Autor: Stephanie Jaeckel

Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Wenn’s mir grün wird,

fällt als erstes die Zeit um. Es kribbelt in den Beinen und Ameisen üben Kopfstand auf den Spitzen meines Haars. Im Grün fliegen Flögel, kein Mensch hat sie je gesehen, wo sie landen weiß ich nicht, sie schneiden Muster in die Luft und zwitschern phrygisch nur. Bei grün ist die Luft beschwingt, der Blick wandert […]

Gewitternacht

Gut ausgerüstet saß ich gestern Abend am Fenster, das Mikrofon in der einen, die Kamera in der anderen Hand, und mit einem kribbeligen Jagdfieber in den Knochen. Gibt es schon Gewittersafaries? Wahrscheinlich. Wahrscheinlich sind die auch schon ein ziemlich kalter Kaffee angesichts der Tornado-Touren, die gerade für Naturactionfilmer der Hammer sein müssen. Gewitter reichen mir […]

Befreiung aus dem Schmerzgefängnis (Migräne II)

Diese Geschichte hat einen Haupteingang (über die beiden Nebentüren will ich ein anderes Mal schreiben): Er führt von der Literatur direkt ins Leben. Wer es pathetischer mag: Er zeigt, wie Bücher uns befreien können. Oliver Sacks Migräne-Buch war eigentlich mein erster Schritt (von Arztbesuchen abgesehen) in die Richtung meiner Krankheit. Bis dahin war ich lediglich […]

geschmolzene Stunde

Wenn es heiß ist, höre ich Musik anders. So als schmelze die normale Distanz weg, die ich zu Tönen und Geräuschen halte. Heute zum Beispiel habe ich bei satten 38°C Papierrascheln gehört wie noch nie. Sicher auch, weil mehrere Personen in einer schönen Choreographie gleichzeitig raschelten. Und weil ich bei Hitze so lethargisch werde, war […]

Mein neuer Bürokollege

kommt aus Spanien. Rapido/Pido, auch liebevoll „Dickerchen“ genannt, ist für die Arena ausgebildet und lernt gerade die Büroarbeit lieben. Wahrscheinlich war er einfach zu verspielt, um Runde um Runde einem falschen Hasen hinterher zu laufen. Er wurde aussortiert und hatte Glück, dabei nicht gleich an den nächsten Baum gehängt zu werden oder sämtliche Knochen gebrochen […]

Selbstbestimmung

Was mich in der Debatte um die Sterbehilfe zunehmend irritiert – oder nein: meine Irritation nimmt langsam Konturen an. Wo vorher nur ein Unbehagen war, entstand die Frage, warum die Selbstbestimmung beim Sterben so hoch angesetzt und v.a. so selbstverständlich gesetzt wird. Natürlich geht es mir nicht darum, Sterbende allein zu lassen. Wer nicht mehr […]

Oh, Mond!

Wie das wohl war als der erste Mensch/Neanderthaler, Mann oder Frau, auf den Himmel wies, um einem Gegenüber den vollen Mond zu zeigen? Und was die beiden dann mutmaßten? Der Mond seinerseits hat schon viel gesehen. Und wie beruhigend, dachte ich.

Brett vor dem Kopf

Manchmal bräuchte ich eins. So ein ordentliches dickes Brett auf Augenhöhe, keineswegs – wie wohl ursprünglich verwendet, auf der Stirn, ich bin schließlich kein Ochse und ein Joch wünsche ich mir auch gar nicht. Aber einen Sichtschutz. Denn von meinen Sinnen sind die Augen die schnellsten. Kaum haben sie was gesehen, drehen sie den restlichen […]

Koffer packen

Wenn es ernst wird, das heißt, im „wirklichen Leben“ bin ich keine begeisterte Kofferpackerin. Im Gegenteil: ich misstraue jedem Koffer (auch den eigenen), denn fast immer sind sie innen zu klein und außen zu sperrig, und dazu noch weitestgehend unauffällig, so dass sie gerne ein paar Runden auf dem Gepäckband drehen, ohne von mir bemerkt […]

Hello and good bye!

Jetzt ist es also soweit, der letzte Band von Armistead Maupins „Stadtgeschichten“ steht zur Ausleihe im Regal meiner Lieblingsbibliothek bereit. Zeit zur Melancholie bleibt kaum, denn wie jedes von Maupins Büchern zieht auch „The Days of Anna Madrigal“ an und los. Kaum habe ich die erste Seite aufgeschlagen, bin ich wieder in San Francisco, diesmal […]