Wer hätte das gedacht?

Nicht nur Bademeister haben im Sommer einen Top-Job. Auch Museumswächter können gelegentlich ein exklusives Outdoor-Leben führen, zumindest, wenn sie in der Bundeskunsthalle in Bonn arbeiten.

Leben ohne zu Hause

Eben habe ich auf dem Berliner Hauptbahnhof einen Journalisten-Kollegen getroffen. An sich keine große Sache. Nur der Ort war – nun, erst mal auch nicht ungewöhnlich: Eines dieser Bahnhofscafés, wo man noch schnell etwas bestellt, um es mit in den Zug zu nehmen, oder vorher zu futtern oder zu trinken. Der Mann hatte keinen Koffer dabei, dafür eine große Aktentasche. Er suchte eine Steckdose, da nur an meinem Tisch eine für seine Kabellänge erreichbar war, fragte er, ob er sich dazusetzen könne. Wir kamen ins Gespräch. Er stellte sich als syrischer Journalist vor. Wir haben eine Weile miteinander geredet – mich interessierte natürlich, wie er sich hier in Deutschland fühle (dankbar, übrigens) – bis ich begriff, dass dieses Café sein Büro war. Er lebt in einer Flüchtlingsunterkunft, zum Arbeiten kommt er ins Café. Klar, würde ich wahrscheinlich sogar auch so machen. Aber was für ein anstrengendes Leben!

Reminder:

„Wenn wir unser Leben nur auf der Überholspur leben, vergessen wir unsere menschlichsten Gesten“ – 

so Papst Franziskus, zitiert von Wim Wenders in der heutigen Ausgabe der Berliner Zeitung.

Morgens in den Spiegel lachen

Wahrscheinlich ist es nur eine Phase. Und: Nein, ich habe den Film, für den diese Karte wirbt, nicht gesehen. Aber wahrscheinlich hat mich sein Titel „I feel pretty“ für meinen jetzigen Zustand inspiriert. „I feel“ ist ja am Ende der Trick, der in anderen Zusammenhängen – und im schönsten englischen Coaching-Deutsch heißt: „Fake it till you make it“.

Ich sehe im Moment schlicht und ergreifend schön aus. Das „wie schön“ oder „wie schön im Vergleich zu Nachbarinnen, Kolleginnen, Hollywoodstars“ lasse ich  weg. Bringt nix und lässt mich bald schon den Kürzeren ziehen. Bisher kam ich beim Blick in den Spiegel meist auf ein „sehr o.k.“ – ich meine, in den besten Fällen. Vermutlich, um mich vor allen Begegnungen zu wappnen, die mir an dem Tag oder an dem Abend mit sehr schönen Menschen noch bevorstand. Ich hielt mir für realistisch und war zufrieden.

Doch wie beglückend es sein kann, sich selbst rundum schön zu finden, wusste ich nicht. Geschenkt, kein Mensch kann jedes Gefühl auskosten oder alle möglichen Erfahrungen selbst machen. Dennoch ahnte ich schon lange, dass es an mir lag, diese Kunst zu erlernen, d.h. dass es nicht an messbaren Fakten liegt, ob ein Mensch sich – zumindest gelegentlich – in sein Spiegelbild verliebt, oder nicht. Was ich ebenfalls nicht wusste, wie befreiend es ist, Kleidung nicht mehr zum Kaschieren von „Problemzonen“ zu benutzten. Ich trage zur Zeit Kleider, die ich mir noch letztes Jahr nicht mal im Laden angeguckt habe. Keine Angst: ich laufe nicht als rekonstruierte 16jährige durch die Gegend (obwohl das wahrscheinlich auch o.k. wäre). Auch nicht als verspätetes erotisches Versprechen. Ich finde nur, dass mein Körper da, wo er sicher nicht den Idealmaßen entspricht, keineswegs zu verstecken ist. Mein Körper, das bin ich. Mein ganzer Körper.

Wer misstrauisch ist, mag diesen Wandel auch zu den positiven Folgen des Alterns zählen, schließlich liegt im eigenen Jahrgang die Latte nicht mehr ganz so hoch. Alle werden alt: hach, wie befreiend! Aber es ist so verblüffend anders. Ich meine, noch vor ein paar Wochen habe ich automatisch dorthin geschaut, wo gewisse „Mängel“ sich breit machen, altersbedingte oder solche, die ich geerbt oder durch zu wenig Sport und zu viele Gummibärchen selbst verursacht habe. Jetzt schaue ich dahin: dieselben Anzeichen. Aber ich finde das nicht mal nur nicht schlimm. Ich denke: Sieht doch gut aus. WOW!

