Wie geht’s?

Kleine Frage, große Ablehnung. So scheint es mir zumindest nachdem ich mehrere Blogbeiträge zum Thema gelesen habe. Tatsächlich tue auch ich mich schwer, wenn ich von Bekannten auf der Straße nach meinem augenblicklichen Befinden gefragt werde. Denn die Frage versteht sich als Floskel, doch je vertrauter mir die Leute sind, die fragen, desto kniffeliger die Lage. Freund/innen gegenüber möchte ich offen sein, oder in ein vertrautes Gespräch einsteigen. Small Talk ist schon in Ordnung, aber mit Menschen, die ich mag, spreche ich lieber ohne Maske.

Wann bloß kam diese Frage auf? Kaum vorzustellen, dass sich unsere Großeltern das beim Vorbeigehen gefragt haben. Die persönliche Befindlichkeit war lange kein Thema zwischen Bekannten, eine so direkte Frage wäre sicher als unhöflich aufgefasst worden.

Mein Vater antwortet übrigens seit Jahren nur noch mit „beschissen“ auf die Frage. Was interessanterweise genauso selbstverständlich aufgenommen wir wie gut oder o.k. – und beweist, dass längst nicht nur positive Antworten akzeptiert werden. „Wie geht’s? ist im Grunde die Frage „geht was“ oder konkreter „hast Du Zeit und Lust, dich mit mir zu unterhalten“. Wo und wie persönlich man einsteigen will, hat dann eher etwa mit Sympathien oder deren Gegenteil zu tun. Wer grundsätzlich Small Talk fürchtet, kann ja mit dem Satz „Ich hab‘ gerade keine Zeit“ kontern. Er ist jedenfalls Floskel genug, um von echten Small-Talker/innen als Antwort akzeptiert zu werden

 

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 6

  1. Tanja im Norden 28. Mai 2018

    Auf die Interpretation „hast Du Zeit und Lust, dich mit mir zu unterhalten“ bin ich noch nie gekommen, aber du hast recht. Genau das ist es. In anderen Sprachen (zumindest Englisch, Französisch) ist das ja auch noch viel ritualisiert, was man zu anworten hat. Da ist ganz schnell klar, dass die Frage inhaltlich nicht ernst gemeint ist.

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  2. de Chareli 29. Mai 2018

    Die Frage liebe ich, weil sie (meistens) so wunderbar unehrlich ist. Wer mich kennt, sieht mir am Gesicht ab wie es mir geht. Wer also fragt, bekommt eine ehrliche Anwort. Wenn ich dann sage: Beschissen, weil..,“ folgt ein Schrecksekunde, konsterniertes Schweigen – tja, was sagt man? Denn sich mit meinem Befinden auseinandersetzen, das wollen diese Leute sicher nicht. Da müsste man ka Zeit und Empathie aufbringen und dass geht ja gar nicht. Ich sag‘ dann meist „…aber das wird schon wieder!“ Denn ich bin grundsätzlich ein unverbesserlicher Optimist und in der Regel wird es auch wieder. Wenn ich der Fragende bin, versuche ich zu fragen: “ Geht’s Dir gut?“ Eventuell mit dem Zusatz: „Du siehst müde/glücklich/zufrieden… aus.“ Aber nur bei Leuten, von denen ich es wissen will. Ansonsten reicht „Hallo!“ nd „Was machst du so dieser Tage?“ Oder gsnz banal: „Ich wollte Dich fragen…“ Mit der Tür ins Haus? Kann ich. Mir geht diese gestelzte Unehrlichkeit auf den Geist, ich kann das nicht und will es nicht.

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