Morgens in den Spiegel lachen

Wahrscheinlich ist es nur eine Phase. Und: Nein, ich habe den Film, für den diese Karte wirbt, nicht gesehen. Aber wahrscheinlich hat mich sein Titel „I feel pretty“ für meinen jetzigen Zustand inspiriert. „I feel“ ist ja am Ende der Trick, der in anderen Zusammenhängen – und im schönsten englischen Coaching-Deutsch heißt: „Fake it till you make it“.

Ich sehe im Moment schlicht und ergreifend schön aus. Das „wie schön“ oder „wie schön im Vergleich zu Nachbarinnen, Kolleginnen, Hollywoodstars“ lasse ich  weg. Bringt nix und lässt mich bald schon den Kürzeren ziehen. Bisher kam ich beim Blick in den Spiegel meist auf ein „sehr o.k.“ – ich meine, in den besten Fällen. Vermutlich, um mich vor allen Begegnungen zu wappnen, die mir an dem Tag oder an dem Abend mit sehr schönen Menschen noch bevorstand. Ich hielt mir für realistisch und war zufrieden.

Doch wie beglückend es sein kann, sich selbst rundum schön zu finden, wusste ich nicht. Geschenkt, kein Mensch kann jedes Gefühl auskosten oder alle möglichen Erfahrungen selbst machen. Dennoch ahnte ich schon lange, dass es an mir lag, diese Kunst zu erlernen, d.h. dass es nicht an messbaren Fakten liegt, ob ein Mensch sich – zumindest gelegentlich – in sein Spiegelbild verliebt, oder nicht. Was ich ebenfalls nicht wusste, wie befreiend es ist, Kleidung nicht mehr zum Kaschieren von „Problemzonen“ zu benutzten. Ich trage zur Zeit Kleider, die ich mir noch letztes Jahr nicht mal im Laden angeguckt habe. Keine Angst: ich laufe nicht als rekonstruierte 16jährige durch die Gegend (obwohl das wahrscheinlich auch o.k. wäre). Auch nicht als verspätetes erotisches Versprechen. Ich finde nur, dass mein Körper da, wo er sicher nicht den Idealmaßen entspricht, keineswegs zu verstecken ist. Mein Körper, das bin ich. Mein ganzer Körper.

Wer misstrauisch ist, mag diesen Wandel auch zu den positiven Folgen des Alterns zählen, schließlich liegt im eigenen Jahrgang die Latte nicht mehr ganz so hoch. Alle werden alt: hach, wie befreiend! Aber es ist so verblüffend anders. Ich meine, noch vor ein paar Wochen habe ich automatisch dorthin geschaut, wo gewisse „Mängel“ sich breit machen, altersbedingte oder solche, die ich geerbt oder durch zu wenig Sport und zu viele Gummibärchen selbst verursacht habe. Jetzt schaue ich dahin: dieselben Anzeichen. Aber ich finde das nicht mal nur nicht schlimm. Ich denke: Sieht doch gut aus. WOW!

Vielleicht ist es das lange Training, denn ich weiß, dass Schönheit nur im eigenen Blick liegt. Schließlich habe ich mich nie in Topmodells verliebt und auch meine Freund/innen finde ich allesamt schön. Dass es kein plötzliches Umschalten ist, weiß ich. Aber ob der Schalter jetzt so liegen bleibt, ist abzuwarten. Schon lange habe ich mich auf diesen Moment vorbereitet. Denn im Grunde war ich es leid, mich ohne Idealmaße automatisch minderwertig zu fühlen. Es gibt ein schönes Lied von Jamila Woods mit dem Titel „Holy“, der fängt dieses Vergnügen mit sich selbst sehr schön ein.„Woke up this morning with my mind set on loving me…“ lautet die erste Zeile. In diesem Sinne…

 

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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