Vielleicht ist es das lange Training, denn ich weiß, dass Schönheit nur im eigenen Blick liegt. Schließlich habe ich mich nie in Topmodells verliebt und auch meine Freund/innen finde ich allesamt schön. Dass es kein plötzliches Umschalten ist, weiß ich. Aber ob der Schalter jetzt so liegen bleibt, ist abzuwarten. Schon lange habe ich mich auf diesen Moment vorbereitet. Denn im Grunde war ich es leid, mich ohne Idealmaße automatisch minderwertig zu fühlen. Es gibt ein schönes Lied von Jamila Woods mit dem Titel „Holy“, der fängt dieses Vergnügen mit sich selbst sehr schön ein.„Woke up this morning with my mind set on loving me…“ lautet die erste Zeile. In diesem Sinne…

 

Wasserwelt

Jahrelang hatte ich einen Traum, der sich endlos zu wiederholen schien, nein, es war vielmehr ein Traumschnipsel, der immer wieder in größeren Sequenzen auftauchte, in immer neuen Varianten daher kam und immer einen glücklichen Moment versprach:

Ich stehe am Rand eines leeren Schwimmbeckens. Die Wasserfläche ist spiegelglatt. Ich springe hinein und bin von Blau umgeben. Ich schwimme, ich tauche, ich bin frei, ich bin eine Fischfrau.

Jahrelang dachte ich, ich könne nicht schwimmen. Schon mit vier habe ich gelernt, mich paddelnd über Wasser zu halten. Meine Eltern sind jedes Jahr mit mir an die Nordsee gefahren. Ich war quasi immer im Meer. Und kam offenbar gut zurecht mit der oft ruppigen Brandung. Als ich in den Schwimmunterricht kam, folgte die große Überraschung: Schwimmen wurde zum Wettschwimmen – für mich eine endlose Enttäuschung. Mein Vater „trainierte“ mich über Jahre jeden Samstag – eine Tortour. Ich bekam Angst vor dem Wasser, ich konnte nicht mehr richtig schwimmen, vermied es, wo es nur ging. Als ich endlich aus der Schule war, bin ich nie mehr freiwillig ins Schwimmbad gegangen. Ins Freibad schon – aber nicht, um zu schwimmen.

Neulich in Luxemburg bin ich aus Neugier mit meiner Freundin zur Wassergymnastik gegangen. Das hat sogar Spass gemacht, obwohl mir die Schlagermusik ziemlich zugesetzt hat. Als die Stunde vorbei war, stiegen alle aus dem Wasser. Das Becken war mit einem Mal frei und ich hatte es ganz für mich alleine. Es war spiegelglatt. Und ich bin vom Rand reingesprungen.

Seitdem gehe ich wieder regelmäßig schwimmen. Mal hier mal da. Noch habe ich kein „Schwimm-Zuhause“ gefunden. Aber es gefällt mir auch so schon ganz gut. Zumal jetzt erst mal der Sommer vor der Tür steht, und an Seen hier im Berliner Umland nun wirklich kein Mangel ist.

Reiselektüre für Daheimgebliebene

Viel ist schon über den scharfen Blick und die noch schärferen Analysen von Joan Didion geschrieben worden. Wo sie hinschaut, mögen andere Leute auch beim zweiten Blick nichts – oder zumindest kaum etwas – bemerken. Joan Didion jedoch brennt ein Loch in die Realität, sie sieht klar, was los ist und schreibt es ebenso klar für uns auf.

Der Reiz an dem bereits Anfang des Jahres bei Ullstein veröffentlichten Buch „Süden und Westen – Notizen“ ist aber ein anderer: In den 1970er Jahren als Vorlagen für eine Reportage geschrieben, blieben die Texte in der Schublade liegen und kamen erst jetzt, d.h. mit einer gut 40jährigen Verspätung an die Öffentlichkeit. Was bei anderen Autor/innen vielleicht eine Erinnerung an alte Zeiten geworden wäre, ist bei Didion eine fast schon unheimliche Voraussicht der US-amerikanischen Gegenwart.

Der erste und weitaus größere Teil spielt im Süden Amerikas, an der Golfküste, wo Sommer ist und die Hitze unerträglich.

„Es gab keine journalistische Notwendigkeit, an irgendeinen der Orte zu fahren, an denen ich damals war; nirgendwo >passierte< etwas, keine berühmten Morde, Gerichtsverfahren, Integrationsverfügungen, Auseinandersetzungen, nicht einmal gefeierte Taten Gottes.

Ich hatte nur das dunkle und unausgereifte Gefühl (…), dass der Süden und besonders die Golfküste für Amerika einige Jahre lang das gewesen war, was, wie die Leute immer noch sagten, Kalifornien war (…): die Zukunft, die geheime Quelle negativer und positiver Energie, das psychische Zentrum. (…)

Didion, die mit ihrem Mann unterwegs ist, macht wenig. Wo es ihr möglich ist, trifft sie Politiker oder andere Honoratioren der jeweiligen Stadt, ansonsten bewegt sie sich scheinbar ziellos umher. Sie muss sich fragen lassen, wer ihr erlaube, Artikel über Hippies und anderen „Abschaum“ zu schreiben, sie bekommt schiefe Blicke, weil sie ihr Haar offen trägt und nicht frisiert, wie es sich im Süden für verheiratete Frauen gehört. Sie fällt bei Regen in ein Matschloch, hat Angst vor Schlagen, trinkt miserablen Kaffee und isst noch miserableres Abendessen zu Zeiten, in denen in New York oder Los Angeles gerade mal der Aperitif serviert wird. Sie ist fasziniert von dem krassen Schwarz-Weiß, das die Sonne in diesen Landstrich brennt. Und sie merkt sofort, dass Natur hier als Feind wahrgenommen wird, nicht als „erlösende“ Wellness-Oase gestresster Städter:

