig“ habe ich oben geschrieben – das war vielleicht etwas missverständlich. Es ist empörend – und an dieser Stelle treffen wir uns, wenn ich Dich am Ende doch richtig verstehe?
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Monika 8. Januar 2016
Liebe Stephanie,
es stimmt, manchmal und du hast es aufgezählt, kündet er sich an. Manchmal, aber er ist immer noch in der Ferne. Der Zeitpunkt des Todes, ist das Überraschende, (die Überraschung). Obwohl man aus den besagten Gründen damit rechnen könnte, kommt er wie aus dem Nichts. Der Tod, ist nicht umtauschbar, oder eintauschbar.
Wenn man nicht zu der Familie, Angehörigen, Freunden zählt, dann sagt man leicht: “ Immerhin , er oder sie haben schon das Alter erreicht, oder es war abzusehen“. Aber was ist wenn uns ein Unfall, eine Katastrophe ereilt, sind dann Alter, Süchte, Krankheiten, als – nicht überraschend – zu werten?
Ich bin beim lesen aufmerksam geworden, auf eine Weise, wie schon lange nicht mehr. Erst im zweiten Ansatz habe ich verinnerlicht, um wen es ging.
Ein gutes Wochenende
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