In New Orleans nimmt man die Wildnis als etwas sehr Nahes wahr, nicht als die erlösende Wildnis der westlichen Vorstellungen sondern als etwas Wucherndes, Altes, Bösartiges, (…) als tödliche Bedrohung einer Gemeinschaft, die im tiefsten Kern labil und kolonialistisch ist. Der Effekt davon ist Lebendigkeit, Gier und eine intensive Beschäftigung mit sich selbst; eine für Kolonialstädte nicht ungewöhnliche Eigenschaft und der Hauptgrund, warum ich solche Städte belebend finde.“

Und der entscheidende Grund, warum dieses Buch bei allem Entsetzen nicht moralisch daherkommt. Im Gegenteil, mir hat es große Lust gemacht, selbst einmal die Südstaaten zu besuchen. Als parallele Lektüre empfehle ich den Roman von Paula Fox, „Der Gott der Alpträume“, 1990 erstmals erschienen, der ebenfalls im unheimlichen Schwarz-Weiß New Orleans spielt und ebenso klarsichtig das Leben dort beschreibt.

 

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Joan Didion, Süden und Westen. Notizen, Ullstein Verlag Berlin 2018, übersetzt von Antje Rávic Strubel

Ich danke dem Ullstein-Verlag für das Rezensions-Exemplar!

Wie geht’s?

Kleine Frage, große Ablehnung. So scheint es mir zumindest nachdem ich mehrere Blogbeiträge zum Thema gelesen habe. Tatsächlich tue auch ich mich schwer, wenn ich von Bekannten auf der Straße nach meinem augenblicklichen Befinden gefragt werde. Denn die Frage versteht sich als Floskel, doch je vertrauter mir die Leute sind, die fragen, desto kniffeliger die Lage. Freund/innen gegenüber möchte ich offen sein, oder in ein vertrautes Gespräch einsteigen. Small Talk ist schon in Ordnung, aber mit Menschen, die ich mag, spreche ich lieber ohne Maske.

Wann bloß kam diese Frage auf? Kaum vorzustellen, dass sich unsere Großeltern das beim Vorbeigehen gefragt haben. Die persönliche Befindlichkeit war lange kein Thema zwischen Bekannten, eine so direkte Frage wäre sicher als unhöflich aufgefasst worden.

Mein Vater antwortet übrigens seit Jahren nur noch mit „beschissen“ auf die Frage. Was interessanterweise genauso selbstverständlich aufgenommen wir wie gut oder o.k. – und beweist, dass längst nicht nur positive Antworten akzeptiert werden. „Wie geht’s? ist im Grunde die Frage „geht was“ oder konkreter „hast Du Zeit und Lust, dich mit mir zu unterhalten“. Wo und wie persönlich man einsteigen will, hat dann eher etwa mit Sympathien oder deren Gegenteil zu tun. Wer grundsätzlich Small Talk fürchtet, kann ja mit dem Satz „Ich hab‘ gerade keine Zeit“ kontern. Er ist jedenfalls Floskel genug, um von echten Small-Talker/innen als Antwort akzeptiert zu werden

 

 

Eine andere Perspektive…

Liebe, das sind große Gefühle und ganz großes Kino (zumindest im eigenen Kopf). Aber es verstecken sich hinter diesem Wort auch gefährliche Spiele, die zu Verletzungen – nicht selten zu Selbstverletzungen – führen. Das muss nicht gleich der falsche Partner sein. Selbst in guten Beziehungen gehen wir gelegentlich über Grenzen, und können froh sein, wenn wir wieder heil aufs eigene Terrain kommen.

Ich bin kein unbedingter Fan von Marina Abramovic. Aber ihre Arbeit „Rest Energy“ von 1980, die ich neulich in der Bundeskunsthalle gesehen habe, ließ mir das Blut gefrieren. Vielleicht, weil ich selbst einige Jahre lang Bogenschießen gelernt habe, und weiß, mit welchem Karacho ein Pfeil aus einem noch nicht ganz aufgezogenen Bogen rausschießen kann. Sich mit der Hand am Bogen voller Vertrauen zurückzulehnen, während der Partner den auf einen selbst gerichteten Pfeil hält, der eingespannt ist, pffffff…. – Das ist kein Kinderspiel. Das ist überhaupt kein Spiel. Geschweige denn Sport. Das ist pures Zündeln mit dem Feuer. Ich erinnere mich wohl, selbst hier und da gezündelt zu haben. Dieses Bild des todernst mit sich beschäftigten Paares ist mir allerdings ein Weckruf. Nie wieder, liebe Leute. Da backe ich eher einen Kuchen. Oder putze die Küche. Und sonst? Madrid hat gewonnen! Zidane hat es verdient. Und morgen ist Sonntag.

Die Ausstellung „Marina Abramovic – the Cleaner“ ist noch bis zum 12. August in der Bundeskunsthalle Bonn zu sehen.